https://www.faz.net/-iwn-a0f8d
Verlagsspezial

: Die Chancen flächendeckender DNA-Tests

Zunehmend besser verstehen Wissenschaftler die genetischen Ursachen von Krebs. Darin liegen große Chancen für die Prävention. Bild: Melita/Adobestock

Das Wissen, dass Krebs in seltenen Fällen erblich sein kann, macht Betroffenen und deren Familien Angst. Es ist aber an der Zeit, in der Testung auf genetische Veränderungen einen Segen zu sehen, nicht eine Bürde. Der Zugang zur Diagnostik hat sich geändert und verlangt eine vollständige Korrektur.

          3 Min.

          Bislang fiel eine erblich belastete Familie durch Krebserkrankungen mit ungewöhnlichem Muster auf. Die Patienten waren meist jung, es traten mehrere Tumore bei einem Familienmitglied auf oder die Krankheit betraf mehrere Personen mit Verwandtschaft ersten Grades, zum Beispiel Großmutter, Mutter und Tochter mit Brustkrebs. Erst dann lief, sofern die Betroffenen dies wünschten, die Maschinerie der genetischen Testung an: begonnen mit einem Antrag an die Krankenkasse auf Kostenübernahme, übergehend auf Aufklärungsgespräch, Blutentnahme und wochenlangem Warten auf das Ergebnis. Im Fall eines positiven Befundes wurden die Betroffenen in ein geregeltes Vorsorgeprogramm eingebunden, gegebenenfalls ergänzt durch operative Maßnahmen. Das Paradebeispiel für dieses Vorgehen ist die Geschichte der amerikanischen Schauspielerin Angelina Jolie, deren Fall weltweit Frauen dazu ermutigte, sich auf erblichen Krebs testen zu lassen.

          Eine große Bedeutung beim erblichen Brustkrebs spielen die Gene BRCA1 und BRCA2, die bei der entsprechenden Diagnostik untersucht werden. Sie reparieren geschädigte DNA und tragen so dazu bei, Tumoren zu verhindern. Sind sie mutiert, steigt das Risiko für verschiedene Krebserkrankungen, unter anderem Brust- und Eierstockkarzinome.

          Diagnostik als wichtiger Schritt in Richtung Vision Zero

          Schon immer war es besonders auffällig, wenn Männer an Brustkrebs erkrankten. Gern wurde von der Bevölkerung und von Ärzten etwas in den Hintergrund gedrängt, dass auch Männer Brustdrüsen haben, nur – etwas vereinfacht gesprochen – mit weniger Gewebe und nicht abgerufener Funktion. Daher werden Mammakarzinome bei Männern eher spät diagnostiziert. Ein männlicher Patient hat aber eine viel höhere Wahrscheinlichkeit, eine Mutation im BRCA2-Gen zu tragen, als eine Frau mit Brustkrebs. Was lernen wir daraus? Männer sind Indikatoren für eine Erkrankung, die in betroffenen Familien bevorzugt Frauen mit Brust- und/oder Eierstockkrebs heimsucht.

          In den vergangenen Jahren veränderte sich allerdings das Wissen um die Gene BRCA1 und BRCA2. Es konnte gezeigt werden, dass Träger der mutierten Gene – sowohl Männer als auch Frauen – ein erhöhtes Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs haben. Auch sind BRCA2-Mutationsträger gefährdeter, an einem Prostatakarzinom zu erkranken, als Menschen ohne diese genetische Veränderung. Mit diesem Wissen kann man das Pferd der genetischen Testung quasi von hinten aufzäumen: Überprüfen wir regelhaft diese Ersterkrankungen auf die erbliche Belastung mit BRCA1 oder BRCA2, können wir möglicherweise Familien entdecken, bevor die besonders gefährdeten Frauen erkranken und sie einer spezifischen Vorsorge zuführen, vielleicht sogar einer medikamentösen Prävention. Dies ist die Idee der vielzitierten „Vision Zero“ für Krebserkrankungen: es geht darum, den Krebs zu verhindern anstatt ihn zu therapieren.

          Wenn wir verantwortungsbewusst mit diesem Fortschritt umgehen wollen, müssen wir uns aber auch der Kehrseite der Medaille stellen. Ist ein Mensch an einem Pankreaskarzinom erkrankt, so hilft ihm das Wissen um die genetische Belastung mit BRCA, da hier gezielte Formen der Krebstherapie eingesetzt werden können.

          Wissen wird oft als große Belastung empfunden

          Neu in diesem Zusammenhang ist die Erkenntnis, dass sogenannte PARP-Inhibitoren, die bereits bei BRCA1/2-mutiertem Brust- und Eierstockkrebs etabliert sind, auch Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs und BRCA1/BRCA2-Mutation helfen können. Die Substanzen konnten in einer aktuellen Studie die Erkrankung für einige Monate aufhalten.

          Trotz besserer Therapiemöglichkeiten ist die unerwartete Information um diese genetisch bedingte Krebserkrankung für die Familie sehr belastend. Gerade für jüngere Familienangehörige, die möglicherweise das erste Mal in ihrem Leben solch düsteren Gedanken ausgesetzt sind, ist sie oftmals ein großer Schock. Erneut stellt sich die Frage: Kann nicht die Testung ausgeweitet werden, um mehr erbliche Krebserkrankungen zu entdecken, bevor sie überhaupt auftreten?

          Spezifische DNA-Tests in der Breite gefordert

          Um dies zu beantworten, muss man sich den Preis für eine genetische Testung auf familiäre Brustkrebsgene vor Augen führen. Dieser liegt zurzeit bei mehreren tausend Euro, da die Kalkulation nie drastisch an den deutlich sinkenden Einzelpreis angepasst wurde. Die Kosten der Testung könnten auch dann sinken, wenn mehr Messungen durchgeführt und die entsprechenden Gerätschaften ausgelastet werden. Man nehme sich als Beispiel die genetischen Ethnizitäts- und Abstammungstests, die für kleines Geld im Internet erhältlich sind. Zugegeben: Die Testgenauigkeit ist hier deutlich geringer, denn eine juristische Verpflichtung wird dabei nicht eingegangen. Trotzdem dient dieses Beispiel als relatives Maßband dafür, dass in Deutschland die genetische Diagnostik auf Krebserkrankungen auch etwas anderes ist: nämlich ein großes Geschäft.

          Es ist von hohem gesellschaftlichem Interesse, hier rasch und konsequent eine flächendeckende Änderung für Deutschland herbeizuführen. Länder wie Israel oder Teile der Vereinigten Staaten führten in der Regelversorgung oder zumindest in breiten wissenschaftlichen Untersuchungen bereits eine Testung aller Brustkrebspatientinnen, unabhängig von besonderen Auffälligkeiten der Erkrankung, oder sogar der erwachsenen Bevölkerung an sich durch. Das Ziel ist es, die Anzahl der Neuerkrankungen zu senken. Neben der ethischen Komponente nützt dieser Ansatz auch ökonomisch, gemessen an den geretteten Lebensjahren von Menschen, die voll erwerbstätig und in der Familienfürsorge eingebunden sind. Deutschland kann sich diese Änderung leisten. Es ist zu hoffen, dass die Politik dies erkennt und ganz oben auf die Agenda setzt.

          Professorin Dr. med. Diana Lüftner ist Oberärztin der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie (CVK) an der Charité Universitätsmedizin Berlin.

          Topmeldungen

          Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Michael von Bergwelt (links) und Professor Dr. med. Christof von Kalle (rechts)

          Interview : „Vermeidbare Krebserkrankungen besiegen“

          Forschung und klinische Anwendung haben sich in der Krebsmedizin angenähert. Christof von Kalle und Michael von Bergwelt vertreten diese beiden Disziplinen. Sie sprechen über die Herausforderungen, die größten Potentiale und ehrgeizige Ziele, um die Krebsmedizin weiter voranzubringen.
          Die Zusammenarbeit der Besten erhöht die Chancen für Erfolg. Multidisziplinäre Exzellenzcluster können im internationalen Verbund wegweisend sein.

          : Netzwerke: Der Schlüssel für globale Wettbewerbsfähigkeit

          Was macht Fortschritt in der Krebsmedizin aus? Wer sind die Treiber dieses innovativen Feldes? Eine umfangreiche Netzwerk- und Resilienzanalyse liefert Antworten, bietet Erkenntnisse über Forschungskooperationen und stellt Maßnahmen vor, wie die Zukunft der deutschen und europäischen Medizin erfolgreich gestaltet werden kann.
          Diverse Teams sind nachweislich leistungsstärker. Doch Frauen sind in der Krebsmedizin unterrepräsentiert.

          : Warum die Medizin nur mit Frauen zukunftsfähig bleibt

          Der Frauenanteil in den Vorstandsetagen der deutschen Konzerne überschritt im vergangenen Jahr erstmals die Zehnprozentmarke. In der Medizin liegt der Anteil noch niedriger. Die Covid-19-Krise zeigt es aktuell besonders: Um die Vorteile diverser Teams auch im Gesundheitswesen nutzen zu können, braucht es Mut zum Wandel.
          Medikamente können das Immunsystem schwächen. Deshalb zählen Krebspatienten während einer Behandlung zu den vulnerablen Guppen.

          : Versorgung von Krebspatienten: Eine Herausforderung in Pandemie-Zeiten

          Covid-19 und Tumoren sind eine gefährliche Mischung. So haben Krebspatienten ein erhöhtes Risiko, einen schweren Verlauf der Viruserkrankung zu erleiden. Während der Therapie müssen daher besondere Vorsichtsmaßnahmen gelten und Infektionen an Register gemeldet werden.