https://www.faz.net/-j16-acz5o
Verlagsspezial

: Die Bedeutung von Gentests in der Onkologie

  • -Aktualisiert am

Bild: vector_ factory/Adobestock

Molekulare Testungen sind Voraussetzung für zielgerichtete Krebstherapien. Doch die Kostenerstattung ist im stationären Bereich nicht geregelt – mit dem Ergebnis, dass manche Patienten nicht von den modernen Behandlungen profitieren können. Um dies zu ändern, braucht es eine Gesetzesanpassung.

          2 Min.

          Die gesetzliche Krankenversicherung gehört zu den großen Errungenschaften des Sozialstaates. In Deutschland sind über 90 Prozent der Bevölkerung gesetzlich krankenversichert. Sie alle haben Anspruch auf eine Versorgung, die dem allgemein anerkannten Stand medizinischer Kenntnisse entspricht und den Fortschritt berücksichtigt.

          Dank umfassender Forschungsarbeiten in der Onkologie wächst das Wissen über die molekularen Eigenschaften von Tumoren stetig. Viele onkologische Arzneimittel richten sich gegen biologische Merkmale von Krebszellen. Ob diese zielgerichteten Medikamente eingesetzt werden, darüber entscheiden nicht mehr nur die Ergebnisse einer bildgebenden oder pathologischen Untersuchung, sondern zusätzliche molekulargenetische Tests. Bisher sind in Deutschland mehr als 70 Wirkstoffe in der Krebsmedizin zugelassen, für die ein solcher Nachweis verpflichtend durchgeführt werden muss.


          Nicht jeder Patient erhält die bestmögliche Medizin

          Die Tests, häufig auch als Companion-Diagnostik-Untersuchungen bezeichnet, sowie andere molekularbiologische Analysen sind aufwändig und erfordern spezialisierte Kenntnisse sowie eine entsprechende Ausstattung. Doch der Einsatz lohnt sich. Studien belegen den positiven Effekt – und Betroffene erhoffen sich mit dem Nachweis therapieleitender Biomarker eine spezifischere Behandlung ihrer Erkrankung.

          Um die Kostenerstattung dieser Verfahren zu sichern, wurde 2016 im vertragsärztlichen Leistungskatalog ein eigens geschaffenes Unterkapitel speziell in der ambulanten Versorgung eingefügt. Im Gegensatz dazu sind Companion-Diagnostik-Leistungen und andere Biomarker-Analysen im Abrechnungssystem der stationären Versorgung seit Jahren nicht oder nur unzureichend berücksichtigt. Natürlich ist im Krankenhaus alles erlaubt, was nicht verboten ist. Doch Kliniken erhalten für die Versorgung von Patienten Fallpauschalen, deren Höhe sich aus dem in der Vergangenheit angefallenen Behandlungsaufwand ergibt. Die Kosten neuer Methoden werden dort näherungsweise erst mit einer Verzögerung von etwa drei Jahren berücksichtigt.

          Das bedeutet: In der ambulanten Versorgung können Betroffene heute vor dem Einsatz einiger zielgerichteter Arzneimittel durch einen Vertragsarzt getestet und im Sinne des allgemein anerkannten Standes der medizinischen Erkenntnisse behandelt werden. Krankenhäuser sind bei der Therapie eines gleichgelagerten Falles dazu nicht in der Lage. Sie müssen im Interesse ihrer Patienten viel Improvisationsgeschick beweisen, um den medizinischen Standard zu erfüllen. Entweder sie beauftragen Biomarker-Analysen selektiv zu Lasten ihres Hauses, oder sie überweisen die Betroffenen in den ambulanten Bereich. In einigen Fällen werden Patienten notwendige Untersuchungen leider auch gar nicht erhalten. Studien zeigen, dass die Chancen auf eventuell notwendige Tests deutlich absinken, wenn Betroffene vom ambulanten Sektor zur Weiterbehandlung in ein Krankenhaus überwiesen werden. Dies trifft in besonderem Maße Menschen, deren Erkrankung aufgrund ihrer Komplexität eine stationäre Biopsie-Entnahme notwendig macht, wie es zum Beispiel beim Lungenkarzinom der Fall ist.


          Gesetzesänderung schafft Basis für Erstattungen

          Eine gesetzliche Regelung ist daher nötig, zum Beispiel in Form einer Ergänzung im Paragraf 116b des Sozialgesetzbuchs V zur ambulanten spezialärztlichen Versorgung (ASV). Der Paragraf regelt, welche hochspezialisierten ASV-Leistungen bereits schon jetzt sowohl durch Leistungserbringer in der vertragsärztlichen Versorgung als auch durch Krankenhäuser erbracht werden können. Die Aufnahme von Companion-Diagnostik-Leistungen in diesen Abschnitt wäre problemlos möglich. Zu diesem Schluss kam ein Gutachten, das im Jahr 2020 von der Deutschen Krebsgesellschaft beauftragt worden war. Dieser Vorschlag wurde vom Gesetzgeber und der Selbstverwaltung zunächst positiv aufgenommen. Ob die Companion-Diagnostik tatsächlich in die gesetzlichen Regelungen zur ASV integriert werden, ist derzeit noch offen. Es wäre aber wünschenswert und würde die Versorgung vieler Krebspatienten deutlich verbessern.

          Dr. med. Johannes Bruns ist General­sekretär der Deutschen Krebsgesellschaft e. V. in Berlin.

          Topmeldungen

          Krebspatienten können auf immer wirksamere Therapien und sogar auf Heilung hoffen - wenn die Digitalisierung voranschreitet.

          : Keine Personalisierung ohne Digitalisierung

          Individualisiert ist das neue Schlagwort der Krebsmedizin. Das Ziel: Weg von einer Gießkannen-Therapie hin zu einer auf den Patienten zugeschnittenen Behandlung – und das auch für seltenere Tumorarten und für Betroffene in ländlichen Gebieten. Digitalisierung, Vernetzung und künstliche Intelligenz ebnen hierzu den Weg.
          Professorin Dr. Diana Lüftner ist Oberärztin an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie der Charité am Campus Virchow-Klinikum, der zum CharitéCentrum 14 für Tumormedizin (CC14) gehört.

Carl Janssen leitet die Onkologie bei Pfizer in Deutschland und ist Mitglied der Geschäftsführung bei der Pfizer Pharma GmbH

          Interview : „Nie konnten wir unsere Innovationskraft besser zeigen“

          Forschung, Entwicklung und Produktion tragen dazu bei, die Krebsmedizin in Deutschland stetig zu verbessern. Diana Lüftner und Carl Janssen sprechen unter anderem über die Lehren aus der Pandemie, die Rolle von Testungen sowie den Stellenwert von Kommunikation und Information.
          Krebstherapien bei Kindern stellen besondere Anforderungen. Viele Fragen sind noch zu klären.

          : Die Hoffnungen in der Kinderonkologie

          Die Krebstherapie bei Kindern ist von Erfolgen geprägt. Und sie ist eine Geschichte derjenigen, die die Therapie vor 20 oder 30 Jahren überlebten und nun mit den Langzeitfolgen leben müssen. Um die Chancen der jungen Patienten zu verbessern, ist weiterhin eine intensive Forschung nötig.

          : Neue Chancen für Patienten und Wirtschaft

          Zell- und Gentherapien zählen zu den vielversprechendsten Entwicklungen der letzten Jahre in der Krebsmedizin. Etablierte Pharmaunternehmen und Start-ups in Deutschland, die in dem dynamischen Wachstumsmarkt aktiv sind, haben gute Chancen, weltweit eine führende Rolle zu spielen.