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Eine Initiative von

„Maschinen können nicht begreifen, was Moral ist“

Das Interview führte Christina Lynn Dier
7 Minuten Lesezeit
17.05.2019
Eine Initiative von

Dass der Einsatz von KI eine riesige Automatisierungswelle mit sich bringen wird, steht für ihn außer Frage: Chris Boos ist ein Querdenker – und einer der wichtigsten KI-Pioniere weltweit. Grund zur Sorge besteht laut Boos aber dennoch nicht: Die Menschen werden in Zukunft endlich mehr Zeit für sinnstiftende Aufgaben haben.

Herr Boos, Sie waren erst acht Jahre alt, als Sie Ihr erstes Computerprogramm geschrieben haben. Das ist ganz schön beeindruckend.

Ich wollte unbedingt Computer spielen, aber zu der Zeit gab es nichts außer ein paar langweilige Spieleklassiker. Also musste ich mir mein Computerspiel selber programmieren. Dass wir damals überhaupt einen Computer zu Hause hatten, war total ungewöhnlich. Aber mein Onkel, mit dem ich später gemeinsam das Unternehmen Arago gegründet habe, ist ein Technik-Nerd und hat mich unter seine Fittiche genommen. Und dadurch, dass ich Albino bin und mich optisch von allen anderen Kindern unterschied, hatte ich bis zur Pubertät sehr viel Zeit für Computer & Co. Erst in der Pubertät wird Anderssein cool – bis dahin ist man entweder als Person zerbrochen oder hat gelernt, sich selbst zu akzeptieren.


Wann ging es bei Ihnen dann zum ersten Mal konkret um Künstliche Intelligenz (KI)?

Das war kurz vor der Gründung von Arago, also Mitte der 90er Jahre. Hier wollte ich zum ersten Mal mit Hilfe von KI einige grundlegende Probleme lösen.


Heute ist KI in aller Munde. Nervt Sie das?

Allerdings. Diese ganzen Diskussionen um die angeblich denkenden Maschinen finde ich unglaublich anstrengend.


Die Idee, dass es eine selbstständige KI mit einem eigenen „Ich“ gibt, ist einfach nur Quatsch. Die Frage, was das „Ich“ ausmacht, ist so komplex und vielschichtig, dass selbst Philosophen oder Psychologen darauf keine allumfassende Antwort haben.

Also bleiben KIs nur dumme Blechkisten.

Ja, aber eben solche, die komplizierte Probleme lösen können. Eine KI hat nicht mal einen eigenen Willen oder eigene Ziele – wie soll sie dann eine eigene Ethik haben? Wenn ich mich moralisch verhalte, muss ich doch überhaupt erst begreifen, was Moral ist. Dieses Verständnis haben Maschinen einfach nicht – und das wird auf Zeit auch so bleiben. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde es schön, dass wir in Deutschland eine Diskussion über Moral und Ethik führen, aber die Verantwortung dafür an ein paar Entwickler abdrücken zu wollen ist inakzeptabel. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Thema.


Wie wird KI unseren Alltag in Zukunft beeinflussen?

KI stellt unser Wirtschaftssystem komplett auf den Kopf. Seit wir in der großen Mehrheit aufgehört haben, Bauern zu sein, arbeiten wir nach dem industriellen Prinzip: Es geht also um Arbeitsteilung und Skaleneffekte. Wenn wir in der heutigen Welt etwas haben wollen, überlegen wir uns, was das ist, und beschreiben den Weg dorthin. Man schildert also die Lösung, die am häufigsten vorkommt, nimmt dann viel Geld in die Hand und baut zum Beispiel eine Fabrik nach genau diesem Vorbild auf. Und die restliche Zeit verwendet man darauf, die Realität so zu verbiegen, dass es in den vorgefertigten Lösungsweg passt. Einer KI hingegen erklärt man, was man haben möchte – die Lösung dazu findet die KI dann selbst. Das wird für eine riesige Automatisierungswelle sorgen.


Das klingt für den Arbeitnehmer ziemlich dramatisch.

Das ist es auch. Ich gehe davon aus, dass 80 Prozent aller Jobs wegfallen werden. Aber im Umkehrschluss bedeutet das: Wir können endlich wieder etwas Sinnvolles machen!

Es ist doch eine tolle Sache, wenn wir die stupiden Tätigkeiten an die Maschinen zurückgeben und Dinge tun können, die uns mehr erfüllen. Tweet it

Der Mensch ist nicht dazu geschaffen, wie eine Maschine zu arbeiten. Und außerdem entstehen doch auch neue Jobs. Es gibt so viele ungelöste Probleme – beim Klimaschutz zum Beispiel oder in der Medizin. Bei menschlicher Kreativität wird es nie so weit kommen, dass wir nichts mehr zu tun haben.


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Welche Art von Arbeit gibt es denn dann künftig?

Tja, wenn ich die Zukunft vorhersagen könnte, dann würde ich wahrscheinlich den ganzen Tag nur Lotto spielen. Ich weiß nur, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es keine Arbeit mehr gibt, verschwindend gering ist. Was mich in letzter Zeit vielmehr umtreibt, ist die Frage der Transition. Da knirscht es nämlich häufig – mit dem Ergebnis, dass wir „verlorene Generationen“ produzieren. Wir sollten uns also nicht überlegen, ob es eine Zukunft gibt, sondern wie wir dorthin kommen, ohne uns die Köpfe einzuschlagen.


Wie könnte die Transition also vonstattengehen?

Ich glaube, wir haben derzeit eine absolut einmalige Chance, weil zwei Veränderungen parallel ablaufen: Auf der einen Seite gibt es das Phänomen, dass dank KI alles automatisiert wird, auf der anderen Seite wird unsere gesamte etablierte Wirtschaft durch Plattformmodelle angegriffen. Und das nicht, weil die Plattformen böse sind, sondern weil die Wirtschaft gepennt hat. Wenn etablierte Unternehmen überleben möchten, müssen sie ihren Gewinn sofort reinvestieren – andernfalls werden sie von den Plattformen aufgefressen. Oder sie verkommen zu Zulieferern, und ein Großteil des Gewinns landet woanders. Den Effekt, dass Geld erst mal gebunkert und später ausgegeben wird, werden wir also nicht haben. Es könnte somit eine extrem schnelle Transition geben.


Wo sehen Sie Deutschland in dieser Transitionsphase, gerade im Vergleich mit China oder den Vereinigten Staaten?

Das Problem von Deutschland, von Europa, ist doch folgendes: Wir nerven die Talente oft mit Skepsis und zwingen sie dazu, sich ständig erklären zu müssen, so dass sie nach China oder ins Silicon Valley abwandern. Auf der anderen Seite haben wir hier ein tolles Leben: Dein Nachbar bunkert nicht Dutzende Gewehre im Keller, deine Kinder gehen auf eine Schule, die nicht nur von Millionärssprösslingen besucht wird, und du hast eine Kultur, in der Diversität noch etwas zählt. Das alles ist es doch wert, die geschäftlichen Hürden in Kauf zu nehmen – auch wenn diese zweifelsohne dringend abgebaut werden müssten. Aber alles in allem finde ich, dass wir nicht schlecht dastehen.


Sie forderten schon 2017 von Kanzlerin Angela Merkel eine „Willkommenskultur für Innovation“. Sehen Sie Fortschritte?

Ja, vor allem in der Politik. Ich bin Mitglied des Digitalrats und war zugegebenermaßen zu Beginn sehr skeptisch, ob das wirklich von Erfolg gekrönt sein würde. Aber ich merke, dass es auf der politischen Ebene einen großen Wissensdurst gibt und die Bereitschaft da ist, alte Denkmuster zu verlassen. Nichtsdestotrotz können die politischen Player am Ende des Tages nur das Framework setzen. Viel wichtiger ist es, den Menschen klarzumachen, dass Risiko erwünscht ist. Wir dürfen Personen, die etwas wagen und schlussendlich vielleicht verlieren, nicht gesellschaftlich und unternehmerisch anprangern. Die Kultur, einfach etwas zu wagen, ist in Deutschland leider viel weniger ausgeprägt als in anderen Ländern.


Ist der fehlende Mut also das Hauptproblem unserer Wirtschaft?

Nicht nur, es gibt noch weitere. Es fehlt eine ganz entscheidende Basis: das Vertrauen ineinander. Wir versuchen Vertrauen durch Transparenz zu ersetzen – und vergessen dabei, dass nicht jeder alles wissen oder verstehen kann. Nur dann würde ja Transparenz Sinn ergeben. Auch das ganze Konzept von Work-Life-Balance erschließt sich mir überhaupt nicht. Wir arbeiten täglich acht Stunden, schlafen acht Stunden, mit An- und Abreise zur Arbeit und anderen administrativen Tätigkeiten sind weitere vier Stunden weg ...


... das heißt, es bleiben nur vier Stunden pro Tag übrig, um sein ganzes Glück zu erleben.

Genau. Kein Wunder, dass so viele Menschen unglücklich sind. Was doch wirklich glücklich macht, sind Neugierde und das Staunen über die kleinsten Dinge – auch im hohen Alter. Und etwas für andere Menschen zu tun, sie glücklich zu sehen. Nehmen wir den Moment im Krankenhaus, wenn man nach einer Operation aufwacht: Hier möchte doch sicherlich jeder einen Menschen an seinem Krankenbett haben, der sich um einen kümmert – und keine Maschine.


Was verbinden Sie persönlich mit dem Begriff Corporate Digital Responsibility?

Ich selbst investiere etwa zehn Prozent meiner Zeit, um Wissen weiterzugeben. Das finde ich unglaublich wichtig. Darüber hinaus braucht es aber noch mehr politische Manager und Firmen mit Werten. Wenn man Verantwortung in dieser Welt übernehmen möchte, muss man eine politische Meinung haben. Es werden derzeit so viele neue Weichen gestellt, da kann es nicht im Interesse sein, zurück in die Vergangenheit zu wollen. Auch wird durch die Digitalisierung alles viel schneller und direkter – wir haben quasi die Dämpfung aus dem System herausgenommen. Digitalisierung bedeutet vor allem Reach. Wenn wir den Rest der Welt beeinflussen, dann müssen wir bei unseren Handlungen auch global denken. Das heißt:

Je digitaler wir werden, desto mehr müssen wir für das geradestehen, was irgendwo anders auf der Welt passiert. Denn es kommt alles zu uns zurück. Tweet it

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass die Digitalisierung zu weniger Chancengerechtigkeit führt. Wie sehen Sie das?

Das kommt ganz darauf an, was wir daraus machen. Wir haben alle Freiheiten der Welt, wir treffen die Entscheidung – nicht die angeblich „böse“ Digitalisierung. Natürlich sollte die digitale Transformation das Ziel haben, keinen zurückzulassen. Aber das können wir uns nur erlauben, wenn wir wirtschaftlich obenauf schwimmen. Erst eine gutgehende Industrie ermöglicht uns überhaupt den langen Atem, um uns für hohe gesellschaftliche Werte einzusetzen. Sonst zählt immer nur das nackte Überleben.


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Über Chris Boos
CEO und Gründer von Arago
Chris Boos, Jahrgang 1972, gilt als einer der einflussreichsten KI-Pioniere weltweit. Seine Mission: menschliche Potentiale freisetzen und durch KI mehr Raum für Kreativität und innovatives Denken schaffen. 1995 gründete er in Frankfurt das auf KI spezialisierte Unternehmen Arago. Heute hat Arago Niederlassungen in San Francisco, New York, Exeter und Bangalore. Boos ist außerdem seit 2018 Mitglied des Digitalrates der Bundesregierung.
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Quelle: Vor:Denker

Veröffentlicht: 18.01.2019 13:19 Uhr