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: Doppelt gedämmt hält länger

Wärmedämmverbundsysteme: Um die Energiebilanz ihrer Immobilie zu verbessern, ist für Eigentümer die Außendämmung der Fassade üblicherweise das erste Mittel der Wahl. Bild: milan2099/iStock

Wenn Wärmedämmverbundsysteme in die Jahre kommen, ist die Aufdoppelung wirtschaftlich und ökologisch oft sinnvoller als der Rückbau. Aber auch die Recycling-Methoden werden immer besser.

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          Um die Energiebilanz ihrer Immobilie zu verbessern, ist für Eigentümer die Außendämmung der Fassade üblicherweise das erste Mittel der Wahl. Denn vor allem ältere Häuser verlieren die meiste Energie über ihre Außenwände. Abhilfe schaffen die sogenannten Wärmedämmverbundsysteme, WDVS, die erstmals Anfang der 1960er-Jahre eingesetzt wurden und seit den 19070er Jahren in Deutschland die Fassadendämmung dominieren. WDVS werden als Platten auf die Fassade des Hauses geklebt oder gedübelt und bestehen aus einem Dämmstoff, einer darüber liegenden Trägerschicht für den Putz und dem Putz selbst. Neben WDV-Systemen, die auf Mineralwolle oder Mineralschaum basieren, sind besonders jene aus sogenanntem EPS, expandiertem Polystyrol-Schaum, weit verbreitet.

          Aufdoppelung vermeidet Abfall und verlängert die Lebensdauer der WDVS

          Die Lebensdauer von WDV-Systemen wird zwischen 40 und 60 Jahren angegeben. Danach stehen Hausbesitzer vor zwei Optionen: die Dämmung entweder zurückbauen und recyceln oder aufdoppeln, also erhalten und um eine weitere, meist dickere Schicht ergänzen. Doch was ist die – ökologisch und wirtschaftlich – sinnvollste Lösung? „Wenn möglich, ist die Aufdoppelung eigentlich immer die bessere Lösung, da sie Abfall vermeidet und die Lebensdauer des ursprünglichen WDVS verlängert.

          In Fällen, in denen das WDVS größere Beschädigungen aufweist oder größere Umbauten anstehen, empfiehlt sich hingegen eher der Rückbau und das anschließende Recycling“, erklärt Wolfgang Albrecht. Der Ingenieur und Abteilungsleiter beim Forschungsinstitut für Wärmeschutz (FIW) in München ist Co-Autor der Studie „Rückbau, Recycling und Verwertung von WDVS“, die 2015 vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik (Fraunhofer IBP) gemeinsam mit dem FIW veröffentlicht wurde.

          Die Studie ergab, dass die Rücklaufmenge an WDVS auf Basis von EPS deutlich geringer ist als ursprünglich angenommen. Die Lebensdauer von WDV-Systemen der ersten Generation ist überraschend lange. Ihre Dämmwirkung lässt im Laufe der Zeit nicht nach und bleibt über viele Jahrzehnte hinweg stabil. Eine Lebensdauer von bis zu 90 oder auch 100 Jahren seien für den Dämmstoff normalerweise kein Problem, sagt Albrecht.

          Vielmehr seien es die typischen Renovierungszyklen eines Hauses, beispielsweise ein nicht mehr zeitgemäßer oder renovierungsbedürftiger Putz oder ein anstehender neuer Anstrich, die eine Sanierung nötig machen. „Exakte Zahlen zu den EPS-Müllmengen aus den WDV-Systemen gibt es kaum. Doch wir sprechen aktuell ungefähr von etwa 40.000 Tonnen pro Jahr in Deutschland. Das ist deutlich weniger als ein Prozent der gesamten Müllmenge“, erklärt Albrecht. Die Sorgen, die Abfallverwertungsanlagen würden mit der anfallenden WDVS-Menge in den kommenden Jahren überlastet werden, seien dementsprechend unbegründet.

          Die momentan häufigste Form der Verwertung von EPS ist die sogenannte energetische Verwertung – also die Verbrennung zur Stromerzeugung. Immerhin rund die Hälfte der zur Herstellung aufgewendeten Energie kann somit zurückgewonnen werden, sagt Albrecht. Ein neuer, vielversprechender Ansatz zum Recyceln der Inhaltsstoffe ist das CreaSolv-Verfahren. Dabei wird das EPS aus den Verbundsystemen in seine Bestandteile aufgelöst, Fremdstoffe wie beispielsweise Flammschutzmittel, Putz und Verunreinigungen werden herausgetrennt, die Substanz wird getrocknet und am Ende der Kette steht wieder reines Polystyrol. Auch das verwendete Lösungsmittel lässt sich bei diesem Verfahren rückgewinnen. „Aktuell ist das CreaSolv-Verfahren noch in der Entwicklungsphase und wird von Müllverwertungsanlagen noch nicht angeboten. Das Spannende an dem Verfahren ist, dass man hiermit in eine echte Kreislaufwirtschaft einsteigt“, sagt Albrecht.

          Der grundsätzliche Aufbau der Wärmeverbundsysteme ist seit den 1970er-Jahren gleichgeblieben, auch wenn sich einige Bestandteile in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt haben. So wird heute beispielsweise ein optimiertes graues Polystyrol mit Infrarotabsorbern verwendet, das bessere Dämm- und Wärmeleiteigenschaften als jene Polystyrol-Typen der ersten Generation aufweisen. Auch die Putze wurden weiter veredelt mit dem Effekt, das heute für gleiche Dämmleistung ein paar Zentimeter weniger Stärke benötigt wird als noch in den 1970er-Jahren.

          Obwohl wirtschaftlich meist sinnvoll, ist die Aufdoppelung wenig bekannt

          Schimmelbildung an der Fassade nach der Aufdoppelung einer in die Jahre gekommenen Dämmung sei kein Problem, so Albrecht. Die entsprechenden Aufbauten seien mittlerweile ausreichend erprobt und getestet und hätten zudem bauaufsichtliche Zulassungen. Da man sich so den Rückbau ersparen könne, ist die Aufdoppelung zudem meist günstiger als das Abreißen und Aufbringen eines neuen WDVS. Dass diese Maßnahme dennoch häufig nicht in Betracht gezogen wird, liege an der immer noch mangelnden Bekanntheit des Verfahrens. Und das, obwohl sich eine entsprechende Maßnahme aber angesichts der Lebenszeit der aufgedoppelten Dämmung allemal amortisiert, sagt Albrecht.

          In Zukunft sei vor allem eine optimierte und dezentralisierte Sammellogistik für Verbundsysteme wünschenswert, sagt Albrecht. Über 100 Kilometer zur nächsten Abgabestelle fahren zu müssen, sei weder wirtschaftlich noch ökologisch sinnvoll. Auch bei den Technologien zur Befestigung von WDVS an der Hausfassade sei noch Raum für Verbesserungen. Kleben und Dübeln seien zwar die heute gängigen Methoden zur Befestigung, mit Blick auf einen späteren Rückbau aber keineswegs die besten Lösungen.

          Ein Trend, den man heute schon beobachten könne, ist der zunehmende Marktanteil von WDVS auf Basis von Mineralwolle, die im Gegensatz zu EPS von Haus aus und ohne Zugabe von Brandschutzmitteln nicht brennbar sind. Auch die Entwicklung von Dämmstoffen mit noch niedrigerer Wärmeleitfähigkeit – beispielsweise aus Polyurethan oder Phenolharz – schreitet voran, sagt Albrecht. Hier habe sich in den letzten Jahren einiges getan – besonders spannend ist dies für die Dämmung von Gebäuden im Innenstadtbereich, wo es auf jeden Zentimeter ankommt.

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