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Verlagsspezial

Bernd Hertweck ist Vorstandsvorsitzender der Wüstenrot Bausparkasse AG. Bild: wüstenrot

: „Ohne das Engagement der Immobilienbesitzer wird die Energiewende nicht gelingen“

Die Corona-Pandemie hat auch Auswirkungen auf die Wohnsituation vieler Menschen: Mieter denken derzeit noch intensiver als zuvor über den Bau oder Kauf eigener vier Wände nach. Warum das Thema der energetischen Sanierung dabei eine so wichtige Rolle spielt, erklärt Bernd Hertweck, Vorstandsvorsitzender der Wüstenrot Bausparkasse AG, im Interview.

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          Herr Hertweck, die Corona-Pandemie hat unser Leben in vielen entscheidenden Bereichen verändert. Gilt das auch für das Wohnen?
          Ja, auf jeden Fall. Quarantäne, soziale Distanzierung, Homeoffice oder Homeschooling – alles fand und findet in der Mietwohnung oder den eigenen vier Wänden statt. Beides wurde in den zurückliegenden Monaten so intensiv genutzt wie selten zuvor. Vor diesem Hintergrund machen sich jetzt viele Menschen Gedanken, ob und wie sie ihre Wohnsituation verbessern können.

          Welchen Stellenwert hat Wohneigentum in Zeiten von Corona?
          Der Stellenwert ist weiter gestiegen. Die Wüstenrot Bausparkasse hat dazu eine repräsentative Befragung durchgeführt, bei der 75 Prozent der Eigentümer angaben, die Sicherheit einer eigenen Immobilie in der Pandemie als beruhigend oder sehr beruhigend zu empfinden. 96 Prozent der Befragten gaben an, sie würden sich wieder für den Erwerb von Wohneigentum entscheiden. Ganz anders die Situation bei den befragten Mietern: Hier würden lediglich 58 Prozent erneut eine Mietimmobilie wählen.

          Spielen also auch immer mehr Mieter mit dem Gedanken, Eigentum zu erwerben?
          Eindeutig. Die Corona-Zeit hat nach unserer Untersuchung mehr als jeden fünften Mieter dazu bewogen, noch intensiver über den Kauf oder Bau eigener vier Wände nachzudenken. Mehr Platz zum Leben, zum Arbeiten und zum Spielen sind hier die wesentlichsten Argumente. Im Verbund mit den traditionellen Vorteilen des Eigenheims als private, mietfreie Altersvorsorge und mit dem Rückenwind extrem günstiger Finanzierungskosten werden die Erwerbsabsichten bei vielen aktuell immer konkreter.   

          Wie wichtig ist derzeit das Thema energetische Sanierung für Hausbesitzer?
          Dieses Thema besitzt eine sehr große Bedeutung. Wir wissen aus aktuellen Studien und aus unserer Finanzierungspraxis, dass sich rund drei Viertel aller Hauseigentümer bereits mit energetischer Sanierung, also Themen wie Wärmedämmung, dem Einbau einer neuen Heizungsanlage oder dem Einsatz erneuerbarer Energien beschäftigt haben. Konkret zieht jeder Neunte in dieser Gruppe eine entsprechende Maßnahme in Erwägung. Viele Hunderttausend energetische Sanierungen pro Jahr befinden sich somit in Planung oder Umsetzung. Wir sind hier auf einem guten Weg, wie auch die Zahlen aus den Förderprogrammen der KfW und dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, BAFA, belegen. In Summe ist die Zahl der Förderanträge für Heizungstausch, Komplettsanierungen und Einzelmaßnahmen von rund 170 000 im Jahr 2019 auf 405 000 im Jahr 2020 um nahezu das Eineinhalbfache nach oben geschnellt, was entsprechend positiv auf die Sanierungsrate durchschlagen wird.

          Welche positiven Nebeneffekte hat eine energetische Sanierung konkret?
          Die Palette ist breit gefächert. An vorderer Stelle rangiert das Motiv, über die Einsparung des Einsatzes fossiler Brennstoffe, die heute immer noch als die wesentlichsten Energiequellen für Wärme und Warmwasser fungieren, eine spürbare Reduktion der Energiekosten herbeizuführen. Mit der gestiegenen CO2-Bepreisung wird dieser Anreiz zukünftig weiter steigen. Losgelöst von politischen Vorgaben entscheiden sich viele Eigentümer zudem dazu, den Umwelt- und Klimaschutzgedanken beim Wohnen zu betonen. Hinzu kommen Aspekte der Wohnqualität, die mit modernen Heizungs- und Belüftungsanlagen oder effizienten Kühlungssystemen umgesetzt werden können.

          Inwiefern wird uns die Sanierungsthematik auch in den kommenden Jahren begleiten?
          Die energetische Ertüchtigung des deutschen Wohnungsbestandes ist keine Aufgabe für wenige Jahre, sondern für Jahrzehnte. Wir dürfen nicht vergessen: Zwei Drittel der in Deutschland im Gebäudesektor verbrauchten Endenergie entfällt auf Wohngebäude, sie wird überwiegend fürs Heizen und Warmwasser benötigt. Und 80 Prozent des Wohngebäudebestandes sind in privater Hand. Ohne die Motivation und das Engagement der Immobilienbesitzer sowie die umfassende Aktivierung privaten Kapitals wird die Energiewende gar nicht gelingen können.

          Bis 2045 ist ein nahezu klimaneutraler Wohngebäudebestand vorgesehen. Welche Maßnahmen braucht es, um dieses Ziel zu erreichen?  
          Dazu muss die Sanierungsrate im Wohnungsbestand von derzeit gut einem Prozent mindestens verdoppelt, besser noch verdreifacht werden. Dies kann gelingen, wenn man das Prinzip „fördern und fordern“ politisch intelligent und vor allem auch nachhaltig anwendet. Mit der deutlichen Verbesserung staatlicher Förderung im letzten sowie in diesem Jahr einerseits und der neuen CO2-Bepreisung andererseits wurden bereits ganz wesentliche Schritte in diese Richtung unternommen. Die stark gestiegenen Antragszahlen zeigen, dass die neuen Förderimpulse von den Hauseigentümern bereits heute dankbar angenommen werden.

          Das Interview führte Christina Lynn Dier.

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