https://www.faz.net/-iul-9tguc
Verlagsspezial

: Von West nach Ost

Bild: Matthias Schmidt-Stein

Der Hersteller von Verpackungsmaschinen Theegarten-Pactec schrieb deutsch-deutsche Wendegeschichte. Der Firmensitz befindet sich heute in Dresden. Seit knapp zehn Jahren wird das Unternehmen in zweiter Generation geführt.

          3 Min.

          WO AUCH IMMER Markus Rustler auf der Welt unterwegs ist, führt sein Weg ihn in den örtlichen Supermarkt – und dort gezielt zum Süßwarenregal. Der 41-Jährige ist Geschäftsführender Gesellschafter des Maschinenbauers Theegarten-Pactec und dort zuständig für den kaufmännischen Bereich. „Ich finde eigentlich immer Süßigkeiten, bei denen ich weiß, dass sie von einer unserer Maschinen verpackt wurden“, sagt Rustler. Kein Wunder: Das Unternehmen ist einer der weltweit führenden Hersteller von Verpackungsmaschinen für Süßigkeiten und andere Kleinwaren wie Brühwürfel.

          Seine Supermarktbesuche dienen allerdings nicht nur dem eigenen Ego, sondern auch der Konkurrenzbeobachtung. Denn Rustler schaut sich auch die Waren an, die auf Maschinen seiner Wettbewerber verpackt wurden. „Dann frage ich mich, wie die das gemacht haben – und ob wir das genauso gut oder sogar besser gekonnt hätten“, sagt der Unternehmer. Er hat zwar „nur“ Volks- und Betriebswirtschaftslehre studiert und nicht Maschinenbau. Aber er hat nach eigenen Angaben ein gutes technisches Verständnis und weiß, wie die eigenen Maschinen funktionieren. Schließlich spielte er schon als Kind in den Werkhallen des Unternehmens, das damals noch von seinen Eltern geleitet wurde.

          Damals hieß das Unternehmen allerdings noch Rose Theegarten und hatte seinen Sitz in Köln. Markus Rustlers Urgroßvater Justus und sein Großvater Franz Theegarten hatten es dort 1934 gegründet. Einer der größten Konkurrenten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Verpackungsmaschinenbau des DDR-Kombinats Nagema (Nahrungs- und Genussmittelmaschinenbau) in Dresden. Als Devisenbeschaffer für den Arbeiter-und-Bauern-Staat verkaufte der volkseigene Betrieb seine Anlagen in die ganze Welt.

          Zukauf im Osten

          Als nach der Wende das Kombinat privatisiert wird, schlägt Rose Theegarten zu und kauft den Konkurrenten von der Treuhand. Markus Rustler ist damals Teenager, geht aufs Internat in Norddeutschland. Seine Eltern sind es, die den Zukauf ins Unternehmen integrieren – mitsamt seiner Technologie. Während die Kölner damals auf sogenannte intermittierende Maschinen setzen, bei denen die Produkte Schritt für Schritt von einer Position zur nächsten gelangen, nutzt man in Dresden kontinuierliche Maschinen, bei denen das Produkt ohne Stopp über die verschiedenen Positionen geführt wird. „Heute stellen wir beide Arten von Maschinen her“, erklärt Rustler.

          1997 folgt dann der Schritt, der in der Nachwendezeit Seltenheitswert hat: Das mittlerweile in Theegarten-Pactec umbenannte Unternehmen verlegt seinen Firmensitz nach Dresden, das bisherige Gelände in Köln wird aufgegeben. „Vor der Zusammenlegung waren meine Eltern zwei Tage pro Woche in Köln und drei Tage hier in Dresden“, erinnert sich Rustler. Um häufiger vor Ort zu sein und Synergien heben zu können, hätten sich seine Eltern dafür entschieden, die Produktion auf einen Standort zu konzentrieren.

          Auch wenn die Rustlers privat bis zur Übergabe des Unternehmens an den Junior im Jahr 2009 in Köln wohnen bleiben und so Woche für Woche pendeln müssen, fällt die Entscheidung für den Unternehmensstandort in der Stadt an der Elbe. Den Ausschlag geben mehrere Faktoren. So ist das Firmengelände in Köln schon damals größenmäßig ausgereizt. Weiteres Wachstum wäre unmöglich gewesen, sagt Rustler. Anders am Standort Dresden, wo das Unternehmensgelände 2015 sogar noch vergrößert wird, um eine neue Produktionshalle zu bauen. Und auch wirtschaftlich klappt es mit dem Wachstum: Der Umsatz ist in den Jahren seit dem Umzug an die Elbe von damals rund 44 Millionen D-Mark auf heute rund 70 Millionen Euro gestiegen.

          Eine weitere Rolle bei der Entscheidung für Dresden spielt, dass an der dortigen Technischen Universität ein Lehrstuhl für Verpackungstechnik existiert, mit dem bereits das Nagema-Kombinat zusammenarbeitete und der bis heute dafür sorgt, dass an gut ausgebildeten Mitarbeitern in der F&E-Abteilung kein allzu großer Mangel herrscht. Denn Verpackungstechnik verlangt Ingenieursexpertise: Neben den unterschiedlichen Falttechniken, die für unterschiedliche Süßigkeiten genutzt werden – ein Kaugummi ist meist anders eingepackt als ein Schokoladenriegel –, müssen die Maschinen mit verschieden harten Waren wie auch Verpackungsmaterialien fertig werden. „Teilweise arbeiten wir nah am Rand des physikalisch Möglichen“, sagt Rustler. Die schnellste Maschine im Portfolio kann 2300 Bonbons pro Minute verpacken.

          Weltweit im Einsatz

          Ein weiteres Problem, das die Entwickler immer wieder lösen müssen, sind besondere Formen, wie etwa bei den tropfenförmigen „Hershey's Kisses“. Für deren Produktion lieferte Theegarten-Pactec gleich 45 Packmaschinen in die Vereinigten Staaten, jede mit einer Verpackungsleistung von 1000 Stück pro Minute. „Da entsteht alle paar Minuten die Schokoladung für einen kompletten Lkw“, sagt Rustler stolz. Ein ganz anderes Extrem: In der weitgehend zerstörten syrischen Großstadt Aleppo tut nach wie vor eine Maschine ihren Dienst, die einst aus der DDR dorthin exportiert worden war. Seit nunmehr 40 Jahren verpackt sie Kaugummis – 650 Stück in der Minute. „Der Süßwarenhersteller hat mit seiner Produktion den Bürgerkrieg überlebt“, sagt Rustler.

          Maschinen aus Dresden – und auch noch aus Köln – sind rund um den Globus in Betrieb. Der Geschäftsführer lässt es sich nicht nehmen, regelmäßig selbst zu den Kunden auf der ganzen Welt zu fliegen. Allein in diesem Jahr geht es für ihn noch unter anderem nach Dubai, Jakarta, Guinea, Senegal, Nigeria und Ägypten. Auch dort wird er wieder in die örtlichen Supermärkte gehen, um sich die Verpackung der Süßigkeiten anzuschauen – und vielleicht auch die eine oder andere zu öffnen. Denn der Geschmack von Süßigkeiten ist wohl genauso vielfältig wie die Art, sie zu verpacken.

          Der Artikel ist ursprünglich in der Novemberausgabe von Markt und Mittelstand erschienen: www.marktundmittelstand.de.

          Topmeldungen

          : Gedämpfte Stimmung bei Investoren

          Geopolitische Herausforderungen verringern die Lust an Übernahmen. In Deutschland bleibt jedoch die Tendenz zum Verkäufermarkt – ein Vorteil für Mittelständler, bei denen ein Generationswechsel ansteht.

          : Weniger ist manchmal mehr

          Investoren pochen heute nicht mehr auf die Mehrheit. Auch Minderheitsbeteiligungen können für Mittelständler sinnvoll sein.

          : Nachfolge über Umwege

          Anfang der 2000er Jahre verkaufte Hans Imhoff den Kölner Schokoladenhersteller Stollwerck. Heute haben seine Töchter die Zügel in der Hand: Die eine leitet das vom Vater gegründete Schokoladenmuseum, die andere die gemeinnützige Imhoff Stiftung. Doch der Weg dahin war nicht einfach.