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Verlagsspezial

: Netzwerke: Der Schlüssel für globale Wettbewerbsfähigkeit

Die Zusammenarbeit der Besten erhöht die Chancen für Erfolg. Multidisziplinäre Exzellenzcluster können im internationalen Verbund wegweisend sein. Bild: Vink Fan/Adobestock

Was macht Fortschritt in der Krebsmedizin aus? Wer sind die Treiber dieses innovativen Feldes? Eine umfangreiche Netzwerk- und Resilienzanalyse liefert Antworten, bietet Erkenntnisse über Forschungskooperationen und stellt Maßnahmen vor, wie die Zukunft der deutschen und europäischen Medizin erfolgreich gestaltet werden kann.

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          Disruptive Zeiten, wie wir sie heute mit Covid-19 erleben, sind auch Zeiten, in denen sich Branchen und Industrien neu anordnen. In Deutschland bestimmten bislang Automobil-, Maschinenbau- und Energiesektor die Richtung, in den vergangenen Monaten drängte der Gesundheitssektor als Teil der systemkritischen Lebensinfrastruktur massiv in den Vordergrund. Es braucht forschende Universitäten, Kliniken, junge Biotech- und etablierte Pharmafirmen sowie finanzielle Ressourcen, um neue Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln. Nur so kann die Welt wieder ins Laufen gebracht werden.


          Medizin muss im weltweiten Wettbewerb bestehen

          Ein geopolitisches Rennen ist eröffnet, um die Pandemie mit einem Medikament oder einem Impfstoff einzudämmen. Harte nationalistische Verteilungskämpfe werden einer öffentlichen, globalen Lösung entgegenstehen. Daher ist es nachvollziehbar, wenn eine autonomere deutsche beziehungsweise europäische Gesundheitswirtschaft gefordert wird, um in einer konfliktträchtigen, multipolaren Welt zu bestehen. Für dieses Ziel bedarf es allerdings besonderer Strategien, denn das über Jahrzehnte gewachsene Netzwerk aus Universitäten, Kliniken, Pharmaunternehmen und Investoren verfügt über eigene Spielregeln, die sich nicht einfach transformieren lassen.

          Wie dieses globale Netzwerk im Feld der Medizin funktioniert, ­veranschaulicht die Krebsmedizin sehr gut. Das FASresearch-Institut hat in Zusammenarbeit mit dem Pharmaunternehmen Pfizer die weltweiten onkologischen Forschungs- und Verwertungsnetzwerke von 2010 bis 2019 betrachtet. Diese Big-Data-Studie zeigt, dass weltweit betrachtet ein Netzwerk aus lediglich 14 Ländern für 90 Prozent des globalen Innovationsgeschehens verantwortlich ist. Neben den Vereinigten Staaten, Kanada, China, Japan, Südkorea und Australien, sind es in Europa Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Schweiz, Spanien, Italien, Schweden, und die Niederlande, die den weltweiten medizinischen Fortschritt in der Onkologie schultern.


          Hohe Netzwerkdichte zieht Forscher und Geld an

          Blickt man auf die kontinentale Verteilung, sieht es zunächst ausgewogen aus: Der Anteil an den wissenschaftlichen Publikationen, klinischen Studien und Patenten beträgt für Nordamerika sowie für den asiatischen Raum jeweils 44 und für Europa 39 Prozent. Betrachtet man hingegen im Detail die Netzwerkstrukturen, also wer mit wem publiziert, patentiert und klinische Studien durchführt – dann verändert sich das Bild. Es zeigen sich zwei dominante Cluster mit den Vereinigten Staaten und China – und ein in nationale Kleinteiligkeit zersplittertes Europa. Die Dichte der Kooperationsbeziehungen zeigt, wie stark ein System nach innen orientiert ist: Sie liegt in den Vereinigten Staaten viermal und in China zweieinhalbmal höher als in Europa. Der Unterschied lässt sich nicht damit begründen, dass sich Forschung und Entwicklung auf einige wenige Spitzeninstitute konzentrieren, vielmehr verfügen die Vereinigten Staaten im Vergleich zu Europa über eine um 30 Prozent höhere Diversifizierung hinsichtlich der Anzahl, Größe und Art der Forschungsstätten.

          Diese hohe Netzwerkdichte erzeugt einen Sogeffekt, dem Forscher und Kapital folgen. So übersteigt die Zahl der Kooperationsbeziehungen zwischen einzelnen europäischen Ländern und Partnern aus den Vereinigten Staaten die Zahl der Kooperationen mit anderen europäischen Ländern. Status, Reputation, finanzielle Ressourcen bekommt man als europäische Einrichtung leichter mit amerikanischen Partnern. Während Krebsforscher und Mediziner in den Vereinigten Staaten zu 74 Prozent ausschließlich mit anderen Amerikanern und in China 61 Prozent ausschließlich mit Kollegen aus China kooperieren, beträgt dieser Wert für Deutschland nur 38 Prozent, für kleine Länder wie Österreich gar nur acht Prozent. Während also neues medizinisches Wissen in Form von Publikationen, klinischen Studien und Patenten innerhalb der Vereinigten Staaten zirkuliert, entschwindet es den europäischen Ländern. Die Europäer forschen nicht weniger als die anderen, können ihr Wissen aber in wesentlich geringerem Ausmaß in Europa halten oder verwerten.

          Zwei weitere Beobachtungen, die den schwierigen Weg Europas zu mehr Autonomie zeigen: Erstens fanden die stärksten Austauschbeziehungen im Feld der Onkologie in der vergangenen Dekade zwischen den Vereinigten Staaten und China statt. Zweitens ist Großbritannien der wichtigste Integrator der zerstreuten Forschungsnetzwerke innerhalb Europas und zugleich der zentrale Brückenkopf nach Amerika. Mit dem Brexit bricht diese strukturelle Drehscheibe der ohnedies sehr von nationalen Netzwerken geprägten europäischen Forschung weg.


          Was bedeutet das für die Forderung nach mehr Autonomie in Europa?

          Die Vereinigten Staaten haben gegenüber Europa in den Life Sciences zurzeit eine viel höhere Gravitationsmasse, China eine viel höhere Geschwindigkeit. Einen autonomen, starken, europäischen Forschungsraum gibt es jedoch auch nach 60 Jahren europäischer Integration immer noch nicht.

          Ein pragmatischer Zugang zu mehr Autonomie darf nicht von den bestehenden Forschungsnetzwerken entkoppelt werden, sondern braucht kluge und selbstbewusste Themenführerschaft. Netzwerke funktionieren nach dem einfachen Matthäus-Prinzip – Erfolg gesellt sich zu Erfolg. Wachstum und Fortschritt entstehen aus kleinen kooperativen Zellen, deren Mitglieder sich wechselseitig in ihrem Wissen und Können nach oben schaukeln und damit einen Wettbewerbsvorteil generieren. Themenführerschaft bei existentiellen Zukunftsfragen – zu denen medizinisch betrachtet Antibiotika-Resistenzen, Ausbreitung neuer Krankheiten oder Pandemien sowie Impfstrategien gehören – können globale Anziehungspunkte schaffen. Die deutsche Exzellenzstrategie führt vor, wie rund um gesellschaftlich relevante Themen attraktive Forschungscluster entstehen, die globale Anziehungskraft besitzen. Diese multidisziplinären Zentren gilt es mit deutlich mehr Ressourcen auszustatten und in eine smarte Netzwerkstrategie einzubinden. Vorhandene Beziehungen der Industrie sollten dazu genutzt werden, Deutschland als Broker zwischen den beiden geopolitischen Rivalen Vereinigte Staaten und China zu positionieren. Autonomie und Resilienz sind das Gegenteil von Abschottung und nationaler Schrumpfung, sondern Ergebnis von eigenständigen, lebendigen Austauschbeziehungen – nach innen und mit der Welt. Nicht in der Masse, sondern in der Einzigartigkeit der Beziehungsstrukturen liegt der entscheidende Wettbewerbsvorteil und damit der Schlüssel zu mehr Widerstandsfähigkeit.

          Deutschland wird dabei als EU-Ratsvorsitzland sehr große Bedeutung zukommen. Konfrontiert mit den massiven weltwirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Krise und nach dem Brexit, steht Europa in einer ­existentiell wichtigen Phase. Es wird entschlossenes und visionäres Leadership von der Politik erwartet. Erfolgskritisch wird ein strategischer Masterplan sein, um die europäische Autonomie und Resilienz zu stärken. Auch der Gesundheitsbereich kann auf den innovativen Zukunftsfeldern nur dann im internationalen Wettbewerb bestehen, wenn mit dem klaren Anspruch auf Themenführerschaft offensiv eigenständige Netzwerke aufgebaut werden.

          Dr. Harald Katzmair ist Gründer und ­Direktor der FASresearch in Wien.

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