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Eine Initiative von

„Selbstreflexion und Selbstwahrnehmung sind wichtiger denn je“

Von Christina Lynn Dier
5:30 Minuten Lesezeit
23.01.2019
Eine Initiative von

Michael Bordt ist Philosophieprofessor und Jesuit – und er erlebt hautnah, was die Auseinandersetzung mit Digitalisierung für Führungskräfte bedeutet. Im Interview spricht der Vorstand des Münchener Instituts für Philosophie und Leadership über den Umgang mit Unsicherheiten und wie wichtig es ist, sich selbst führen zu können.

Herr Bordt, Sie beraten und begleiten viele Topmanager. Dabei setzen Sie auf Methoden und Übungen, die der Jesuitenorden in seiner jahrhundertealten Geschichte entwickelt hat. Sind diese in unserem schnelllebigen Alltag nicht längst überholt?


Nein, keinesfalls. Im Gegenteil: Ich würde sogar behaupten, dass in unserer hochtechnologisierten, digitalen Welt genau diese ursprünglichen Methoden zur Selbstreflexion und Selbstwahrnehmung wichtiger sind denn je.



Das müssen Sie erläutern.


Der englische Begriff VUCA fasst die schwierigen Rahmenbedingungen, in denen die Unternehmensführung heute stattfindet, gut zusammen. VUCA steht ins Deutsche übersetzt für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit. Genau in einer solchen VUCA-Welt müssen Führungskräfte Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, ob sie richtig oder falsch sind. Mit den im BWL-Studium erlernten Methoden der Problembewältigung kommen sie hier ganz schnell an ihre Grenzen. Denn die Dinge sind nicht mehr nur kompliziert, sondern komplex. Selbst nach reiflicher Überlegung erhalten wir oft keine Klarheit in der Entscheidung.

Die Dinge werden durch so viele einzelne Faktoren bestimmt, dass man sie ganz prinzipiell nicht mehr in den Griff bekommen kann. Das ist eine ganz starke Ohnmachtserfahrung, die viele Führungskräfte an dieser Stelle erleben.

Was hat das zur Folge?


Wenn die Unsicherheit, in der man im Äußeren agiert, zu einer inneren Unsicherheit wird, dann kann das zu Entscheidungsunfähigkeit, Lähmung und Endlosdiskussionen führen. Das beobachten wir in vielen Unternehmen. Was man dem aber entgegensetzen kann, ist eine starke Persönlichkeit, die in sich ruht und Orientierung gibt. Eine Persönlichkeit, die eine Vorstellung davon hat, wie das Unternehmen Entwicklungen wie die Digitalisierung vorantreiben kann, die entscheidungsfähig ist, die sich selbst und andere Menschen führen kann. Diese Charakterstärke ist gerade in einer sich rasch verändernden Welt enorm wichtig.



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Welche Methoden setzen Sie ein, um diese Charakterstärke auszubilden?

Als wir an der Hochschule für Philosophie München das Institut für Philosophie und Leadership gegründet haben, stand für uns eine Frage im Mittelpunkt: Was müssen eigentlich die Jesuiten in ihrer Ausbildung lernen, um selbst idealerweise starke Persönlichkeiten zu sein? Und die beiden entscheidenden Elemente dafür sind Selbstreflexion und Selbstwahrnehmung. Es geht um den zentralen Punkt: Warum mache ich das, was ich mache? Man muss also beginnen, über sich selbst nachzudenken. Eine der besten Methoden, um sich über diese Fragestellung im Klaren zu werden, ist die Mindfulnessmeditation. Das lernen übrigens auch die Führungskräfte, die unsere Kurse besuchen.



Sie geben Topmanagern also eine Art Entschleunigung für den hektischen Arbeitsalltag mit auf den Weg?


Nein, es geht nicht darum, sich selbst oder die Welt zu entschleunigen. Das ist durch die fortschreitende Digitalisierung auch gar nicht möglich. Es geht sogar eher darum, eine Beschleunigung an den Tag zu legen – aber diese muss eben so vonstattengehen, dass man sich selbst nicht aus dem Blick verliert. Es muss mir gelingen, eine Gleichzeitigkeit im Alltag zu leben. Ich sitze als Topmanager in vielen Gremien und Meetings und habe dennoch den inneren Freiraum, um zu sehen und zu verstehen, was in mir selbst vorgeht. An dieser inneren Haltung gilt es zu arbeiten.



Sie sind davon überzeugt, dass man zuerst in der Lage sein muss, sich selbst zu führen, bevor man anderen Menschen Orientierung geben kann. Warum?


Selbstführung heißt ja, dass ich meine inneren Impulse steuern kann. Ich entwickle also ein Bewusstsein dafür, welchen Impulsen ich nachgeben kann und welchen nicht. Ein Beispiel: Ich habe zwar Angst, aber dennoch weiß ich, dass es nicht richtig ist, diesem Impuls jetzt nachzugeben – weil eine andere Aktion die Richtige ist. Ein anderes Wort für Selbstführung ist im Übrigen Authentizität. Menschen, die authentisch sind, bringen andere Menschen dazu, selbst authentisch zu sein.

Dank Künstlicher Intelligenz und ihren mathematischen Optimierungsalgorithmen lassen sich in vielen Entscheidungssituationen bereits alle Handlungsoptionen überblicken – braucht es da überhaupt noch eine analoge Managemententscheidung?


Management wird vielleicht weniger wichtig, aber nicht Leadership, also echte Führung. Es wird immer Menschen brauchen, die den strategischen Rahmen vorgeben. Die einzelnen Prozesse lassen sich dann dank Künstlicher Intelligenz optimieren – zum Beispiel, wenn es darum geht, gewisse Kennzahlen im Blick zu behalten und zueinander in Verbindung zu setzen.

Ich glaube aber nicht, dass der Einsatz von modernen Technologien Leadership entmenschlichen wird.

Wie hat sich Ihre Arbeit am Institut für Philosophie und Leadership in den letzten Jahren verändert?


Wir bekommen schon zu spüren, dass durch den raschen digitalen Wandel die Unsicherheit gestiegen ist. Viele Führungskräfte erleben, dass sie die VUCA-Umgebung nicht nur in ihrem Unternehmen, also in der äußeren Welt vorfinden, sondern auch in sich selbst. Dem etwas entgegenzusetzen ist eine echte menschliche Herausforderung. Und das Bedürfnis, bei sich selbst auf ein Fundament zu stoßen, von dem aus sich die Dinge ordnen, ist größer geworden. Was meine Arbeit sehr erfüllend macht, ist die Tatsache, dass ich wirklich helfen kann.



Welche drei Kompetenzen werden in Zukunft ein erfolgreiches Leadership ausmachen?


Die Wichtigkeit, für sich selbst die Sinnfrage zu beantworten, kann ich gar nicht überbetonen. Also: Warum mache ich das alles? Bin ich mit dem, was ich tue, am richtigen Ort? Wenn ich diese Frage einmal für mich positiv beantwortet habe, kann ich auch schwierige Situationen im Unternehmen meistern. Eine zweite wichtige Kompetenz ist es, trotz aller Unsicherheiten weiterhin Entscheidungen zu treffen – und zu guter Letzt ist Kommunikation eine Fähigkeit, die Führungskräfte unbedingt beherrschen sollten, trotz des ständigen Zeitdrucks.

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Über Professor Michael Bordt
Professor für Philosophische Anthropologie, Ästhetik und Geschichte der Philosophie und Vorstand des Instituts für Philosophie und Leadership (IPL)
Professor Michael Bordts Arbeitsschwerpunkte liegen auf Fragen der Tugendethik und Anthropologie sowie Musikästhetik und Führungsethik. Er ist Vorstand des Instituts für Philosophie und Leadership (IPL) an der Hochschule für Philosophie München. Die Forschung und Lehre des IPL behandelt Themen rund um Leadership und Führungsethik. Zudem bietet es Beratung, Begleitung und Fortbildung von Führungskräften in Spitzenpositionen an. Im Fokus stehen dabei persönlich-existentielle, strukturelle und ethische Aspekte rund um das Thema „Führen“.
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Quelle: Vor:Denker

Veröffentlicht: 18.01.2019 13:19 Uhr