https://www.faz.net/-iqb-9isb5
Anzeigensonderveröffentlichung
Anzeigensonderveröffentlichung
Eine Initiative von

Ich habe das noch nie gemacht. Also bin ich wahrscheinlich gut darin

Von Guido Walter
4:30 Minuten Lesezeit
01.02.2019
Eine Initiative von

Die Vorstellung, dass der technische Fortschritt gleichzeitig auch die Diversität antreibt, hat sich vielfach als Irrtum erwiesen.

initial letterie Fernsehserie „Silicon Valley“ rankt um Gründer, die in Kalifornien vom Durchbruch in der Tech-Szene träumen. Die Start-up-Teams bestehen grundsätzlich aus drei oder vier jungen Weißen und einem Inder. Der Running Gag besitzt einen wahren Kern. Eine Erhebung von Google ergab, dass 2018 rund 67 Prozent der Führungskräfte Weiße, 26 Prozent Asiaten und zwei Prozent Schwarze waren. Der „White Boys Club“ existiert nicht nur in der Fiktion der TV-Serie. Es gibt ihn im realen Silicon Valley wie im Ökosystem der deutschen Start-up-Szene. „Wenn Apps nur von jungen Männern zwischen 20 und 35 Jahren mit einem westlichen oder indischem Hintergrund entwickelt werden, kommt ein eingeschränktes Angebot dabei heraus“, sagte Anne Kjaer Riechert, die mit der ReDI School in Berlin und München eine Programmierschule für Flüchtlinge gegründet hat.

Gründen Frauen anders? Die Dänin Ida Tin entwickelte mit „Clue“ eine App, mit der Frauen ihren Menstruationszyklus überwachen können. Ein Mann wäre wahrscheinlich in hundert Jahren nicht auf so einen Service gekommen. Was also tun? Den Girls Club gründen? Anne Kjaer Riechert: „Ich finde dieses Einstein-Zitat gut:”

„You can’t solve a problem with the same kind of thinking that created it. Wir brauchen eher weibliche Vorbilder statt einen Girls Club.“ Tweet it
Weitere Beiträge der VOR:DENKER
Teaser empfohlener Artikel
Cyber Protection
Kontroverse um den „Hack Back“
Teaser empfohlener Artikel
Kulturwandel
Wir leben in der digitalen Pubertät

Sie hofft darauf, dass der Generationswechsel die Diversität vorantreibt. „Die großen Tanker mit der alten Unternehmenskultur werden aussterben, wenn sie nicht schnell genug sind mit neuen Ideen.“ Denn die Vorstellung, dass der technische digitale Fortschritt quasi als Automatismus auch die Diversität antreibt, hat sich vielfach als Irrtum erwiesen. Die Gründe dafür liegen tief. Vorsichtig sein. An Sicherheit denken. Das erfahren Mädchen früh. Bei Jungs dagegen ist es okay, Risiken einzugehen. Hier wird der Pfad gelegt, der dazu führt, dass eine mit Risikoaffinität einhergehende Gründerfähigkeit später als Männersache gesehen wird. „Wir brauchen viel mehr Rollenmodelle, die Frauen zeigen: Ja, natürlich kann ich gründen“, sagt Riechert, die als Managementliteratur Bücher von Astrid Lindgren empfiehlt. Pippi Langstrumpf, die Heldin aus den Büchern der schwedischen Autorin, lebt bereits als Mädchen im eigenen Haus, ist einfallsreich, mutig und nicht auf den Mund gefallen. Das Langstrumpf-Mantra: „Ich habe das noch nie gemacht. Also bin ich wahrscheinlich gut darin.“

Ohne starke Frauen keine Diversität. Fehlt es an Diversität, schwächelt Innovation. Das haben zahllose Studien bewiesen. „Das Gegenteil von Innovation ist, wenn alle Leute ähnlich denken“, sagt Riechert. „Dann wird es sehr schwierig, neue Ideen zu entwickeln.“ Group Think ist das Gegenteil von Diversität. Das gilt übrigens auch, wenn eine Gruppe aus lauter Querdenkern besteht. Bei der Zusammenstellung diverser Teams sind Technologien wie die Künstliche Intelligenz hilfreich.

Frauen und Diversity

Zum Beispiel, um Voreingenommenheit im Vorfeld auszublenden. In den USA hat kürzlich eine Studie über die Benachteiligung von Frauen in großen Tech-Firmen für Aufsehen gesorgt. Unbewusste Voreingenommenheit („Unconscious Bias“) bei Personalentscheidern ist ein weltweites Problem. Die Ingenieurin Stephanie Lampkin lernte mit 13 Jahren Programmieren und war mit 15 Vollzeitentwicklerin. Beim Einstellungsgespräch wurde ihr gesagt, sie sei nicht technisch versiert genug. Diese Erfahrung galt Lampkin als Weckruf. Sie gründete mit Blendoor eine Rekrutierungsplattform, um mehr Frauen, Migranten und Älteren zu guten Jobs zu verhelfen. Bei Blendoor stehen die Skills eines Bewerbers im Vordergrund. Eben das, was für die digitalen Jobs der Zukunft entscheidend ist. In den frühen Phasen der Befragung sind auf der Plattform der Name und das Foto ebenso unsichtbar wie Alter und Geschlecht. Ein Schritt hin zur Chancengleichheit, sogar für junge weiße Männer mit westlichem oder indischem Hintergrund.

Bild about
Anne Kjaer Riechert
CEO und Co-Founder der ReDI School of Digital Integration
2006 machte die Dänin ihren Abschluss bei den „KaosPilots“ – ein Hybrid aus Business- und Design-School in Dänemark – und arbeitete bis 2009 als Beraterin im Bereich Corporate Social Responsibility. Während dieser Zeit entwickelte sie auch die preisgekrönte CSR-Strategie von Samsung Electronics für Skandinavien. Nach zwei Forschungsjahren in Japan zum Thema soziale Innovation gründete sie das „Peace Innovation Lab“ in Berlin, um zu erforschen, wie Technologie entstehende und messbare soziale Veränderungen erleichtert, die zu globalem Frieden führen. Im Jahr 2015 gründete sie die ReDi School of Digital Integration. Hier können Flüchtlinge Programmieren lernen oder ihre Programmierausbildung fortführen. Capital zählte Riechert drei Jahre in Folge zu den „Top 40 unter 40 – junge Elite“ und Edition F zu den „25 Frauen“, welche die deutsche Wirtschaft revolutionieren. Das Handelsblatt kürte sie 2018 zur „Mutmacherin des Jahres“.
Diesen Artikel teilen

Quelle: Vor:Denker

Veröffentlicht: 14.11.2018 11:38 Uhr