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Eine Initiative von

„Innovationen werden zunehmend von den Nutzern kommen“

Ein Gespräch mit Nicolai Andersen
Autor: Guido Walter
8:30 Minuten Lesezeit
20.05.2020
Eine Initiative von

Eric von Hippel, amerikanischer Ökonom und Professor an der MIT Sloan School of Management, gilt als einer der weltweit führenden Experten im Bereich Innovation. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf einem offenen Innovationsprozess, der sich eher an Konsumenten denn an Produzenten richtet. Ein Paradigmenwechsel, da dem Innovations-Paradigma Schumpeters folgend Verbraucher in modernen Volkswirtschaften jene Innovationen konsumieren, die von Produzenten zuvor geschaffen wurden. Nach Schumpeter sind Konsumenten somit selbst keine Innovatoren. Heute, so sagt Eric von Hippel im Gespräch mit Nicolai Andersen (Innovation Leader bei Deloitte), hat sich ein wichtiger Teil der Entwicklung von Erzeugerunternehmen zu Verbrauchern verlagert.

Die Corona-Pandemie ist eine Herausforderung für Medizin, Gesellschaft und Wirtschaft. Wenn durch Corona das Bewusstsein für medizinisches Wohlbefinden so schlagartig ins Bewusstsein rückt, treibt das auch die Innovationen in diesem Sektor, und können sogar Betroffene zu Innovatoren werden?

Absolut. Menschen kommen mit hohen Fähigkeiten quasi aus dem Nichts, entwickeln einfache Beatmungsgeräte. Die Gesundheitsindustrie muss sich dagegen mit Gesundheitsbehörden und weiteren Vorschriften auseinandersetzen. Hinzu kommt der Druck, dass Unternehmen profitabel arbeiten müssen und sich fragen, was aus Produkten wird, die zwar dringend benötigt werden, nach der Covid-19-Epidemie möglicherweise aber nicht mehr zu verkaufen sind. An einfachen Beatmungsgeräten arbeiten derzeit weltweit rund 50 000 Menschen. Es ist unglaublich, das ging innerhalb weniger Tage nach Ausbruch der Corona-Pandemie los. Ich denke, dass diese neue Form der offenen distribuierten Innovation, die von Heimarbeitern geschultert wird, künftig den Großteil der Verbraucherinnovationen stellen wird.


Ist das nicht im Gesundheitswesen besonders schwierig?

Lassen Sie mich zwei Beispiele nennen. Sie stammen aus der Zeit vor der Corona-Pandemie, aber ich denke, sie sind sehr hilfreich, um sowohl die Kraft der Verbraucherinnovation als auch deren Funktionsweise in der Praxis zu verstehen. Das erste Beispiel ist eine künstliche Bauchspeicheldrüse, die Patienten mit Typ-1-Diabetes für sich selbst entwickelt haben. Auf dem Markt erhältliche Geräte taten nicht das, was die Patienten brauchten. Einer von 20 Patienten starb im Laufe der Zeit aufgrund einer Fehlkalkulation seiner Insulindosen. Infolgedessen entwickelte Dana Lewis, eine Fachkraft für Gesundheitskommunikation, die selbst an Typ-1-Diabetes leidet, gemeinsam mit ebenfalls betroffenen Software-Ingenieuren das, was die Health-Care-Industrie seit Jahrzehnten versprochen hatte: eine künstliche Bauchspeicheldrüse, die automatisch die richtige Insulindosis unter Verwendung patientenspezifischer Informationen berechnet.

Das zweite Beispiel ist eine Innovation im Bereich medizinischer Dienstleistungen, entwickelt von dem Informatiker Sean Ahrens. Bei ihm wurde im Alter von 12 Jahren Morbus Crohn diagnostiziert. Mit 26 Jahren erfand er dann eine Website, auf der Patienten ihre Erfahrungen mit Medikamenten und Ernährungstipps austauschen können. Heute hat die Seite mehr als 10 000 registrierte Benutzer.

„Ich denke, dass diese neue Form der offenen distribuierten Innovation, die von Heimarbeitern geschultert wird, künftig den Großteil der Verbraucherinnovationen stellen wird.“

Welche Rolle spielen Pharmaunternehmen in diesem Zusammenhang?

Sie entwickeln Arzneimittel, wenn es einen wirtschaftlich attraktiven Markt dafür gibt. Sie haben jedoch keinen Anreiz, teure Forschungsarbeiten durchzuführen, die von Morbus Crohn Betroffenen bei ihrer Ernährung helfen könnten. Wer keine speziellen Lebensmittel herstellt, für den lohnt sich das nicht. Weil aber die Ernährung von entscheidender Bedeutung ist, mussten Patienten diesen Aspekt ihres Krankheitsmanagements selbst entwickeln. Im Gegensatz zu den Produzenten müssen Nutzer die Ausgaben für ihre Entwicklung nicht rechtfertigen. Patienten, die unter einer bestimmten Krankheit leiden, finden sehr oft keine Produzenten, weil sich aus der Problemlösung kein kommerzielles Marktpotential ergibt. Und was passiert dann? Wenn Sie selbst der Patient sind, lassen Sie sich etwas einfallen. Sie sitzen nicht einfach ruhig da, bis jemand kommt und hilft. Es gibt viele Beispiele dafür, Prof. Pedro Oliveira von der Copenhagen Business School hat einige gesammelt.


Dann folgen Patienteninnovationen der Logik eines Prinzips, dass wir ab 1977 bei Mountainbikes gesehen haben. Es besteht Bedarf an einem Produkt, das aber in der Realität nicht existiert.

Genau. Die Leute wollten mit dem Fahrrad die Hügel runterflitzen, aber die Hersteller haben den Bedarf zunächst nicht erkannt, und somit entwickelten Tüftler die ersten Mountainbikes selbst. Heute sind diese Sportgeräte ein wichtiger Faktor auf dem Fahrradmarkt. Das gleiche Muster gilt übrigens für die Entstehungsgeschichte jeder neuen Sportart. Windsurfen oder Kitesurfen und die dazu gehörigen Sportgeräte sind Beispiele von Innovationen, die von Verbrauchern, nicht Produzenten, entwickelt wurden. Dies ist auch sinnvoll, da zunächst Einzelpersonen ihre individuellen Wünsche kennen, bevor die Hersteller die Art und das Ausmaß dessen erahnen können, was letztendlich zu einem profitablen neuen Markt wird.


Die Demokratisierung der Technologie bedingt, dass zukünftige Technologien exponentiell besser und billiger werden. Wenn wir die Auffassungsgabe der Endbenutzer mit ihrer Fähigkeit kombinieren, fortschrittliche Technologie besser in den Griff zu bekommen, gibt es dann überhaupt noch eine Grenze für Konsumenteninnovationen?

Innovationen werden zunehmend von den Nutzern kommen. Produzenten stehen die bessere Ausrüstung und Teams zur Verfügung, dachte man früher. Doch heute verfügen Nutzer über eine Ausrüstung, die mit der Konstruktionssoftware der Unternehmen mithalten kann. Sie können sich im Netz mit Gleichgesinnten zusammentun, Ideen austauschen und Aufgaben verteilen.


Aber benötigen wir dann nicht eine Instanz, die ethische Standards schafft oder definiert? Oder sollte die Crowd diesen Standard selbst definieren?

Wer eine Innovation entwickelt, um sie für sich selbst zu nutzen, hat einen sehr starken Anreiz, sie sicher zu machen. Insbesondere im medizinischen Bereich werden aber, etwa bei Patienteninnovationen, Sicherheitskontrollen unerlässlich sein. Das Problem wird darin bestehen, diese Überprüfung so leichtzumachen, dass sie den Innovationsprozess an sich nicht unterdrückt. Medizinische Innovationen stellen in puncto Bedeutung der Sicherheit aber eine Ausnahme dar. In den meisten Bereichen will die Gesellschaft das persönliche Risiko nicht regulieren, weil das individuellen Freiheiten im Wege zu steht. Das gilt besonders für die von Verbrauchern entwickelten Sportarten. Keine Regierungsbehörde schreitet ein, wenn Sie in einem Wingsuit von einem Berg springen oder mit dem Mountainbike mit halsbrecherischer Geschwindigkeit den Berg hinabrasen. Es ist Ihr persönliches Recht, Ihre persönliche Freiheit, und Sie müssen das Risiko selbst einschätzen. Die meisten von Verbrauchern entwickelten Innovationen bergen jedoch kein persönliches Risiko.


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Viele große Unternehmen verfügen über riesige Forschungs- und Entwicklungsbudgets. Sollten diese Unternehmen mehr auf Konsumenten hören, die ein Produkt oder eine Dienstleistung aus einem persönlichen Bedürfnis heraus entwickeln?

Ich denke schon, dass sie das können. In meinen Büchern versuche ich zu erklären, wie Produzenten ihre traditionellen Innovationsprozesse an eine aktive Zusammenarbeit mit Benutzerinnovatoren anpassen können. Hier zeigt sich, wie sich Verbraucherinnovationen und Herstellerinnovation sinnvoll ergänzen und wie Hersteller nach Benutzerinnovationen suchen können. Der nächste Schritt ist dann die Einschätzung des Marktes und die Klärung der Frage, wie die vom Benutzer entwickelten DIY-Prototypen für die Produktion und den kommerziellen Verkauf verfeinert werden können.

„Die innovativsten unter den Verbrauchern sind eher Vorreiter bei wichtigen, funktional neuartigen Innovationen. Hersteller konzentrieren sich im Gegensatz dazu auf kleinere Schritte, etwa eine Leistungsverbesserung bestehender Produkte.“

Eignen sich Innovationen von Konsumenten besonders gut für Nischenmärkte und weniger für den Mainstream?

Genau umgekehrt. Die innovativsten unter den Verbrauchern, die ich Lead User nenne, sind eher Vorreiter bei wichtigen, funktional neuartigen Innovationen. Hersteller konzentrieren sich im Gegensatz dazu auf kleinere Schritte, etwa eine Leistungsverbesserung bestehender Produkte. Sie können es sich nicht leisten, in die Entwicklung von etwas zu investieren, für das sich noch kein profitabler Markt abzeichnet. Wenn etwas grundlegend neu ist, ist auch eine allgemeine Nachfrage dafür nicht absehbar. Einzelne Nutzer dagegen scheren sich nicht darum, sie müssen nur wissen, ob es genug Interessenten gibt, um den Aufwand für das Prototyping zu rechtfertigen. Das ist auch der Grund, warum DIY-Innovatoren die Ersten waren, die 3D-Drucker entwickelten und damit dem Markt um Jahre voraus waren. Diese Leute wollten ein solches Produkt einfach haben. Hersteller konnten damals nicht ahnen, dass es eine Nachfrage nach 3D-Druckern jenseits eines Nischenmarktes geben wird.


Wenn ich in der Forschungsabteilung eines großen Unternehmens arbeite, muss ich meine Tätigkeit rechtfertigen. Muss ich aus einer solchen Perspektive Konsumenteninnovatoren nicht als meine Konkurrenten ansehen?

Eine sehr interessante und wichtige Frage. Produzentenmarktforscher und Produktentwickler könnten diese Befürchtungen in der Tat haben, sie sollten sie aber nicht haben. Ihre Arbeit unterscheidet sich von jener der Nutzerinnovatoren. Die Nutzer entwickeln Funktionen, die sie individuell benötigen, und erstellen dann Prototypen, um diese neuartigen Funktionen zu testen. Marktforscher fragen sich zuerst, ob Nachfrage besteht. Produktingenieure in Diensten der Hersteller entwickeln dann zuverlässige und herstellbare Produktdesigns, die dann die Funktionen nachahmen, die zuerst von Lead Usern entwickelt wurden.


Welchen Umfang hat der Markt für Verbraucherinnovationen?

Heute geben Millionen von Verbrauchern auf der ganzen Welt jährlich mehrere zehn Milliarden Dollar aus, um individuell oder gemeinsam neuartige Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, die sie für sich selbst benötigen. Was diesen Übergang vom Produzenten zur Verbraucherinnovation antreibt, ist die zunehmende Demokratisierung der Design- und Produktionstechnologien. Dank der enormen Fortschritte bei Konstruktionssoftware und der Entwicklung von PCs haben Verbraucher zu Hause zunehmend Zugang zu denselben Möglichkeiten wie die Ingenieure in den Forschungs- und Entwicklungslaboren. Dank des Internets können sich innovative Verbraucher außerdem vernetzen, um selbst so große Projekte wie Linux zu entwickeln. Und natürlich ist der Zugang zu Fachwissen im Verbrauchersektor der Wirtschaft – dem „Haushaltssektor“ – kein Problem.

„Ich kann sagen, dass jede Regierung gegen Vorschriften angehen sollte, wenn diese eine Hürde für Innovation darstellen.“ Tweet it

In Europa wird viel darüber diskutiert, ob wir zu streng regulieren, Start-ups nicht genug Geld für Innovationen erhalten und damit das Innovationsrennen gegen die Vereinigten Staaten und China verlieren werden. Wie sehen Sie das?

Ich bin kein Experte, was die Verhältnisse in Europa angeht. Aber ich kann sagen, dass jede Regierung gegen Vorschriften angehen sollte, wenn diese eine Hürde für Innovation darstellen. Viele Unternehmen in den Vereinigten Staaten, zum Beispiel Hersteller von medizinischen Geräten, werden selbstgefällig, wenn sie nach dem Überwinden der regulatorischen Hürden eine Zulassung erhalten und sich dann vor aufstrebenden Konkurrenten geschützt fühlen. Regierungen sollten Verbraucherinnovationen unterstützen, denn von Innovationen profitieren Verbraucher wie Produzenten gleichermaßen.


Ist es vorstellbar, dass die Corona-Pandemie im Rückblick als ein bahnbrechender Moment betrachtet wird, in dem wir uns unserer eigenen Innovationskraft bewusst wurden?

Ich hoffe es. Krisen bringen große Herausforderungen mit sich, sie sind schmerzhaft. Aber sie haben auch die Eigenschaft, wertvolle neue soziale Optionen ins allgemeine Bewusstsein zu rücken, was außerhalb einer Krise womöglich nicht der Fall gewesen wäre.


Professor von Hippel, herzlichen Dank für dieses Gespräch.


Den Future Talk Podcast zum Thema mit Nicolai Andersen und Eric von Hippel hören Sie hier.

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Über Eric von Hippel (* 27. August 1941)
Ökonom und Professor an der MIT Sloan School of Management. Bekannt wurde er durch sein Konzept der „user innovation“, nach dem Endbenutzer und nicht Produzenten zu einem erheblichen Teil für Innovationen verantwortlich sind. Eric von Hippel studierte an der Harvard University, am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und an der Carnegie Mellon University. Nach der Gründung eines Hightech-Unternehmens entschied er sich, seine akademische Laufbahn fortzusetzen. Seit 1973 lehrt er an der MIT Sloan School of Management in Cambridge, Massachusetts. Das von ihm entwickelte Lead-User-Modell findet im Marketing weltweit Anerkennung.
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Über Nicolai Andersen
Nicolai Andersen leitet als verantwortlicher Partner die Deloitte Garage, in der neue Geschäftsmodelle designt, entwickelt und inkubiert werden. Zudem koordiniert und initiiert er als Chief Innovation Officer und Mitglied der Global Innovation Executive fachübergreifend die Entwicklung neuer Dienstleistungen und Produkte für Deloitte. Seine Themen sind die Auswirkungen technologischer, ökonomischer und soziologischer Trends auf Geschäftsmodelle, Dienstleistungen und Produkte und das Erzeugen aller notwendigen Voraussetzungen für erfolgreiche Innovationen in etablierten Unternehmen.
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Quelle: Vor:Denker

Veröffentlicht: 18.01.2019 13:19 Uhr