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Verlagsspezial

Interview : „Gute Lösungen können wir nur gemeinsam schaffen“

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Neil Archer ist Geschäftsführer von Bristol Myers Squibb Deutschland. Professor Dr. Bertram Häussler ist Vorsitzender der Geschäftsführung des IGES Instituts. Bild: Neil Archer/Bristol Myers Squibb und Bertram Häussler/Daniel Hofer, IGES

Dank innovativer Therapien hat sich die Prognose von Krebspatienten deutlich verbessert. Ein Gespräch mit Neil Archer und Bertram Häussler über die Fortschritte und Zukunft der Krebsmedizin sowie über die Rolle von Wettbewerb und Kooperationen.

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          Die Diagnose Krebs bedeutete vor zwanzig Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Todesurteil. Was hat sich seitdem getan?
          Neil Archer: Wir haben im Kampf gegen Krebs große Fortschritte gemacht – auch wenn wir noch nicht am Ziel sind. Bei vielen Tumorerkrankungen kann Betroffenen bereits heute ein längeres Leben mit verbesserter Lebensqualität ermöglicht werden. So stieg zum Beispiel die Fünf-Jahres-Überlebensrate beim schwarzen Hautkrebs von unter 60 Prozent in den 1970er Jahren auf inzwischen rund 90 Prozent. Möglich wurde dies nicht zuletzt durch immunonkologische Therapien, die es nun seit zehn Jahren gibt. Sie nutzen die Kraft des körpereigenen Immunsystems, um Krebs zu bekämpfen. Und auch beim Multiplen Myelom, einer seltenen Form von Knochenmarkkrebs, hat sich die Fünf-Jahres-Überlebensrate seit Beginn dieses Jahrtausends durch innovative Behandlungsoptionen verdoppelt.

          Bertram Häussler: Immer mehr Menschen überleben eine Tumorerkrankung, sind geheilt oder leben mit ihr wie mit einer chronischen Krankheit. Der Kampf gegen den Krebstod ist annähernd so erfolgreich wie der Kampf gegen den Herztod, der in den 1970er Jahren begann. Seit einem Viertel­jahrhundert geht die Krebssterblichkeit zurück, seit etwa zehn Jahren sogar die Inzidenz. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Krebs bis 2040 ähnlich erfolgreich bekämpft sein wird wie der Herztod. Damit wird er zu einer chronischen Erkrankung. In Deutschland leben mehr als vier Millionen Menschen, bei denen teilweise vor mehr als zehn Jahren ein Tumor diagnostiziert wurde. Dies hat natürlich wirtschaftliche Folgen: Zwischen 2011 und 2020 stiegen die Ausgaben für ambulant von Apotheken abgegebene onkologische Arzneimittel von rund einer auf mehr als acht Milliarden Euro. Ihr Anteil an den Ausgaben für Medikamente erhöhte sich von fünf auf 19 Prozent. Da Krebs vor allem auch eine Erkrankung des Alters ist, wird die Zahl der Betroffenen durch den demographischen Wandel weiter zunehmen.  

          Neil Archer: Die Zahl an Krebserkrankten steigt, viele davon sind sogenannte Cancer Survivors. Für sie eröffnen sich neue Perspektiven, und steigende Gesundheitsausgaben sind eine mathematische Folge. Im Gesamtkontext betrachtet, entfielen in Deutschland im Jahr 2020 aber nur etwa 17 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen auf Arzneimittel – und dieser Anteil bewegt sich seit mehr als 15 Jahren auf gleichbleibendem Niveau. Der Grund: Die ­Behandlungserfolge in einem Krankheitsbereich gehen mit Kosten­einsparungen in anderen Therapie­feldern einher.

          Die Präzisionstherapien werden sich weiterentwickeln. Wo kann die ­Krebsmedizin in zwanzig Jahren stehen?
          Neil Archer: Es muss unser Ziel sein, die Grenzen der Chronifizierung von Krebs immer weiter in Richtung Heilung zu verschieben. Digitalisierung und der Einsatz Künstlicher Intelligenz haben das Potential, die Krebsmedizin grundlegend zu verändern – zum Beispiel im Hinblick auf die Früherkennung und Vorhersage onkologischer Krankheitsverläufe mittels Genom- und Biomarker-Analysen sowie KI-basierter Entscheidungshilfen für Diagnose, Verlaufskontrolle und eine optimierte Behandlung. All das wird uns in Zukunft eine individuellere und präzisere Krebstherapie ermöglichen. Bei Bristol Myers Squibb arbeiten wir dabei auf dem Gebiet der Zelltherapie an der nächsten Generation immunonkologischer und individualisierter Behandlungsmöglichkeiten.

          Innovative onkologische Therapien erreichen häufig Jahrestherapiekosten im sechsstelligen Bereich. Wie sieht die volkswirtschaftliche Bilanz für diese Medikamente aus? Wird es sich das deutsche Gesundheitssystem leisten können und wollen, diese Therapien allen Patienten zugänglich zu machen, die davon profitieren können?
          Bertram Häussler: Mit Sicherheit werden sich unsere Gesellschaft und unser Gesundheitssystem die möglichst beste Krebstherapie für jeden Betroffenen leisten wollen – auch wenn es sich um Fälle handelt, die aufgrund der fortschreitenden Personalisierung vergleichsweise rar sind. Die geringen Patientenzahlen sind es ja auch, die die Behandlungskosten pro Erkrankten stark steigen lassen. Je weniger Betroffene von einer Entwicklung profitieren, desto höher ist der Anteil, der für Forschung und Entwicklung eines Medikaments auf einen Patienten entfällt. Dennoch muss damit gerechnet werden, dass die ökonomischen Folgen der Corona-Pandemie in den kommenden Jahren die staatlichen Budgets belasten und Einsparungen eingefordert werden. Dies wird mit Sicherheit dazu führen, dass künftig noch genauer als bisher auf den Nutzen von Innovationen geschaut wird. Kostenträger, Industrie und Regulierer werden sich auf neue Finanzierungsmodelle einigen, bei denen der Behandlungserfolg eine stärkere Rolle spielt und die hohen Ausgaben verstärkt auf die Zukunft umgelegt werden. Zudem können wir auch im Bereich der Onkologie damit rechnen, dass der Lebenszyklus von Krebsarzneimitteln durch Patentlaufzeiten begrenzt ist und es bereits heute zu Entlastungen bei den Budgets der Krankenkassen kommt. Das Beispiel der Corona-Impfstoffe sollte uns aber auch zeigen, dass Pharmaentwicklungen massive außenwirtschaftliche Erfolge nach sich ziehen können und damit auf der Habenseite zu verbuchen sind.  

          Biomedizinische Forschung und Entwicklung sind sehr kompetitive Bereiche. Die Pandemie zeigte, dass Kooperation vorteilhaft ist und viele Prozesse beschleunigt werden können, siehe Impfstoffentwicklung. Herr Archer, was lernt Ihr Unternehmen aus diesem Beispiel?
          Neil Archer: Beides ist wichtig: Wettbewerb und Kooperation. Das Coronavirus hat uns als Unternehmen, aber auch mir persönlich noch einmal gezeigt: Große Herausforderungen wie eine Pandemie – oder den Kampf gegen Krebs – können wir nur gemeinsam meistern. Denn medizinische Innovation ist Teamwork. Innerhalb kürzester Zeit sind neue Kooperationen entstanden, um die Impfstoffentwicklung voranzutreiben. Ich bin davon überzeugt, dass strategische Partnerschaften und Kollaborationen in Zukunft noch wichtiger werden, damit neue Therapie­optionen auf Basis unserer umfassenden Forschungspipeline so schnell wie möglich bei den Betroffenen ankommen. Damit wollen wir dazu beitragen, Nutzen und Wert für die Gesellschaft zu schaffen und das Leben von Patienten durch Forschung und Wissenschaft zu verbessern.

          Herr Professor Häussler, was, glauben Sie, bleibt nach der Pandemie von der Geschwindigkeit im System erhalten?
          Bertram Häussler: Ganz bestimmt wird das bisherige Tempo noch zunehmen, auch weil die bei der Impfstoffherstellung so erfolgreiche mRNA-Technologie in erster Linie zur Therapie von Krebs und anderen schweren Erkrankungen entwickelt wurde. Die Pipeline an Krebsmedikamenten wird sich daher weiter füllen. Auch deutsche Unternehmen werden hier mitspielen. Aus wettbewerbsökonomischer Sicht hat sich parallel zu der erfolgreichen Wirkstoffentwicklung für die zielgerichtete Behandlung eine bemerkenswerte Änderung auf der Herstellerseite ergeben: Immer mehr kleine und mittlere Firmen konnten zumindest mit ihrem ersten Produkt auf den Markt treten. Zu Jahresanfang hatte mehr als die Hälfte der Unternehmen, die in Deutschland einen Antrag auf frühe Nutzenbewertung stellten, ihr erstes Produkt an den Start gebracht. Das zeigt, dass die Schwelle zum Markteintritt durch die neuen Technologien gesunken ist und dass der Wettbewerb deutlich zunimmt. Der zunehmende Wettbewerb sollte sich mittelfristig auch positiv auf das Preisniveau auswirken.

          Kombinationsbehandlungen oder auch die neuen CAR-T-Zelltherapien spielen eine immer größere Rolle, die nur in ausgewiesenen Zentren sicher angewendet werden können. Was bedeutet das für die Patienten?
          Neil Archer: Zunächst bedeutet es, dass den Betroffenen in den meisten Fällen innovative, zusätzliche Optionen zur Behandlung ihrer Krebserkrankung zur Verfügung stehen – und sie damit eine Chance auf eine bessere Prognose haben. Die Weiterentwicklung wirksamer Krebstherapien ist nach wie vor eine unserer größten Herausforderungen. Um diese zu meistern, brauchen wir die enge Zusammenarbeit sowie eine offene und vertrauensvolle Kommunikation mit den spezialisierten Forschungs- und Behandlungszentren, die Erfahrung in der Durchführung komplexer Therapien haben. Und auch Patienten müssen von ihren behandelnden Ärzten transparent über die neuen Möglichkeiten aufgeklärt werden.

          Was wünschen Sie sich von der kommenden Bundesregierung?
          Neil Archer: Die Pandemie hat gezeigt: Nur eine starke Pharmaindustrie kann schnell und wirksam auf die Herausforderungen reagieren. Deshalb sollte vor allem das Innovations-Ökosystem bewahrt und ausgebaut werden. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei der Schutz von Patenten und geistigem Eigentum – nur wenn geistige und technische Forschungsleistungen angemessen gewürdigt und geschützt werden, ist medizinische Innovation weiterhin möglich. Wir müssen außerdem den Anschluss an die weltweite Spitze halten. Dazu ist es entscheidend, dass die Politik unter anderem einen Weg findet, Gesundheitsdaten innerhalb eines gemeinsamen europäischen Datenraums unter Einhaltung strenger datenschutzrechtlicher Regeln zu erfassen und zu nutzen.

          Bertram Häussler: Ich wünsche mir, dass die Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, in den kommenden zehn Jahren den Kampf gegen den Krebs entscheidend voranzubringen, auf der politischen Tagesordnung stärker sichtbar werden würde. Ansonsten muss man sich in Deutschland wünschen, dass mit den onkologischen Arzneimitteln in Zukunft nicht das passiert, was im Rahmen der europäischen Corona-Impfstoffpolitik nicht so gut gelaufen ist.

          Das Interview führte Anna Seidinger.

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