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Eine Initiative von

Für die intelligenten Energienetze der Zukunft und die Verwirklichung der Energiewende ist das Vertrauen der Verbraucher entscheidend

Das Interview führte Michael Hasenpusch
12 Minuten Lesezeit
20.02.2020
Eine Initiative von

Die Digitalisierung macht intelligente Netze möglich, die nicht nur für mehr Komfort und niedrigere Kosten für Verbraucher sorgen werden. Sie sind auch für die Verwirklichung der Energiewende nötig. Die erhobenen Daten müssen geschützt werden, dienen aber auch der Steuerung der Netze im Sinne des Allgemeinwohls. Ein Gespräch über die Zukunft der Energieversorgung und die Selbstverpflichtung zum Datenschutz mit Dr. Marie-Luise Wolff, Präsidentin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sowie Vorstandsvorsitzende der Entega AG, und Dr. Thomas Schlaak, Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte.

Frau Wolff, warum soll nach Telefonen und Fernsehgeräten nun die Energieversorgung der Haushalte „smart“ werden?

Wolff: Smarte Haushalte brauchen wir, um die Energieeffizienz zu steigern, denn nur so können wir die Energiewende verwirklichen und die Klimaschutzziele erreichen. Einer der wichtigsten Schritte dabei ist die Vernetzung der Energiesysteme, die heute viel dezentraler, kleinteiliger und volatiler sind, als das bisher der Fall war. Früher haben uns einige hundert Großkraftwerke mit Energie versorgt. Heute erzeugen über 1,6 Millionen Anlagen in Deutschland unseren Strom. Hinzu kommt, dass wir auch auf Verbraucherseite Veränderungen sehen, beispielsweise durch Elektroautos oder Wärmepumpen. Zusammengenommen heißt das: Wir werden in Zukunft mehr Strom brauchen und seine Erzeugung über Millionen von Anlagen vernetzen und steuern müssen.

Schlaak: Wichtig bei den smarten Haushalten ist auch der Komfort, den das System mit sich bringt, und die nötige Akzeptanz durch die Verbraucher. Gerade die Haushalte werden solche Systeme nur annehmen, wenn einige Bedingungen erfüllt werden. Sie müssen absolut zuverlässig sein, es darf also keine Übertragungsprobleme geben. Die Kosten müssen dadurch spürbar optimiert werden. Und es müssen neue Produkte angeboten werden, die erst durch die Vernetzung möglich werden. Die digitale Steuerung von Energiesystemen kann den Endkunden selbst zugutekommen, beispielsweise in Zusammenarbeit mit Sprachsteuerungen wie Alexa oder dem Google Assistant.


Wie muss das Energiesystem der Zukunft aussehen?

Wolff: Zunächst einmal ist eine Kopplung der Sektoren Elektrizität, Wärmeversorgung und Verkehr erforderlich. Auch in den Bereichen Wärme und Verkehr wird der Strom eine zunehmende Rolle spielen. Das ist auch richtig so, da Strom die Energie mit dem höchsten Wirkungsgrad ist. Die zukünftige Erzeugung des Stroms durch erneuerbare Energien wie Wind und Sonne bringt durch die Volatilität dieser Energiequellen eine gewisse Komplexität mit sich. Die Anforderungen an die Steuerung und Flexibilität der Systeme steigen – und genau dafür brauchen wir ein digitales, intelligentes System.

Flexibilisierung ist das essentielle „Talent“, um die Last im Netz auszubalancieren und zu vermeiden, dass beispielsweise das massenhafte Laden von Elektroautos zu Engpässen in der Stromversorgung führt.

Gerade die Digitalisierung, die alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche erfasst hat, ermöglicht das. Um sicherzustellen, dass jedes Kilowatt Energie zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, müssen wir unsere Kunden genau kennen, um nicht nur reagieren, sondern auch vorausplanen zu können. Das schaffen wir nur mit intelligenten digitalen Netzen und Geräten.

Vor:Denker Wolff und Schlaak

Sind die entscheidenden Weichen dafür bereits gestellt?

Schlaak: Die Energiewende als Ziel ist zwar längst klar, präzise Vorstellungen darüber, wie die Energiesysteme im Jahr 2040 oder 2050 aussehen werden, fehlen aber. Schon bei den Klimaschutzzielen, die wir erreichen wollen, existieren auf der politischen Ebene ganz unterschiedliche Vorstellungen. Sollen 80 oder 95 Prozent der CO2-Emissionen vermieden werden? Die Antwort auf diese Frage hat enorme Auswirkungen auf die Technologie, die das ermöglichen soll. Diese Diskussion muss zügig geführt und zu Ende gebracht werden, damit die Investitionsanreize für Forschung, Entwicklung und Erzeugung klar sind und sich auch die Regulierung darauf einstellen kann. Im Moment herrscht hier noch auf allen Ebenen Unklarheit. Diese zu beseitigen ist eine der dringendsten Aufgaben der Bundesregierung.

Wolff: Die Wahl zwischen dem 80- und dem 95-Prozent-Ziel hat massive Auswirkungen auf die nötigen Investitionen. Es ist beispielsweise ein gewaltiger Unterschied, ob die Versorger noch 20 Prozent der Energie mit Gaskraftwerken produzieren dürfen oder nur fünf. Studien zeigen, dass für die Umsetzung des 80-Prozent-Ziels jährlich steigende Investitionen nötig wären, die im Jahr 2050 eine Höhe von 1,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erreichen. Beim 95-Prozent-Ziel wären es bereits 2,8 Prozent – also mehr als doppelt so viel. Um das einmal konkret zu beziffern: Für die dreißig Jahre zwischen 2020 und 2050 läge der Investitionsbedarf beim 80-Prozent-Szenario bei rund 650 Milliarden Euro und beim 95-Prozent-Szenario bei rund 1,9 Billionen Euro.


Das ist eine gewaltige Aufgabe.

Wolff: Absolut, und es passiert viel zu wenig. Das kürzlich beschlossene Klimaschutzpaket der Großen Koalition greift zu kurz. Der Steuerungsansatz über die CO2-Bepreisung ist so vorsichtig, dass sich dadurch keine Lenkung ergeben wird. Weder werden die Kosten für Benzin und Öl entsprechend erhöht noch werden Anreize für den Strom als Alternative geschaffen, da der Strompreis nicht merkbar gesenkt wird. Im Gegenteil: Durch die Erhöhung der EEG-Umlage wird der Strompreis steigen. Der Wende hin zur Elektromobilität hilft das wirklich nicht. Eine weitere Hürde auf dem Weg zu einem smarten Energiesystem ist die Verzögerung bei der Einführung der intelligenten Stromzähler. Der Smart Meter könnte den Versorgern präzise zeigen, wie viel Energie jeder einzelne Haushalt wirklich verbraucht. Doch für die Markteinführung werden drei vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, BSI, abgenommene Zähler benötigt, und nach drei langen Jahren ist der dritte erst im Dezember vergangenen Jahres zertifiziert worden. Das war nicht nur unternehmerisch eine Herausforderung, sondern auch verlorene Zeit.


Ändern sich mit den digitalen Energiesystemen auch Rolle und Geschäftsmodell der Energieversorger?

Wolff: Auf jeden Fall. Die Versorger sitzen in den urbanen Zentren und in den Speckgürteln. Sie sind seit über 100 Jahren Profis für ganz verschiedene Netze und bauen nicht nur Strom- oder Gasleitungen, sondern verlegen mittlerweile auch Glasfaserkabel. Daraus ergeben sich Synergien für die Planung und Ausführung der nötigen Arbeiten, aber auch die Chance auf Bündelangebote aus Strom, Internet und Telefonie, wie sie die Entega seit einiger Zeit anbietet. Die Daten, die wir in Zukunft durch intelligente Netze und Stromzähler erheben werden, sind ein weiterer, spannender Aspekt dieser Entwicklung.

Schlaak: Gerade hier haben die Versorger große Potentiale.

Durch ihre traditionell starke Stellung in den Kommunen können sie sich in Verbindung mit dieser neuen Infrastruktur eine Position als zentraler Datendienstleister erarbeiten.

Allerdings haben die meisten Versorger hier noch einen weiten Weg vor sich, denn dieses Geschäft unterscheidet sich maßgeblich von ihrem bisherigen. Wenn es ihnen gelingt, sich hier zu positionieren, werden sie sich ganz neue Geschäftsfelder erschließen können.


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Was werden die Verbraucher von all dem haben?

Wolff: Sie werden Teil dieses neuen Energieeffizienzsystems, und die Versorger werden die Bürger zur Zusammenarbeit einladen, um die Energiewende gemeinsam zu verwirklichen. Das können gemeinsam betriebene Fotovoltaik-Anlagen, Heizkraftwerke oder E-Auto-Flotten sein. In neu erbauten Quartieren geschieht das bereits, in gewachsenen Wohngegenden, in denen jedes Haus eine andere Heizung hat, ist die Umsetzung solcher Ideen deutlich schwieriger. Die Schweiz ist bei der Entwicklung schon weiter, aber Deutschland ist ebenfalls auf dem richtigen Weg. Die Verbraucher werden davon profitieren.

Schlaak: Ohne solche Lösungen sind die Nachhaltigkeitsziele nicht realisierbar. Das erfordert eine Menge Überzeugungsarbeit und gute Angebote. Aus der Notwendigkeit, als Besitzer einer alten Ölheizung pro Tonne CO2 eine Zahlung leisten zu müssen, ergibt sich ganz von alleine die Bereitschaft, sich an solchen Lösungen zu beteiligen. Eine Heizung für 50 Häuser ist in der Anschaffung und im Verbrauch günstiger als eine für jedes Haus alleine.


Die Grundlage für „smarte“ Anwendungen sind Daten. Besteht die Gefahr, dass – vermutete oder tatsächliche – Risiken für die Privatsphäre die Bereitschaft der Verbraucher reduzieren, daran teilzunehmen?

Wolff: Die ausführliche Prüfung der Smart Meter durch das BSI führt zwar zu einer Verzögerung, zeigt aber auch, wie ernst der Datenschutz hier genommen wird. Deshalb ist diese Prüfung auch richtig.

Das Vertrauen der Verbraucher ist das wichtigste Gut. Tweet it

Deshalb muss nachprüfbar festgeschrieben werden, dass sich die Versorger verpflichten, keinerlei erhobene Daten anders zu verwenden als vereinbart und sie beispielsweise nicht weiterzuverkaufen. Die aggregierten Daten, die aus einer Vielzahl anonymisierter Daten bestehen, werden wir nutzen. Sobald wir uns aber den Daten von einzelnen Haushalten nähern, dürfen wir nicht den geringsten Zweifel aufkommen lassen, dass wir nicht ein einziges Bit davon weiterverkaufen werden. Sogar in den beim Datenverkauf sehr freizügigen USA sind mittlerweile mehr und mehr lobende Worte für die strenge und anfangs belächelte europäische Datenschutzverordnung zu hören, auch von Personen wie Apple-Chef Tim Cook.

Schlaak: Vor und bei der Einführung der intelligenten Netze muss eine öffentliche Diskussion geführt werden, welche Daten erhoben werden und was mit ihnen möglich sein wird. Dabei spielen die Energieversorger eine entscheidende Rolle, am Ende wird möglicherweise eine Art Branchenkodex stehen. Allerdings muss man auch eines sehen: Die intelligenten Netze werden nicht nur gebraucht, um dem einzelnen Haushalt zu dienen, sondern auch, um die Kommunen und Städte insgesamt smarter zu machen. Wenn also Daten genutzt werden könnten, um den Verkehrsfluss der Smart City zu optimieren, dann verschieben sich hier möglicherweise die Prioritäten wieder.


Muss die Smart City mit ihrer Bedeutung für die Versorgungssicherheit und die Energiewende über Einzelinteressen gestellt werden?

Wolff: Allgemeininteressen und berechtigte Belange von Bürgern müssen immer abgewogen werden, das ist das rechtsstaatliche Prinzip. Manche öffentlichen Güter haben allerdings eine so herausragende Bedeutung, dass hier neue Wege gefunden werden müssen. Die Lösung könnte sein, dass belohnt wird, wer sich im Sinne des Allgemeinwohls besser verhält. Wenn dazu auch die Versorgungssicherheit, die Energiewende und die Klimaschutzziele gehören, dann ist die Bepreisung von CO2-Emissionen, die Menschen unterschiedlich behandelt, eben der richtige Weg.

Schlaak: Wenn sich Einzelinteresse und Gemeinwohl nicht decken, muss die Politik Anreize dafür schaffen, diese Differenz auszugleichen. Wenn Autofahrer stärker belastet werden, müssen zugleich Mobilitätsalternativen geschaffen werden, damit die Verbraucher nicht überfordert werden und sie eine Wahlfreiheit behalten.


Fragen wie diese greifen tief ins gesellschaftliche Selbstverständnis ein. Welche Rolle kommt dabei der Politik zu, die den Rahmen setzt?

Schlaak: Die Verbraucher, die Industrie und die Energiewirtschaft sind bei der Nutzung von Daten wesentlich weiter als der Gesetzgeber, der auch verstehen muss, welche Erwartungen die Kunden an die Energieversorger überhaupt haben. Denn die Daten ermöglichen ganz neue Services und Komfortdienste.

Der Gesetzgeber muss dem gerecht werden, nicht nur in der Regulierung des Datenschutzes, sondern auch beim Ausbau der Netzinfrastruktur, die für viele Branchen zukünftig wichtig ist, nicht nur für die Energieversorger.

Wolff: Einiges hat die Politik bereits geleistet. Mit staatlicher Unterstützung wurden bereits 30 Reallabore realisiert, mit denen wir das flexible Netzmanagement ausprobieren konnten. Aber es ist richtig: Die Netze sind die Lebensadern, und sie sind in Deutschland bei weitem nicht in dem Zustand, in dem sie sein sollten. Beim Thema Datenschutz und Wettbewerbskontrolle befinden wir uns auf einem guten Weg. Aber beim Klimaschutzpaket muss sehr bald entschieden werden, ob das Ziel nun bei 80 Prozent oder 95 Prozent liegt.

Davon hängen langfristige strategische Entscheidungen und hohe Investitionen ab, und jeder Tag, an dem hier Unklarheit herrscht, ist ein verlorener Tag – für die Verbraucher, die Versorger und das Klima.
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Über Dr. Marie-Luise Wolff
Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW); Entega AG, Darmstadt
Dr. Marie-Luise Wolff ist seit 01.07.2013 Vorstandsvorsitzende der Entega AG und seit Juni 2018 Präsidentin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft e. V. (BDEW). Die promovierte Musikwissenschaftlerin und Anglistin begann ihre Karriere in der Unternehmenskommunikation bei der Bayer AG und war in Vergangenheit bereits bei der E.ON AG und bei der Mainova AG in führenden Positionen. Sie ist Mitglied zahlreicher Gremien und Verbände, darunter im Unternehmensbeirat der Digitalstadt Darmstadt sowie im Nationalen Cyber-Sicherheitsrat der Bundesregierung und im Umwelt- und Energieausschuss des DIHK – Deutscher Industrie- und Handelskammertag.
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Über Dr. Thomas Schlaak
Deloitte GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft
Dr. Thomas Schlaak verantwortet als Partner EMEA Sector Leader Power & Utilities bei Deloitte den Bereich Energy & Resources. Er berät führende Unternehmen der Energiewirtschaft sowie Unternehmen der Mineralölwirtschaft mit Schwerpunkt Deutschland und Europa, vielfach zur Organisationsentwicklung, Kostensenkung und Post-Merger-Integration. Schlaak beschäftigt sich insbesondere mit Fragestellungen rund um die digitale Transformation von Energieunternehmen, angefangen bei Innovationen und Produktentwicklungen über den Um- und Neubau von digitalen Kompetenzen an der Kundenschnittstelle bis hin zu Automatisierung von Geschäftsprozessen.
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Quelle: Vor:Denker

Veröffentlicht: 18.01.2019 13:19 Uhr