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: Viel hilft nicht immer viel

Materialvielfalt: Die wichtigsten Fragen, die sich Wohneigentümer beantworten müssen, wenn sie ihr Haus gegen Wärmeverlust schützen wollen, sind, welche Materialien sie dafür verwenden möchten und wie viel es davon braucht. Bild: Ziga Plahutar/iStock

Ein Dämmstoff muss nicht besonders dick sein, um seine Wirkung zu entfalten. Was ist vorgeschrieben, was wirtschaftlich sinnvoll, und wo fängt Luxus an?

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          Die wichtigsten Fragen, die sich Wohneigentümer beantworten müssen, wenn sie ihr Haus gegen Wärmeverlust schützen wollen, sind, welche Materialien sie dafür verwenden möchten und wie viel es davon braucht. Grundsätzlich ist es dabei wichtig, von Anfang an einen erfahrenen Fachhandwerker oder einen Energieberater ins Boot zu holen. Anhand der Gebäudedaten können die Experten dann die notwendige Dämmstoffdicke ermitteln, verschiedene Kombinationen von Maßnahmen vergleichen und die Wirtschaftlichkeit der Sanierung kalkulieren. „Alle Komponenten wie die Dämmplatten, der Armierungsputz oder das Gewebe sollten von einem Hersteller kommen, damit sichergestellt ist, dass das ganze System funktioniert“, erklärt in diesem Zusammenhang Ronny Meyer. Der aus Darmstadt stammende Bauingenieur mit dem Schwerpunkt Energieeffizienz hat das erste Passivhaus ohne Mehrkosten entwickelt und gebaut. „Manche Leute fangen an, bei der Dämmung zu sparen, indem sie die Laibung – also die seitlichen Wandflächen in Fensteröffnungen – und zum Beispiel den Sockel nicht dämmen“, weist Meyer auf einen häufigen Fehler hin. „Und das führt dann dazu, dass man später genau dort kalte Stellen hat, wo sich Tauwasser bilden und es unter Umständen auch schimmeln kann.“ Denn es schimmelt vorrangig immer dort, wo nicht gedämmt wurde, fügt Meyer hinzu.

          EPS, Mineralwolle oder Holzfaser?

          Rund zwei Drittel der Immobilienbesitzer in Deutschland, die Wärmedämm-Verbundsysteme (WDVS) verbauen, setzen als Dämmstoff auf expandiertes Polystyrol (EPS), auch bekannt als „Styropor“. Die Vorteile: Preis, Handhabung und eine sehr gute Dämmwirkung. Das zweithäufigste Dämmmaterial ist Mineralwolle, die wegen ihrer höheren Brandsicherheit auch als Brandriegel in WDVS auf EPS-Basis eingesetzt wird. Darüber hinaus gibt es noch Dämmmaterialien aus nachwachsenden Rohstoffen wie Holzfasern, Kork oder Hanf. Einen entscheidenden Einfluss auf die Dicke des Dämmstoffs hat dabei das Dämmmaterial selbst. Je besser es dämmt, desto dünner kann die Dämmschicht ausfallen. Normalerweise besitzen pflanzliche Dämmstoffe wie Holzweichfaser oder Zellulose etwas höhere Wärmeleitfähigkeitswerte (ungefähr 0,04 Watt pro Meter und Kelvin; W/mK) als Polystyrol oder Mineralfaser (ungefähr 0,035 W/mK). Deshalb muss mit Naturdämmstoffen etwas dicker gedämmt werden, um die gleiche Wirkung zu erzielen.

          „Extrem niedrige Wärmeleitfähigkeitswerte haben Vakuum-Isolationspaneele, die nur wenige Zentimeter dick sind. Deren Nachteil ist jedoch der hohe Preis sowie die schwierige Kontrollmöglichkeit der Funktionstüchtigkeit“, resümiert die Energieberaterin und Lehrstuhlinhaberin an der Fakultät für Architektur und Bauwesen der Hochschule Augsburg, Susanne Runkel. „Für Außenwände im Bestand ist bei einem Bauteilverfahren ein Wärmedurchgangskoeffizient – kurz U-Wert– von 0,24 Watt pro Quadratmeter und Kelvin (W/mK) nicht zu überschreiten, was einer Mindestdämmstoffdicke von etwa 14 bis 18 Zentimetern entspricht“, rechnet Runkel als ungefähre Richtwerte für den notwendigen Dämmaufwand aus.

          Energieberater berechnet Wirtschaftlichkeit

          Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch Ronny Meyer, der 12, 14 oder 16 Zentimeter als durchschnittliche Dämmdicke empfiehlt. Irgendwann lohnt es sich nämlich nicht mehr, noch einen Zentimeter mehr Dämmung draufzupacken. So zeigen Untersuchungen des Forschungsinstituts für Wärmeschutz in München, dass die möglichen Energieeinsparungen nicht linear mit jedem zusätzlichen Zentimeter Dämmung wachsen. Die Folge: Je mehr die Dämmschicht über das gesetzliche Mindestmaß hinausgeht, desto weniger Energie spart man prozentual gesehen ein – und desto länger dauert auch die energetische Amortisation.

          Für Susanne Runkel ist die Wirtschaftlichkeitsberechnung daher eine der wesentlichen Aufgaben eines Energieberaters. Denn die Fachfrau oder der Fachmann kann ermitteln, „welcher Aufwand zum Erreichen eines bestimmten energetischen Niveaus für Förderungen erforderlich ist und ob sich dieser lohnt“.

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