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Verlagsspezial

Interview mit Diana Hasler : „Das Gebäude muss im Gesamtkontext betrachtet werden“

  • Aktualisiert am

Bild: Berhardt Link/Farbtonwerk

Diana Hasler ist Architektin und Energieberaterin für Denkmale und sonstige besonders erhaltenswerte Bausubstanz. Im Interview spricht sie über Herausforderungen und Lösungen rund um die energetische Sanierung.

          4 Min.

          Frau Hasler, wie wirken die einzelnen Gewerke einer energetischen Sanierung zusammen?
          Das ist in der Tat ziemlich komplex, denn zu einem Rundumblick gehören Fassade, Dach, Fenster, Gebäude- und Heiztechnik. Dementsprechend stark hängen diese Gewerke voneinander ab. Die thermische Qualität der Gebäudehülle bestimmt zum Beispiel den Heizwärmebedarf. Und daran orientiert sich wiederum die Größe des Heizkessels.

          Was raten Sie also?
          Meine Empfehlung an jeden Hausbesitzer lautet, immer das gesamte Gebäude zu betrachten und bei einer grundlegenden Sanierung mit der Hülle zu beginnen. So wird erst mal der Heizwärmebedarf gesenkt. Wenn dann etwa die Außenwände, Kellerdecke oder oberste Geschossdecke gedämmt sind, kann ich mich im nächsten Schritt um einen Heizwärmeerzeuger kümmern, der zur sanierten Hülle passt. Was zum Beispiel nicht funktioniert ist die Außenwände unverändert schlecht gedämmt zu lassen und einfach neue Fenster einzubauen, die einen geringeren Wärmedurchlass haben als die Wand. So riskiere ich Schäden an der Baukonstruktion.

          Wie schaffen es Hausbesitzer, die einzelnen Maßnahmen optimal aufeinander abzustimmen?  
          Es ist wichtig, den Gesamtkontext nicht aus den Augen zu verlieren. Dabei spielen auch private Überlegungen eine Rolle: Gibt es in naher Zukunft familiäre Veränderungen? Erweitert sich die Familie, oder werden die Kinder flügge und ziehen vielleicht bald aus? Bei Fragen wie diesen ist es hilfreich, neben Fachhandwerkern auch einen qualifizierten Sachverständigen an seiner Seite zu haben, der eine Analyse des Gesamtgebäudes macht, einen individuellen Sanierungsfahrplan aufstellt und auch die Baumaßnahmen begleitet. Hierfür gibt es übrigens Fördergelder vom BAFA und der staatlichen KfW-Bank.

          Beispiel aus Berlin-Mitte: Sanierung eines denkmalgeschützten Gründerzeithauses.
          Beispiel aus Berlin-Mitte: Sanierung eines denkmalgeschützten Gründerzeithauses. : Bild: Diana hasler

          Gibt es einen richtigen Zeitpunkt für eine Sanierung?
          Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Aber grundsätzlich sollte man bei einem schlechten Gebäudezustand unbedingt aktiv werden. Wenn ich zum Beispiel merke, dass meine Fenster undicht sind, dann ist der Zeitpunkt gekommen, um auch Maßnahmen an der Außenfassade in Betracht zu ziehen. Ansonsten finden grundlegende Sanierungen vor allem bei An- oder Umbauten, bei Verkauf oder Neuvermietung eines Hauses statt.
           
          Wie stehen Sie konkret zu Maßnahmen rund um die Wärmedämmung?
          Eine pauschale Ablehnung gegenüber Wärmedämmung kann ich nicht nachvollziehen. Fakt ist nämlich, dass wir mit Blick auf die langfristigen Klimaziele am Dämmen nicht vorbeikommen. Um den CO2-Ausstoß von Gebäuden zu vermindern, muss der Heizwärmebedarf reduziert werden. Und da die Fassade einen großen Teil der Gebäudefläche einnimmt, lohnt es sich, hier anzusetzen. Bei manchen Gebäuden ist es sogar so, dass überhaupt erst durch eine Wärmedämmung der Mindestwärmeschutz nach der Norm hergestellt wird.

          Was heißt das?
          Mindestwärmeschutz bedeutet, dass die Außenwand ausreichend gedämmt ist, um  Schimmelbildung zu vermeiden. Die Dämmstoffe, die heute verwendet werden, sind im Vergleich zur Wärmeleitfähigkeit einer konventionellen Mauerwerkswand um Größenordnungen besser. Eine ein Zentimeter dicke Dämmung lässt heute nicht mehr Wärme durch als eine herkömmliche Mauerwerkswand von 15 bis 20 Zentimeter Stärke. Das heißt, dass eine Bestandswand fast zwei Meter dick sein müsste, um eine relativ moderate Dämmdicke von 10 Zentimetern zu ersetzen.
           
          Müssen Hausbewohner nach einer Wärmedämmung etwas an ihrem Wohnverhalten ändern?
          Das Temperaturempfinden in den Innenräumen ist bei gedämmten Gebäuden definitiv anders. In dem Moment, in dem eine Wärmedämmung angebracht wird, erhöht sich die Empfindungstemperatur der Bewohner. Ein Raum, der vorher auf 24 Grad hochgeheizt wurde, um schlussendlich auf eine Wohlfühltemperatur von 21 Grad zu kommen, muss also nicht mehr so stark beheizt werden. Hausbesitzer können also ausprobieren, ob sie in einem gedämmten Gebäude mit einer geringeren Raumtemperatur leben können und sich immer noch wohlfühlen. Und auch wichtig: Wenn keine mechanische Lüftungsanlage eingebaut wurde, müssen die Bewohner gerade bei gedämmten Gebäuden noch mehr auf richtiges Lüften achten.  

          Sie haben sich auf die Energieberatung bei denkmalgeschützten Gebäuden spezialisiert – mit welchen Herausforderungen sind diese Hausbesitzer bei Sanierungen konfrontiert?
          Da gibt es durchaus einige Restriktionen. Bei Denkmalen und Gebäuden, die zur besonders erhaltenswerten Bausubstanz gehören, kann oft an der Fassade oder am Dach in der äußeren Gestaltung nichts verändert werden. Auch wenn die Energieeinsparverordnung in besonders kniffligen Fällen Ausnahmen vorsieht, sollte man natürlich immer versuchen, auch bei diesen Gebäuden den Wärmeschutz zu verbessern und wenigstens den Mindestwärmeschutz her zu stellen. Möglichkeiten bieten sich hier oft im Bereich der Innendämmung und der Dämmung von Kellerdecken und Dachflächen. Lösungen von der Stange gibt es bei diesen Gebäudetypen zwar keine, aber genau das macht die Arbeit so spannend.

          Die Erkennbarkeit dieser Gebäude im städtebaulichen Zusammenhang bleibt also auch in Zukunft unverzichtbar …
          Definitiv. Wir sprechen hier über Baukultur, über Identität im städtischen und dörflichen Raum. Ich möchte in Berlin nicht durch die Straßen gehen und irgendwann die Gründerzeit nicht mehr wiederfinden. Der Erhalt sichtbarer örtlicher Bautradition ist deshalb wichtig und auch möglich – es setzt jedoch das Engagement der Bauherren und Fachleute voraus.

          Welches Projekt war besonders knifflig – und wie sahen die Lösungsansätze aus?
          Es gibt bei fast jedem Projekt ein, zwei Stellen, an denen besonders kreative Lösungen gefragt sind. Zum Beispiel wenn es um die Innendämmung bei schönen Stuckdecken geht. Hier haben wir uns in einem Fall dazu entschlossen, die Innendämmung zehn Zentimeter unter dem Stuck enden zu lassen. Bis zum Stuck wurde dann eine hocheffiziente, sehr dünne Dämmung eingebaut und zwischen diesen beiden Elementen noch mal ein kleines Stuckprofil angebracht. So hat sich die gesamte Gestaltung miteinander verbunden. Das sind gestalterische Dinge, die mit Bedacht und Augenmaß durchgeführt werden müssen.

          Woran arbeiten Sie aktuell?
          Derzeit entwickle ich einen Denkmalpflegeplan für eine Berliner Nachkriegssiedlung mit rund 1100 Wohnungen. Die energetischen Standards dieser Bauten aus den 50er und 60er Jahren sind schlecht – die Denkmalschutzbehörde weiß um die Dringlichkeit der Maßnahmen. Das Besondere ist also, dass die energetische Sanierung von vornherein im Denkmalpflegeplan mitbedacht wird.

          Das Interview führte Christina Lynn Dier

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