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Verlagsspezial

: Brustkrebs: Wo stehen wir heute?

  • -Aktualisiert am

Bild: LStockStudio/Adobestock

Die Therapie von Brustkrebs wird immer individueller. Grundlage für zielgerichtete Behandlungen ist die Bestimmung verschiedener biologischer Faktoren. Forscher entwickeln stetig neue Wirkstoffe, von denen die Patientinnen profitieren.

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          Mit jährlich rund 70 000 Neuerkrankungen ist Brustkrebs in Deutschland die häufigste Tumorerkrankung der Frau. Erfreulicherweise hat sich die Prognose in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert, indem Ärzte individualisiert und zielgerichtet, in Abhängigkeit von der Tumorbiologie, therapieren. Eine wichtige Rolle hierbei spielt auch die Früherkennung: Neben den jährlichen Vorsorgeuntersuchungen beim Gynäkologen können Frauen zwischen 50 und 70 Jahren zusätzlich das Mammografie-Screening in Anspruch nehmen. Durch diese Früherkennungsmethoden nimmt die Zahl an kleineren Tumoren bei Erstdiagnose deutlich zu, was sich ebenfalls positiv auf die Prognose auswirkt. Derzeit können über 87 Prozent der Patientinnen geheilt werden.


          Den Krebs vor der Therapie genau charakterisieren

          Für die Behandlung stehen mehrere Optionen zur Verfügung. Ist beispielsweise bereits vor einer Operation klar, dass eine Chemotherapie benötigt wird, so sollte diese neoadjuvant, also vor der Operation, erfolgen. Der Vorteil: Mediziner können anhand der Größenentwicklung des Tumors direkt sehen, ob die Behandlung wirkt. Verkleinert sich der Krebs, so steigt auch die Rate an brusterhaltenden Operationen. Ist während des Eingriffs noch aktives Tumorgewebe vorhanden, können Frauen sogenannte post-neoadjuvante Therapien erhalten, um die Prognose weiter zu verbessern.

          Doch Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Entscheidend für die Behandlung sind vor allem zwei biologische Faktoren: zum einen der Status der Hormonrezeptoren (HR) auf den Tumorzellen, auf die man gezielt mit einer antihormonellen Therapie ansetzen kann; zum anderen der HER2-neu-Status, ein Wachstumsrezeptor ebenfalls auf der Oberfläche von Tumorzellen.

          Mit circa 65 Prozent stellen die HR-positiven, HER2-neu negativen Mammakarzinome die größte Subgruppe dar. Hier steht die anti-hormonelle Therapie im Vordergrund.


          Gezielt gegen einzelne Tumormerkmale vorgehen

          Eine weitere Kategorie sind die HER2-neu positiven Tumore, die etwa 20 Prozent der Mammakarzinome ausmachen. Seit zielgerichtete Medikamente zur Verfügung stehen, hat sich die Prognose der von einem solchen Brustkrebs betroffenen Frauen stark verbessert. Die Patientinnen profitieren von speziellen Antikörpern, die an den HER2-Rezeptoren gezielt angreifen. Sie wirken am besten, wenn sie in Kombination mit einer Chemotherapie gegeben werden.

          Der erste gegen den HER2-neu-Rezeptor zugelassene Antiköper war Trastuzumab. Ursprünglich intravenös verabreicht, kann er mittlerweile auch subkutan, also ins Unterhautfettgewebe, gespritzt werden. Pertuzumab ist ein weiterer Wirkstoff, der bei diesen Patientinnen zum Einsatz kommt. Ist nach einer neoadjuvanten Chemotherapie noch ein Resttumor vorhanden, können Ärzte einen Medikamentenwechsel durchführen. Die Betroffenen profitieren dann von einer Substanz namens T-DM1. Das Risiko, dass die Erkrankung zurückkehrt, kann dadurch um 50 Prozent gesenkt werden.

          Eine weitere Subgruppe der Mammakarzinome bilden die sogenannten triple-negativen Tumore: Sie sind sowohl Hormonrezeptor- als auch HER2-neu-negativ. Frauen, die in diese Gruppe fallen, empfehlen Ärzte derzeit ebenfalls eine neoadjuvante Chemotherapie. Bei einem Resttumor in der Brust kann zur Risikosenkung eine weitere Chemotherapie nach der Operation angeboten werden. Aktuell prüfen Forscher neue Substanzen, die in dieser Situation zum Einsatz kommen können. Ebenso untersuchen sie die Wertigkeit von Immuntherapien.

          Fortschritte in der Forschung verbessern die Behandlung

          Ist ein Brustkrebs bereits fortgeschritten und haben sich Metastasen gebildet, steht die Erhaltung der Lebensqualität im Vordergrund. Ärzte versuchen dann, die Erkrankung zu stabilisieren, sodass sie nicht weiter voranschreitet. Bestenfalls führt das dazu, dass die Patientinnen länger leben. Die Therapien müssen aber gleichzeitig gut verträglich sein. Teilweise sind Onkologen in der Lage, beim metastasierten Mammakarzinom eine Chronifizierung der Erkrankung zu erreichen, sodass die Betroffenen unter onkologischer Erhaltungstherapien viele Jahre eine gute Lebensqualität haben.

          Gerade in der metastasierten Situation hat sich in den vergangenen Jahren viel Positives bezüglich zielgerichteter Thera­pien getan. Exemplarisch sind hier die endokrinen Kombinationen bei HR-positivem, HER2-neu-negativem metastasiertem Brustkrebs zu erwähnen. Nur in seltenen Fällen, bei sehr hohem Behandlungsdruck mit drohendem Organversagen, benötigen Patien­tinnen in dieser Situation eine Chemotherapie. Die endokrin basierte Kombination mit einer neuen Substanzklasse, den sogenannten CDK4/6-Inhibitoren, stellt einen wahren Meilenstein dar.

          Beim triple-negativen metastasierten Mammakarzinom können Ärzte in bestimmten Fällen auf eine Immuntherapie, eine neue Art der Krebsbehandlung mit Checkpoint-Inhibitoren, zurückgreifen. Durch die Anwendung von solchen Substanzen besteht die Möglichkeit, dass das körpereigene Immunsystem die Tumorzellen wiedererkennt und beseitigt. Auch beim HER2-neu positiven metastasierten Mammakarzinom erreichten Forscher in letzter Zeit vielversprechende Fortschritte, unter anderem mit einem Wirkstoff namens Tucatinib, welches auch bei Hirnmetastasen gut wirkt.


          Auch beim erblichen Brustkrebs gibt es Hoffnung

          Rund fünf Prozent der Brustkrebserkrankungen sind auf Mutationen in den Genen BRCA1 und BRCA2 zurückzuführen. Das Erkrankungsrisiko beträgt hier bis zum 80. Lebensjahr 70 Prozent. Häufig sind junge Frauen betroffen. Für die Behandlung ist es zunehmend relevant, den BRCA1/2-Status zu kennen – und zwar in der Keimbahn, das heißt, in den Zellen, die an die Nachkommen weitergegeben werden. Sogenannte PARP-Inhibitoren stehen als gezielte Therapie für Anlageträgerinnen zur Verfügung. Durch den Einsatz der Substanzen konnten Ärzte die Prognose und auch die Lebensqualität der Patientinnen deutlich verbessern. Gleichzeitig verringerten sich hochgradige Nebenwirkungen.  
          Die Teilnahme an Studien ist in jeder Situation bei Brustkrebs zu empfehlen. Nur so konnte die Prognose für alle Mammakarzinom-Typen verbessert werden.

          Studienteilnehmerinnen haben so auch die Möglichkeit, Medikamente zu erhalten, die noch nicht zugelassen sind, und auf diese Weise kann ihr mögliches therapeutisches Spektrum erweitert werden.

          Professor Dr. Pauline Wimberger ist Direktorin der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Technischen Universität Dresden.

          Begriffserklärungen

          BRCA1 und BRCA2: Gene, die bei erblichem Brust- und Eierstockkrebs häufig mutiert sind.

          CDK4/6-Inhibitoren: Cyclin-abhängige Kinasen spielen eine wichtige Rolle bei der Zellteilung. Durch ihre Hemmung kann das Wachstum von Krebszellen aufgehalten werden.

          Endokrine Therapie: anti-hormonelle Therapie.

          PARP-Inhibitoren: PARP ist ein Enzym, das die Reparatur der DNA unterstützt. Durch seine Hemmung wird dieser Prozess verhindert, was zum Tumorzelltod führt.

          Neoadjuvant: Therapie, die vor der Operation durchgeführt wird.

          Post-neoadjuvant: Therapie, die nach neoadjuvanter Therapie und nach der Operation durchgeführt wird.

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