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Verlagsspezial

Interview : „Vermeidbare Krebserkrankungen besiegen“

Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Michael von Bergwelt (links) und Professor Dr. med. Christof von Kalle (rechts) Bild: Klinikum der Universität München und Philip Benjamin

Forschung und klinische Anwendung haben sich in der Krebsmedizin angenähert. Christof von Kalle und Michael von Bergwelt vertreten diese beiden Disziplinen. Sie sprechen über die Herausforderungen, die größten Potentiale und ehrgeizige Ziele, um die Krebsmedizin weiter voranzubringen.

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          Herr Professor von Bergwelt, seit März gibt es weltweit einen neuen Taktgeber: Das Virus Covid-19 hat Maßnahmen auf den Plan gerufen, die Leben und Arbeiten aller Menschen verändert haben. Was beobachten Sie?
          Michael von Bergwelt: Die Covid-19-Pandemie hat anfangs alle kalt erwischt. Mittlerweile haben wir aufgeholt, Notfallpläne und Strukturen angepasst, damit die Herausforderungen zu bewältigen sind. Es gibt schon heute ein paar überraschende Lektionen. Zum einen lässt sich die wirkliche Bedrohung der Patienten durch das Virus  nicht sicher beurteilen, weil zu wenig über den Grad der Durchseuchung bekannt ist. Ebenso wenig lassen sich die Gefahren für Krebspatienten und die Risiken der Übertragung umfassend einschätzen. In diesem Umfeld müssen Krebsmediziner ihre Patienten auf Basis einer begrenzten Datenlage beraten, ob und in welcher Intensität ihre Therapie durchgeführt werden kann. Das ist für das medizinische Behandlungsteam eine extrem anspruchsvolle Aufgabe, bei der die Leitlinien der Fachgesellschaften unterstützen.

          Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Michael von Bergwelt, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik III am Klinikum der Universität München und Lehrstuhlinhaber für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Hämatologie und Onkologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
          Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Michael von Bergwelt, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik III am Klinikum der Universität München und Lehrstuhlinhaber für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Hämatologie und Onkologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. : Bild: Klinikum der Universität München
          Professor Dr. med. Christof von Kalle, Chair für Klinisch-Translationale Wissenschaften am Berlin Institute of Health und Direktor des Klinischen Studienzentrums und Gründungsdirektor des gemeinsamen Klinischen Studienzentrums von BIH und des Clinical Study Centers der Charité.
          Professor Dr. med. Christof von Kalle, Chair für Klinisch-Translationale Wissenschaften am Berlin Institute of Health und Direktor des Klinischen Studienzentrums und Gründungsdirektor des gemeinsamen Klinischen Studienzentrums von BIH und des Clinical Study Centers der Charité. : Bild: Philip Benjamin

          Welche konkreten Folgen hat die Pandemie?
          MvB: Die Patienten sind stark verunsichert. Sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand und meiden sogar in Situationen von akuten Krankheitssymptomen, wie bei Herzinfarkt oder Schlaganfall, die Notaufnahmen der Kliniken aus Angst, sich dort mit Covid zu infizieren. Dies ist auf jeden Fall falsch, da gerade bei solchen Krankheitsbildern sehr gut geholfen werden kann und wir die Covid und Non-Covid-Bereiche der Krankenhäuser inzwischen gut getrennt haben. Es werden die Statistiken der kommenden Wochen zeigen, ob es eine Übersterblichkeit in diesen Bereichen gibt. Zusammengefasst zwingt diese Pandemie erstens Mediziner dazu, so weit weg von evidenzbasierter Medizin zu arbeiten wie lange nicht. Zweitens dreht dieses Ereignis aktuell die Versorgung von einer patienten- hin zu einer gesellschaftsorientierten und bedroht damit die Errungenschaften der personalisierten Medizin, also auch die Qualität der Krebsmedizin.

          Herr Professor von Kalle, wie gestaltet sich die Situation während der Pandemie an der Charité?
          Christof von Kalle: Ich kann mich dem nur anschließen. Wenn sich ein Hochleistungsklinikum so aufstellt, dass es den zusätzlichen Anforderungen der Pandemie gerecht wird, dann erfolgt das zum Schutz aller Patienten. Hier einen optimalen Punkt in der Verteilung der Ressourcen zu treffen ist nicht einfach. Es besteht die Gefahr, auf der anderen Seite vom Pferd herunterzufallen, wenn die Konzentration auf Covid zu hoch ist und andere lebensbedrohliche Krankheiten vernachlässigt werden. Die Scheu der Patienten, sich jetzt in ärztliche Behandlung zu begeben, ist verständlich, aber
          nicht in allen Fällen gerechtfertigt. Es ist wichtig, sicherzustellen, dass die Türen der Kliniken für alle Patienten offen stehen und kein Risiko bedeuten. Ich bin zuversichtlich, dass sich die unterschiedlichen Herausforderungen mit Fortschreiten der Pandemie immer besser bewältigen lassen.

          Speziell von den Fortschritten der Immun­onkologie profitieren Krebspatienten seit einem Jahrzehnt besonders. Was sind in Ihren Augen die wichtigsten Entwicklungen?
          MvB: Es sind drei große Bereiche: In der Immuntherapie hat man lange vergeblich versucht, das Immunsystem zu aktivieren. Mit der CAR-T-Zell-Technologie steht nun ein Verfahren zur Verfügung, mit dem körpereigene Zellen gegen den Tumor scharfgeschaltet werden können. Diese Technik ist erst bei zwei Krebsarten bis in die Praxis fortgeschritten, doch sie kann als vielversprechendes Modell gesehen werden, mit dem schon bald weitere Krebsarten effektiv behandelt werden können. Das zweite Konzept ist die Checkpoint-Inhibition, die bereits eine breitere Anwendung bei soliden Tumoren und Lymphomen findet. Hier geht es zukünftig um ein besseres Verständnis, wie die existierenden Immunantworten gegen Tumoren verbessert werden können. Der dritte Gedanke ist, dass die Immunonkologie allein nicht der Weisheit letzter Schluss ist, ­sondern dass durch die Kombination mit anderen, vormals bahnbrechenden ­Verfahren – wie Strahlen- oder Chemotherapien – ganz wesentliche Fortschritte erreicht werden können. In diesen Kombinationen sehe ich ein erhebliches Potential für die Zukunft.

          Sie beschäftigen sich mit Krebserkrankungen vor allem aus Sicht der genetischen Forschung sowie mit dem Transfer der Erkenntnisse in die Anwendung. Wie hat sich das Bild der Krebserkrankungen auf molekularer Ebene gewandelt?
          CvK: Die Wandlung der Forschung spiegelt sich in den eben beschriebenen Fortschritten. Erst haben wir über ein Jahrzehnt die molekularen Marker erforscht und an der Entschlüsselung molekularer Pathways gearbeitet. Dann konnten in der Grundlagenforschung die Interaktionen des Tumors mit dem Wirt sowie die Vulnerabilitäten der Tumoren immer besser verstanden werden. Dieser enorme Erkenntnisgewinn hat sich innerhalb nur weniger Jahre in klinischen Studien niedergeschlagen und zu den bahnbrechenden Therapieverfahren des 21. Jahrhunderts geführt. So können mit dem CAR-T-Zell-Verfahren heute Menschen gerettet werden, die mit konventionellen Verfahren vor wenigen Jahren sicher verstorben wären. Man kann sagen, die moderne Grundlagenforschung hat heute eine solche Geschwindigkeit, dass sie die neue translationale Forschung geworden ist.

          Medizinern und Forschern gelingt es immer besser, Krebserkrankungen im Detail zu verstehen. Wie schätzen Sie die Aussage ein, dass Krebserkrankungen in zehn Jahren besiegbar sein sollen?
          MvB: Es absolut sinnvoll, einen hohen Anspruch an die Krebsmedizin zu stellen, selbst wenn diese Aussage absolut gesehen nicht umgesetzt werden kann. Ich glaube, es ist ein gutes und realistisches Ziel, vermeidbare Krebserkrankungen besiegen zu wollen. Dafür sind insbesondere die Risikofaktoren für diese Krebsarten zu minimieren.
          CvK: Es ist wichtig und hilfreich, dass wir versuchen, Krebserkrankungen zu besiegen. Selbst wenn es nicht in allen Bereichen gelingen sollte, lässt sich mit diesem Ziel der in den 80er und 90er Jahren entstandene Fatalismus, dass Krebs eine unheilbare Krankheit darstellt, überwinden. Es braucht einen gewissen Enthusiasmus und eine höhere Laufgeschwindigkeit, um in der Krebstherapie weiter voranzukommen.

          Unter Ihrer Leitung entstand die Initiative Vision Zero für die Krebsmedizin. Was wollen Sie mit Ihren Mitstreitern erreichen?
          CvK: Die Ausgangsfrage war, Bereiche der Gesellschaft zu identifizieren, in denen komplexe, lebensbedrohliche und scheinbar unlösbare Herausforderungen bewältigt worden sind. Mit dem Blick über den Tellerrand fand sich das Ziel „null vermeidbare Todesfälle“. Eine Vorgabe, die von ihrem Ursprung in der Arbeitssicherheit den Weg in das Verkehrswesen gefunden hat und dort die Unfallraten in unvorstellbarem Maße reduziert hat. Von dieser Philosophie, jeden Prozess zu analysieren und jede Präventionsmaßnahme als sinnvollen Aufwand einzustufen, davon sind wir in der Medin noch sehr weit entfernt.

          Wie sehen die konkreten Maßnahmen dafür aus?
          CvK: Die Prävention ist ein ganz großes Thema. Beispielsweise wurde in Deutschland unfassbare 16 Jahre lang in Ausschüssen diskutiert, bis im Bereich der Darmkrebsprävention ein Einladungsverfahren „light“ verabschiedet werden konnte. Die Zigaretten sind hierzulande so billig wie nirgendwo sonst in Europa, obwohl bekannt ist, wie dadurch das Konsumverhalten getriggert wird und wie bedeutsam Rauchen als Risikofaktor für Lungenkrebs ist. Doch mit einer Maßnahme wird nicht der große Wurf gelingen. Es ist ein kleinteiliger Prozess, in dem jeder einzelne Stein umgedreht werden muss, und jeder dieser Schritte muss die Anforderung erfüllen, das Optimum zu versuchen.

          Welche Beispiele gibt es schon in der Praxis, die für dieses Vorhaben sprechen?
          MvB: Es gibt zahlreiche Maßnahmen, die bereits einen enormen Beitrag geleistet haben. Sauberes Wasser und gute Hygienestandards zählen zu den wichtigen Errungenschaften in den Industrienationen. Hingegen sterben weltweit täglich noch über 1200 Kinder an Krankheiten, die durch verschmutztes Wasser verursacht werden. Vor vielen Infektionskrankheiten schützen heute Impfungen: Polio konnte damit fast ausgerottet werden, vor Influenza und Pneumokokken können wir uns gut mittels Impfung schützen. Das lässt sich mit der HPV-Impfung auf Krebserkrankungen übertragen. Ein anderer Bereich sind Vorsorgeuntersuchungen und besonders das Neugeborenen-Screening, mittels derer viele Erkrankungen frühzeitig erkannt und behandelt werden könnten. Als dritte Komponente können Lebensstilinterventionen wie Über­gewichtreduktion und Bewegung genannt werden. Damit lassen sich nachweislich Diabetes, Herz-Kreislauf- und auch Krebs­erkrankungen verhindern.

          Vorbeugen ist besser als heilen, die alte Binsenweisheit trifft auch auf Krebs­erkrankungen zu. Wo muss auf diesem Feld angesetzt werden, damit sich verstärkt Erfolge zeigen?
          CvK: Zunächst – und das ist unser besonderes Anliegen in der Vision Zero Diskussion, muss die Prävention als eine in hohem Maße lohnende Investitionen in die Zukunft in puncto Zuständigkeit und Finanzierung verstanden und erst einmal tragfähig aufgesetzt werden, denn das ist sie bisher nicht. Krebsvorbeugung hat in Deutschland zum Beispiel keinen Eigentümer der sich dafür zuständig fühlt und auch handlungsfähig ist. Die Finanzierung, Durchführung und stetige Verbesserung erwiesener medizinischer Präventionsmaßnahmen muss eine Pflichtaufgabe der Versorgungsmedizin werden, genauso wie wir die Seuchenvorbeugung in Zukunft hoffentlich auch mit dem notwendigen Nachdruck organisieren werden. Dies alles bleibt wertlos ohne Aufklärung und schrittweise Überzeugungsarbeit, um auf vielen Ebenen ein gesundheitsförderliches Verhalten der Betroffenen buchstäblich auszubilden. Dies ist eine Generationenaufgabe.

          Wo können wir in der Krebsversorgung hierzulande noch besser werden?
          MvB: Zwei Punkte sind hier entscheidend: ­Erstens sollten wir folgend dem Konzept der wissensgenerierenden Versorgung mehr ­lernen. Das bedeutet, mehr aus der klinischen Praxis lernen, indem wir mittels digitaler Instrumente mehr Patientendaten sammeln und Registerdaten besser nutzen und auswerten. Es bedeutet auch, die großen klinischen Studien zusätzlich für vertiefende biologische Analysen zu nutzen, um daraus medizinisch relevante Zusammenhänge abzuleiten und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Zweitens müssen wir es schaffen, die partiell exzellente Krebsversorgung in die Fläche auszurollen. Menschen sollen – unabhängig von ihrem Wohnort und dem Zeitpunkt der Erkrankung – Zugang zur modernen personalisierten Krebstherapie bekommen.

          Das Interview führte Anna Seidinger.

          Mit „Vision Zero“ hat sich eine breite Initiative aus Wissenschaft und Forschung, medizinischen Fachgesellschaften und Verbänden, Stiftungen, Medien und Industrie gegründet. Die Initiatoren möchten dem Ziel, dass niemand mehr an Krebs sterben muss, so nahe wie möglich zu kommen. Auf dem Vision-Zero Kongress am 20. Oktober in Berlin treffen sich führende Kompetenz- und Entscheidungsträger aus Forschung, Klinik und Gesundheitspolitik zu diesem wichtigen Thema. Anmeldungen unter www.vision-zero-2020.de

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