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Verlagsspezial

: Die Hoffnungen in der Kinderonkologie

  • -Aktualisiert am

Krebstherapien bei Kindern stellen besondere Anforderungen. Viele Fragen sind noch zu klären. Bild: Pixel-Shot/ADOBESTOCK

Die Krebstherapie bei Kindern ist von Erfolgen geprägt. Und sie ist eine Geschichte derjenigen, die die Therapie vor 20 oder 30 Jahren überlebten und nun mit den Langzeitfolgen leben müssen. Um die Chancen der jungen Patienten zu verbessern, ist weiterhin eine intensive Forschung nötig.

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          Die Überlebensraten von krebs­kranken Kindern und Jugend­lichen kannten lange nur eine Richtung: steil nach oben. Immer mehr junge ­Patienten lebten länger, und immer mehr konnten dauerhaft geheilt werden. Er­möglicht wurde das durch zwei Faktoren. Zum einen ist Krebs in jungen Jahren selten: Weniger als 15 von 100 000 Kindern erkranken im Laufe eines Jahres an einem Tumor. Aber um medizinischen Fortschritt zu ­erzielen, müssen möglichst viele ­Patienten im Rahmen von Studien einbezogen werden. Und das ist der erste Teil der ­Erfolgsgeschichte: Pädiatrische Onkologen behandelten von Anfang an ihre jungen Patienten über ­Landesgrenzen hinweg in gemeinsamen ­Studien. Im Rahmen der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie einigten sich die Experten auf federführende Kliniken, die jeweils die Aufgabe hatten, die Therapie für eine Tumorart weiterzuent­wickeln. Dank des gemeinsamen Engagements gelang es, nahezu jedes krebskranke Kind in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz in eine Studie einzuschließen. Das heißt, es nach den höchsten Standards zu behandeln und gleichzeitig aus jedem Krankheitsverlauf für die Zukunft zu lernen.

          Der zweite Faktor, der eine gute Prognose bedingt: Ein junger Körper verträgt eine Chemotherapie besser als der von Erwachse­nen. Kindergartenkinder kommen zum Beispiel mit einem hochtoxischen Behandlungsprotokoll für eine akute myeloische Leukämie meistens mit wenigen überschaubaren Problemen klar. Jugendliche hingegen müssen schon mit schweren Infektionen kämpfen, und Erwachsene würden dieses Protokoll oft nicht überleben.


          Der Therapieerfolg hat langfristig seinen Preis

          Sowohl die systematische Weiterentwicklung der onkologischen Behandlung als auch die   höhere Intensität trugen dazu bei, dass inzwischen acht von zehn der jungen Patien­ten geheilt werden können. Allerdings bezahlen sie dafür einen Preis, und Heilung ist ein relativer Begriff. Sind die meisten Kinder wieder in der Lage, in ein normales Leben zurückzukehren, so merkt sich doch der Körper die Strapazen der intensiven Chemotherapie, der Bestrahlung oder der Operationen. Die Überlebenden einer Krebserkrankung im Kindesalter entwickeln oft Jahrzehnte früher als Altersgenossen ohne diese Vorgeschichte Bluthochdruck, Arteriosklerose sowie Nieren- und Herzschäden. Deshalb zielen viele der aktuellen Studienbemühungen darauf ab, die Chemotherapie zu reduzieren und die Bestrahlung, die mit einem besonders hohen Risiko für Langzeitfolgen vergesellschaftet ist, zu verringern oder zu vermeiden. Gleichzeitig dürfen aber die Heilungschancen durch eine vorschnelle Behandlungsreduktion nicht sinken. Im Moment sehen Experten zwei Wege, wie sie die Erfolgsgeschichte der vergangenen 40 Jahre fortschreiben können: mit zielgerichteten und immuntherapeutischen Konzepten.

          Klassische Chemotherapeutika greifen alle Zellen des Körpers an – die gesunden jedoch nicht so stark wie die bösartigen. Ausgeprägte Nebenwirkungen sind bei so breit wirkenden Medikamenten nicht zu vermeiden. Durch die rasanten Fortschritte der Molekularbiologie sind Forscher jedoch inzwischen in der Lage, den Tumor eines einzelnen Menschen umfassend mit seinen Mutationen und falsch aktivierten Stoffwechselwegen zu charakterisieren. Dafür gibt es immer mehr gezielte, hemmende Medikamente. So können Ärzte die Krebserkrankung eines Patienten individualisiert und personalisiert gezielt behandeln. Leider funktioniert dieses Prinzip bislang nur bei wenigen definierten Genveränderungen. Onkologen beobachten oft, dass ein Tumor zu Beginn einer gezielten Behandlung nur kurz pausiert, um nach Wochen bis ­Monaten wieder weiter zu wachsen, weil er auf andere Stoffwechselwege ausgewichen ist.


          Das eigene Immunsystem gegen den Krebs richten

          Der zweite vielversprechende Weg sind immuntherapeutische Medikamente. Tatsächlich ist der menschliche Körper in der Lage, Krebszellen zu bekämpfen und zu eliminieren. Eine Immuntherapie soll die körpereigenen Abwehrkräfte befähigen, effektiver gegen den Tumor vorzugehen – entweder dadurch, dass bereits vorhandene Abwehrzellen stimuliert oder Teile des Immunsystems genetisch modifiziert werden. Es gibt drei prinzipielle Möglichkeiten: den Einsatz von Antikörpern und Stimulanzien, die Gabe von zusätzlichen Abwehrzellen sowie Impfungen gegen Tumoren.

          Spezifische Antikörper gegen Oberflächen­merkmale auf Krebszellen sind bereits Reali­tät geworden und können beispielsweise bei Neuroblastomen oder Lymphomen eine Chemotherapie ergänzen. Sie können sogar eine solche ersetzen, wie im Fall von Rückfällen von lymphatischen Leukämien. Hier sind Antikörper sogar noch effektiver als bestimmte Chemotherapien. Genetisch veränderte Abwehrzellen, die sogenannten CAR-T-Zellen, werden wiederum derzeit untersucht. Sie zeigen erstaunliche Erfolge gerade bei Patienten mit ansonsten nicht behandelbaren Erkrankungen. Ihr Einsatz beschränkt sich bisher auf bestimmte Leukä­mien und Lymphome. Experten erwarten aber, dass in Zukunft CAR-T-Zellen für die verschiedensten Krebserkrankung zur Verfügung stehen werden. Das dritte Prinzip zielt darauf ab, mittels einer individuellen Impfung eine langfristige Immunität gegen die eigene Krebserkrankung zu erzeugen. Hierzu verwenden Wissenschaftler kurze Eiweißmoleküle, die entweder besonders häufig oder aufgrund von Mutationen ausschließlich auf den Tumorzellen des einzelnen Patienten vorkommen. Das bedeutet, dass für jeden Betroffenen ein individueller Impfcocktail hergestellt werden muss.


          Ein Blick in die Zukunft der Kinderonkologie

          Es gilt, die verschiedenen Behandlungsprinzipien in Zukunft klug einzusetzen. Zum Beispiel gezielte Medikamente mit einer niedrig dosierten Chemotherapie zu kombinieren. Oder Immunbehandlungen anstelle von Chemotherapien durchzuführen oder ebenfalls zu kombinieren. Dazu sind systematische Studien notwendig, für die die Kinderonkologie dringend Unterstützung in finanzieller und regulatorischer Hinsicht von Krankenkassen und Gesetzgeber braucht. Um Daten über Behandlungserfolge zu sammeln und wissenschaftlich auswerten zu können, werden Ressourcen benötigt, für die es keine Finanzierung gibt. Zudem unterliegen die Studiendurchführung und der Einsatz neuer Substanzen zu Recht der Genehmigung durch lokale und Bundesoberbehörden. Auf der anderen Seite sind die regulatorischen Anforderungen zwischenzeitlich so hoch, dass zwar große Pharmaunternehmen diese Hürden meistern, wissenschaftsgetriebene Studien aus dem universitären Bereich jedoch oft daran scheitern.

          Der Traum von Kinderonkologen ist es, einem Kind mit einer Leukämie eine Immuntherapie zu verabreichen mit der Erklärung: „Jetzt bringen wir dein eigenes Immunsystem dazu, die Leukämie anzugreifen: Nach ein paar Wochen bist du wieder gesund.“ Und die alten Chemotherapie-Regime in die Geschichtsbücher zu verbannen oder zumindest möglichst sparsam einzusetzen.

          PD Dr. med. Martin Ebinger ist Leitender Oberarzt in der Abteilung für allgemeine Pädiatrie, Hämatologie und Onkologie an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Tübingen.

          Professor Dr. med. Peter Lang ist stellvertretender Ärztlicher Direktor am gleichen Zentrum.

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