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Eine Initiative von

Was die Digitalisierung mit unserem Gesundheitssystem machen wird

Das Interview führte Klaus Lüber
6:30 Minuten Lesezeit
27.05.2020
Eine Initiative von

Die breite Nutzung digitaler Technologien wird die medizinische Versorgung revolutionieren. Eine immer höhere Datentransparenz bringt massive Vorteile für Patienten, muss aber auch reguliert werden, finden Michael Dohrmann, Partner, Industry Lead Life Sciences & Health Care und Ibo Teuber, Director, Life Sciences & Health Care bei Deloitte.

Obwohl unser Gesundheitssystem als eines der weltweit besten gilt, sind viele Menschen unzufrieden. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Ibo Teuber: Es ist richtig, eine allgemeine Unzufriedenheit lässt sich nicht leugnen, auch wenn der Umgang mit der Corona-Pandemie in Deutschland international durchaus positiv gesehen wird. Ich denke, ersteres geht vor allem auf die subjektive Wahrnehmung der Patienten zurück, denen viele Prozesse zu bürokratisch erscheinen, die unter langen Wartezeiten leiden und wiederum, wenn der Facharzttermin ansteht, den Eindruck haben, der Spezialist kann sich nur wenige Minuten um den eigenen Fall kümmern.

Michael Dohrmann: Zum Problem des Zeitdrucks kommt die Tatsache, dass aus Patientensicht ein unguter Mangel an Transparenz herrscht. Damit meine ich den Zugang zu entscheidungsrelevanten Informationen, zum Beispiel über die Erfolgsaussichten bestimmter Eingriffe.


Also etwa Daten, aus denen man ableiten könnte, ob wir bei bestimmten Indikationsfeldern zu viel oder zu wenig operieren?

Michael Dohrmann: Richtig. Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir es manchmal mit auffällig hohen Zahlen bei bestimmten Eingriffen zu tun – die im Laufe der Jahre zum Teil stark schwanken. Es ist nicht schwer zu sehen, dass hier bestimmte Incentive-Mechanismen auf Versorgerseite wirken, die das antreiben. Aus Patientensicht ist das natürlich eine ungute Situation. Hier möchte man vor allem wissen, wie groß die Erfolgschancen für einen solchen Eingriff sind. Diese Daten gibt es, nur sind sie im Augenblick eben nicht für den Patienten verfügbar.

Ibo Teuber: Was natürlich auch daran liegt, dass im Augenblick noch nicht einmal die technische Grundstruktur hierfür gegeben ist. Die einheitliche elektronische Patientenakte ist immer noch nicht flächendeckend eingeführt, jeder Facharztbesuch bedeutet im Extremfall ein erneutes Aufnehmen seiner Daten. Der Patient ist häufig nach wie vor selbst der Überbringer seiner Krankenhistorie. Wir könnten diese Situation erheblich verbessern und viele andere Länder sind uns hier schon einen deutlichen Schritt voraus. Es wird jedoch interessant werden zu sehen, wie sich die Corona-Pandemie hier auswirken wird.

„Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir es manchmal mit auffällig hohen Zahlen bei bestimmten Eingriffen zu tun.“

Sie meinen in der Digitalisierung des Gesundheitswesens?

Ibo Teuber: : Ja. Die Menschen erwarten einfach neue technische Lösungen und sind hierfür auch sehr offen. Wir befragen einmal im Jahr weltweit Patienten aus verschiedenen Gesundheitssystemen nach ihren Wünschen, darunter in unserer aktuellen Erhebung auch 3.500 Menschen aus Deutschland. Die Daten zeigen einerseits eine große Offenheit für die Möglichkeiten der Digitalisierung, etwa was die Erfassung von Vitalparametern wie Puls oder Blutdruck über Sensoren oder die Konsultation von Ärzten über Videosprechstunden angeht. Andererseits beklagen viele Menschen, hierfür im System bislang noch viel zu wenig Anknüpfungspunkte vorzufinden.

Michael Dohrmann: Und die einzelnen Sektoren sind noch viel zu wenig vernetzt, was für immer mehr Patienten einfach nicht mehr zu verstehen ist. Warum sollte Facharzt A nicht auf die Untersuchungsergebnisse von Facharzt B zurückgreifen können, um eine bestimmte Diagnose besser und schneller stellen zu können? Aber wie gesagt, diese Daten wurden vor der Corona-Pandemie erhoben und wir gehen davon aus, dass wir in unserer nächsten Befragung die ersten Auswirkungen sehen werden.

„Gesundheitsdaten sind hochsensibel und der Gesetzgeber muss maximale Sorge dafür tragen, dass sie immer nur ausschließlich zum Vorteil der Patienten verwendet werden.“ Tweet it

Es ist interessant, dass Sie das Bedürfnis nach Datentransparenz betonen. Dabei wird doch gerade diese im Zuge des im November von der Bundesregierung verabschiedeten Digitale-Versorgungs-Gesetz (DVG) kritisiert.

Ibo Teuber: Die Debatte um Datensicherheit hat selbstverständlich ihre Berechtigung und sicherlich gibt es noch einige Details am DVG, die man nachbessern muss. Gesundheitsdaten sind hochsensibel und der Gesetzgeber muss maximale Sorge dafür tragen, dass sie immer nur ausschließlich zum Vorteil der Patienten verwendet werden. Trotzdem denke ich, dass das Gesetz ein Schritt in die richtige Richtung ist. Wenn wir die Potentiale der Digitalisierung nutzen wollen, müssen wir die Nutzung von Gesundheitsdaten ermöglichen.


Einer der Hauptstreitpunkte ist die neue Regelung zu medizinischen Apps. Ein Teil der Angebote soll bereits nach wenigen Monaten zugelassen werden. Ist das nicht zu schnell?

Ibo Teuber: Nein, eigentlich nicht. Es ist sicher richtig, dafür zu sorgen, dass man sich als Patient auf solche Apps auch verlassen kann. Aber dazu werden sie über einen Zeitraum von drei Monaten ja auch genau geprüft. Erst dann gelangen sie in die Regelversorgung. Oder sie durchlaufen eine weitere 12-monatige Testphase. In dieser hat der Hersteller dann die Gelegenheit, die Wirksamkeit der Anwendung nachzuweisen. Ich denke, das ist ein angemessener Zeitraum.

Michael Dohrmann: Es geht hier vor allem um einen Perspektivwechsel. Solche Apps sind, vor allem für Patienten mit chronischen Erkrankungen, eine große Hilfe. Deshalb ist es richtig und wichtig, sie möglichst schnell in die Regelversorgung zu nehmen. Dabei kommen grundsätzlich übrigens ähnlich strenge Nutzenkriterien zum Tragen, wie bei der Zulassung beziehungsweise Erstattung von Medikamenten. Bei Deloitte haben wir in Kooperation mit der Penn State University in den Vereinigten Staaten erst kürzlich eine App auf genau dieselbe Weise evaluiert, wie dies bei der Zulassung eines neuen pharmakologischen Wirkstoffes üblich ist – im Rahmen einer randomisierten Doppelblindstudie.


Solche Apps sind ja nur ein Teil der neuen Möglichkeiten, die sich viele von der Digitalisierung im Gesundheitswesen erwarten. Wie könnte sich, Ihrer Meinung nach, der Besuch beim Arzt oder die Behandlung im Krankenhaus verändern?

Ibo Teuber: Hier ist Vernetzung das zentrale Stichwort. Es werden einfach immer mehr Sensoren zum Einsatz kommen, sowohl im ambulanten, aber besonders im klinischen Bereich. Und wenn es möglich wird, all diese Datenströme zusammenzuführen, haben wir eine Entwicklung, die wir bereits aus dem Bereich der industriellen Produktion kennen. Wie im Bereich Industrie 4.0 entsteht aus den Daten ein sogenannter Digital Twin, ein genaues digitales Abbild. In diesem Fall des menschlichen Körpers.

Michael Dohrmann: Was dann mit dazu beitragen wird, immer genauer die ganz spezifische Konstitution jedes einzelnen Patienten ermitteln zu können. Behandlungen können dann immer passgenauer auf den einzelnen Menschen abgestimmt werden. Hat man als Arzt oder Klinik beispielsweise Zugriff auf den Digital Twin eines Herzens, ließe sich schon im Vorfeld genau sagen, an welchen Stellen die Elektroden am besten wirken.


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Nun gibt es die Befürchtung, dass diese hohe diagnostische Genauigkeit auch dazu führen könnte, Menschen unter Druck zu setzen, sich auf eine bestimmte, gesundheitsoptimierte Weise zu verhalten. Teilen Sie diese Bedenken?

Michael Dohrmann: Rein technisch ist es sicher irgendwann möglich, für einen Menschen von der Geburt an sagen zu können: Das ist deine genetische Disposition und alles, was sich darüber hinaus in Zukunft an deinem Gesundheitszustand verschlechtert, geht auf deine persönlichen Lebensumstände und Verhaltensweisen zurück. Natürlich kann das Druck erzeugen. Indem beispielsweise Krankenkassen beginnen, ihre Tarife individuell anzupassen. Oder Arbeitgeber vor der Einstellung bestimmte Gesundheitsdaten des Bewerbers verlangen, wobei das schon ein sehr dystopisches Szenario wäre. Ich denke, Menschen sollten auch weiterhin das Recht haben, ungesund zu leben. Trotzdem darf doch die Frage erlaubt sein: Gibt es auch ein Recht darauf, dass die Kosten hierfür von der Allgemeinheit getragen werden?

Ibo Teuber: Die Frage, wie meine medizinischen Daten eingesetzt werden, was zulässig ist und was nicht, hat natürlich zentrale Bedeutung. Hier gibt es noch viel zu tun, obwohl wir mit dem EU-Datenschutzrecht schon eine sehr gute Grundlage haben. Letztlich müssen wir hier auch eine komplexe ethische Debatte führen. So empfinden wir es als falsch, einen Menschen aufgrund seiner gesundheitlichen Konstitution unter Druck zu setzen. Aber fühlt es sich nicht genauso falsch an, diesem Menschen Informationen vorzuenthalten, die den Ausbruch einer schweren Krankheit verhindern könnten?

„Wir werden durch die Digitalisierung eine Verlagerung der Verantwortung vom Arzt hin zum Patienten sehen.“

Letztlich ist es auch zentral, wer im Gesundheitswesen der Zukunft welchen Grad an Verantwortung übernimmt, oder?

Michael Dohrmann: Absolut richtig. Ich denke, wir werden durch die Digitalisierung eine Verlagerung der Verantwortung vom Arzt hin zum Patienten sehen. Und das ist durchaus eine sinnvolle Entwicklung, wenn man bedenkt, wie viele Volkskrankheiten auf eine individuelle gesundheitsschädliche Lebensweise zurückgehen und welche immensen Kosten man durch den Einsatz von digital unterstützten Präventionsmaßnahmen einsparen könnte. Übrigens Geld, das man dann wieder ins System zurückspielen könnte, um Bereiche zu fördern, die bislang zu kurz kommen: etwa die Forschung zu Infektionskrankheiten.

Ibo Teuber: Ich sehe das auch positiv. Wir könnten einfach sehr viel Druck aus dem System nehmen. Entweder dadurch, dass viele Menschen gar nicht erst ernsthaft krank werden oder, wenn doch, sich in Diagnose und Behandlung von digitalen Hilfsmitteln unterstützen lassen. Leichte Fälle könnten sich wirksam selbst therapieren und oftmals überlastete Ärzte könnten sich wieder verstärkt auf diejenigen Patienten konzentrieren, die intensiver betreut werden müssen.


Bekommt in diesem Zusammenhang nicht auch das Thema Corporate Digital Responsibility eine noch wichtigere Bedeutung im Gesundheitswesen?

Ibo Teuber: Wir glauben ja. Der zukünftige starke Fokus auf Daten, so unsere Prognose, wird für viele Unternehmen einen Paradigmenwechsel weg von einem produktbasierten Modell, hin zu einem wertorientierten System bedeuten. Wir merken das in den Gesprächen mit unseren Kunden aus der Gesundheitsbranche. Denn es ist ja völlig klar: Nur wer, gerade als Anbieter medizinischer Dienstleistungen, in Zukunft das Vertrauen der User hat, wird mit seinen Produkten erfolgreich sein.


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Michael Dohrmann
verantwortet als Partner das Life Sciences & Health Care Geschäft bei Deloitte in Deutschland. Seit über zwölf Jahren berät er Unternehmen auf globaler und nationaler Ebene bei Fragestellungen in den Bereichen Unternehmens- und Geschäftsbereichsstrategie, digitale Transformation und M&A. Vor seinem Wechsel in die Beratung war er 10 Jahre bei einem der weltweit führenden US Life Sciences Unternehmen tätig.
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Ibo Teuber
ist Director im Bereich Life Sciences & Health Care. Er verfügt über mehr als zehn Jahre Berufserfahrung im Bereich der ambulanten und stationären Leistungserbringer im Gesundheitswesen. Sein Fokus liegt auf Strategieentwicklung, Transformationen und M&A Beratung im nationalen und internationalen Health Care Sektor.
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Quelle: Vor:Denker

Veröffentlicht: 18.01.2019 13:19 Uhr