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Eine Initiative von

„Vertrauen in digitales Arbeiten schaffen“

Das Interview führte Melanie Croyé
7 Minuten Lesezeit
05.05.2020
Eine Initiative von

Im Porsche Digital Lab hat sich Anja Hendel sechs Jahre lang mit neuen Technologien beschäftigt, die in der breiten Masse noch gar nicht angekommen waren: Blockchain, Künstliche Intelligenz, Quantencomputing. Dabei ging es ihr vor allem darum, früh nach den Chancen, aber auch den Risiken zu fragen, die hinter der Technologie stehen. Was kann man damit erreichen, wie inspiriert Technologie die Menschen, welche Probleme kann man damit lösen, auch um das Leben der Menschen besser zu gestalten? Soziale Verantwortung spielt für sie eine Kernrolle in der Digitalisierung – in der Corona-Krise mehr denn je. Seit Anfang des Jahres ist Anja Hendel Managing Director bei der Digitalberatung diconium. Dort sitzen inzwischen die meisten Mitarbeiter im Homeoffice. Das stellt das Unternehmen vor neue Herausforderungen.

Frau Hendel, was bedeutet digitale Verantwortung in Zeiten der Coronakrise?

Mir geht es gerade in erster Linie vor allem um soziale Verantwortung, also darum, zu klären, was mit den Menschen passiert, die digital arbeiten. Wie funktionieren die Arbeitsmodelle, wie stellen wir sicher, dass es uns gutgeht? Das ist in der aktuellen Corona-Krise wichtiger denn je. Mein tägliches Teammeeting bei der Digitalberatung diconium beginnen wir jetzt immer damit, dass jeder berichtet, wie es ihm oder ihr geht. Wir sind seit einiger Zeit alle im Homeoffice, einige Mitarbeiter haben Angst davor, so isoliert zu sein. Da zeigt sich einfach, was der Kern jeder Technologie ist: der Mensch, für den wir sie erschaffen.


Was sind für Sie die größten Vorteile, die die Digitalisierung mit sich bringt?

Die sieht man in der aktuellen Situation mit der Bedrohung durch das Coronavirus sehr gut. Wir wurden angehalten, möglichst zu Hause zu bleiben. Und so sind wir alle ins Homeoffice gegangen. Die Digitalisierung ermöglicht das. Und wir zumindest merken, wie gut das funktioniert. Wir haben kaum technische Probleme und sehen, wie unsere Teams auch remote arbeiten können. Allgemein betrachtet, bietet die Digitalisierung zudem eine Chance für eine bessere Work-Life-Balance, weil man eben flexibel von überall und jederzeit arbeiten kann.


Immer online sein, auch abends zu Hause arbeiten, im Urlaub einloggen – besteht dadurch nicht auch eine Gefahr der Überarbeitung?

Natürlich birgt das ein Risiko, deshalb ist es wichtig, dass das verantwortungsvoll geschieht. Ich sehe aber vor allem die Chance, Dinge zu vereinbaren, die sonst nicht vereinbar wären. Ich denke zum Beispiel an die alleinerziehende Mutter, die nachmittags für ihr Kind da sein kann und sich dafür abends noch mal für ein bis zwei Stunden an den Rechner setzt. Man muss natürlich darauf achten, dass man nicht nur arbeitet. Wenn man das aber gut nutzt, kann man mit Hilfe der Digitalisierung eine gute Work-Life-Balance erreichen.

Es geht nämlich sehr viel Produktivität verloren, wenn die Technologie nicht richtig funktioniert, und es ist frustrierend für die Mitarbeiter, sich ständig um solche Basics kümmern zu müssen.

Deutschland gilt nicht unbedingt als Vorreiter, wenn es um digitales Arbeiten geht. Denken Sie, wir sind hier gut auf die aktuelle Situation eingestellt?

Das kommt ganz auf die Unternehmen und die Branche an. Je weiter die Unternehmen noch von der Digitalisierung entfernt sind, umso schwerer tun sie sich. Ich kann nur für uns sprechen: Bei diconium arbeiten aktuell zwischen 400 und 500 Leute aus dem Homeoffice. Wir sehen ja, wer online ist, und so können wir auch die Last der Systeme einschätzen. Wir sind gut ausgestattet, und das ist gut so. Es geht nämlich sehr viel Produktivität verloren, wenn die Technologie nicht richtig funktioniert, und es ist frustrierend für die Mitarbeiter, sich ständig um solche Basics kümmern zu müssen. Damit schafft man kein gutes Arbeitsumfeld.

„Am Ende sollte es keinen Unterschied machen, ob man vor Ort ist oder zu Hause sitzt. Das Thema Remote Work wurde oft stiefmütterlich behandelt.“ Tweet it

Damit sind Sie aber sicher eine Ausnahme.

In der Tat ist die deutsche Mentalität da eher eine andere. Hier wird viel Wert auf Kontrolle gelegt – und das ist natürlich leichter, wenn man seine Mitarbeiter sieht. Meine Hoffnung in dieser Krise ist, dass wir lernen, mehr zu vertrauen, und bemerken, dass die Leute durchaus intrinsisch motiviert sind, zu arbeiten. Am Ende sollte es keinen Unterschied machen, ob man vor Ort ist oder zu Hause sitzt. Das Thema Remote Work wurde oft stiefmütterlich behandelt. Wir sehen das bei unseren Kunden, dass diese teilweise nicht optimal vorbereitet sind, zum Beispiel nicht ausreichend VPN-Kanäle haben und vieles tatsächlich nur vor Ort funktionieren kann.


Diese Probleme sind im Grunde hausgemacht.

Klar. Das ist das Problem. Wenn man jahrelang sagt, man möchte Remote Work nicht zulassen, dann bereitet man das Umfeld dafür auch nicht vor. Das Hauptproblem am Homeoffice ist aber oftmals wirklich nicht nur die Technologie, sondern das Vertrauen. Viele glauben einfach immer noch, wenn jemand nicht vor Ort sitzt, dann arbeitet er auch nicht. Das ist aber Humbug. Ich kann auch im Büro einfach nur vorm Rechner sitzen und beschäftigt aussehen. Wir müssen auch als Führungspersonen lernen zu vertrauen. Wir müssen Ziele so definieren, dass sie messbar und erreichbar sind, und den Mitarbeitern den Freiraum geben, den Weg dahin selbst zu gehen und sich zu entwickeln. Ich sehe darin eine große Chance.


Wie wird die aktuelle Krise digitales Arbeiten verändern?

Ich denke, dass Cloud-Dienste und andere Firmen, die mobile Technologien entwickeln, die Gewinner sind. Aber auch alle anderen profitieren davon. Unternehmen, die jetzt vermehrt Cloud-Dienste einsetzen, merken, wie schnell sich diese hochfahren lassen. Vor allem kleine Firmen sind hier im Vorteil, weil sie in kurzer Zeit umstellen können. Das auf eine große Firma zu skalieren wird deutlich schwieriger sein.

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Technologie ist das eine. Aber was ist mit den Mitarbeitern, die es überhaupt nicht gewohnt sind, abseits der Firma zu arbeiten? Wie schafft man ein gutes Arbeitsumfeld im Homeoffice?

Das ist ein Punkt, den wir als Unternehmen gerade angehen. Die digitale Grundversorgung ist gedeckt, wenn man so will, die Systeme laufen, die Leute können arbeiten. Nun fragen wir uns: Was brauchen die Mitarbeiter darüber hinaus? Wir denken dabei in viele Richtungen, führen zum Beispiel Gespräche zum Angebot von Online-Yogakursen in der Mittagspause, auch eine Rückenschule wäre denkbar. Dabei geht es gar nicht so sehr nur um externe Anbieter, sondern auch um Angebote von Mitarbeitern für Mitarbeiter. Wir machen schon eine Weile sogenannte Injectsessions, in denen Mitarbeiter freiwillig ihr Wissen über ein Thema – Coding, Stressbewältigung oder Learning aus einem Projekt – an ihre Kollegen weitergeben – oft in der Mittagspause. Die Nachfrage für solch einen Austausch steigt gerade enorm. Wir wollen zudem Coding-Kurse für die Kinder unserer Mitarbeiter auf den Weg bringen, auch zur Entlastung der Eltern. Und da unsere Gründer beide Hobby-Köche sind, überlegen wir gerade, ob wir Lunchsessions aufsetzen könnten, in denen gemeinsam gekocht wird.


Gemeinsam einsam sozusagen. Wie wichtig ist es, dass Arbeitgeber ihre Mitarbeiter über die Arbeitsebene hinaus unterstützen?

Das ist ein weiterer Punkt, an dem wir derzeit arbeiten. Einige unserer Mitarbeiter, gerade die jüngeren mit Mitte 20, die sonst viel unternehmen, haben Angst vor der Isolation. Wir lassen uns also professionell beraten, wie wir unsere Mitarbeiter zum Thema mentale Gesundheit unterstützen können. Eines ist klar, eine Situation wie diese hatten wir noch nie. Deshalb müssen wir jetzt bewusst schauen: Wie geht es den Menschen damit? Niemand kann vorhersagen, wie es weitergeht. Wir müssen jenseits vom Digitalen mit Hilfe von digitalen Mitteln nach den Leuten schauen. Das ist für mich der wichtigste Teil des digitalen Arbeitens.


Wie erklären Sie Unternehmen, die bisher wenig Erfahrung mit der Digitalisierung haben, welche Chancen darin stecken?

Bei der Digitalisierung geht es oftmals um einen Mindshift, darum, seine Einstellungen, Sichtweisen und Menschenbilder zu verändern. Dabei muss man die Menschen an die Hand nehmen, ihre Sorgen und Risiken ernst nehmen und nach und nach Vertrauen schenken. Gerade Situationen wie die aktuelle zwingen uns, aus unserer Komfortzone auszubrechen. Das ist auch bei der Digitalisierung der Fall. Ausprobieren und Scheitern gehört da sicherlich dazu – und das fühlt sich oft nicht so gut an. Ich sehe aber jetzt eine Chance, im Arbeitsumfeld zu zeigen, dass es funktioniert! Wir können remote arbeiten und digitale Lernformate anbieten. Unsere Gesellschaft hält das aus. Ich wünsche mir, dass sich in dieser Krisenzeit Menschenbilder verändern, dass Vertrauen in digitales Arbeiten gelingt und dass wir gemeinsam einen digitalen Umgang damit finden.

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Über Anja Hendel
Managing Director, diconium
Anja Hendel ist seit Anfang des Jahres Chefin der VW-Digitaltochter diconium. Zuvor war sie sechs Jahre lang das digitale Gesicht von Porsche und hat vom Digital Lab in Berlin aus neue Technologien für den Autokonzern entwickelt. Die 41-Jährige ist studierte Wirtschaftsinformatikerin. Die digitale Transformation hat sie von Anfang an begleitet, zunächst bei der Unternehmensberatung Capgemini, danach als Head of IT für das Pharmaunternehmen Celesio.
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Quelle: Vor:Denker

Veröffentlicht: 18.01.2019 13:19 Uhr