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„Wir brauchen einen Wettbewerb der Datennutzung“

Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger im Gespräch mit Deloitte Partner Nicolai Andersen
Autor: Klaus Lüber
6:15 Minuten Lesezeit
17.05.2021
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Warum es so wichtig ist, Daten möglichst frei zugänglich zu machen, Europa den Datenschutz immer noch falsch versteht und Daten nicht das neue Öl sind – darüber sprechen Nicolai Andersen, Managing Partner Consulting bei Deloitte, und Dr. Viktor Mayer-Schönberger, Professor für Internet Governance and Regulation am Oxford Internet Institute.

Herr Dr. Mayer-Schönberger, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Thema Datenökonomie. Was genau ist das, und wie wirkt es sich auf unsere Gesellschaft aus?

Datenökonomie ist eigentlich etwas ziemlich Einfaches. Das bedeutet nichts anderes, als dass Daten immer stärker das Rohmaterial werden, aus dem wir neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln, Innovation schaffen und ökonomischen Mehrwert generieren.


„Der Nutzen der Daten und damit der ökonomische und gesellschaftliche Mehrwert wird nicht durch das Bunkern erzielt wie bei Gold oder Diamanten, sondern ausschließlich durch deren Verwendung.“

Lassen Sie uns diese Analogie weiterdenken: Rohstoffe sind wertvoll, um sie entbrennen Kriege. Ist es dann ein richtiges Rezept in der Datenökonomie, meinen Datenschatz so gut wie möglich zu schützen? Oder müsste ich dafür sorgen, Daten mit anderen zu teilen und gemeinsam zu profitieren?

Das ist der springende Punkt. Aufgrund der Erfahrungen, die wir in der physischen Wirklichkeit gemacht haben, sind wir davon überzeugt, dass es sich lohnt, wertvolle Dinge ganz alleine zu besitzen. Deswegen glauben viele Menschen und viele Unternehmen, dass es bei Daten ganz genauso ist. Dass man Daten sammeln und am besten im Keller bunkern sollte, bis sie so wertvoll sind, dass man sie gewinnbringend verkaufen kann. In Wirklichkeit verhält es sich genau andersherum. Der Nutzen der Daten und damit der ökonomische und gesellschaftliche Mehrwert wird nicht durch das Bunkern erzielt wie bei Gold oder Diamanten, sondern ausschließlich durch deren Verwendung.

Dann funktioniert die Analogie von Daten als neuem Öl auch nicht, oder?

Nein, denn sie „verbrennen“ ja nicht, wenn man sie nutzt. Im Gegenteil. Sie werden immer wertvoller, je öfter und vielfältiger man sie verwendet. Und da ich selbst oft nicht weiß, wie ich die Daten, die ich gesammelt habe, mehrfach nutzen kann, ist es besser, ich mache sie anderen zugänglich. Nur dann gewinnt man Einsichten, die bessere Produkte, Dienstleistungen und letztlich bessere individuelle und gesellschaftliche Entscheidungen erlauben. Wer nicht versteht, dass Daten genutzt werden müssen und nicht bloß gesammelt werden sollen, der hat die Datenökonomie nicht begriffen, sondern ist im Kopf noch viel zu sehr verankert in der traditionellen Ökonomie.


Das ist dann auch ein Plädoyer für den Begriff der Open Innovation, wonach Unternehmen dann am innovationsstärksten sind, wenn sie mit anderen zusammenarbeiten. Steht uns da nicht die deutsche Mentalität eines Innovationsweltmeisters im Wege, der gleichzeitig die meisten Patente hält?

Ja, da steht uns die alte Idee der Industriegesellschaft und der Industrialisierung des 20. Jahrhunderts im Wege. Im Datenzeitalter sind jene am innovativsten, die ihre Ideen mit Hilfe der Daten umsetzen können. Daten werden benötigt, um Algorithmen zu trainieren und KI-Systeme entwickeln zu können. Dafür brauchen wir den Zugang zu den Daten. Gerade den kleinen und mittelständischen Unternehmen, die große Ideen haben, fehlt es an Zugang zu diesen Daten. Was dazu führt, dass sie ihre Ideen nicht umsetzen können, allenfalls hoffen dürfen, dass sie von größeren Unternehmen aufgekauft werden, wie es im Silicon Valley ständig passiert. Aber das kann nicht die Zukunft Europas sein. Was wir stattdessen brauchen, ist ein Verständnis, dass Innovation nur dann breit geschaffen werden kann, wenn Daten zugänglich werden. Denn nur dann schaffen wir einen Anreiz, Daten nicht nur zu nutzen, sondern dies auf originelle, innovative, neuartige Weise zu tun. Genau das passiert aber in Europa nicht, weil wir nur 15 Prozent der Daten, die wir sammeln, nutzen.


Warum regelt das der Markt nicht selbst? Müsste der Staat hier stimulierend eingreifen?

Das Problem eines Datenmarktes ist nicht nur, dass es kein entsprechendes Eigentumsrecht gibt, und selbst wenn wir es schaffen würden, wüssten wir nicht, wie wir es durchsetzen könnten. Es gibt auch ökonomische Probleme. Bei den Daten weiß ich von vornherein nicht genau, was sie wert sind. Denn der Wert entsteht erst durch die Nutzung. Darum kann sich kein Preis bilden und letztlich auch kein effektiver Markt. Wir müssen verstehen, dass wir keinen Anreiz brauchen für das Datensammeln und -verkaufen, sondern für das Nutzen von Daten.


Sie verwenden auch den Begriff „Datenkapitalismus“. Was ist damit gemeint?

Das soll darauf hindeuten, dass Daten inzwischen ein wenig die Rolle des Kapitals übernehmen. Das deutsche Wirtschaftswunder und die heutige Innovationskraft der klein- und mittelständischen Unternehmen in Deutschland verdanken wir nicht nur dem European Recovery Program nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern später auch dem Einsatz von Venture Capital. So sind ausreichend viele Gelder in die Forschung und Entwicklung innovativer Ideen geflossen, ohne die die heutigen revolutionären Fortschritte im Bereich der Digitalisierung und Biogenetik nicht möglich gewesen wären. Jetzt erleben wir eine ökonomische Dynamik, die in ihrem Kern nicht auf den Zugang zu Kapital, sondern zu Daten angewiesen ist. Wir brauchen also eine breitere Zugänglichkeit zu den Daten, vielleicht sogar eine Datensubvention für Unternehmen, damit sie in der Datenökonomie eine Chance haben.


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Ich finde diese Analogie sehr spannend. Das, was früher Geld war, müssen heute Daten sein. Und um diese gut zu verteilen, brauchen wir staatliche Daten-Förderprogramme. Gegen all das spricht aber dann doch der Datenschutz, oder?

Nein, eben nicht. Denn die große Mehrzahl der Daten, die wir heute in Europa erheben, sind Sachdaten, wie zum Beispiel Sensordaten aus Maschinen. Denken Sie daran, dass ein einziges Triebwerk eines Airbus A380 bei einem einzigen Flug vier Gigabytes an Sensordaten sammelt. Ein anderes Beispiel ist eine Rechtschreibprüfung, die aus den Tippfehlern in E-Mails und Suchanfragen im Netz gelernt hat. Das hat nichts mit personenbezogenen Daten zu tun, und diese Daten können wir zur Verfügung stellen, ohne dass wir damit den Datenschutz gefährden. Abgesehen davon können wir selbst personenbezogene Daten inzwischen sehr gut entpersonalisieren – und trotzdem viel daraus gewinnen.


Das Stichwort Entpersonalisierung ist hier sicher ganz zentral. Trotzdem dürfte vielen Bürgern nicht klar sein, um was es hier geht. Müssen wir hier mehr aufklären, was personenbezogene Daten sind, was damit passieren kann und welche Möglichkeiten man hat, diese zu entpersonalisieren?

Ja, wir brauchen dringend eine differenzierte Betrachtung, was die Nutzung der Daten angeht. Denn es gibt Unternehmen, die Daten unethisch nutzen. Aber es gibt auch sehr viele, die insbesondere aus entpersonalisierten Daten bessere Dienstleistungen und Produkte schaffen. Europa lebt im Moment in einem dunklen Zeitalter der Ignoranz. Rund 85 Prozent der Daten, die wir in Europa sammeln, werden nicht ein einziges Mal verwendet. Das ist nicht nur ineffizient und wenig nachhaltig, da wir viel Energie einsetzen, um Daten zu sammeln, die wir nicht verwenden. Es führt auch dazu, dass wir viele Entscheidungen treffen in Unternehmen, aber auch als Einzelpersonen, ohne entsprechend auf Empirie, auf Daten, auf Tatsachen zurückzugreifen. Wir müssen diese Ignoranz dringend hinter uns lassen und uns sagen: Die Nutzung der Daten hilft mir, hilft der Gesellschaft und hilft der Wirtschaft. Und deshalb bin ich froh, dass Data Literacy eine der vier zentralen Komponenten der neuen Datenstrategie der deutschen Bundesregierung ist.

„Rund 85 Prozent der Daten, die wir in Europa sammeln, werden nicht ein einziges Mal verwendet.“

Sie hatten vorhin den Begriff der Ethik schon einmal kurz angerissen. Wo sind für Sie Bereiche, in denen tatsächlich ein Limit sein müsste, in denen Daten auf keinen Fall genutzt werden sollten?

Hoch problematisch finde ich es, wenn Daten dazu genutzt werden, um kriminelle Handlungen vorherzusagen. Wenn Ihnen das zu sehr nach Science-Fiction klingt, dann bedenken Sie, dass auch in Deutschland inzwischen Daten eingesetzt werden, die der Polizei sagen, in welchen Straßen und Stadtteilen sie wann auf Streife gehen sollen. Das birgt aber auch ein hohes Risiko von Fehlinterpretationen. Wenn Sie sich etwa auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe besonders fokussieren, dann werden Sie dort auch automatisch mehr kriminelles Potential finden. Das Problem sind dann nicht die Daten, sondern wie wir sie interpretieren.


Wie kann ich als Unternehmen verantwortungsbewusst mit dem Thema Daten umgehen, so dass ich die Chancen nutze, aber auch die Risiken unter Kontrolle behalte, die sich für mich und meine Kunden ergeben?

Das Wichtigste ist, dass ich vorausschauend denke und plane. Aber das ist für Unternehmen nichts Neues. Sie müssen die Risiken, die ihre Produkte und Dienstleistungen erzeugen, abschätzen können – vom Fahrstuhl über das Flugzeug bis hin zu Impfstoffen. Genau das ist auch bei der Nutzung von Künstlicher Intelligenz und Big Data entscheidend. Vielleicht brauchen manche kleineren oder mittelständischen Firmen hier noch ein wenig Hilfestellung, aber im Wesentlichen können das Unternehmen, das haben sie in der Vergangenheit immer wieder bewiesen.

Jetzt haben wir in diesem Gespräch schon die ökonomische Perspektive gestreift, aber an dieser Stelle noch einmal die explizite Frage: Ist die Digitaldividende, die Nutzer aus der Freigabe ihrer Daten bekommen, schon groß genug?

In gewisser Hinsicht haben wir ja schon eine riesige Datendividende eingefahren. Wir haben das Internet zur Verfügung und darin Zugriff auf riesige Informationsspeicher, die uns dank der Suchmaschinen auch gut zugänglich sind. Das Problem, das wir heute haben, ist, dass ein Gutteil der Digitaldividende von sehr großen digitalen Plattformen gesammelt wird und damit nicht der Gesellschaft als Ganzes zugutekommt. Das ist ein problematischer Konzentrationsprozess, der nicht nur Wettbewerb untergräbt und Innovation minimiert, sondern auch dazu führt, dass wir alle individuell und als Gesellschaft ignoranter sind, als wir eigentlich sein müssten. Und das halte ich für gefährlich.


Die großen Unternehmen, die Sie hier ansprechen, damit meinen wir vor allem amerikanische und in letzter Zeit auch verstärkt chinesische Unternehmen. Nun wird immer wieder gesagt, Europa habe in dieser Konstellation eigentlich keine Chance mehr, von der Digitalisierung zu profitieren. Sehen Sie das auch so?

Nein, im Gegenteil. Wenn wir genau auf das Silicon Valley blicken, dann stellen wir fest, dass diese große Konzentration an Information und Wirtschaftsmacht auf eine kleine Zahl von Plattformen dazu geführt hat, dass das Silicon Valley heute bei weitem nicht mehr so innovativ ist, wie es noch vor zehn oder 20 Jahren war. Und auch in China kommen große Digitalunternehmen zu großer Marktmacht, die letztlich zu einer Verminderung der Innovationskraft führen wird. Und das ist eine große Chance für Europa, wenn die anderen beiden zwar immer noch groß sind, aber langsamer werden. Die Strategie darf nicht sein, die Vereinigten Staaten oder China zu kopieren, sondern über einen freien und offenen Datenzugang den europäischen mittelständischen Unternehmen eine Daten- und Digitaldividende zukommen zu lassen. Diese versetzt sie dann in die Lage, hochinnovativ neue Produkte und Dienstleistung zu schaffen, die uns als Volkswirtschaft und Gesellschaft voranbringen.


Gibt es da besondere europäische Werte, bei denen Sie sagen: Über die sollte man sprechen, die muss man betonen?

Natürlich ist in Europa der Datenschutz wichtig, aber wir müssen uns bewusstmachen, um was es eigentlich geht. Nämlich sowohl darum, die Würde des Menschen zu bewahren, aber auch Individuen und Gesellschaft zu bemächtigen – sie in die Lage zu versetzen, gute Entscheidungen zu treffen. Und dazu müssen Daten flächendeckend genutzt werden können. Der Datenschutz hatte schon immer diese zweite Seite, sie ist nur in Vergessenheit geraten. Was wir in Europa brauchen, ist nicht mehr Datenschutz, sondern mehr Datennutzung.


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Dr. Viktor Mayer-Schönberger
Professor für Internet Governance and Regulation am Oxford Internet Institute
Der gebürtige Salzburger Viktor Mayer-Schönberger ist seit 2010 Professor für Internet Governance and Regulation am Oxford Internet Institute. Der Informationswissenschaftler berät außerdem Unternehmen, Regierungen und internationale Organisationen; er ist Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung. Akademisch beschäftigt er sich mit den gesellschaftlichen Folgen der Nutzung von Big Data. Als 19-Jähriger gründete er die Softwarefirma Ikarus und entwickelte Antiviren-Programme.


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Nicolai Andersen
Nicolai Andersen leitet den Geschäftsbereich Consulting bei Deloitte Deutschland. Der Wirtschaftsingenieur ist seit 1999 in der Beratung tätig und hat eine Vielzahl von Unternehmen im In- und Ausland bei Transformationsprojekten mit Fokus auf neue Geschäfts- und Betriebsmodelle begleitet. Nicolai Andersen ist Experte für Auswirkungen von technologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen auf Unternehmen. Als Chief Innovation Officer leitete er den Corporate Incubator „Deloitte Garage“ und hat die digitale Transformation von Deloitte vorangetrieben. Er ist außerdem Mitglied des Präsidiums der Initiative D21 und engagiert sich für die Diskussion der ethischen Aspekte der Digitalisierung.
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Quelle: Vor:Denker

Veröffentlicht: 18.01.2019 13:19 Uhr