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Verlagsspezial

: Mit Bewegung Krebs vorbeugen

  • -Aktualisiert am

Bild: Hero-Images/Adobestock

Körperliche Aktivität zur Krebsprävention birgt ein großes, aber leider zu ­wenig beachtetes Potential. Bisher werden längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Auf ­europäischer Ebene wurde nun zur Unter­stützung das Rezept auf Bewegung eingeführt.

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          Bewegung gilt längst als effektives und sicheres Medikament ohne Nebenwirkungen, das gegen zahlreiche Erkrankungen wirkt. Leider machen nur die wenigsten Menschen von der Multi-Pille Gebrauch. Mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung ist zu wenig körperlich aktiv. Dies demonstrierten die Autoren einer Studie an knapp zwei Millionen Teilnehmern. Vor allem in reichen Ländern ist mangelnde Bewegung ein Problem, in Deutschland betrifft das über 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Die Kosten der Inaktivität hierzulande werden sogar auf insgesamt 2,4 Milliarden Euro geschätzt. Auch die Experten des Europäischen Kodex zur Krebsbekämpfung weisen anhand aktueller Untersuchungen darauf hin, dass sich gut ein Drittel der europäischen Erwachsenen nur unzureichend bewegt. Außerdem wird geraten, mehr Zeit im Stehen zu verbringen – denn Menschen, die mehr als acht Stunden pro Tag sitzen, haben ein um 80 Prozent erhöhtes Risiko, zu sterben. Insgesamt lassen sich gut sieben Prozent der Todesfälle in Deutschland auf Inaktivität zurückführen, kurzum alle fünf Minuten ein Todesfall.


          Es lohnt sich, aktiv zu sein

          Das Ganze lässt sich aber auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten: Sport kann das Risiko für bis zu 40 Prozent der Tumorerkrankungen senken. So fielen im Jahr 2018 in Deutschland etwa sechs von 100 Krebsneuerkrankungen der 35- bis 84-Jährigen auf geringe körperliche Aktivität zurück. Studien der vergangenen Jahre ergaben deutliche Risikosenkungen für Darm-, Gebärmutterkörper- und Brusttumore. Experten gehen davon aus, dass rund neun Prozent aller Brust- und zehn Prozent aller Darmkrebsfälle in Europa durch unzureichende Bewegung verursacht werden. Etwas schwächere Effekte zeigten sich bei Karzinomen in Lunge, Bauchspeicheldrüse, Eierstöcken, Prostata, Nieren und Magen. Allerdings schützt körperliche Aktivität nicht generell vor Krebs – auch Menschen, die regelmäßig Sport treiben, können Tumore entwickeln.
          Trotz vieler Hinweise ist noch nicht vollständig geklärt, wie Bewegung ursächlich wirkt. Forscher vermuten, dass sie an der Regulation chronischer Entzündungsprozesse, des Immunsystems sowie der Reparaturmechanismen für das Erbmaterial beteiligt ist.


          Früherkennung Bewegungsmangel gefordert

          Unabhängig von der Fachdisziplin könnten Ärzte Menschen mit bereits bestehenden chronischen Krankheiten zu ihrem Bewegungsverhalten befragen und individualisierte Empfehlungen verschreiben. Oder sie können die Patienten an Fachzentren mit sportmedi­zinischer beziehungsweise sportwissenschaftlicher Ausrichtung vermitteln. Auch eine wie im Rahmen des Präventionsgesetzes gewünschte Früherkennungsuntersuchung auf Bewegungsmangel mit Präventionsempfehlungen kann dazu beitragen, die Gesundheit zu erhalten und zu verbessern.

          Das Wissen um die Krebsprävention, zum Beispiel durch körperliche Aktivität, ist jedoch in der Öffentlichkeit, im Gesundheitswesen und bei den Entscheidungsträgern noch zu gering. Die geplante Präventionsambulanz des gemeinsam von der Deutschen Krebshilfe und dem Deutschen Krebsforschungszentrum neu ­gegründeten Nationalen Krebs-Präventionszentrums könnte die Wissenslücken schließen und die Hausärzte entlasten. Über die Notwendigkeit von Bewegung aufzuklären und Eigenverantwortung zu vermitteln sollten die Grundsäulen der Prävention in einem funktionierenden und ökonomischen Gesundheitssystem sein.

          Motivational, nachhaltig und unterstützend auf die Umsetzung von regelmäßigem Training wirkt auch das auf europäischer Ebene eingeführte Rezept für Bewegung – eine Initiative des Deutschen Olympischen Sportbunds, der Bundesärztekammer und der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention. Hilfreich sind zudem Apps, die Trainingsempfehlungen geben und das Bewegungsverhalten aufzeichnen. Diese werden sogar bei nachgewiesener Eignung von den Krankenkassen erstattet. Letztendlich könnten sporttherapeutische Maßnahmen bei vielen Patienten den Einsatz von Arzneimitteln reduzieren. Im besten Fall könnte auf Medikamente ganz verzichtet werden.

          Jede Minute Bewegung ist ein Gewinn

          Generell hängt die Auswahl der Bewegung von eigenen Vorlieben, Alter, Trainingszustand und der allgemeinen Gesundheit ab. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt mindestens 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche, jede weitere Minute ist ein zusätzlicher Gewinn für die Gesundheit. Welche Formen der körperlichen Aktivität besonders geeignet sind, um Tumoren vorzubeugen, müssen Sportwissenschaftler und andere Bewegungsexperten in den kommenden Jahren noch herausfinden. In jedem Fall bringt regelmäßige körperliche Aktivität in der Krebsprävention zahlreiche gesundheitliche Vorteile. Es muss nicht immer zwingend anstrengender Sport sein, denn: Jede Bewegung ist besser als keine!

          Dr. Stephanie Otto ist zuständig für die Onkologische Bewegungstherapie am Comprehensive Cancer Center Ulm (CCCU) am Universitätsklinikum in Ulm.

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