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Verlagsspezial

: Diabetes, Adipositas und der Zusammenhang mit Krebs

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Übergewicht erhöht das Risiko für weitere Erkrankungen. Die Grundlagen dafür werden oft schon in jungen Jahren gelegt. Bild: Sergey Novikov/Adobestock

Übergewicht und Diabetes erhöhen das Risiko für bestimmte Tumorarten, und sie können den Verlauf einer Krebserkrankung negativ beeinflussen. Forscher verstehen die dahinterstehenden Mechanismen zunehmend besser. So lassen sich geeignete Präventions- und Behandlungsstrategien entwickeln.

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          Umwelteinflüsse spielen eine wichtige Rolle bei der Krebsentstehung und -progression. So ist seit Langem bekannt, dass Rauchen das Risiko einer Tumorerkrankung deutlich erhöht. Weit weniger offensichtlich erscheint der Zusammenhang zwischen Krebs, Diabetes und Adipositas – letztere ist definiert als starkes Übergewicht mit einem Body-Mass-Index von mehr als 30 kg/m². Rund 500 000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Krebs, gleichzeitig sind circa 50 Prozent aller Frauen und zwei Drittel der Männer übergewichtig. 10 Prozent aller Erwachsenen leiden sogar unter Adipositas, und es gibt zudem einen steigenden Anteil übergewichtiger Kinder.


          Je höher der Body-Mass-Index, desto höher das Risiko

          Bei einigen Krebsarten ist die Verbindung zu Übergewicht und Diabetes besonders deutlich, wie epidemiologische Studien belegen. So erhöht Adipositas die Inzidenz von Tumoren an Brust, Gebärmutter, Niere und Magen-Darm-Trakt. Die Zuckerkrankheit wiederum steigert die Gefahr für Harnblasen­krebs und bestimmte Lymphome. Es ist aber schwierig, den Einfluss eines Diabetes isoliert zu betrachten, da er eben häufig gemeinsam mit Adipositas auftritt. Die Schnittmenge zwischen beiden Erkrankungen und dem Krebsrisiko ist daher groß. Insgesamt betrachtet, erhöht sich die Gefahr je nach Tumortyp um das Zwei- bis Vierfache. Die gute Nachricht ist jedoch, dass jedes verlorene Kilo dem entgegensteuern kann.

          Auch der Verlauf eines Krebsleidens wird von Adipositas und Diabetes beeinflusst. In den genannten Tumorarten besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Todesrate und einem steigenden Body-Mass-Index. Die krebsbedingte Mortalität wächst bei stark Übergewichtigen um 50 bis 60 Prozent. Die Zuckerkrankheit ist ein unabhängiger Risikofaktor, der sich zusätzlich negativ auswirkt. In manchen Fällen besteht auch ein umgekehrter Zusammenhang: So kann eine frühere Krebserkrankung die Wahrscheinlichkeit für einen Diabetes erhöhen beziehungsweise gar erst zu seiner Diagnose führen. Dieses Phänomen beobachten Mediziner insbesondere bei Tumoren der Bauchspeicheldrüse. Treten diese auf, so stellt sich danach oftmals ein Diabetes ein. Die Gründe liegen in den gemeinsamen Mechanismen der Krankheitsverläufe – im Detail sind sie aber noch schlecht verstanden.

          Forscher können zudem noch nicht für jede Tumorart genau erklären, wie genau Adipositas und die Zuckerkrankheit eine Krebsentstehung begünstigen. Einige Kausalitäten sind jedoch bereits bekannt und durch eine Vielzahl experimenteller und klinischer Studien belegt. So geht ein Typ-2-Diabetes in der Regel mit einer Insulinresistenz und einer erhöhten Ausschüttung des Hormons über einen langen Zeitraum einher. Dies ist auch der Fall beim Prädiabetes, also der häufig unerkannten Vorform. Die dadurch hervorgerufene erhöhte Menge an Insulin im Blut steht mit einem schwereren Verlauf von Darm-, Brust-, Bauchspeicheldrüsen- und Gebärmutterkrebs in Zusammenhang. Eine Ursache dafür könnte in der wachstumsfördernden Wirkung des Insulins liegen. Diese wird über Rezeptoren vermittelt, die sich auch auf der Oberfläche von Tumorzellen befinden. Andere Wachstumsfaktoren oder Hormone wie Östrogen sind bei Menschen mit Übergewicht und Diabetes ebenfalls häufig erhöht. Ein gesteigerter Blutzuckerspiegel kann zudem das Tumorwachstum befeuern, da die Zellen verstärkt Glukose aufnehmen und verstoffwechseln.


          Zu viele Kilos führen zu chronischer Entzündung

          Eine weitere wichtige Rolle spielen Signalmoleküle, die aus dem Fettgewebe ausgeschüttet werden: die sogenannten Adipokine. Sie regulieren wichtige Stoffwechselprozesse wie die Nährstoffverwertung in verschiedenen Organen, Appetit und Insulinwirkung. Hauptsächlich Adipositas, aber auch Diabetes führen dazu, dass die Moleküle aus dem Gleichgewicht geraten: Sind weniger schützende Adipokine und mehr andere Substanzen vorhanden, so beeinflusst das das Fortschreiten einer Tumorerkrankung. Das Adipokin Leptin reguliert zum Beispiel hauptsächlich den Appetit – als Nebeneffekt regt es allerdings auch das zelluläre Wachstum an. Bei Übergewicht kommt es häufig zu Leptinresistenz, sodass der Leptinspiegel höher ist, je mehr Fettmasse ein Mensch besitzt. Hohe Leptinspiegel wiederum fördern die Entwicklung und Migration von Krebszellen und damit sogar die Bildung von Metastasen.

          Auch die chronische Entzündung, ein typisches Symptom bei Adipositas, ist in diesem Zusammenhang bedeutsam. Wird der Körper ständig mit Nährstoffen überversorgt, bringt das die Hormone aus der Balance. Das wiederum stresst die Zellen vieler Organe, woraufhin das Immunsystem in Alarmbereitschaft versetzt wird. Dadurch entsteht eine mehr oder weniger stark ausgeprägte permanente Entzündungsreaktion im ganzen Körper, auch Metaflammation genannt. Sie zeichnet sich insbesondere durch chronisch erhöhte Entzündungsmediatoren aus. Diese bewirken, dass Krebszellen besser wachsen, sich vermehren und länger überleben können, und schaffen damit eine ideale Umgebung für den Tumor.

          Interessanterweise geben auch gängige Diabetesmedikamente, wie zum Beispiel  das Metformin, Einblicke in gemeinsame Mechanismen bei Diabetes und Krebs: Metformin senkt nachweislich das Risiko für Krebs und beeinflusst den Krankheitsverlauf positiv. Die Substanz verbessert zum einen den Stoffwechsel, zum anderen wirkt sie Tumoren entgegen. Für andere neuere Medikamente wie sogenannte SGLT2-Inhibi­toren gibt es erste teils vielversprechende ­Ergebnisse – die Datenlage ist aber noch nicht eindeutig.


          Bewusstsein für Präventions­maßnahmen schärfen

          Was kann der Einzelne nun tun, um sein Risiko zu senken? Lange Zeit waren die Felder der Stoffwechsel- und Krebsforschung getrennt; erst seit Kurzem gehen Wissenschaftler aktiver auf die gemeinsamen Mechanismen ein. Für Mediziner und Patienten ist es insbesondere wichtig, mehr über die Zusammenhänge der Erkrankungen zu erfahren, um eine bessere Vorsorge betreiben zu können. Menschen mit Diabetes und Übergewicht können momentan leider kein gesondertes Krebs-Screening in Anspruch nehmen. Im Gegenteil, oftmals lassen gerade Zuckerkranke die Krebsvorsorge schleifen, was möglicherweise auf die erhöhte Belastung durch den Diabetes zurückzuführen ist. Eine frühe Diagnose ist jedoch häufig der Schlüssel zu einer erfolgreichen Krebstherapie.

          Abschließend lässt sich festhalten, dass eine gute Behandlung der diabetischen Stoffwechsellage die Gefahr für Tumoren senken kann. Dies gilt in gleichem Maße für Adipositas: Stellen Betroffene ihre Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten um, so verlieren sie überflüssige Kilos und können damit ihr Krebsrisiko verringern. Eine entsprechende Bewusstseinsschärfung bei Patienten, behandelnden Ärzten und der Forschungsgemeinschaft ist daher zwingend notwendig und geboten, um die Zusammenhänge zwischen Stoffwechselkrankheiten und deren Langzeitfolge Krebs in den Köpfen aller zu verankern. Denn: Übergewicht und Diabetes zu verhindern beziehungsweise beides gut zu behandeln sind die besten Maßnahmen für eine erfolgreiche Krebsprävention.

          Professor Dr. rer. nat. Stephan Herzig ist Direktor des Helmholtz Diabetes Centers und des Instituts für Diabetes und Krebs am Helmholtz Zentrum München sowie Inhaber des Lehrstuhls für Molekulare Stoffwechselkontrolle an der TU München.

          Dr. rer. nat. Maria Rohm leitet eine Forschungsgruppe am selben Institut.

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