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: Der Gebäudebestand entscheidet

Über den Dächern der Hauptstadt: Die Sanierungsquote in Deutschland liegt seit Jahren bei rund einem Prozent. Um das Ziel eines klimaneutralen Gebäudebestandes zu erreichen, muss das Sanierungstempo gesteigert werden. Bild: Lechatnoir/istock

Die Sanierung bestehender Gebäude kommt nur schleppend voran – obwohl dieser Sektor eine Schlüsselrolle für das Erreichen der Klimaziele spielt. EU und Bundesregierung wollen nun dafür sorgen, dass die Sanierungsquote erheblich steigt.

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          Was für ein Endspurt! Viele Jahre lang sah es so aus, als würde die Bundesrepublik ihr Klimaziel für 2020 – 40 Prozent weniger CO2-Ausstoß gegenüber 1990 – um Längen verfehlen. Dank eines kräftigen Rückgangs der Emissionen im vergangenen Jahr hat Deutschland die Zielmarke schließlich doch noch gerade so erreicht. Zwar schätzt das Umweltbundesamt, dass gut ein Drittel der Einsparungen auf das Konto der Corona-Pandemie geht. Nichtsdestotrotz machen die Zahlen deutlich, dass die Klimaschutz-Maßnahmen der letzten Jahre langsam Wirkung zeigen.

          Nachzügler beim Klimaschutz

          Betrachtet man die Emissionsdaten im Detail, so fällt allerdings auf, dass ein Bereich sein im Klimaschutzgesetz festgelegtes Ziel für 2020 verfehlt hat: der Gebäudesektor. Seit einigen Jahren sinkt der Ausstoß von Treibhausgasen hier kaum noch – eine fatale Entwicklung angesichts der großen Bedeutung, die Gebäude für den Klimaschutz haben. Denn schließlich entfallen etwa 30 Prozent der gesamten deutschen CO2-Emissionen auf diesen Bereich. Ihm kommt also beim Erreichen der Klimaschutzziele eine Schlüsselrolle zu. Wobei wegen der jüngsten Verschärfung der Ziele künftig im Gebäudesektor sogar noch weitaus mehr für die Minderung des Treibhausgasausstoßes getan werden muss, als es die Bundesregierung bislang vorgesehen hat.

          Energieverbrauch reduzieren

          Dabei kommt es vor allem auf die Bestandsgebäude an. Hier gibt es große Defizite, wie der aktuelle Gebäudereport der Deutschen Energie-Agentur dena zeigt: Die Heizungen arbeiten nach wie vor fast ausschließlich mit fossilen Brennstoffen – und nur wenige der bestehenden Gebäude sind energetisch saniert. Bei gerade einmal 28 Prozent der älteren Ein- und Zweifamilienhäuser haben die Eigentümer nachträglich die Außenwände gedämmt. Über eine Dämmung an der Kellerdecke verfügen gar nur 15 Prozent. Bei den Mehrparteienhäusern sieht das Bild nur unwesentlich besser aus. Dabei lässt sich der Energieverbrauch mit solchen Modernisierungsmaßnahmen erheblich reduzieren. „Gerade bei Altbauten hilft es, Außenwände und Dachflächen nachträglich zu dämmen, eine ineffiziente Heizung durch eine moderne zu ersetzen oder das vorhandene Heizsystem zu optimieren“, erklärt Martin Brandis von der Energieberatung der Verbraucherzentrale. Eine energetische Sanierung und die Modernisierung der Heizung steigern nicht nur Immobilienwert und Wohnkomfort, sondern schützen Eigentümer und Mieter auch vor den absehbaren Preissteigerungen bei Erdgas und Heizöl. Denn mit den neuen Klimazielen wird der CO2-Aufschlag auf fossile Brennstoffe in den nächsten Jahren noch deutlich höher ausfallen.

          Eine Studie des Forschungsinstituts für Wärmeschutz (FIW) zeigt, wie groß das Potential von Sanierungsmaßnahmen ist: Würde man allein bei den vor Verabschiedung der ersten Wärmeschutzverordnung Ende der 1970er Jahre errichteten, energetisch unsanierten Wohnhäusern eine effiziente Dämmung der Hülle vornehmen, moderne Fenster einbauen und effiziente Heiztechnik installieren, sinkt der Energieverbrauch des gesamten Gebäudebereichs in Deutschland bereits um die Hälfte. Beim derzeitigen Sanierungstempo würde es allerdings mehr als hundert Jahre dauern, bis sämtliche bestehenden Gebäude energetisch auf dem neuesten Stand sind. Das FIW schätzt, dass die Sanierungsquote von heute weit unter einem Prozent auf mindestens 1,4 Prozent steigen muss, um die bislang geltenden Klimaschutzziele zu erfüllen. Mit den neuen Zielen Deutschlands und der EU wird aber auch das nicht genügen – die Rate muss eher in der Größenordnung von zwei Prozent und mehr liegen.

          Fordern und Fördern

          Die Bundesregierung hat ihre finanziel­len Anreize für energetische Sanierungen zuletzt verbessert. So dürfen private Eigentümer jetzt 20 Prozent ihrer Sanierungskosten über drei Jahre direkt von der Steuer absetzen. Beauftragen sie einen Energieberater, einen individuellen Sanierungsfahrplan vorzulegen, erhalten sie einen hohen Zuschuss. Zudem hat die schwarz-rote Koalition die Fördersystematik vereinfacht, indem sie die verschiedenen Programme in der „Bundesförderung für effiziente Gebäude“ (BEG) zusammengefasst und harmonisiert hat. Doch all das genügt nicht, um die Sanierungsquote auf das nötige Maß zu heben, meint ein Bündnis mehrerer Immobilienverbände und des Verbraucherzentrale Bundesverbands. Sie plädieren unter anderem dafür, Fördermittel auch dann bereitzustellen, wenn die Eigentümer nur solche Sanierungsmaßnahmen durchführen, die den gesetzlichen Standard gerade noch erfüllen. Dass dies heute nicht der Fall ist, erschwere es, die Vorgaben ambitionierter zu gestalten – was aber nötig sei, um das Ziel eines klimaneutralen Gebäudebestandes zu erreichen. „Bei der Energiewende im Gebäudesektor haben Verbraucher eine Schlüsselrolle. Das Zusammendenken von Fordern und Fördern ist unerlässlich, um sie auf diesem Weg mitzunehmen“, sagt Martin Jost, Präsident des Verbandes Wohneigentum (VWE).

          Der stärkste Hebel für die Verbesserung der energetischen Qualität von Bestandsgebäuden liegt jedoch in den Händen der EU. So könnte die Europäische Kommission neben der Aufnahme des Gebäudesektors in den CO2-Emissionshandel auch verbindliche Effizienzstandards für den Immobilienbestand festlegen. Die Gelegenheit dazu böte eine Überarbeitung der EU-Gebäuderichtlinie (EPBD), die im Zuge des Europäischen Green Deals ansteht. Mit der „Renovation Wave“ hat die EU-Kommission zudem eine Initiative gestartet, die darauf zielt, bis 2030 europaweit 35 Millionen Gebäude zu sanieren. Dazu sollen Vorschriften angepasst und Fördermittel bereitgestellt werden.

          Die Klimastrategie der EU

          Im vergangenen Dezember haben sich die Staats- und Regierungschefs der EU darauf verständigt, die Treibhausgasemissionen in Europa bis 2030 um mindestens 55 Prozent zu reduzieren. Bislang galt eine Zielmarke von 40 Prozent. Bis 2050 soll die gesamte EU treibhausgasneutral sein. Der von der EU-Kommission erarbeitete Europäische Green Deal weist den Weg dorthin. Dessen Kernstück ist das noch zu verabschiedende Europäische Klimagesetz, das die Klimaziele rechtsverbindlich macht und Mechanismen festlegt, mit denen die EU die Fortschritte beim Klimaschutz überwachen kann. Zudem wird die EU-Kommission in den nächsten Wochen das Legislativpaket „Fit for 55“ vorlegen – eine Sammlung von Maßnahmen, die gewährleisten sollen, dass die EU ihr Klimaziel für 2030 erreicht.

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