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Verlagsspezial

: Versorgung von Krebspatienten: Eine Herausforderung in Pandemie-Zeiten

Medikamente können das Immunsystem schwächen. Deshalb zählen Krebspatienten während einer Behandlung zu den vulnerablen Guppen. Bild: MIA Studio/Adobestock

Covid-19 und Tumoren sind eine gefährliche Mischung. So haben Krebspatienten ein erhöhtes Risiko, einen schweren Verlauf der Viruserkrankung zu erleiden. Während der Therapie müssen daher besondere Vorsichtsmaßnahmen gelten und Infektionen an Register gemeldet werden.

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          Das neuartige Sars-CoV-2-Virus, das die Covid-19-Erkrankung auslöst, hat die Welt fest im Griff. Die Zahl der daran erkrankten Menschen steigt weiterhin an, genauso wie die Zahl der infizierten Menschen mit Krebs. Tumorpatienten gehören durch ihre Grunderkrankung einer besonders verletzlichen Gruppe an: Sie haben ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf von Covid-19. Es ist bisher zwar nicht erkennbar, dass sich Krebspatienten überdurchschnittlich häufig infizieren – vielleicht liegt das daran, dass sie besonders vorsichtig und achtsam sind, da ihnen der Schutz vor Infektionen und ein Hygienebewusstsein in Zeiten einer Pandemie nicht neu erklärt werden müssen. Dennoch ist für sie die Wahrscheinlichkeit, durch eine Ansteckung mit Atemwegsviren, sogenannten respiratorischen Viren, eine Lungenentzündung zu erleiden, deutlich höher als für gesunde Menschen. Dies gilt natürlich auch dann, wenn sie sich mit Sars-CoV-2 infizieren.


          Infektionsschutz ist für Patienten selbstverständlich

          Während einer Therapie ist besondere Achtsamkeit geboten, da zahlreiche Krebsmedikamente das Immunsystem beeinflussen und somit auch für Infektionen anfällig machen. Daneben erhöhen weitere Risikofaktoren die Wahrscheinlichkeit auf einen schweren Verlauf der Lungenkrankheit.

          Geschwächte Abwehrkräfte sind einer dieser Risikofaktoren, der viele Menschen mit einer Krebserkrankung betrifft. Die Ursache ist die Krankheit selbst – zum Beispiel, wenn wie bei einem Lymphom das Immunsystem betroffen ist – oder eben die erforderliche Therapie, die nicht selten zu einem Mangel an weißen Blutkörperchen führt. Darüber hinaus weisen Krebspatienten allgemeine Risikofaktoren auf. Dazu gehören ein höheres Lebensalter sowie Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck. Einige der als Covid-19-typisch beschriebenen Symptome wie Fieber und Husten treten zudem häufig unter einer Krebstherapie auch ohne eine Sars-CoV-2-­Infektion auf. Das macht es teilweise schwer, typische Nebenwirkungen der Behandlung von einer Coronainfektion zu unterscheiden.

          Die gegenwärtige Pandemie stellt Patienten genauso wie Angehörige des Gesundheitswesens vor drei ganz besondere Herausforderungen. Erstens: Betroffene müssen vor einer Ansteckung mit Sars-CoV-2 ausreichend geschützt werden. Die Abstandsregeln einzuhalten und einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen sind für Patienten während einer Krebstherapie eigentlich schon immer selbstverständlich. Praxen und Krankenhäuser müssen räumlich umgestaltet werden, um einen Mindestabstand möglich zu machen. Kontakte, die für die direkte Patientenversorgung keine große Bedeutung haben, werden minimiert – zum Beispiel, indem Ärzte Befunde telefonisch übermitteln oder per Videosprechstunde mit ihren Patienten in Kontakt treten. Sind Betroffene zwischen den verschiedenen Therapien zu Hause, begeben sie sich in eine selbst gewählte Quarantäne, um jegliche Ansteckungsmöglichkeit zu vermeiden. Klinikinterne Richtlinien sehen vor, Patienten häufig und in regelmäßigen Abständen auf das Virus zu testen. Außerdem gilt es, Betroffene zu isolieren, bei denen auch nur der geringste Verdacht auf eine Infektion besteht. Organisatorische Aspekte, individuelle Schutzmaßnahmen und eine gute Aufklärung der Patienten haben geholfen, die Anzahl von Sars-CoV-2 Infektionen bei Menschen mit Krebs in Deutschland ­niedrig zu halten.

          Die zweite Herausforderung: Die Pandemie darf nicht dazu führen, dass Diagnostik und Therapie heilbarer Krebserkrankungen vernachlässigt werden.


          Menschen mit Krebs nach bestem Standard behandeln

          Onkologen können jedoch individuell abwägen, ob es sinnvoll ist, die Behandlung der Grundkrankheit zu verschieben, zu verzögern oder zu ändern. Es gibt zwar immer mehr Studienergebnisse zum neuen Coronavirus, generelle Empfehlungen lassen sich aber noch nicht ableiten. Ein Beispiel für eine risikoadaptierte Therapie ist es, auf besonders immunsupprimierende Medikamente zu verzichten. Oder auch, anders gestaltete Bestrahlungsregime zum Beispiel bei Brustkrebs verstärkt anzubieten, um Patientenkontakte in Krankenhäusern oder Ambulanzen beziehungsweise in Arztpraxen zu reduzieren. Auf der Onkopedia-Plattform finden sich detaillierte Empfehlungen zu über 60 Krankheitsentitäten aus der Hämatologie und Onkologie, die wöchentlich aktualisiert werden. An diesen Empfehlungen haben mehr als 100 Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mitgewirkt.

          Die dritte Herausforderung, der sich Patienten und Angehörige des Gesundheitswesens stellen müssen: Im Falle einer Infektion muss das Risiko für einen schweren Verlauf minimiert werden. Gerade für Menschen mit Krebs gilt, sich durch gute Ernährung, Bewegung und andere Maßnahmen möglichst leistungsfähig zu halten. Die behandelnden Ärzte können durch die Gabe schützender Medikamente das Immunsystem ihrer Patienten unterstützen.

          Trotz aller Achtsamkeit muss in den nächsten Monaten regional mit kurzfristigen Anstiegen der Zahl von Covid-19 positiven Krebspatienten gerechnet werden, wie kürzlich am Universitätsklinikum Eppendorf geschehen. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zeigen Umgebungsuntersuchungen der Krankenhaushygiene Infektionen bei Mitarbeitern und bei Patienten. Dank konsequent durchgeführter onkologischer Therapien und einer optimalen interdisziplinären Zusammenarbeit konnte die Mehrzahl der Betroffenen diese Infektion gut überstehen. Bemerkenswert ist aber insbesondere, dass die Krebstherapien in den meisten Fällen erfolgreich fortgesetzt werden konnten. Dies gilt auch für intensive Behandlungen wie lebensrettende Stammzelltransplantationen.


          Besser gewappnet für zukünftige Pandemien

          Die enge Zusammenarbeit von Onkologen auf internationaler Ebene und mit anderen Fachdisziplinen wie der Infektiologie hat sich in der Krise besonders bewährt. Darum sollen alle Covid-19-Erkrankungen, auch bei Menschen mit Krebs, krankheitsspezifischen oder allgemeinen Covid-19-Registern wie LEOSS gemeldet werden. In LEOSS wurden inzwischen über 250 onkologische Patienten registriert, erste Auswertungen sind für diesen Sommer zu erwarten. Weitere systematische Erfassungen von Tumorpatienten mit Covid-19 erfolgen derzeit in anderen europäischen Registerstrukturen. Dabei werden auch Erfahrungen über die Regeneration von Krebspatienten nach einer Coronavirus-Erkrankung gesammelt. Die großen Herausforderungen der Sars-CoV-2-Pandemie für Krebspatienten werden gemeistert, indem Ärzte kontinuierlich neue Erkenntnisse gewinnen und alle Spezialisten interdisziplinär zusammenarbeiten – und Onkologen sind sich sicher, für kommende Pandemien, oder auch die jährliche Grippeepidemie, besser vorbereitet zu sein.

          Professorin Dr. med. Marie von Lilienfeld-Toal ist stellvertretende Klinikdirektorin der Abteilung für Hämatologie und Internistische Onkologie, Klinik für Innere Medizin II am Universitätsklinikum Jena. Professor Dr. med. Lorenz Trümper ist Direktor der Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie an der Universitätsmedizin Göttingen.

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