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Verlagsspezial

Interview : „Gemeinsam die Komplexität in der Medizin meistern“

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Professor Dr. Hagen Pfundner (links) und Professor Dr. Ugur Sahin (rechts) Bild: Roche Pharma AG und BioNTech SE

Die Entwicklung neuer Therapien ist eine Herausforderung, die unter zunehmendem Wettbewerbsdruck steht. Gemeinsam können Biotech- und Pharmaunternehmen schneller zum Ziel gelangen. Hagen Pfundner und Ugur Sahin sprechen über ihre Zusammenarbeit und die gemeinsamen Ziele in der Krebsmedizin.

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          Wenn die Corona-Pandemie bisher etwas Positives gezeigt hat, dann ist es die hohe Geschwindigkeit, mit der Akteure gemeinsam nach Lösungen gesucht haben. Herr Professor Pfundner, Roche hat innerhalb weniger Wochen Covid-19-Diagnostika auf den Markt gebracht. Wie war das so schnell möglich?
          Hagen Pfundner: Wir haben sehr früh und schnell unsere Diagnostika-Expertise auch in Deutschland mobilisiert und Tests zur Detektion von Covid-19 entwickelt. Und wir sind stolz, dass das Engagement unserer Teams so rasch erfolgreich war und wir heute Lösungen anbieten können. Darunter einen automatisierten Hochdurchsatz-Test für den Nachweis des Virus bei akuter Infektion sowie ein Antikörper-Test, der mit sehr hoher Spezifität SARS-CoV-2 bei denjenigen nachweist, die mit dem Virus infiziert wurden. Außergewöhnlich ist aber in der Tat auch, wie schnell diese Tests in der Bevölkerung eingesetzt werden konnten. Dies war nur möglich durch den engen Schulterschluss mit den zuständigen Behörden, der Politik, der Ärzteschaft und den Laboren. Deutschland steht, bezogen auf Testkapazität und Testungen, im internationalen Vergleich hervorragend da.

          Professor Dr. Hagen Pfundner, Vorstand der Roche Pharma AG und Mitglied des Präsidiums des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI)
          Professor Dr. Hagen Pfundner, Vorstand der Roche Pharma AG und Mitglied des Präsidiums des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) : Bild: Roche Pharma AG

          Professor Dr. Ugur Sahin, Mitgründer und Vorstand von BioNTech sowie Mitgründer der Translationalen Onkologie an der Universitätsmedizin Mainz gGmbH (TRON)
          Professor Dr. Ugur Sahin, Mitgründer und Vorstand von BioNTech sowie Mitgründer der Translationalen Onkologie an der Universitätsmedizin Mainz gGmbH (TRON) : Bild: BioNTech SE

          Herr Professor Sahin, Sie stehen bei der Impfstoffentwicklung gegen Covid-19 zusammen mit Ihrem Partner Pfizer am Start für die klinischen Studien? Wie weit sind Sie damit?
          Ugur Sahin: Wir sind unserer Planung voraus. Wir haben die klinische Prüfung nur einen Tag nachdem wir die Genehmigung für den Studienstart vom Paul-Ehrlich-Institut erhalten haben begonnen. Die erste Gruppe Probanden hat den ersten Impfstoff erhalten. Die klinische Prüfung des zweiten mRNA-Impfstoffs hat bereits begonnen. Der nächste Meilenstein für die Studie in Deutschland wird die erste Bestimmung der Impfantworten sein, die wir für Juni erwarten. Außerdem haben wir als Teil unserer globalen Entwicklungsstrategie die Studie in den Vereinigten Staaten begonnen. Auch in China planen wir, eine Studie durchzuführen, die vorbehaltlich der behördlichen Genehmigung bald starten soll.

          Diese Pandemie zeigt auch, wie sehr das deutsche Gesundheitssystem im Bereich der Digitalisierung hinterherhinkt. Warum sind Daten und Digitalisierung für die Krebsmedizin von zentraler Bedeutung?
          Hagen Pfundner: Covid-19 führt uns momentan vor Augen, dass wir in Deutschland ein robustes Gesundheitssystem haben. Bei der digitalen Transformation unseres Gesundheitswesens sind wir jedoch auf einem der letzten Tabellenplätze. Die Tatsache, dass Covid-19-Infektionsnachweise zum Teil noch per Fax übermittelt werden, ist hier nur die Spitze des Eisbergs. Für die Medizin von morgen brauchen wir mehr Vernetzung und funktionierende Schnittstellen für den Austausch von strukturierten und qualitativ hochwertigen Gesundheitsdaten. Das macht Medizin schnell und effizient – und das ist gerade bei onkologischen Erkrankungen so wichtig. Hier geht es häufig schon bei der Diagnose und Intervention um wenige Tage, von den Chancen bei der Prävention ganz zu schweigen.

          Wie nutzen Sie heute schon die ­Digitali­sierung bei der Entwicklung mRNA-basierter Krebstherapien?
          Ugur Sahin: Wir entwickeln auf Basis der individuellen genetischen Merkmale des Krebs­patienten maßgeschneiderte Krebsimpfstoffe. Hierfür nutzen wir das gesamte Potential der Digitalisierung. Die genetische Beschaffenheit jedes Krebses und jedes Patienten ist höchst unterschiedlich. Wir bestimmen für jeden Patienten Milliarden von genetischen und medizinisch relevanten Datenpunkten, die digitalisiert und mittels Hochleistungscomputern entschlüsselt und ausgewertet werden. Wir haben auf Künstlicher Intelligenz basierte Algorithmen entwickelt, die diese Datenpunkte analysieren und eine Blaupause für die Herstellung des mRNA-Krebsimpfstoffs entwerfen. Wir nutzen diese Blaupause, um den maßgeschneiderten mRNA-Impfstoff zu produzieren. Hierfür nutzen wir in Zusammenarbeit mit Siemens semi-automatisierte, digital gesteuerte Produktionsprozesse. Die Produk­tionsdaten werden wiederum digital ausgewertet, nicht nur, um die produzierten Impfstoffe freizugeben, sondern auch, um Trends zu ermitteln und Impfstoffherstellung weiter zu optimieren. Die Behandlungsergebnisse des Patienten werden ebenfalls erfasst und digital ausgewertet. Digitalisierung bedeutet für uns daher nicht nur Komplexitätsbewältigung, Beschleunigung und Informationsmanagement, sondern vor allem iterative Optimierung hin zu einem perfekt auf dem Krebspatienten maßgeschneiderten Behandlungsansatz.

          Sie haben BioNTech in Mainz gegründet, vergangenes Jahr eine für deutsche Verhältnisse große Finanzierungsrunde von knapp 300 Millionen Euro abgeschlossen und den Börsengang an der Nasdaq – nicht in einem deutschen Marktsegment – vollzogen. Woran fehlt es in Deutschland, damit mehr Unternehmen erfolgreich durchstarten können?
          Ugur Sahin: Es zeigt zunächst einmal, dass Deutschland vieles vorhält, woraus erfolgreiche Unternehmen hervorgehen können: für mich ist dies vor allem der Forschungs- und Innovationsgeist. Im Biotech-Bereich unterscheidet sich Deutschland von den Vereinigten Staaten im Wesentlichen in zwei Punkten. Zum einen sind die Industrie und die Finanzierungsmöglichkeiten dort viel umfangreicher. Zum anderen sind die Denkweise und das Verständnis von Investoren für disruptive Innovationen anders. Die Strüngmann-Brüder, die früh in uns investiert haben, sind keine Selbstverständlichkeit in Deutschland. Ich wünsche mir mehr von ihnen.

          Wie beurteilen Sie als Vorstand eines global agierenden Gesundheitsunternehmens die Wettbewerbsfähigkeit von Deutschland für die medizinische Forschung und Entwicklung?
          Hagen Pfundner: Deutschland ist ein guter Standort für medizinische Forschung. Aber Spitzenforschung auf weltweit höchstem Niveau braucht optimale Bedingungen. Dazu gehört die digitale Transformation des Gesundheitswesens. Forschung findet zunehmend datengestützt auch in der Routineversorgung statt. Daten, die täglich tausendfach in Laboren, bei Haus- und Fachärzten, in Krankenhäusern von der Diagnose über den Behandlungserfolg bis zur Nachsorge generiert werden, müssen verknüpft und analysiert werden können. Wenn uns solche Daten anonymisiert, zum Beispiel für Patientinnen mit Brustkrebs, digital vorliegen würden, könnten wir sie automatisiert auswerten und Rückschlüsse für die Arzneimittelforschung treffen. Wir haben längst die Technologien, um Versorgungs- und Forschungsdaten so zu vernetzen, dass wir heute mit jeder einzelnen Behandlung neues Wissen für die Zukunft generieren könnten. Aber selbst, wenn wir schon so weit wären, verwehrt uns der Gesetzgeber in Deutschland den direkten Zugang zu diesen Informationen. Das ist beispielsweise in den Vereinigten Staaten völlig anders – und deswegen kommen auch so viele medizinische Innovationen von dort.
           

          Ihre Unternehmen arbeiten auf dem Gebiet der Krebsforschung zusammen. Was können Sie voneinander lernen?
          Ugur Sahin: Roche samt der Tochter Genentech ist das weltweit führende Unternehmen in der Onkologie. Wir lernen, wie Forschung und innovative Arzneimittelmittelentwicklung aufgestellt sein müssen, um auf einer viel größeren, globalen Skala effektiv zu funktionieren. Das betrifft die interne Organisation der Forschungsprozesse selbst wie auch die internationale Zusammenarbeit mit Ärzten, Kliniken und Arzneimittelbehörden. Hinzu kommt natürlich das Privileg, mit exzellenten Wissenschaftlern und Experten aus diversen Fachbereichen zusammenzuarbeiten zu können, um eine gemeinsame Vision zu verwirklichen.

          Hagen Pfundner: Wir ergänzen uns in der wissenschaftlichen Expertise und haben auch dieselbe Philosophie: Wir lassen uns beide von der Wissenschaft leiten. Warum das wichtig ist? Weil Sie einen gemeinsamen Kompass brauchen, wenn Sie eine Schiffsbesatzung von über 90 000 Kolleginnen und Kollegen mit einer fast 125-jährigen Erfahrung, einem breiten Portfolio und einer enormen Schubkraft mit der Besatzung eines wendigen Schnellboots mit einem klaren Fokus auf Schlüsseltechnologien zusammenbringen. Und dann vereint uns ein gemeinsames Ziel: Eine hochinnovative, personalisierte Krebstherapie zu erforschen, zu entwickeln und in die breite Versorgung zu bringen, um Patienten Hoffnung auf ein Leben in Gesundheit zu geben. Ich bin fest davon überzeugt, dass – angesichts der zunehmenden Komplexität in der Medizin – Partnerschaften dieser Art und neue Formen der Zusammenarbeitet die Zukunft sind.

          Wo sehen Sie die Krebsmedizin in 20 Jahren?
          Ugur Sahin: Mehr als 85 Prozent der bösartigen Krebserkrankungen werden durch innovative Diagnostik im Frühstadium entdeckt. Um ein Wiederauftreten des Krebses vorzubeugen, erhält jeder Krebspatient mit einem erhöhten Risiko für Metastasen künftig nach der operativen Entfernung des Tumors eine auf die genetischen Eigenschaften des Krebses maßgeschneiderte Krebsimmuntherapie. Die Heilungschancen können durch solch individualisierte Therapieansätze im Frühstadium auf über 90 Prozent steigen. Darüber hinaus wird die Mehrzahl der fortgeschrittenen Krebserkrankungen durch maßgeschneiderte Gen- und Immuntherapie erfolgreich behandelbar. Das Einsatzgebiet der Chemotherapie beschränkt sich zunehmend auf die kurzfristige assistierende Behandlung in definierten Krankheitsstadien.

          Hagen Pfundner: Angesichts der Fortschritte, die wir momentan in der onkologischen Forschung erleben, ist das von Ugur Sahin gezeichnete Bild keine Utopie. Ich möchte vielleicht sogar noch einen Schritt weitergehen und postulieren: Eine personalisierte Versorgung, die hochpräzise auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten ist, wird für alle Krebspatienten möglich sein – und zwar unabhängig davon, ob sie in der Nähe eines onkologischen Spitzenzentrums oder irgendwo im ländlichen Raum leben. Denn die industrielle Gesundheitswirtschaft hat die digitalen, diagnostischen und therapeutischen Angebote geschaffen, die eine vernetzte Forschung und flächendeckende Versorgung möglich machen – und die Politik hat hierfür den Rahmen gesetzt.

          Die Fragen stellte Anna Seidinger.

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