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Verlagsspezial

: Nachfolge über Umwege

Bild: Schokoladenmuseum Köln

Anfang der 2000er Jahre verkaufte Hans Imhoff den Kölner Schokoladenhersteller Stollwerck. Heute haben seine Töchter die Zügel in der Hand: Die eine leitet das vom Vater gegründete Schokoladenmuseum, die andere die gemeinnützige Imhoff Stiftung. Doch der Weg dahin war nicht einfach.

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          Insgesamt drei Meter ist der Schokoladenbrunnen im Kölner Schokoladenmuseum hoch, aus zehn Edelstahlfontänen fließt stetig flüssige Schokolade. Jeder Besucher darf mit einer Waffel die Schokolade auffangen und kosten, gern auch mehrfach. So hat sich Hans Imhoff das vorgestellt. Seit Kindertagen begeistert sich der 1922 als Sohn eines Schlossermeisters geborene Kölner für Schokolade. 1948 gründet der gelernte Kaufmann in Bullay an der Mosel eine eigene Schokoladen- und Pralinenfabrik – und wird damit zum Millionär. 1964 kommt er zurück nach Köln, baut seine Firmengruppe in verschiedene Richtungen aus und übernimmt 1972 die Mehrheit an der angeschlagenen Stollwerck AG, die er erfolgreich saniert. Im Jahr 1993 erfüllt sich der inzwischen 71-jährige Imhoff einen Traum: Er kauft mehrere historische Gebäude im Rheinauhafen in unmittelbarer Nähe des alten Stollwerck-Gebäudes in der Kölner Südstadt und errichtet dort das Imhoff-Stollwerck-Schokoladenmuseum: einen Ort, der auf unterhaltsame Weise die Geschichte der Schokolade bis zur heutigen modernen Produktion vermittelt und die Besucher zum Riechen, Probieren und Schmecken einlädt.

          Was aus heutiger Sicht klingt wie eine naheliegende Idee zur Stärkung der Marke, war vor 26 Jahren alles andere als mehrheitsfähig. „Die Idee des Themenmuseums war zu Beginn der neunziger Jahre noch kaum verbreitet“, erläutert Annette Imhoff (49). Ihr Vater ist 2007 verstorben, heute leitet sie das Museum in zweiter Generation. „Es waren alle gegen den Bau des Schokoladenmuseums, aber er wollte es unbedingt“, sagt Annette Imhoff über ihren Vater. Der Widerstand war für ihn offenbar der stärkste Ansporn, der Drang sich zu beweisen ein Lebensthema. „Mein Vater hat eigentlich immer um Anerkennung gekämpft, für sich, für Stollwerck, für das Schokoladenmuseum, für den Standort Köln“, sagt Susanne Imhoff (47), Annettes jüngere Schwester, die heute die gemeinnützige Imhoff Stiftung leitet. Im Fall des Schokoladenmuseums gelingt es: Das Haus entwickelt sich in kurzer Zeit zum Publikumsmagneten, heute verzeichnet es bis zu 3000 Besucher am Tag und rund 550.000 im Jahr – mehr als jedes andere Museum in Köln.

          Kein Erfolg bei der Nachfolgeplanung

          Nicht immer läuft bei Hans Imhoff alles nach Plan. Wohl am heftigsten scheitert er bei seiner eigenen Nachfolge. Imhoff versteht Stollwerck als Familienunternehmen. Doch ein williger Nachfolger ist nicht in Sicht, keines seiner vier Kinder aus zwei Ehen hat ein einfaches Verhältnis zum Vater und will die operative Führung übernehmen. Bei Annette und Susanne, den beiden Töchtern aus zweiter Ehe, kommt hinzu, dass sie erst im Teenageralter sind, als der Vater längst im Rentenalter ist. Die Leitung in der Familie zu halten wäre bestenfalls mit einer Interimslösung möglich. Annette Imhoff erinnert sich, dass der Vater ihr erstmals im Familienurlaub bei einem Strandspaziergang die Leitung des Unternehmens antrug, mit der Bedingung, dass sie dafür sofort die Schule verlassen und ins Unternehmen kommen müsse. Da war sie 14.

          Sie macht die Schule fertig und entscheidet  sich für ein Studium der Volks- und Betriebswirtschaft. 1995 übernimmt sie die Geschäftsführung von Larosé, einer Firma für textile Leasingdienstleistungen, die Hans Imhoff 1977 gegründet hat – gerade weil das Geschäft nichts mit Schokolade zu tun hat. Die Nachfolge bei Stollwerck lehnt sie ab. „Mein Grundsatz ist, das Gute besser zu machen“, sagt Annette Imhoff. „Ich wusste: Das kann ich nicht bei Stollwerck.“ Der Schokoladenhersteller, das war ihr klar, war extrem auf ihren Vater zugeschnitten. „Er wollte keine von ihm unabhängige Organisation aufbauen.“ Bis heute bezweifelt sie, ob das Unternehmen überhaupt nachfolgefähig gewesen wäre.

          In Ermangelung eines familieninternen Nachfolgers zieht Hans Imhoff die logische Konsequenz und verkauft. Nachdem er 1997 bereits eine Familienstiftung gegründet hat, ruft er 2001 auch eine gemeinnützige Stiftung ins Leben, die Imhoff Stiftung, in dem Wunsch, seiner Heimatstadt Köln Gutes zu tun. Ein Jahr später verkauft er das Schokoladengeschäft von Stollwerck an die belgische Barry Callebaut AG, die mehrheitlich im Besitz der Familie Jacobs ist. Was übrig bleibt, wird in Larosé als größte operative Einheit integriert – und das ist keine einfache Aufgabe.  Ein unübersichtliches Firmengestrüpp, sagt Larosé-Geschäftsführerin Annette Imhoff, habe sie nach dem Verkauf vor sich gehabt: „Es gab die Stiftung, Immobilien, das Museum, Altlasten, Gerichtsprozesse. Das musste alles geordnet und sauber abgewickelt werden.“

          Neustrukturierung nach Larosé-Verkauf

          Ein Kraftakt für Annette Imhoff, die 2002 alle Anteile an Larosé übertragen bekommt, und ihren Mann Christian Unterberg-Imhoff, der sie bereits seit 1999 in der Geschäftsführung unterstützt. Die neue Struktur, die die beiden schaffen, trägt bis ins Jahr 2015, dann wird Larosé verkauft. „Der Textilservice ist eine extrem preisintensive Branche mit unglaublichem Wettbewerb“, sagt Annette Imhoff rückblickend. „2015 hatten wir sechs große Wäschereien, rund 1000 Mitarbeiter, 65 Millionen Euro Umsatz – und die größten Konkurrenten mit 500 und 800 Millionen. Es war klar: Da kommen wir dauerhaft nicht dran.“ Wieder muss die ganze Struktur angefasst werden. Alle Familienaktivitäten werden aus Larosé herausgelöst und mit Sitz am Schokoladenmuseum neu aufgebaut.

          „Das Schokoladenmuseum war immer sehr erfolgreich, aber damals fehlte etwas die unternehmerische Führung“, sagt Annette Imhoff heute. Als neue Geschäftsführer des Schokoladenmuseums beerben sie und ihr Mann Mutter Gerburg Imhoff, die seit dem Tod von Hans Imhoff im Jahr 2007 die Geschäftsführung des Museums innehatte, unterstützt von einer familienfremden Museumsdirektorin. Mutter Gerburg bleibt Vorsitzende der Imhoff Stiftung, zunächst gemeinsam mit der Tochter aus Hans Imhoffs erster Ehe. Als diese im Jahr 2009 verstirbt, übernimmt ihr Bruder Hans (heute 71).

          Von Hamburg zurück nach Köln

          Die jüngere Tochter Susanne ist zu diesem Zeitpunkt geographisch und auch sonst weit weg von den Unternehmensthemen. „Ich habe mich lange nicht so recht dazugehörig gefühlt“, sagt sie. Früh führt ihr Weg raus aus Köln, weg von Stollwerck. Mit ihrer Ausbildung zur Erzieherin und der Arbeit im sozialen Brennpunkt, das sagt sie unumwunden, sei sie für den Vater fachlich ein Mensch zweiter Klasse gewesen. „Meine Kompetenzen wurden in meiner Herkunftsfamilie nicht nachgefragt.“ Sie lebt und arbeitet rund 20 Jahre in Hamburg, ist „eigentlich raus – und auch ganz froh darüber“. Als ihre vier Kinder selbständig genug sind, entwickelt sie den Wunsch, sich der Familie wieder mehr anzunähern, und sucht den Kontakt.

          Gemeinsam finden die Imhoff-Frauen einen Anknüpfungspunkt: Zur Tätigkeit der Imhoff Stiftung gehört das Zentrum für Therapeutisches Reiten (ZTR) auf dem alten Stollwerck-Gelände in Köln-Porz. Hans Imhoff hatte den dortigen Reitstall schon in Susannes Jugendtagen gebaut, wohl um sie mit ihrem Hobby in der Nähe zu haben. Tatsächlich ist Susanne Imhoff, die auch ausgebildete Reittherapeutin ist und als junge Frau mehrere Jahre in dem Beruf gearbeitet hat, in ihrer Jugend nie dort geritten. Mehr als zwei Jahrzehnte später übernimmt Susanne Imhoff nun die Gesamtverantwortung im ZTR. Als Vorstandsvorsitzende hinterfragt sie Prozesse, Mittelverwendung und Personalstruktur und stellt das Zentrum wieder effizienter auf. „Aus Pädagogensicht bin ich ein effizienzgesteuertes Wesen“, sagt Susanne Imhoff. „Bei allen Differenzen mit meinem Vater habe ich ein gewisses Maß an unternehmerischem Denken aus meiner Kernfamilie mitgenommen.“

          Im Jahr 2017 legt Mutter Gerburg Imhoff mit 75 Jahren satzungsgemäß den Vorsitz der Imhoff Stiftung nieder. Susanne Imhoff wird in den Vorstand gewählt, zu dem nach wie vor auch ihr Halbbruder Hans gehört, der seine Rolle aber eher passiv versteht. Sie beginnt, sich ganz neu in die Stiftungsarbeit einzuarbeiten und die Arbeit der Mutter fortzusetzen oder besser: neu zu definieren. Die Idee, per Geburt eine besondere Stellung oder bestimmte Vorrechte in einer Institution zu haben, ist ihr gänzlich fremd. Sie ist sich sicher: „Es braucht eine Legitimation, um diese Arbeit zu machen.“

          Das bedeutet für sie in der Konsequenz: die Arbeit der Stiftung professionalisieren und systematisieren. Geld einfach irgendwie zu verteilen ist nicht ihre Sache. Sie arbeitet sich inhaltlich in die zu fördernden Projekte ein, entwickelt einen eigenen Wertekompass und überprüft auch langjährige Förderprojekte kritisch. „Wir sind kein Sponsor. Uns geht es nicht darum, unser Logo irgendwo draufzusetzen“, sagt Susanne Imhoff. „Ein Projekt, das auch ohne uns läuft, brauchen wir nicht zu unterstützen. Wir wollen Dinge inhaltlich ermöglichen, die es sonst nicht geben würde.“

          Wieder vereint

          Heute liegen die Büros der beiden Schwestern direkt nebeneinander auf der zweiten Etage des Schokoladenmuseums mit Aussicht auf den Rhein. Sie treffen sich regelmäßig und tauschen sich aus, manchmal recht pragmatisch und unverblümt, beide sind nicht konfliktscheu. Dennoch hat man den Eindruck, dass sie mit sich und der Vergangenheit an einem guten Punkt angekommen sind. „Wir haben heute als Familie eine gute gemeinsame Basis“, sagt Annette Imhoff. Mit Abstand kann sie die starke Persönlichkeit des Vaters und das, was er geschaffen hat, durchaus schätzen. „Für den Erfolg, wie er ihn hatte, braucht man auch eine gewisse Rotzigkeit, eine gewisse Rücksichtslosigkeit, die er neben seinem großen Herzen und seinem unbedingten Willen zum Erfolg eben auch hatte“, so Annette Imhoff. Kürzlich lag auf Susanne Imhoffs Tisch der Förderungsantrag einer traditionsreichen Kölner Kultureinrichtung: Beantragt wurden unter anderem Mittel zum Umbau des Foyers – mit dem Ziel, die Besucher zu aktivieren, mehr Interaktion zu schaffen und den Erlebnischarakter zu stärken. Wenn Hans Imhoff das noch erlebt hätte, wäre er womöglich sehr zufrieden.

          Der Artikel ist ursprünglich in der Sommerausgabe des Wir-Magazins erschienen: https://wirmagazin.marktundmittelstand.de/

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