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Eine Initiative von

„Die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen hat sich seit 2007 verdoppelt“

Das Interview führte Birk Grüling
6 Minuten Lesezeit
13.09.2019
Eine Initiative von

Unsere Arbeitswelt wird immer schneller, agiler und mobiler. Das bietet viele Chancen, birgt aber auch Risiken. Vor allem die psychische Gesundheit der Mitarbeiter ist aus Sicht von Wirtschaftspsychologe Prof. Dr. Bertolt Meyer eine dringliche Herausforderung für die Unternehmen.

Herr Meyer, wie verändert die Digitalisierung unsere Arbeitswelt?

Sehr theoretisch ausgedrückt, könnte man sagen, dass jeder Schritt entlang der Wertschöpfungskette heute digital abgebildet wird. Jedes Produkt, jeder Arbeitsschritt, jede Dienstleistung hat einen digitalen Arbeitsanteil. Deshalb arbeiten immer mehr Menschen mit Tablets, Laptop oder anderen mobilen Endgeräten. Das bedeutet einerseits mehr Freiheit und Flexibilität, andererseits auch mehr Effizienz und Schnelligkeit. Das bietet sicher viele Vorteile für die Mitarbeiter und die Unternehmen. Es kann aber auch eine Arbeitsverdichtung und damit eng verbunden das Gefühl entstehen, nie mit der Arbeit fertig zu sein und unter stärkerem Druck zu stehen. Das gilt zunehmend auch für Berufsbilder, die lange als eher analog galten.


Haben Sie dafür ein anschauliches Beispiel?

Wir arbeiten in einem Projekt mit einem Stadtwerk zusammen. Dort gibt es Bauarbeiter, die Rohrleitungen unter den Straßen erneuern. Lange bekamen sie morgens im Büro ihre Einsatzpläne und machten sich an die Arbeit. Abends wurden die Pläne mit den eingezeichneten Baustellen und erledigten Arbeiten zurückgebracht. Seit kurzem gibt es nun Tablets für die Bautrupps. Darauf sind sämtliche Aufgaben verzeichnet, der morgendliche Weg in die Zentrale fällt weg. Auch die Arbeitsfortschritte melden sie direkt am Tablet. Damit entfällt auch die abendliche Besprechung. Der Arbeitgeber ist natürlich begeistert – schließlich werden die Prozesse effizienter. Aus Perspektive der Bauarbeiter bedeutet das hingegen eine Arbeitsverdichtung und eine stärkere Belastung. Denn sie verbringen nun mehr Zeit mit körperlich sehr anstrengenden Arbeiten.


Gleichzeitig bieten die neuen Möglichkeiten aber auch Chancen?

Selbstverständlich. Mobiles Arbeiten kann auch dazu beitragen, Familie und Beruf besser miteinander zu vereinbaren. So berichtete mir eine hochrangige Managerin, dass sie ihre Anwesenheitszeiten im Büro reduziert hat, um ihre demenzkranke Mutter zu pflegen. Dafür nutzt sie den Abend und das Wochenende, um liegengebliebene Mails und Aufgaben abzuarbeiten. Mit starren 9-to-5-Strukturen wäre die Pflege ihrer Mutter nicht möglich. Dieses Beispiel verdeutlicht:

„Technologien sind nicht per se gut oder schlecht. Es geht vielmehr um ihre sinnvolle Nutzung.“ Tweet it

Wie groß ist dabei die Verantwortung der Unternehmen?

Groß! Die Unternehmen müssen dafür sorgen, dass sich Arbeitsverdichtung durch effizientere Strukturen in Maßen hält und sich die Mitarbeiter von neuen Arbeitsprozessen nicht dauerhaft gestresst fühlen. Das ist gar nicht so einfach. Es herrscht ein großer Fachkräftemangel, der von der verbleibenden Belegschaft ausgeglichen werden muss. Das darf aber keine Ausrede für bedingungsloses Effizienzstreben sein. Es melden sich immer mehr Menschen wegen psychischer Probleme krank. Die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen hat sich seit 2007 verdoppelt. Eng damit verknüpft ist auch eine gestiegene Belastung am Arbeitsplatz. Der dadurch entstehende wirtschaftliche Schaden liegt geschätzt bei jährlich 33,9 Milliarden Euro.


Was bedeuten diese Zahlen für die Unternehmen?

Es ist ein Umdenken nötig. Mehr Effizienz auf dem Rücken der Mitarbeiter ist kein Zukunftsmodell. Stattdessen sollte das Wohlergehen der Kolleginnen und Kollegen zentraler Bestandteil der Unternehmensziele sein. Dafür müssen bei allen strategischen Entscheidungen die Mitarbeiter und ihre Bedürfnisse bedacht werden. Das geschieht nicht aus reiner Nettigkeit oder für ein gutes Image. Es wird immer schwieriger, gute Leute zu finden. Fachkräfte durch ein schlechtes Betriebsklima oder zu hohen Druck zu verlieren, kann sich auf lange Sicht kein Unternehmen mehr leisten. Außerdem hat die Rücksichtnahme auch etwas mit einem nachhaltigen Umgang mit der Ressource Mensch zu tun.

„Wer auf seine Mitarbeiter achtet, hat die Chance, dass sie ihren Job auch mit Mitte 60 noch gut und zufrieden erledigen können.“ Tweet it
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Wie kann das in der Praxis gelingen?

Belastung entsteht im Kopf. Deshalb ist eine neue Führungskultur gefragt. Wie sie aussehen kann, zeigt ein Beispiel aus einem mittelständischen Unternehmen, das mir neulich zugetragen wurde: Hier hat die Geschäftsführung eine Karenztagregelung eingeführt. Mitarbeiter können sich einen Tag krankmelden, ohne für eine Krankschreibung zum Arzt gehen zu müssen. Dieses Angebot nutzte eine Mitarbeiterin und schrieb in ihre Abwesenheitsnotiz, dass sie sich heute mal um ihre psychische Gesundheit kümmern müsse. Ihr Vorgesetzter schickte diese Notiz über den großen Verteiler und lobte explizit das Gesundheitsbewusstsein seines Teams. Außerdem rief er dazu auf, ihrem Beispiel zu folgen, um die eigene psychische Gesundheit ernst zu nehmen. Diese „Gesundheit geht vor“-Haltung ist ein sehr starkes Signal an die Mitarbeiter. Denn es zeigt, dass die Führungskräfte ihr Team schätzen – und es baut falsche Hemmungen ab, selbst mal eine nötige Auszeit zu nehmen.


Wie groß ist die Verantwortung der Mitarbeiter für die eigene Gesundheit?

Natürlich müssen wir auch selbst Verantwortung für unsere Gesundheit tragen. Dazu gehört zum Beispiel ein bewusster Umgang mit den Möglichkeiten der neuen Arbeitswelt. Die Sekretärin meines alten Chefs tippte seine Notizen noch auf einer elektrischen Schreibmaschine. Nach dem Feierabend blieb die im Büro. Heute nehmen wir unseren Laptop oder das Smartphone mit nach Hause. Für viele Menschen ist es normal geworden, vor dem Einschlafen noch die letzten Arbeitsmails zu checken. Informiert mich die Nachricht über ein neues Problem, kann ich es vom Bett aus meistens nicht lösen. Ich nehme es aber trotzdem mit in meine Träume. Darunter leidet der Schlaf und damit auch die Gesundheit. Gleichzeitig sind auch hier wieder die Vorgesetzten gefragt. Sie sollten mit gutem Beispiel vorangehen und einfach keine Mails mehr am Wochenende oder spätabends schreiben und schon gar nicht eine zügige Bearbeitung erwarten. Achte ich als Chef nicht auf meine Vorbildfunktion, entsteht schnell das Bild, dass man in dem Unternehmen nur nach oben kommt, wenn man immer bereitsteht und erreichbar ist.


Gibt es ein Umdenken zum Sinn von Arbeit, und sinkt damit auch die Bereitschaft der völligen Unterordnung des Lebens unter die Arbeit?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Aber tatsächlich wird unser Verhältnis zur Arbeit immer diverser. Früher gab es einen Konsens über den Wert von Arbeit. Harte Arbeit galt als Tugend und Grundlage für beruflichen Erfolg. Andere Lebensbereiche wurden untergeordnet. Das ist nicht verschwunden. Es gibt nach wie vor die karrierebewussten Menschen, die bereit sind, viel zu arbeiten und alles unterzuordnen. Für andere ist Arbeit eher ein nötiges Übel zur Bestreitung des Lebensunterhalts. Die Erfüllung finden sie im Privatleben. Andere suchen vor allem den Sinn in der Arbeit und wollen so die Welt verbessern. Für Unternehmen besteht die Herausforderung darin, all diese Vorstellungen von Arbeit zu respektieren und zu erfüllen. Darin liegt aus meiner Sicht eine große Chance.

Wenn mehr Menschen den Anspruch teilen, dass lange Arbeitstage und Wochenendarbeit nicht erstrebenswert sind, kann sich dadurch die Arbeitswelt verändern – und zwar zum Positiven.
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Über Prof. Dr. Bertolt Meyer
Professor für Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der TU Chemnitz
Prof. Dr. Bertolt Meyer ist seit 2014 Professor für Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der TU Chemnitz. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Diversität und Stereotype, Betriebliches Gesundheitsmanagement und Digitalisierung. Meyer und seine Forschung sind breit in den Medien rezipiert worden, unter anderem in der preisgekrönten Dokumentation „Homo Digitalis“ (arte/BR, 2017).
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Quelle: Vor:Denker

Veröffentlicht: 18.01.2019 13:19 Uhr