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Verlagsspezial

Stephan Mayer ist Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat sowie Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Bild: Tobias Koch

: „Die beste Energie ist die, die wir gar nicht erst produzieren“

Der Gebäudesektor gilt als ein wichtiger Stellhebel beim Erreichen der ehrgeizigen Klimaziele. Ein Interview mit Stephan Mayer, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat sowie Abgeordneter im Deutschen Bundestag.

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          Herr Mayer, wie schätzen Sie die aktuelle Lage im Bausektor mit Blick auf energieeffizientes Bauen und Sanieren ein?
          Wenn wir heute eine Bilanz ziehen und zurückblicken, dann haben wir schon einiges erreicht: Seit 1990 ist es uns gelungen, den Treibhausgasausstoß im Gebäudesektor durch energieeffizientes Bauen und Sanieren um immerhin 40 Prozent zu mindern. Und mit Blick auf die Klimaziele insgesamt haben wir durch die jüngst beschlossene Novellierung des Klimaschutzgesetzes einen großen Schritt nach vorne gemacht. Das Zwischenziel für 2030 wird von derzeit 55 auf 65 Prozent Treib­hausgasminderung gegenüber 1990 erhöht, bis 2045 ist Deutschland klimaneutral. Der Gebäudesektor spielt beim Erreichen dieser ehrgeizigen Ziele eine wichtige Rolle. Aber klar ist auch: Gelingen kann dieser Kraftakt nur, wenn alle mitmachen! Es braucht die großen Wohnungsbaugesellschaften genauso wie die vielen privaten Wohnungs- und Hauseigentümer.

          Warum ist die energetische Gebäude­sanierung so wichtig für den Erfolg der Energiewende?
          Rund 35 Prozent des Endenergieverbrauchs in Deutschland entfällt auf den Gebäudesektor. Allein diese Zahl zeigt, dass dieser Bereich nicht außen vor gelassen werden darf. Gleichzeitig sind im Gebäudesektor die Möglichkeiten, kurzfristige CO2-Einsparungen zu erreichen, geringer als im Mobilitäts- oder Industriesektor. Schließlich baut man ein Gebäude nicht für fünf oder zehn Jahre, sondern hat die nächsten 50 Jahre im Blick – und setzt dementsprechend auch die Kosten auf so einen langen Zeitraum an.

          Immer wieder steht der Einwand im Raum, dass das Bauen aufgrund der Energieeffizienz immer teurer wird. Ist das so?
          Es ist unbestritten, dass Bauen gerade in den letzten Jahren teurer geworden ist. Dafür gibt es vielfältige Ursachen, wie etwa eine generelle Verteuerung der Grundstückspreise. Auch die Kosten für Baumaterialien wie Holz oder Kupfer steigen derzeit stark an. Und zu guter Letzt ist auch energieeffi­zientes Bauen und Sanieren teurer geworden. Hier müssen wir den Aspekt der Wirtschaftlichkeit ganz genau im Auge behalten, denn Bauen und Sanieren muss weiterhin bezahlbar bleiben.

          Ist der große finanzielle Aufwand auch der Grund für die geringe Sanierungsrate in Deutschland, die seit Jahren bei etwa einem Prozent stagniert?
          Ja, das ist sicherlich ein Faktor. Das Sanieren von Gebäuden ist teuer, und die Rentabilität im privaten Vermietungssektor liegt im niedrigen einstelligen Bereich. Unbestreitbar ist aber auch, dass die Sanierungsrate erhöht werden muss – EU-weit soll sie bis zum Jahr 2030 verdoppelt werden. Außerdem bin ich der Meinung, dass es eine Neustrukturierung und Verbesserung der bisher vorhandenen Förderinstrumente für den Sanierungsbereich braucht. Auch wenn es schon viele gute Fördermöglichkeiten gibt, mag die Transparenz an der einen oder anderen Stelle noch nicht so gegeben sein. Am guten Willen der Wohnungs- und Hauseigentümer mangelt es aus meiner Sicht auf jeden Fall nicht. Ein Großteil trägt die ehrgeizigen Klimaziele mit und weiß um die Notwendigkeit energetischer Sanierungen. Jetzt gilt es, eine faire Kostenverteilung zwischen Vermieter und Mieter zu finden, damit sich der finanzielle Aufwand einer energetischen Sanierung auch wirklich innerhalb einer absehbaren Zeit amortisiert.
           
          Seit 2020 bietet die steuerliche Förderung eine Alternative zu KfW, BAFA und Co. Können Sie die wichtigsten Eckpunkte in Bezug auf die Wärmedämmung erläutern?
          Energetische Sanierungsmaßnahmen an selbstgenutztem Wohneigentum sind seit dem 1. Januar 2020 für einen befristeten Zeitraum von zehn Jahren steuerlich absetzbar. Abzugsfähig sind 20 Prozent der Aufwendungen für Einzelmaßnahmen zur energetischen Gebäudesanierung und 50 Prozent der Kosten einer energetischen Baubegleitung und Fachplanung, maximal 40 000 Euro über drei Jahre verteilt. In Bezug auf die Wärmedämmung umfasst die steuerliche Absetzbarkeit also Maßnahmen wie die Dämmung von Wänden, Geschossdecken, Decken oder Dachflächen. Viele Wohnungs- und Hauseigentümer wissen aus eigener leidlicher Erfahrung, dass eine unzureichend gedämmte Gebäudehülle gerade im Winter zu unnötigen Wärmeverlusten führt und noch dazu das Wohlbefinden in den eigenen vier Wänden beeinträchtigt. Daher ist die steuerliche Absetzbarkeit von Wärmedämmmaßnahmen ein weiterer wichtiger Baustein im Fördermix und senkt die Hürde, eine energetische Sanierung auch wirklich anzugehen, noch mal deutlich.  

          Welche zusätzlichen Anreize neben Fördermöglichkeiten braucht es, um die Sanierungsrate im Gebäudebestand zu steigern? Und welche Rolle spielt die Politik dabei?
          Die Politik spielt wie so oft eine entscheidende Rolle, weil sie die Leitplanken setzt. Ich persönlich bin ein großer Verfechter konstruktiver und positiver Anreize – es ist so viel einfacher, Menschen auf diese Weise zu einem gewünschten Handeln zu bewegen als durch bloße Ordnungspolitik. Ganz ohne einen ordnungspolitischen Rahmen wird es aber nicht gehen, wie man im Heizungsbereich sieht: Ab dem 1. Januar 2026 dürfen Ölheizungen und Kohleheizungen dann nur noch mit Einschränkungen eingebaut werden. Aber generell glaube ich, dass wir mit positiven Anreizen und der richtigen Einstellung langfristig mehr erreichen – schließlich ist in ökologischer und finanzieller Hinsicht die beste Energie die, die wir gar nicht erst produzieren!

          Das Interview führte Christina Lynn Dier.

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