https://www.faz.net/-iwn-a0fgj
Verlagsspezial

Drei Fragen an... : Über Herausforderungen und Bedarfe der Krebsmedizin.

Bild: gudrun/Adobe Stock

Die großen Fortschritte der vergangenen Jahre ermöglichen vielen Krebspatienten, länger und besser zu leben. Gleichzeitig hat Covid-19 in den vergangenen Monaten die volle Aufmerksamkeit beansprucht, viele Ressourcen benötigt und die Abläufe in allen Organisationen verändert. Was bedeutet das für die Krebsmedizin?

          15 Min.

          Prof. Dr. med. Tim H. Brümmendorf,
          Direktor der Klinik für Onkologie, Hämatologie und Stammzelltransplantation an der Uniklinik RWTH Aachen und Direktor des Centrum für Integrierte Onkologie – CIO Aachen

          Was hat Sie im Laufe der Covid-19-Pandemie bisher am meisten überrascht?
          Tim H. Brümmendorf: Ich habe insbesondere den konstruktiven Schulterschluss zwischen Wissenschaft und Politik bislang durchweg positiv wahrgenommen. Ich empfinde es als höchst ermutigend, dass es durch eine faktenbasierten ­Rhetorik und inhaltlich-transparente Berichterstattung offenbar gelingen kann, breite Teile der Bevölkerung auch für unpopuläre Maßnahmen zu gewinnen. Zudem hat die Covid-Krise eines deutlich gezeigt, und das gilt in besonderem Maße auch in der Krebsmedizin: wir haben in Deutschland eine sehr hohe, selbstmotivierte und intrinsische Fürsorgebereitschaft bei Ärzten, Pflegekräften und allen an der Versorgung von Schwerkranken beteiligten Berufsgruppen, die wir wertschätzen und nicht durch überbordende bürokratische Pflichten unnötig verschleißen sollten.

          Wo sehen Sie als Leiter des CIO Aachen auf dem Feld der Krebsmedizin den größten Bedarf für Innovationen in Therapie und Diagnostik?
          Trotz der vielen medizinischen Erfolge bei der Behandlung von Krebserkrankungen ist unser Verständnis über die Entstehung und insbesondere das Fortschreiten bösartiger Erkrankungen insgesamt noch sehr lückenhaft. Die Kenntnis der exakten molekularen Mechanismen hinter diesen Vorgängen ist aber die Voraussetzung für die gezielte therapeutische Intervention und schlussendlich für die Heilung auch in fortgeschrittenen Stadien. Hier sehe ich das größte Potential in der Kombination innovativer molekulargenetischer und datenwissenschaftlicher Methoden für die Entschlüsselung der zugrundeliegenden Unterschiede zwischen bösartigen Tumorzellen und gesundem Gewebe. Diese individuell unterschiedlichen Veränderungen können als Zielstruktur für therapeutische Ansätze dienen und den Weg zu einer im echten Sinne personalisierten Krebstherapie bereiten.

          Welche Herausforderungen gibt es in Deutschland, damit alle Patienten von den Möglichkeiten der Krebsmedizin umfänglich profitieren können?
          Für Fortschritte in der Tumortherapie sind eine starke translationale, also hier: kliniknahe Forschung und systematische klinische Studien entscheidende Voraussetzungen. Durch die Innovationskraft der personalisierten Medizin werden die Subgruppen molekular definierter Tumor­erkrankungen einerseits immer kleiner, gleichzeitig wird aber die Regulatorik und Logistik klinischer Studien immer komplexer. Deshalb ist ein uneingeschränktes, ehrliches Bekenntnis zur universitären Spitzenmedizin auch außerhalb der Covid-Krise erforderlich, damit neue innovative Diagnostik und Therapie schnellstmöglich am Patientenbett wirksam werden können. Außerdem benötigt die Onkologie als ein zentrales Fach der „sprechenden Medizin“ den erforderlichen zeitlichen und ökonomi­schen Spielraum, um ehrlich gemeinte Bemühungen um patientenzentrierte Abläufe und partizipative Entscheidungsfindungsprozesse authentisch und auf Augenhöhe mit Patienten und Angehörigen leben zu können.

          ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

          Dr. Christoph Bug,
          Medizinischer Direktor und Mitglied der Geschäftsführung, Janssen Deutschland

          Was hat Sie im Laufe der Covid-19-Pandemie bisher am meisten überrascht?
          Christoph Bug: Ich bin eher beeindruckt: etwa davon, wie leistungsfähig unser Gesundheitssystem ist. Im Großen und Ganzen sehe ich wenige Länder, deren Gesundheitssystem sich in diesem Dauer-Stresstest als vergleichbar resilient erweist. Wir forschenden Pharma­unternehmen tragen gerade jetzt eine besondere Verantwortung. Mich beindruckt, wie Silo- und Konkurrenzdenken in unserer Branche in den Hintergrund treten, wie lösungsorientiert und pragmatisch sämtliche Akteure des Gesundheitswesens zusammenarbeiten. ­Gemeinsam mit unseren Partnern arbeiten wir mit Hochdruck an der Entwicklung eines Covid-19-Impfstoffs. Das ist bei unseren Mitbewerbern nicht anders. Uns ist bewusst: Es geht nicht darum, wer als Erster die Ziellinie erreicht. Es geht darum, dass viele die Ziellinie erreichen! Ich würde mir wünschen, dass wir diesen Spirit in die Zeit nach Covid-19 mitnehmen.

          Wo sehen Sie als forschendes Pharmaunternehmen auf dem Feld der Krebsmedizin die größten Potentiale für Innovationen in Therapie und Diagnostik?
          Wir verstehen die pathophysiologischen Mechanismen einer Erkrankung immer besser. Gleichzeitig wächst unser diagnos­tischer Werkzeugkasten dank neuer Technologien, etwa im Bereich der Gen­sequenzierung und der Bildgebung. Wir wissen: Eine Krebserkrankung betrifft nicht nur die Organe, in denen sie auftritt. Sie ist oft auch eine Erkrankung der Gene. In der Forschung ist deshalb das Verständnis für die „Biological Pathways“ von großer Wichtigkeit. Ich glaube, dass hier der Schlüssel liegt, um die Auslöser von Erkrankungen zu identifizieren und Therapien zu entwickeln, die bestmöglich auf das spezifische Tumor- und Immunprofil wirken. Doch auch, wenn wir künftig verstärkt bei den pathophysiologischen Prozessen ansetzen und Tumore mit Hilfe von zum Beispiel CAR-T-Zellen bekämpfen: Wir kommen, zumindest bei progressiven Erkrankungen, zu spät, denn der Tumor ist bereits da. Seit einigen Jahren forschen wir deshalb intensiv an den Möglichkeiten der Disease Interception. Das Konzept sieht vor, Erkrankungen zu erkennen und zu behandeln, bevor klinische Symptome auftreten. Das Ziel ist, die Erkrankung aufzuhalten, bevor sie im eigentlichen Sinne ausbricht. Unsere Forschungen deuten darauf hin, dass dieser Ansatz bereits in wenigen Jahren in ersten Indikationen Realität werden könnte.

          Welche Herausforderungen gibt es in Deutschland, damit alle Patienten von den Möglichkeiten der Krebsmedizin umfänglich profitieren können?
          Die größte Herausforderung – und Verantwortung – sehe ich darin, dass wir, alle Akteure im deutschen Gesundheitswesen, dieses gemeinsam im Sinne der ­Patienten weiterentwickeln. Es liegt an uns, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Innovationen auch zukünftig frühzeitig ins System und damit zu den Patienten gelangen – und nicht durch überholte Methoden und Strukturen ausgebremst werden.

          ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

          Chantal Friebertshäuser,
          Geschäftsführerin, MSD Deutschland

          Was hat Sie im Laufe der Covid-19-Pandemie bisher am meisten überrascht?
          Chantal Friebertshäuser: Uns alle hat überrascht, wie rasch wir uns an die großen Veränderungen, welche die Covid-19-Pandemie ausgelöst hat, anpassen. Was lange unmöglich schien, wird in kürzester Zeit möglich. Wir haben schnell zu neuen Formen der Zusammenarbeit gefunden – innerhalb des Unternehmens und in der Kollaboration mit Partnern. Unter Hochdruck arbeiten wir gemeinsam daran einen Impfstoff und Therapien im Kampf gegen Covid-19 zu finden. MSD ist eines von mehr als zehn forschenden Pharmaunternehmen, die sich in einem Public-private-Partnership zur Entwicklung einer koordinierten Forschungsstrategie zusammengetan haben. Es ist eine große Chance, dass die Bedeutung von Forschung nun viel intensiver wahrgenommen wird und Medikamente und Impfstoffe eine neue Wertschätzung erfahren. Gleichzeitig sind wir als pharmazeutische Unternehmen dafür verantwortlich, mit unserer wissenschaftlichen Kompetenz und Innovationsfähigkeit unser Gesundheitswesen und unsere Gesellschaft aktiv zu unterstützen.

          Wo sehen Sie auf dem Feld der Krebsmedizin die größten Potentiale für Innovationen in Therapie und Diagnostik?
          Die Krebstherapie ist einer der innovativsten medizinischen Bereiche. Die immunonkologische Therapie, durch die das körpereigene Immunsystem wieder in die Lage versetzt wird, den Krebs aktiv zu bekämpfen, ist einer dieser innovativen Ansätze. Mit personalisierten und zielgerichteten Therapien steigen auch die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung. Die Therapien werden kontinuierlich an die zugrundeliegende Mutation sowie die Ursachen des Tumorwachstums angepasst. Wir erleben einen Quantensprung, was Überlebenschancen und Zeit angeht. Künstliche Intelligenz und Data Management werden wissenschaftliche Erkenntnisse beschleunigen, die Früherkennung von Krankheiten erleichtern und dazu beitragen, personalisierte Krebstherapien weiterzuentwickeln. Um diese Chance voll zu nutzen, brauchen wir qualitative und glaubwürdige Daten, Rechenleistung und analytische Kompetenz sowie einen hohen Anspruch an Datensicherheit.

          Welche Herausforderungen gibt es in Deutschland, damit alle Patienten von den Möglichkeiten der Krebsmedizin umfänglich profitieren können?
          Wir nutzen nicht das volle Potential unseres Wissens und unserer Möglichkeiten. Wir haben in Deutschland ein gutes Gesundheitssystem, diagnostizieren aber noch zu spät, impfen zu wenig und setzen nicht flächendeckend immer die beste Therapie ein. Personalisierte Therapien sind hier ein gutes Beispiel, die leider noch zu selten angewendet werden. Aber eine andere Sache macht mir Sorgen. Stellen Sie sich vor: Unter 15-jährigen Jugendlichen in Deutschland ist nur ein knappes Drittel gegen HP-Viren geimpft. Wir unterlassen es bewusst oder unbewusst, unsere Kinder gegen HPV-induzierte Krebsarten wie den Gebärmutterhalskrebs oder Kopf-Hals-Tumoren zu impfen. Hier ist also noch viel Aufklärungsarbeit notwendig. Und das ist die wirkliche Herausforderung, nämlich auf breiter Front und in alle Bereiche hinein ein Bewusstsein für diese Impfung zu schaffen. Da können die Digitalisierung und Partnerschaften helfen, zielgerichtete Informationen zu verbreiten sowie Prävention weiter zu fördern.

          ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

          Prof. Dr. med. Stefan Fröhling,
          Geschäftsführender Direktor, Nationales Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg

          Was hat Sie im Laufe der Covid-19-Pandemie bisher am meisten überrascht?
          Stefan Fröhling: Aus Sicht der Onkologie hat mich sehr beeindruckt, dass es trotz dieser außergewöhnlichen Herausforderung gelungen ist, die Versorgung von Krebs­patienten auf höchstem Niveau aufrechtzuerhalten. Bei den dringlichen diagnostischen Maßnahmen und Therapien hat es keine wesentlichen Einschränkungen gegeben. Allerdings hat die Pandemie deutliche Auswirkungen auf Vorsorge-, Früherkennungs- und Nachsorgeuntersuchungen gehabt, deren mittel- bis langfristige Folgen im Moment noch schwer abzuschätzen sind.

          Wo sehen Sie als Direktor des NCT Heidelberg in der Krebsmedizin den größten Bedarf für Innovationen in Therapie und Diagnostik?
          In der Diagnostik ist daran zu arbeiten, die Erkrankung jedes einzelnen Patienten in ihrer Gesamtheit zu verstehen. Damit kann man am Schluss sagen, dass jeder Patient seinen ganz eigenen Krebs hat. Diese Erkenntnis bedeutet für die Behandlung, dass sie möglichst genau auf die individuellen Merkmale der jeweiligen Erkrankung auszurichten ist, um maximale Wirkung zu erzielen und gleichzeitig unnötige Übertherapien zu vermeiden. Dieses Prinzip einer personalisierten Krebsmedizin ist bei der medikamentösen Tumortherapie bereits allgegenwärtig und spielt auch in den anderen Kernbereichen der Onkologie wie der Strahlentherapie und der Chirurgie eine zunehmende Rolle. Bei den klinischen Studien braucht es noch ein Umdenken. Ein immer besseres Verständnis von Krebserkrankungen bedingt, dass die Gruppen „gleicher“ oder zumindest ähnlicher Patienten immer kleiner werden. Es werden daher dringend Strategien benötigt, die es erlauben, auch aus kleinen Patientenkollektiven oder sogar Einzelfällen Informationen abzuleiten, die zur Entwicklung neuer Dia­gnose- und Behandlungsmethoden beitragen können. Gleichzeitig wird die regionale, nationale und internationale Vernetzung zwischen onkologisch Tätigen immer wichtiger. Eine weitere Herausforderung besteht darin, die im onkologischen Alltag erhobenen Informationen für die Forschung nutzbar zu machen, so dass sogenannte Real-World Evidence den Fortschritt der Krebsmedizin befördern kann.

          Welche Herausforderungen gibt es in Deutschland, damit alle Patienten von den Möglichkeiten der Krebsmedizin umfänglich profitieren können?
          Es gibt eine ausgezeichnete Struktur, damit alle Bürger Zugang zu einer modernen Krebsmedizin haben. Das Netzwerk der onkologischen Spitzenzentren steht dafür. Eine Handlungsfeld liegt darin, dass vielversprechende Ergebnisse der Krebsforschung schneller bei den Patienten ankommen müssen. Dafür wird nach meiner Einschätzung in bestimmten Bereichen eine Zentralisierung zu akzeptieren sein: Hochspezialisierte und experimentelle Verfahren sollten in ganz bestimmten Innovation Hubs angesiedelt sein. Damit können wir international konkurrenzfähig bleiben und die Entwicklung modernster Dia­gnoseverfahren und Behandlungsmethoden so schnell wie möglich vorantreiben, so dass sie in der Breite eingesetzt werden können.

          ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

          Dr. Ruth Hecker,
          Vorsitzende Aktionsbündnis Patientensicherheit

          Was hat Sie im Laufe der Covid-19-Pandemie bisher am meisten überrascht?
          Ruth Hecker: Überrascht hat mich die unglaubliche Flexibilität von Personen und Organisationen, die Schnelligkeit der Umsetzung von Maßnahmen in allen Bereichen. Es galt, neue Wege innerhalb des Krankenhauses für die Patientenversorgung zu finden, neue Verantwortlichkeiten zu verteilen, manchmal wurden auch schnell die Rollen gewechselt – die Mitarbeiter konnten das sehr gut annehmen und Eigenverantwortung übernehmen. Es gab deutlich weniger Konkurrenz, gemeinsam wurde nach Lösungen gesucht, für Patienten und Mitarbeiter. Dies finde ich sehr beeindruckend.

          Wo sehen Sie als Vorsitzende des Aktionsbündnisses für Patientensicherheit in der Krebsmedizin den größten Bedarf für Innovationen?
          Den größten Bedarf sehe ich in der intelligenten Nutzung von genetischen und immunologischen Therapieansätzen, gepaart mit den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz oder genauer dem Machine Learning. Dies wird uns in Zukunft eine auf den individuellen Patienten abgestimmte personalisierte Therapie mit den größtmöglichen Erfolgsaussichten ermöglichen. Hierfür müssen wir Voraussetzungen schaffen. Das Know-how der Mediziner, der Onkologen, müssen wir mit dem Know-how der Datenspezialisten verbinden. Vielleicht entsteht daraus eine neue Berufsgruppe. Die Daten sind nur etwas wert, wenn Algorithmen für medizinisch sinnvolle Fragestellungen definiert werden. Die innovative Kraft der Daten und die Nutzung der Digitalisierung schöpfen wir bislang bei weitem nicht aus. Der Nutzen wäre über den gesamten Behandlungsprozess, von der Prävention über die Therapie bis zur Nachsorge, erkennbar.

          Welche Herausforderungen gibt es in Deutschland, damit alle Patienten von den Möglichkeiten der Krebsmedizin umfänglich profitieren können?
          Zurzeit bekommt nicht jeder Patient überall die gleich gute Therapie. Gute onkologische Versorgung ist regional unterschiedlich und unter Umständen zufällig. Wir sollten in Deutschland politisch den Mut aufbringen, dies anzuerkennen. Erst dann können wir die Strukturen in Deutschland sinnvoll verändern. Wir benötigen klare und einfache Strukturen, über die Sektorengrenzen hinweg, die auch von Patienten verstanden werden. Wir benötigen Forschungszentren, die in der Lage sind, ihre Ergebnisse schnell in die breite Versorgung zu bringen, insbesondere auch in die ambulante Versorgung. Ich sehe hier spezialisierte Zentren, die ihr Know-how, ihre Standards wie ein Spinnennetz an andere Krankenhäuser und Arztpraxen weitergeben. Das Zentrum ist Ansprechpartner für Rückfragen und Therapieabweichungen. Die Behandlungsergebnisse werden ebenfalls an die Zentren zurückgemeldet, damit diese Daten der Forschung wieder zur Verfügung stehen. Die beste Waffe gegen Krebs ist die Prävention. Wir dürfen nicht müde werden, der Bevölkerung die Präventionsmaßnahmen nahezubringen. Dazu gehört auch, den entscheidenden Nutzen der Früherkennung deutlich zu machen. Nach einer Krebsdiagnose fällt es den Betroffenen schwer, unabhängige und laienverständliche Informationen zu erhalten. Es gibt zahlreiche Angebote und viele Anbieter, für den einzelnen Patienten ist es aber unübersichtlich, und die Bewertung derselben fällt schwer. Es ist sicherlich eine Chance, hier die Ressourcen zu bündeln.

          ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

          Carl Janssen,
          Leiter der Onkologie bei der Pfizer Pharma GmbH und Geschäftsführer

          Was hat Sie im Laufe der Covid-19-Pandemie bisher am meisten überrascht?
          Carl Janssen: Nicht unbedingt überrascht, aber sehr positiv beeindruckt hat mich die große Solidarität in unserer Gesellschaft. Es wurde und es wird weiterhin sehr viel dafür getan, Menschen vor einer Ansteckung zu schützen, insbesondere jene, die ein erhöhtes Risiko für Komplikationen unter einer Covid-19-Erkrankung haben. Das betrifft natürlich nicht nur, aber eben gerade auch Menschen mit Krebs. Sie sind auf einen besonderen Schutz durch solidarisches Handeln angewiesen. Und es ist großartig, wie engagierte Ärzte und Pfleger ihre eigene Gesundheit riskieren, um Patienten zu helfen.

          Wo sehen Sie als forschendes Pharma­unternehmen auf dem Feld der Krebs­medizin die größten Potentiale für Inno­vationen in Therapie und Diagnostik?
          Ich glaube, dass unter anderem die Möglichkeiten der Kombination von Therapien noch lange nicht ausgeschöpft sind. Mit der Immunonkologie ist beispielsweise ein innovativer Ansatz entstanden, der die Abwehrkraft der körpereigenen Immunzellen gegen den Tumor reaktiviert. Das ist ein sehr wichtiges Werkzeug, das zur Therapie bei verschiedenen Formen von Krebs zur Verfügung steht. Die Kombination der Immunonkologie mit zielgerichteten Therapien ist noch vergleichsweise neu und erweitert das Potential zusätzlich. Auch Impfungen gegen Krebs zu entwickeln ist sicherlich ein hoffnungsvoller Weg, um mehr Menschen helfen zu können. Es bleibt wichtig, dass wir in verschiedenste Richtungen forschen, auch weil es wohl keine komplexere und verschiedenartigere Erkrankung gibt als Krebs. Je mehr Optionen und Kombinationsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, desto besser können wir die Erkrankung auf individueller Ebene behandeln. Und für die Therapiewahl spielt wiederum die Diagnostik natürlich eine große Rolle. Ich glaube, dass zukünftig noch viel genauer auf die molekularen Eigenschaften einzelner Tumore oder sogar einzelner Krebszellen innerhalb eines Tumors geschaut werden wird.

          Welche Herausforderungen gibt es in Deutschland, damit alle Patienten von den Möglichkeiten der Krebsmedizin umfänglich profitieren können?
          Zunächst möchte ich etwas sehr Positives betonen zur Verfügbarkeit neuer Therapien in Deutschland: In der Regel stehen Ärzten und Patienten innovative Medikamente hierzulande direkt nach einer Zulassung in der EU zur Verfügung. Das ist auch im internationalen Vergleich herausragend. Trotzdem dringen die medizinischen Innovationen nicht immer so schnell durch, wie es gerade für Patienten mit Krebs wünschenswert wäre, für die Zeit ein wichtiger Faktor ist. Hierfür gibt es meist strukturelle Gründe, beispielsweise Lücken bei der Erstattung von Testverfahren, mit denen molekulare Eigenschaften von Tumoren bestimmt werden können. Wir können mit auf bestimmte Mutationen gerichteten Therapien die Chancen von Patienten aber nur dann verbessern, wenn nach diesen Mutationen auch gesucht wird. Hier besteht weiterer Handlungsbedarf.

          ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

          Prof. Dr. med. Anja Mehnert-Theuerkauf,
          Leiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universitätsklinikum Leipzig

          Was hat Sie im Laufe der Covid-19-Pandemie bisher am meisten überrascht?
          Anja Mehnert-Theuerkauf: Die Besonnenheit der meisten Patientinnen und Patienten, die sehr offen und flexibel mit den veränderten Strukturen in der psychoonkologischen Versorgung wie zum Beispiel webbasierten Beratungs- und Unterstützungsangeboten umgegangen sind. Die Pandemie hat aber auch gezeigt, wie wichtig eine gute Koordination der Versorgung und angemessene Kommunikation sowohl mit Patienten und Angehörigen als auch innerhalb der professionellen Behandlungsteams sind.

          Wo sehen Sie als Abteilungsleiterin für Medizinische Psychologie und Soziologie den größten Bedarf für Innovationen in der Krebsmedizin?
          Den größten Bedarf sehe ich in der Balance zwischen einer effektiven Hochleistungsmedizin und Versorgungsstrukturen, dieden psychosozialen Bedürfnissen der Patienten und ihrer Angehörigen im Sinne eines biopsychosozialen Konzepts Rechnung tragen. Dazu gehört zum Beispiel mehr Zeit für Gespräche, eine bessere Kommunikation, verbindliche Ansprechpartner und eine sektorenübergreifende Versorgung sowie Nachsorge unter anderem mit Blick auf Cancer Survivorship-Programme.

          Welche Herausforderungen gibt es in Deutschland, damit alle Patienten von den Möglichkeiten der Krebsmedizin umfänglich profitieren können?
          Es gibt ausreichend Evidenz, die belegt, dass der sozioökonomische Status eines Menschen, das heißt Faktoren wie Bildung, Erwerbstätigkeit und Wohnsituation, einen signifikanten Einfluss auf die Krebsinzidenz und mortalität hat. Menschen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status haben ein höheres Risiko, an lebensstilassoziierten Tumoren zu erkranken, also Tumore, deren Auftreten wie mit ungesunder Ernährung, übermäßigem Alkoholkonsum und/oder Tabakkonsum in Zusammenhang steht. Für diese Effekte sind wahrscheinlich unterschiedliche Gründe verantwortlich, wie eine geringe Teilnahme an Früherkennungsprogrammen und eine späte Diagnosestellung, aber auch ein ungesunder Lebensstil und eine hohe Komorbidität. Die Stärkung der Gesundheitskompetenz und zielgruppenspezifische Präventionsprogramme sind enorm wichtig. Die Herausforderung von Präventionsprogrammen besteht vor allem darin, genau jene Personen mit hohen Risiken anzusprechen und eine möglichst dauerhafte Veränderung des Gesundheitsverhaltens zu erreichen. Digitale Angebote und mobile Gesundheitstechnologien zur Förderung des Gesundheitsverhaltens könnten hier eine größere Rolle spielen – erfordern allerdings wiederum auch digitale Kompetenz im Umgang mit den Technologien.

          ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

          Eva Schumacher-Wulf,
          Chefredakteurin des Brustkrebsmagazins Mamma Mia!

          Was hat Sie im Laufe der Covid-19-Pandemie bisher am meisten überrascht?
          Eva Schumacher-Wulf: Es gab verschiedene Dinge, die mich überrascht haben. Am meisten irritiert mich, dass es in einer schwierigen Zeit wie dieser offensichtlich sehr einfach ist, unzählige Anhänger für absurde Verschwörungstheorien zu begeistern. Weiterhin haben mich teils widersprüchliche Aussagen von Wissenschaftlern gewundert, beispielsweise was den Nutzen von Masken angeht. Den „Öffnungswettstreit“ einiger Politiker fand ich befremdlich, und ich war erstaunt, wie viele Persönlichkeitsrechte ohne große Debatten außer Kraft gesetzt wurden.

          Wo sehen Sie als Brustkrebspatientin in der Krebsmedizin den größten Bedarf für Innovationen oder Versorgung?
          Wir müssen dringend die digitalen Möglichkeiten der heutigen Zeit besser nutzen. Zum einen in der Versorgung, hier hat die Corona-Zeit einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, beispielsweise Online-Sprechstunden anzubieten. Dass Patienten noch immer keinen Zugriff auf ihre Daten wie beispielsweise Blutwerte haben, ihre Rezepte beim Arzt abholen und in die ­Apotheke tragen müssen und vieles mehr, ist absurd. Insbesondere für immunsupprimierte Patienten ist jeder dieser unnötigen Gänge eine Gefahr, und zwar nicht erst, seit es Covid-19 gibt. Weiter­hin müssen wir dringend Versorgungsdaten nutzen, um Krebstherapien und Therapie­algorithmen zu optimieren. Die Daten sind da, werden aber nicht genutzt, weil man sich seit Jahren nicht einigen kann, wie ein „lernendes System“ in der Praxis aussehen könnte. Als Patientin möchte ich übrigens allen Datenschützern sagen, dass ich gerne selbst entscheiden möchte, was mit meinen Daten passiert. Kranke ­Menschen haben oft wenig zu verlieren, die Weitergabe ihrer Daten kann eine Chance auf Leben bedeuten. Das ist für gesunde Menschen schwer nachvollziehbar.

          Welche Herausforderungen gibt es in Deutschland, damit alle Patienten von den Möglichkeiten der Krebsmedizin umfänglich profitieren können?
          Die Finanzierbarkeit der Zukunft ist wahrscheinlich die größte Herausforderung. Hier muss eine ehrliche gesellschaftliche Debatte geführt werden, was es uns wert ist, Krebspatienten auch künftig nach dem neuesten Stand der Wissenschaft zu behandeln. In diesem Zusammenhang müssen wir wegkommen von einer gewinnorientierten Versorgung hin zu einer patientenzentrierten, zuwendungsorientierten Medizin. Außerdem muss die Patientenbeteiligung verbessert werden – von einer Feigenblattfunktion hin zu einer ehrlichen ­Zusammenarbeit und einem respektvollen Austausch auf Augenhöhe. Patientenvertreter gehören an den Tisch, und zwar überall dort, wo über statt mit Patienten geredet wird. Den Satz: „Damit sind Patienten überfordert!“, darf gerne jeder Akteur im Gesundheitswesen aus seinem Vokabular streichen und sich stattdessen vom Gegenteil überzeugen lassen.

          Topmeldungen

          Zunehmend besser verstehen Wissenschaftler die genetischen Ursachen von Krebs. Darin liegen große Chancen für die Prävention.

          : Die Chancen flächendeckender DNA-Tests

          Das Wissen, dass Krebs in seltenen Fällen erblich sein kann, macht Betroffenen und deren Familien Angst. Es ist aber an der Zeit, in der Testung auf genetische Veränderungen einen Segen zu sehen, nicht eine Bürde. Der Zugang zur Diagnostik hat sich geändert und verlangt eine vollständige Korrektur.
          Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Michael von Bergwelt (links) und Professor Dr. med. Christof von Kalle (rechts)

          Interview : „Vermeidbare Krebserkrankungen besiegen“

          Forschung und klinische Anwendung haben sich in der Krebsmedizin angenähert. Christof von Kalle und Michael von Bergwelt vertreten diese beiden Disziplinen. Sie sprechen über die Herausforderungen, die größten Potentiale und ehrgeizige Ziele, um die Krebsmedizin weiter voranzubringen.
          Die Zusammenarbeit der Besten erhöht die Chancen für Erfolg. Multidisziplinäre Exzellenzcluster können im internationalen Verbund wegweisend sein.

          : Netzwerke: Der Schlüssel für globale Wettbewerbsfähigkeit

          Was macht Fortschritt in der Krebsmedizin aus? Wer sind die Treiber dieses innovativen Feldes? Eine umfangreiche Netzwerk- und Resilienzanalyse liefert Antworten, bietet Erkenntnisse über Forschungskooperationen und stellt Maßnahmen vor, wie die Zukunft der deutschen und europäischen Medizin erfolgreich gestaltet werden kann.
          Diverse Teams sind nachweislich leistungsstärker. Doch Frauen sind in der Krebsmedizin unterrepräsentiert.

          : Warum die Medizin nur mit Frauen zukunftsfähig bleibt

          Der Frauenanteil in den Vorstandsetagen der deutschen Konzerne überschritt im vergangenen Jahr erstmals die Zehnprozentmarke. In der Medizin liegt der Anteil noch niedriger. Die Covid-19-Krise zeigt es aktuell besonders: Um die Vorteile diverser Teams auch im Gesundheitswesen nutzen zu können, braucht es Mut zum Wandel.