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Eine Initiative von

Dinge auf europäische Art zu tun heißt, einen Moment des politischen Denkens zuzulassen

Von Guido Walter, Foto: Ian Scott
12 Minuten Lesezeit
19.04.2019
Eine Initiative von

Europa sollte sich stärker für digitale Verantwortung einsetzen, meint Prof. Luciano Floridi von der Universität Oxford. Floridi, der als weltweit führender Datenphilosoph gilt, fordert von den marktbeherrschenden Digitalunternehmen eine sozialpolitische Neuorientierung. Die Politik sollte seiner Meinung nach zurück aufs Spielfeld. Denn nur mit einer neuen humanistischen Perspektive bekommen wir enorm leistungsfähige Technologien wie Künstliche Intelligenz oder 5G in den Griff.

Professor Floridi, viele Menschen haben Angst vor einer Zukunft, in der Technologien wie die Künstliche Intelligenz (KI) eine dominante Rolle spielen. Fällt es uns schwer, mit neuen Technologien umzugehen, weil es keine Stopp-Taste gibt?

Die gibt es in der Tat nicht. Was es aber gibt, ist politische und soziale Entscheidungskraft. Damit kann Druck ausgeübt werden. Wir dürfen nicht so tun, als wenn zwischen jetzt und dem, was in 1000 Jahren sein wird, nichts passieren wird. Jeden Tag können wir die Richtung ändern. Vielleicht bin ich zu optimistisch und glaube zu sehr an unsere Fähigkeit, Dinge zu regulieren. Für mich aber machen soziale Entscheidungen der Politik den Unterschied aus. Unternehmen handeln rational, sie bewegen sich im Rahmen der Gesetze dorthin, wovon sie sich die meisten Gewinne versprechen. Aber sie sind auch ziemlich flexibel, wenn es darum geht, ihr Verhalten zu ändern. Sie müssen ihnen nur sagen, was erlaubt ist und was nicht.


Am Anfang Ihres Buches „Die vierte Revolution“ sagen Sie: „Wollen wir nicht im Unklaren ertrinken, müssen wir unseren Verstand anstrengen und ein Floß bauen, während wir schwimmen.“ Was meinen Sie genau damit?

Diese Metapher stammt von Otto Neurath, einem Philosophen. Er sprach darüber, dass wir nie einen Moment des Innehaltens haben, in dem wir aufhören, alles neu aufzubauen. Denn das passiert in unserer Gesellschaft ständig. Jede Veränderung, ob sozial, politisch oder technologisch, geschieht, weil wir Dinge voranbringen. Das ist wichtig zu erkennen, da wir sonst in zwei Fehler verfallen. Der eine ist zu denken, es gibt den perfekten Moment, um Dinge zu tun. Der andere ist, untätig zu bleiben, weil es ohnehin zu spät ist. Dabei ist, und das drückt die Metapher aus, der richtige Zeitpunkt genau der Zeitpunkt, in dem wir handeln. Wir reparieren wie das Floß oder das Schiff, während wir unterwegs sind.


Für Stephen Hawking war es eher „zu spät“. Er legte der Menschheit ein Raumfahrtprogramm nahe, bevor KI übernimmt. Waren seine Sorgen berechtigt?

Diese Sorgen gehen in die falsche Richtung. Es gibt ernste Bedenken hinsichtlich Künstlicher Intelligenz oder allgemeiner über digitale Technologien, weil sie enorm leistungsfähig sind. Die Macht dieser Technologien bedingt, dass Fehler zu gewaltigen Konsequenzen führen. Gleichzeitig muss man sich fragen, ob diese Macht an sich negativ ist. Haben wir ein Monster entfesselt? Ich glaube nicht.


Dann können wir uns entspannen und alles ist in Ordnung?

Keinesfalls. KI ist eine mächtige, transformative Technologie, die alles berührt, was wir tun. Sich angesichts dessen zurückzulehnen wäre reichlich dumm. Diese Technologien können für das menschliche Wohlbefinden, den sozialen Fortschritt und selbst für die Ökologie enormes leisten. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen. Wir kennen das Prinzip des Recycelns seit Jahrtausenden. Bis vor kurzem haben wir nichts weggeworfen, weil nichts wegzuwerfen war. Wir haben alles wiederverwertet, aber blieben arm. Erst später wandelte sich die Kreislaufwirtschaft zur Linearwirtschaft, in der die Menschen begannen, zu konsumierten und Dinge wegzuwerfen. Die Wegwerfgesellschaft machte uns wohlhabend, ermöglicht durch Technologie.

Digitale Technologie wiederum kann uns dabei helfen, zur Kreislaufwirtschaft zurückzukehren bei Beibehaltung unseres Wohlstands. Künstliche Intelligenz kann bei diesem Projekt helfen.

Ist das eine gute Sache? Absolut. Aber dazu braucht es eben auch politischen Willen.


Wobei es oft heißt, dass Politiker nicht das Rüstzeug für das digitale Zeitalter haben. Sehen Sie es auch so?

Ich denke, ja. Keine Frage, es ist kompliziert. Politiker müssen sich mit vielen Problemen und deren Wechselwirkungen auseinandersetzen. Dennoch haben wir ein Defizit an politischen Visionen und Richtungsentscheidungen. Jahrzehntelang wurde nichts gegen Verwerfungen im Internet unternommen. Jetzt haben wir das gleiche Problem mit der KI. Es ist ein großer Fehler zu denken, der Markt würde das selbst regulieren. Hier geht es um eine richtig große Sache. Sie können das nicht so laufenlassen wie mit den Stromversorgern. Gewinn generieren, Märkte schaffen und erst dann regulieren, das ist die Mentalität des 20. Jahrhunderts. Und Stromversorgung berührt unsere persönliche Identität längst nicht so stark wie KI. Hier geht es um Autonomie, Wohlbefinden und sogar die Identität von uns Menschen. Wir dürfen die Fehler, die wir mit dem Internet gemacht haben, mit KI nicht wiederholen. Dazu braucht es eine gesellschaftliche Anstrengung. Natürlich mit den Firmen an Bord.


Ist es sinnvoll, stärker gegen Monopole der Digitalwirtschaft vorzugehen?

Bevor Sie Monopole reglementieren können, müssen Sie sie erst identifizieren. Reden wir über soziale Plattformen, Instant Messaging oder das Teilen von Videos und Bildern? Diese De-facto-Monopole sind heute enorm mächtig. Wenn wir früher über die Spielregeln gesprochen hätten, wären wir heute besser dran. Jetzt ist es desto schwieriger, je mehr Arbeitsplätze diese Unternehmen schaffen.


Der Versuch, Apple oder Amazon zu regulieren, scheitert regelmäßig an Ländern wie Irland oder Luxemburg, die von Steuereinnahmen der US-Unternehmen profitieren. Profitieren diese Unternehmen von der europäischen Disharmonie?

Das tun sie vollständig. All dies ist Teil des politischen Defizits, unter dem wir leiden. Die EU sollte eine echte Union sein. Nicht nur vereint, wenn es für jeden bequem ist. Unterschiedliche Steuerregelungen im EU-Raum sind ein reales Problem. Denn ehrlich gesagt, würden Sie und ich nicht genau das tun, was Apple mit Irland getan hat? Wenn Sie wissen, dass Sie dort weniger Steuern zahlen?



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Die Wirtschaft in Europa ist stark industriell geprägt, und viele blicken in Zeiten der digitalen Transformation neidisch über den großen Teich. Das Silicon Valley zu kopieren wäre dennoch keine gute Idee. Brauchen wir in Europa nicht etwas Eigenständiges?

Richtig. Man kann ein einzigartiges Start-up-Ökosystem wie das Silicon Valley nicht einfach kopieren. Der Versuch, in den USA eine Kopie zwischen New York und Boston zu schaffen, ist gescheitert. Und wir reden hier über Beteiligte wie Harvard, MIT, NYU, die Regierung in Washington und viel Geld. Sie haben es nicht geschafft, weil so etwas besondere Bedingungen erfordert. Sie können in Schweden keinen Olivenbaum pflanzen. Jedes Ökosystem hat seine eigene innere Logik. Wir in Europa haben in den letzten 100 Jahren auf die harte Art und Weise gelernt, Dinge richtig zu machen. Wir sind durch die Hölle gegangen, um jetzt reifer und weiser zu sein. Dinge auf europäische Art zu tun heißt, einen Moment des politischen Denkens zuzulassen. Diese sozialdemokratische Art, einen Konsens herzustellen, benötigt Zeit, Geduld und Reife. Wir brechen nichts übers Knie. Wir bauen nichts auf, was wir später nicht wieder reparieren können. Und unsere Stimme wird gehört. Gerade wegen all der Fehler, die wir gemacht haben.


Bedingen die Erfahrungen aus der Geschichte in Europa nicht auch eine andere Art der Regierungsführung?

Ja. Diese Governance hat einen anderen Stil. Für mich ist die Europäische Union eine Union der Werte. An Grenzen denke ich überhaupt nicht. Ist uns Kanada näher oder Russland? Ja, da liegt der Atlantik dazwischen. Aber ist das der einzige Grund? Von den Werten her ist uns Kanada gewiss viel näher als Russland.


Sollten wir uns in Europa stärker für den Wert digitaler Verantwortung einsetzen? Zu sagen: Wir sind in Europa, wir stehen dafür ein?

Ich mag das Wort Verantwortung, weil es Teil eines Gesamtpakets ist. Die digitale Ethik, die wir entwickeln, steht auf zwei Fundamenten. Dass eine ist, sich um Dinge zu kümmern. Das andere ist Verantwortung. Diese entspringt einer Geschäftsethik, die in der industriellen Tradition verankert ist. Unternehmerische Verantwortung ist etwas, was Geschäftsleute sofort verstehen. Sich um etwas kümmern, bedeutet aber, generell darauf zu achten, welche Auswirkung mein Handeln auf meine Umgebung hat. Das umfasst nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch die Umwelt, die Pflege und die Betreuung von hilfsbedürftigen Personen und Minderheiten. Digitale Technologien könnten das unterstützen. Dafür bedarf es aber einer sozialpolitischen Neuorientierung der großen, marktbeherrschenden Digitalunternehmen.


Wobei wir nicht vergessen sollten, dass es diese Firmen vielleicht in 20 Jahren nicht mehr gibt, richtig?

Genau. Vertraute Adressen wie „Pan Am“ oder der Blackberry-Hersteller RIM existieren nicht mehr. Erinnern Sie sich noch daran, dass Olivetti einst ein großer Computerhersteller war? Unternehmen, die sich nicht neu erfinden, scheitern ebenso wie solche, die einen Wirtschaftszyklus an sich vorbeiziehen lassen. Ich würde gern die Politik auf dem Spielfeld sehen. Sie sollte visionärer sein und sagen, dort stehen wir, und dort wollen wir hin. Besonders in diesen Tagen, wenn es um digitale Technologien geht, die unser Ticket für die Zukunft sind. Es hängt viel davon ab, wie wir digitale Technologien entwickeln, zum Beispiel die Infrastruktur für 5G. Dabei geht es nicht nur um die KI, sondern auch um die Frage, wie wir den ganzen neuen Profit verteilen. Das ist entscheidend.


Wir sprachen über digitale Verantwortung mit Bezug auf Politik und Gesellschaft. Wie nehmen wir die Unternehmen in die Pflicht?

Indem wir unsere Ansprüche an sie steigern. Das Anheben der Messlatte kann auf zwei Arten erfolgen. Durch Gesetzgebung oder geschäftliche Anreize. Sehen Sie, was jetzt mit der jüngsten Entscheidung über die Urheberrechte passiert ist. Sobald der gesetzliche Rahmen steht, kommt Bewegung in die Sache. Wenn sie die Messlatte in Bezug auf den sozialen Druck höher legen wollen, erfordert das aber ein besseres Kartellrecht. Als Individuum kann ich Einfluss nehmen, wenn ich für einen bestimmten Politiker stimme. Das ist nicht viel, aber zumindest habe ich eine Wahl. Bei einem Monopol habe ich das nicht. Da heißt es dann: Entweder dort oder nirgendwo.


Das ist ein Argument. Suchen Sie mal im Internet einen Begriff, ohne Google zu benutzen…

Genau. Wir brauchen also mehr Wettbewerb. Der ist gut fürs Geschäft und die Gesellschaft. Und wir sollten uns um die Spielregeln kümmern. Europäische Politiker versuchen, neue Regeln in den Griff zu bekommen, kommen aber bei all diesen Innovationen oft zu spät und verschieben schwierige Entscheidungen. Politik sollte in den Händen der Politiker sein, aber gleichzeitig sind ihnen die Hände gebunden. Wie kommen wir aus diesem Teufelskreis heraus, der dazu führt, dass die Menschen sich machtlos fühlen?

Ein neuer Deal, ein neuer Weg mit echter Hoffnung auf Veränderung würde diesen Teufelskreis durchbrechen.

Aber dazu brauchen Sie die richtigen Leute. Möglicherweise einen neuen JFK oder Martin Luther King.


Wäre es vorstellbar, dass der neue JFK oder Martin Luther King auch eine Künstliche Intelligenz ist?

Nein. Es gibt zu viel Hype um diesen Begriff. Wenn es durch künstliche Intelligenz gelingt, dass unsere Computer nicht mehr abstürzen, ist viel erreicht. KI kann mir helfen, mein Auto zu parken. Es kann helfen, Umweltprobleme zu lösen. Wir haben hier in Oxford ein neues Projekt. In dem erforschen wir, wie KI bei den 17 von den Vereinten Nationen festgelegten Zielen für nachhaltige Entwicklung helfen kann. Ich glaube fest daran, dass das funktioniert. Sie müssen das Instrument aber vernünftig einsetzen und können es nicht an eine KI delegieren.


In Ihrem Buch vergleichen Sie das Klagen über Big Data mit der Beschwerde über die Vielfalt eines großen Banketts. Worin wurzelt das Unbehagen über die Macht großer Datenmengen?

Vielleicht, weil 90 bis 95 Prozent aller heute existierenden Daten von der derzeit lebenden Generation stammen. Der Rest umfasst alles, was jemals aufgeschrieben wurde. Sich um all diese Daten zu kümmern ist eine enorme Aufgabe. Ständig treten Fehler auf. Können wir das besser machen? Absolut. Zum Beispiel bei der Planung. Gut überlegen, simulieren, testen, langsam angehen, nichts kaputt machen. Denn inzwischen kann jeder Fehler globale Auswirkungen haben.


Hat die feindselige, gereizte Diskussion über Daten etwas mit dem Unbehagen zu tun, das sich Dinge des Alltags im digitalen Zeitalter zu entmaterialisieren scheinen?

Möglicherweise, denn das ist das, was passieren wird. Gelegentlich kommt etwas zurück, wie etwa Schallplatten aus Vinyl. Über das Ende des gedruckten Buches sprechen wir auch nicht mehr. Alles kommt irgendwann ins Gleichgewicht. Auch, was die neue Normalität zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen sein wird. Was mich eher beunruhigt, ist, dass die Menschen alles, was die neue Normalität sein wird, a priori als in Ordnung ansehen. Weil wir als Menschen gewohnt sind, uns an die Umgebung anzupassen, in der wir uns befinden. Ich würde es hassen, wenn zukünftige Generationen null Privatsphäre als das neue Normal ansehen würden. Das wäre schrecklich.


Sind wir die letzte Generation, die den Unterschied zwischen Online und Offline überhaupt noch kennt?

Absolut. Sie und ich haben in unserer Vergangenheit moderne Zeiten erlebt. Heute muss ich meinen Studenten erklären, was früher modern war. Und selbst wenn wir die entsprechenden Gadgets haben, werden wir nicht mit speziellen Brillen oder Wearables herumlaufen. Meine Uhr zum Beispiel sieht analog aus, ist aber total digital. Sie sendet jede Sekunde meinen Standort.

Was analog und was digital ist, wird uns nicht mehr bewusst sein. Diese Grenze haben wir längst überschritten. Und wir werden nicht zurückgehen.

Mit der Digitalisierung haben wir bildlich gesprochen ein neues Land betreten. Aber legt sie die Regeln fest? Und wie lauten diese Regeln?

Regeln bekommen Sie dann, wenn Sie eine klare Vorstellung davon haben, wo sie als Gesellschaft hinwollen. Was heute fehlt, ist utopisches Denken. Eine Utopie werden sie nie realisieren können, aber sie zeigt Ihnen ein regulatorisches Ideal, auf das sie sich hinbewegen können. Und dann können Sie Schritte in diese Richtung unternehmen. Weil wir im 21. Jahrhundert kein menschliches Projekt für Europa haben, leihen wir uns eines von früheren Generationen. Wenn Politiker heute sagen, Europa steht für den Frieden, dann ist das gut und wichtig. Aber es ist nicht das Projekt des 21. Jahrhunderts. Wir sehen Frieden als normal an. Wir wollen einen anderen Traum, ein anderes utopisches Denken. Doch was uns Hollywood serviert, sind Dystopien. Katastrophen, Revolutionen und postapokalyptische Szenarien.


Der letzte positiv konnotierte, optimistische Science-Fiction-Film war „Things to Come“ von William Cameron Menzies. Aus dem Jahr 1936 ...

Ja. Und dabei muss ich nicht sehen, wie die Dinge immer schlimmer werden. Wir brauchen gesellschaftliches und politisches Engagement, um zu zeigen, dass Utopie und Dystopie nicht die einzigen Alternativen sind. Aber wo findest du die Leute dafür? Menschen bewegen sich nur, wenn sie spüren, dass sie gefährdet sind. Wenn es darum geht, gegen etwas zu kämpfen, dann kommen alle an Bord. Ich würde mir aber eine Gesellschaft wünschen, die für etwas kämpft. Für die Umwelt und für eine gerechtere Gesellschaft. Für die Möglichkeit, digitale Technologie sinnvoll zu nutzen. Das wäre ein Manifest für Europa.


Insbesondere in Europa sind Utopien ideologisch diskreditiert. Ist dies der Grund, warum es neue so schwer haben?

Zweifellos. Die Utopie des Kommunismus hat den Alltagstest nicht bestanden. Wenn du heute als junger Mensch auf diesem Planeten aufwächst, tust du das mit der Erinnerung an alle unsere Fehler in der Vergangenheit. Das macht den Neustart schwierig. Aber die Anstrengung lohnt sich. Wir brauchen diesen jungen Geist, der ständig Neues erschafft, aus dem sich dann etwas Gutes ergibt.


Lassen Sie mich noch ein paar letzte Fragen zu unserer Zukunft stellen. Was wird das nächste große Ding?

In den nächsten fünf Jahren werden sich viele digitale Technologien miteinander verbinden. Wir werden eine Menge KI in intelligenten Services online über 5G erleben, etwa im Internet der Dinge oder im Smart Home. Es wird nicht das ikonographische, revolutionäre Einzelstück, wie 2007 das iPhone, geben, sondern ein stärkeres Zusammenrücken bereits vorhandener digitaler Komponenten. Die Umwälzung von Web zu Mobile war wirklich vertikal. Der kommende Wechsel wird eher horizontal.


Welche Perspektiven räumen Sie Quantencomputern ein?

Die Leute reden ständig darüber, aber sie sind noch nicht da. In fünf Jahren können wir uns wieder darüber unterhalten. Dann könnten Quantencomputer disruptiv wirken. Ich bin nicht sicher, ob sie jemals funktionieren werden, aber das ist eine technische Frage. Zweifellos wird es aber in dem Moment, in dem wir nicht nur theoretisches, sondern reales Quanten-Computing haben, einen Boom auslösen. Bis es aber so weit ist, wird die Integration einzelner digitaler Komponenten der Schlüssel sein.


Und welche Rolle bleibt uns Menschen in der digitalen Welt? Im Buch schreiben Sie, dass wir als „Inforgs“ in der neuen Realität einer „Infosphäre“ leben werden…

Ich denke, dass wir uns in diese Richtung bewegen. Heute gibt es Kinder, die das Wort „Tier“ noch nie in Buchstaben gelesen haben. Sie klicken stattdessen auf ein Tiersymbol auf dem Bildschirm, und der Bildschirm reagiert. Für diese Kinder ist es normal, dass alle Dinge nur einen Klick weit entfernt sind. In dem Dorf, in dem ich als Kind meine Sommer verbrachte, konnte man sich ein Eis kaufen und am Kiosk ein paar Comics. Heute könnten sie mit dem nötigen Kleingeld per Mausklick eine Insel auf der anderen Seite der Welt kaufen.

Die Menschen der Zukunft atmen, leben, konsumieren Informationen. So gesehen, werden sie sich mehr und mehr zu Informationsorganismen wandeln.


Bild about
Über Luciano Floridi
University of Oxford
Luciano Floridi st seit 2013 Professor für Philosophie und Informationsethik der University of Oxford. Für seine Forschungen zur Philosophie der Information wurde er unter anderem mit dem Barwise Prize, dem Covey Award und dem Weizenbaum Award ausgezeichnet. Er ist Mitglied des Expertenbeirats von Google zur Umsetzung des „Rechts auf Vergessen“.
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Quelle: Vor:Denker

Veröffentlicht: 18.01.2019 13:19 Uhr