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Verlagsspezial

: Keine Personalisierung ohne Digitalisierung

  • -Aktualisiert am

Krebspatienten können auf immer wirksamere Therapien und sogar auf Heilung hoffen - wenn die Digitalisierung voranschreitet. Bild: Butch/ADOBESTOCK

Individualisiert ist das neue Schlagwort der Krebsmedizin. Das Ziel: Weg von einer Gießkannen-Therapie hin zu einer auf den Patienten zugeschnittenen Behandlung – und das auch für seltenere Tumorarten und für Betroffene in ländlichen Gebieten. Digitalisierung, Vernetzung und künstliche Intelligenz ebnen hierzu den Weg.

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          Eine Erfolgsgeschichte wie man sie sich in der Medizin noch häufiger wünscht: Intensive Grundlagenforschung führte schließlich in den 1990er-Jahren zu der Erkenntnis, dass das menschliche Immunsystem selbst Tumore bekämpfen kann, wenn die Bremsen der Abwehrzellen gelöst werden. Das Konzept der Checkpoint-Inhibitoren war geboren. 2011 wurde der erste Wirkstoff dieser Substanzklasse, ein sogenannter CTLA-4-Inhibitor, zugelassen – ein Meilenstein, der die Krebstherapie rückblickend revolutionierte. Dafür ging der Nobelpreis für Medizin 2018 an den Amerikaner James Allison und an den japanischen Immunologen Tasuku Honjo. Weitere Immuntherapien mit unterschiedlichen Wirkprinzipien sowie zahlreiche spezifische Medikamente wurden im vergangenen Jahrzehnt zugelassen. Damit verfügt die Krebsmedizin heute über ein ganzes Arsenal an hochpräzisen Wirkstoffen, die die klassischen Verfahren der operativen Entfernung, der Strahlen- sowie der Chemotherapie ergänzen.


          Vom Ursprungsorgan hin zu molekularen Mustern

          Dabei ist die personalisierte Krebsmedizin nicht neu. Bereits seit den 1970er-Jahren gilt dieses Prinzip in der Stammzelltransplantation. Geeignete Knochenmarksspender werden aufgrund immungenetischer Merkmale aus riesigen Datenbanken ausgewählt, häufig passen von mehreren Millionen möglichen Spendern nur ein oder zwei. Dieser Ansatz, der zum Teil erst nach monatelanger Suche und Überbrückungstherapien zum Erfolg führt, ist für seltene Krebserkrankungen, insbesondere für Blutkrebs, etabliert. Er führt in vielen Fällen zur Heilung, zeigt aber auch die logistischen Grenzen.

          Fortgeschrittene solide Tumorerkrankungen behandelte man bis vor wenigen Jahren mittels bestimmter Algorithmen für die primäre anatomische Herkunft, beispielsweise Lungenkrebs. Dieses Konzept wird zunehmend ersetzt durch einen „biologischen Blick“, der auf die genauen biologischen Eigenschaften und Ansatzpunkte fokussiert und weniger auf das Ursprungsgewebe. In sogenannten interdisziplinären molekularen Tumorboards werden daher Krankheitsverläufe von Patienten mit unterschiedlichen Krebserkrankungen besprochen. Als Ergebnis kann zum Beispiel für einen Betroffenen mit einem fort­geschrittenen oder inoperablen Hirntumor in Einzelfällen die etablierte Therapie für Leukämie empfohlen werden. Für Patienten, bei denen keine Standardbehandlungen mehr verfügbar sind, können umfassende Genuntersuchungen durchgeführt werden. Hierzu stehen sogenannte Panelsequenzierungen bereit, die Hunderte von Kandidatengenen untersuchen.

          Gute Chancen für Krebspatienten

          Die personalisierte Krebsmedizin erreichte in den vergangenen Jahren einen Quantensprung in der Behandelbarkeit mehrerer häufiger Tumorerkrankungen. Ein gutes Beispiel ist hier die Immunonkologie. Sogenannte Checkpoint-Inhibitoren, die geblockte Immunantworten gegen Krebs reaktivieren, haben bei fortgeschrittenen Tumorerkrankungen der Haut und der Lunge, die bis vor wenigen Jahren nur schlecht behandelbar waren, in vielen Fällen die Lebenserwartung deutlich verbessert. Die zunehmend umfassenden Genunter­suchungen erlauben es auch, seltenere Krebsleiden besser zu charakterisieren und durch Analogschlüsse neue Therapien zu entwickeln. Somit rückt die Herkunft des Tumors immer weiter an den Rand der therapeutischen Überlegungen und die tatsächliche Biologie ins Zentrum. Erste Zulassungen zum Beispiel für biologische Marker unabhängig vom Ursprungsgewebe liegen bereits vor.

          Ein großes Potential bieten perspektivisch die gewaltigen Datenmengen zu Mutationsspektrum und klinischen Verläufen. Gelingt es, diese Informationen systematisch und flächendeckend zu sammeln und auszu­werten, können personalisierte Therapien über die Onkologie hinaus einen gewaltigen Innovationsschub erhalten und den Grad an Präzision und Wirksamkeit um ein Vielfaches erhöhen. Gleichzeitig lassen sich unerwünschte Nebenwirkungen besser kontrollieren. Somit ­profitieren die Patienten auch von einer besseren ­Verträglichkeit. Deshalb bedeutet die Wahl des besten Medikamentes für jeden Betroffenen, zukünftig nicht nur die optimale Wirkung, sondern auch die beste Verträglichkeit berücksichtigen müssen.


          Essenziell: digitale Lösungen und Vernetzung

          Demgegenüber stehen zahlreiche Herausforderungen, die gelöst werden müssen. Die genetischen Untersuchungen identifizieren in Tumorzellen in bis zu 15 Prozent sogenannte Keimbahnmutationen, also erbliche Genveränderungen, deren Bedeutung über die aktuelle Krebserkrankung weit hinausgeht. Sie können das Risiko für weitere Tumore deutlich erhöhen oder mit anderen nichtonkologischen Erkrankungen einhergehen. Zu den bekanntesten Fällen zählt aufgrund der Krankheitsgeschichte von Angelina Jolie das Brustkrebsgen BRCA1, dessen Mutationen ein erhöhtes Risiko für Brusttumore sowie für Ovarial-, Kolon- und andere Krebsarten bedingen können. Dabei lassen sich auch Risikofamilien identifizieren, die im Rahmen geltenden Rechts informiert und beraten werden müssen. Deshalb sind solche Daten hochsensibel und stellen besondere Anforderungen sowohl an die Bereitstellung wie an den Schutz – zumal hier Daten in unterschiedlichen Sektoren des Gesundheitssystems genutzt werden und vielfältige Schnittstellen bestehen und abzusichern sind.

          Tatsächlich hängt die Geschwindigkeit für den Fortschritt in der personalisierten Onkologie maßgeblich vom Digitalisierungsgrad ab. Multiple Ebenen von Daten tragen hier zur Komplexität bei: Diagnostikdaten, klinische Verläufe, Lebensqualität, Behandlungen in unterschiedlichen Sektoren. Dies stellt aber auch eine einmalige Chance dar: umfassend verfügbare Daten ermöglichen endlich eine Versorgung in allen Sektoren und in der Fläche, also ein Angebot von Spitzenmedizin außerhalb der großen Städte und Ballungszentren. Im Rahmen einer sogenannten wissensgenerierenden Versorgung könnten so Behandlungsansätze auch für seltene Tumorerkrankungen evaluiert und einer größeren Patientengruppe zur Verfügung gestellt werden. Während klassische Therapien im Rahmen großer randomisierter Studien mit mehreren hundert Probanden für große Patientenkohorten geprüft und etabliert werden, nimmt die Heterogenität der Gruppen mit wachsender Aufschlüsselung der Biologie zu. Die Patientenkollektive werden immer kleiner, klassische Studien unmöglich. Man spricht von „n=1 medicine“, die im Idealfall für jede Markerkonstellation und jeden Betroffenen passende Therapien entwickelt.


          Künstliche Intelligenz ist der Schlüssel

          Solche ambitionierten Ziele werden aufgrund der Verwendung Künstlicher Intelligenz jetzt vorstellbar. Wichtig für den Erfolg sind drei Dimensionen der Daten: erstens hochaufgelöst und qualitätsgesichert; zweitens angereichert um Real-World-Daten und interoperabel; sowie drittens alle Sektoren, Regionen und den ganzen Versorgungspfad abbildend.

          Dies ist schwieriger, als zu vermuten wäre. Die großen klinischen Studien werden aktuell fast ausschließlich industriegesponsert durchgeführt. Das geht in der personalisierten Onkologie nicht. Hier müssen klinische Verläufe mit akademischer und industrieller Forschung partnerschaftlich, regelkonform und patientenorientiert vernetzt werden. Das erfordert Vertrauen und Mut. Die Pandemie hat aber klar gezeigt, dass sich solche „Multistakeholder-Aktivitäten“ für die Patienten auszahlen. Corona hat außerdem als Katalysator gewirkt und die Machbarkeit der Digitalisierung hin zu einem lernenden Gesundheitswesen erstmals spüren lassen. Gelingt in Deutschland eine solche Transformation, ist der Weg zu einer digitalen, individuellen und präzisen Krebsmedizin realisierbar. Die Patienten profitieren von erhöhter Wirkung, besserer Verträglichkeit und mehr Lebensqualität.

          Professor Dr.med. Dr. rer. nat. Michael von Bergwelt ist Direktor der Medizinischen Klinik III am LMU-Klinikum und engagiert sich als Vorstand von Vision Zero für das Thema Digitalisierung und Prävention in der Onkologie.

          Anna Seidinger ist Leiterin Public Affairs am Helmholtz Zentrum München und als freiberufliche Journalistin tätig.

          Topmeldungen

          Professorin Dr. Diana Lüftner ist Oberärztin an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie der Charité am Campus Virchow-Klinikum, der zum CharitéCentrum 14 für Tumormedizin (CC14) gehört.

Carl Janssen leitet die Onkologie bei Pfizer in Deutschland und ist Mitglied der Geschäftsführung bei der Pfizer Pharma GmbH

          Interview : „Nie konnten wir unsere Innovationskraft besser zeigen“

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          Krebstherapien bei Kindern stellen besondere Anforderungen. Viele Fragen sind noch zu klären.

          : Die Hoffnungen in der Kinderonkologie

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          : Neue Chancen für Patienten und Wirtschaft

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          Eva Schumacher-Wulf ist selbst Brustkrebspatientin sowie Mitgründerin und Chefredakteurin von Mamma Mia. 

Dr. med. Ingo Bauerfeind ist Chefarzt der Frauenklinik am Klinikum Landshut  gemeinnützige GmbH.

          Interview : „Patienten brauchen Zuwendung und Zeit“

          Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient kommt oft zu kurz. Dabei ist sie entscheidend, damit sich Betroffene gut betreut fühlen. Ein Gespräch mit Eva-Schumacher-Wulf und Ingo Bauerfeind über gesicherte Informationen, die Überbringung von schlechten Nachrichten und den Stellenwert der Digitalisierung.