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Verlagsspezial

: Warum die Medizin nur mit Frauen zukunftsfähig bleibt

Diverse Teams sind nachweislich leistungsstärker. Doch Frauen sind in der Krebsmedizin unterrepräsentiert. Bild: Mary Long/Adobestock

Der Frauenanteil in den Vorstandsetagen der deutschen Konzerne überschritt im vergangenen Jahr erstmals die Zehnprozentmarke. In der Medizin liegt der Anteil noch niedriger. Die Covid-19-Krise zeigt es aktuell besonders: Um die Vorteile diverser Teams auch im Gesundheitswesen nutzen zu können, braucht es Mut zum Wandel.

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          Francis S. Collins gehört zu den weltweit einflussreichsten Persönlichkeiten im Gesundheitswesen. Er ist seit über zehn Jahren Direktor der leitenden amerikanischen biomedizini­schen Forschungsbehörde, der National Institutes of Health (NIH). Er publizierte auf der Website im Juni 2019 eine klare Stellungnahme: „I want to send a clear message of concern: it is time to end the tradition in science of all-male speaking panels. . . Breaking up the subtle (and sometimes not so subtle) bias that is preventing women and other groups underrepresented in science from achieving their rightful place in scientific leadership must begin at the top.“ Francis Collins definiert damit einen Arbeitsauftrag, der an alle gerichtet ist, die in Hochschulen, Kliniken, Forschungsinsti­tuten, Behörden, Verbänden oder andernorts tätig sind. Sein Appell richtet sich einerseits an die Verteilung von Spitzen- und Leitungspositionen und fordert gleichzeitig einen übergreifenden Mindshift, der auf allen Ebenen der klinischen, akademischen und wissenschaftlichen Arbeit greifen soll – auch in der Krebsmedizin.


          Zahlen belegen: Frauen bleiben auf der Strecke

          Doch ist diese Forderung zeitgemäß? Gibt es tatsächlich ein Genderproblem in der Wissenschaft? Sieht man sich die Prozentzahlen weiblicher Führungskräfte in der akademischen Medizin an, erkennt man eine kontinuierliche Zunahme. Doch prozentual erreichen Frauen heute in den Vereinigten Staaten gerade einmal 20 Prozent. Wenn man den bislang linearen Trend einfach fortsetzt, lässt sich die 50-Prozent-Marke etwa auf das Jahr 2066 projizieren. Nicht anders sieht es in Deutschland aus: Trotz eines 66-prozentigen Frauenanteils bei den Absolventen des Medizinstudiums und einem mit 45 Prozent fast paritätischen Anteil der berufstätigen Medizinerinnen besetzen Frauen in der Medizin lediglich drei bis zehn Prozent aller Führungspositionen. Zudem zeigte eine aktuelle bundesweite Untersuchung, dass Frauen weit häufiger als Männer auf Kinder verzichten, wenn sie eine erfolgreiche akademische Laufbahn anstreben.

          In der Hämatologie und Onkologie wurden erst 2018 die ersten beiden der 34(?) universitären Lehrstühle  mit einer Frau besetzt. Gerade das Fach mit der größten Innovationsgeschwindigkeit in der Medizin hat es ganz offensichtlich bislang nicht geschafft, die Diversität von begabtem und talentiertem Nachwuchs zu leben und in eine konsequente Karriereförderung umzusetzen. Francis Collins geht da noch weiter: Er spricht von einer zu führenden Schlacht gegen Ungleichbehandlung und fehlende Förderung von Frauen in der Wissenschaft und Medizin. Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) hat daher in dem Positionspapier „Paritätische Positionierung von Frauen in der Hämatologie und Onkologie“ die aktuelle Situation in der Krebsmedizin dargestellt und daraus einen klaren Maßnahmenkatalog abgeleitet, um die aktuell bestehenden Disparitäten zu verbessern.

          Die Ursachen, warum bislang eine konsequente Umsetzung, gerade auch in der Krebsmedizin, nicht gelang, sind vielfältig und komplex. Da ein solides Datenfundament fehlt, hat die DGHO als erste Fachgesellschaft ein Projekt finanziert, um die Gendersituation im eigenen Fachgebiet sowie die Hemmnisse auf dem Weg hin zur Genderparität zu erfassen. Fakt ist, dass viele junge Frauen den akademischen Weg, der verlangt, klinische Tätigkeit und Forschung miteinander zu kombinieren, nicht gehen. Am Ende ist es oft eine Kombination aus mangelnden Vorbildern, unzureichendem Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, fehlenden praktischen Hilfen wie Kitaplätze oder auch fehlender Förderung in einer beruflich kritischen Phase, bei der Kinder und der Scheidepunkt zur akademischen Karriere oft zeitlich zusammenfallen. Außerdem ist das Profil vieler akademischer Führungspositionen nicht mehr zeitgemäß. Es braucht Kreativität und Diversität, um hier neue und zukunftsweisende Strukturen auf den Weg zu bringen.


          Die Geschlechterfrage ist heute wichtiger denn je

          Die Covid-19-Krise hat den Alltag der Medizin tiefgreifend beeinflusst. Gerade ein an der Belastungsgrenze arbeitendes System hat mehr als deutlich gemacht, wie wenig es sich eine Gesellschaft leisten kann, auf hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und deren Knowhow zu verzichten. Krisenstäbe waren gefordert, in alle Richtungen zu denken und vielfältigste Szenarien gedanklich durchzuspielen. Gleichzeitig waren Führungskräfte gefordert, die Ängste und Sorgen der an und über der Leistungsgrenze arbeitenden Mitarbeiter aufzufangen und jeden Tag neu die Versorgung der Patienten nicht nur aufrecht zuerhalten, sondern auch auf hohem Niveau mit größtmöglicher Sicherheit zu gewährleisten. Jede Diversität ist in solchen Situationen die größtmögliche Bereicherung, um solchen vorstellbaren und unvorstellbaren Szenarien zu begegnen.

          Diversität erfordert täglichen Mut, dauerndes aufmerksames Zuhören, sich immer wieder aus der eigenen Komfortzone zu bewegen. Gerne nimmt man in schwierigen Zeiten den Weg der geringeren Auseinandersetzung und größeren Bestätigung. Dennoch unterstreicht die aktuelle pandemische Sondersituation, dass bestehende Strukturen und Gewohnheiten auf den Prüfstand gehören. Eine Krise macht manches verbesserungswürdige Problem noch sichtbarer. Im Willen zur Veränderung liegt dabei die große Chance, jene Prozesse, Gewohnheiten und Disparitäten anzugehen, die schon lange auf den Prüfstand gehören.

          Professorin Dr. med. Katja Weisel ist stellverstretende Klinikdirektorin der II. Medizinischen Klinik und stellvertretende Direktorin des Universitären Cancer Center am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Sie ist Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern.

          Professorin Dr. med. Diana Lüftner ist Oberärztin an der Charité und war von 2013–2015 die erste weibliche Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie.

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