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: Vom Mythos der atmenden Wände

Feuchteschwankungen ausgleichen: An den zum Raum weisenden Wandoberflächen sollten offenporige Materialien wie Holz oder diffusionsoffene Lehmputze und Farben verwendet werden. Bild: sturti/iStock

Eines der am häufigsten geäußerten Bedenken gegenüber einer Wärmedämmung der Fassade ist, dass gedämmte Wände nicht mehr richtig atmen könnten. Was ist dran an diesem Vorwurf?

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          Zu uns kommen immer wieder Menschen, die davon überzeugt sind, dass eine Wärmedämmung das Haus wie eine Plastiktüte zu sehr abdichtet und die Wände somit nicht mehr atmen können, was dann vermehrt zu Schimmel führe“, berichtet der Fachbereichsleiter Energie und Bauen der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz Hans Weinreuter. „Doch das sind Behauptungen, die einfach nicht stimmen und inzwischen auch schon längst wissenschaftlich widerlegt sind. Wände können nicht atmen im Sinne eines Luftaustauschs – weder mit noch ohne Wärmedämmung“, stellt Weinreuter klar. Fachleute wie er versuchen seit Langem, durch Aufklärung der Legende von den atmenden Wänden den Garaus zu machen. Dennoch hält sie sich bis heute hartnäckig.

          Versuchsfehler mit Folgen

          In die Welt gesetzt wurde die These von der atmenden Wand bereits im 19. Jahrhundert. Der Chemiker und Hygieniker Max von Pettenkofer (1818 bis 1901) stellte die Theorie auf, dass durchlässige Baustoffe den Luftwechsel in einem Gebäude sicherstellen würden. In einer Untersuchung zeigte sich: Obwohl er sämtliche Fugen eines Raums abgedichtet zu haben schien, wurde die Luftwechselrate weniger als erwartet vermindert. Also musste seiner Meinung nach ein Luftaustausch durch die Wand stattfinden. Was er jedoch bei der Versuchsanordnung übersehen hatte: Der Ofen im Raum war nicht abgedichtet, und vermutlich war auch die vorhandene Decke undicht, sodass durch Fugen Luft entweichen konnte.

          Auch ein zweiter Versuch, mit dem er nachweisen wollte, dass Ziegel und ähnliche poröse Baustoffe luftdurchlässig sind, enthält einen Fehler, wie man heute weiß. Max von Pettenkofer gelang es nämlich, durch einen mit einem Trichter präparierten Ziegel, eine Kerze auszublasen. Für ihn ein Beweis, dass Wände atmen könnten. Widerlegt wurde er jedoch bereits 1928 von dem Physiker Erwin Raisch, der genauere Messungen durchführte und dabei feststellte, dass unter üblichen Luftdruckverhältnissen eine massive, beidseitig verputzte Wand luftdicht ist. „Pettenkofer gelang es nur deshalb, die Kerze auszublasen, weil er mithilfe seiner Lunge einen extrem hohen Luftdruck erzeugt hatte, dem Wände von Gebäuden nie ausgesetzt sind“, erklärt Hans Weinreuter den Fehler in der Untersuchung. Warum es dieser Irrtum geschafft hat, sich bis heute in manchen Köpfen festzusetzen, ist dem Verbraucherschützer ein Rätsel.

          Seit den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts ist also klar: Verputzte Wände sind luftdicht. Wenn der Wind durch Ritzen und Fugen ins Haus kommt, entsteht Zugluft, die jeder als extrem unangenehm empfindet. Abgesehen davon hat die entweichende Raumluft auch hohe Wärmeverluste und damit unnötige Energiekosten zur Folge. Hinzu kommen oft Schäden durch Feuchteausfall, wenn sich die warme, relativ feuchte Luft auf ihrem Weg nach draußen abkühlt und dann nicht mehr so viel Wasserdampf speichern kann wie zuvor. An kalten Bauteilen kondensiert das in der Luft mitgeführte Wasser dann. Die Feuchtigkeit schlägt sich an oder in der Wand nieder, was Fäulnis und Schimmel begünstigt.

          „Die undichten Stellen in heutigen Altbauten reichen zudem bei Weitem nicht aus, den notwendigen Luftwechsel zu erzeugen. Es muss also – ob mit oder ohne Wärmedämmung – in jedem Fall aktiv gelüftet werden – entweder durch das Öffnen und Schließen von Fenstern und Türen oder mithilfe einer Lüftungsanlage“, betont Hans Weinreuter. Auch um ausreichend Feuchtigkeit aus dem Hausinnern nach draußen zu transportieren, muss regelmäßig gelüftet werden. Zwar wandern Wasserdampfmoleküle aufgrund ihrer Eigenbewegung durch die Poren einer Wand, allerdings in so geringen Mengen, dass diese sogenannte Wasserdampfdiffusion für das Raumklima keine Rolle spielt. Weinreuter erläutert: „Von den 1000 bis 2000 Litern, die während der Heizperiode nach draußen gehen, diffundieren nur etwa zwei Prozent durch die Gebäudehülle. Übrigens ist der Dämmstoff Polystyrol genauso durchlässig für Wasserdampf wie weiches Holz. Hartes Holz ist dichter, wird von den Wärmedämmkritikern als Baustoff aber nie infrage gestellt.“

          Offenporige Materialien

          Ein beliebtes Argument für die Notwendigkeit, die Wände atmen zu lassen, ist auch, dass durch die Wand Feuchteschwankungen in der Raumluft ausgeglichen werden könnten. Dichte Folien und Dämmungen würden dies angeblich verhindern. Doch auch das ist aus fachlicher Sicht nicht ganz korrekt: Tatsächlich haben Wände zwar die Eigenschaft, Feuchte aus der Luft aufzunehmen und wieder abzugeben. Für diesen Prozess ist jedoch nicht die Wand als Ganzes, sondern nur ihre Oberfläche verantwortlich, genauer gesagt die ersten acht bis dreizehn Millimeter der Wand. Aus diesem Grund ist es ratsam, an den zum Raum weisenden Wandoberflächen offenporige Materialien wie Holz oder diffusionsoffene Lehmputze und Farben zu verwenden. Diese Materialien können in der Wohnung entstehende Feuchtigkeitsspitzen, etwa durchs Wäschetrocknen, Kochen oder Duschen, aufnehmen und zeitversetzt wieder abgeben. Das funktioniert aber nur, wenn die Feuchtigkeit durch regelmäßiges Lüften aus den Innenräumen abtransportiert wird, sodass sich die feuchtepuffernden Oberflächen wieder entladen können. Übrigens: Auch herkömmliche Gipsputze können Feuchte speichern – vorausgesetzt die Oberfläche wird nicht aufgrund mehrfacher Anstriche mit Dispersionsfarben relativ dicht.

          Gerade weil immer noch viele Unwahrheiten in Sachen Wärmedämmung verbreitet würden, rät Hans Weinreuter, sich zu diesem Thema von einem unabhängigen Sachverständigen oder Energieberater kompetent beraten zu lassen. Schließlich schlummere in privaten Häusern ein erhebliches Energieeinsparpotential, das auch durch einen neuen Wärmeschutz gehoben werden kann. Und wer sein Haus dämmt, profitiere gleich von mehreren Vorteilen: „Eine umfassende Wärmedämmung verhindert Schimmel, erhöht die Behaglichkeit im Haus, spart Energie und verbessert den Wert der Immobilie.“

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