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Verlagsspezial

Interview : „In Ostdeutschland gibt es wieder eine lebendige Landschaft an Familienunternehmen“

Bild: querbeet/iStock

Trotz Zwangsverstaatlichung zu DDR-Zeiten gelang einigen Ost-Marken nach 1990 ein Neuanfang. Ein Gespräch mit Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der gemeinnützigen Stiftung Familienunternehmen, über die historischen Entwicklungen.

          3 Min.

          Bild: Frank Bauer

          Herr Heidbreder, Anfang des Monats haben wir den 30. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert. Klar ist, dass mit den damaligen politischen Entwicklungen 1989/90 für viele Bürger der ehemaligen DDR eine große Umbruchphase begann, die mit existentiellen Unsicherheiten verbunden war und persönliche Neuorientierung erzwang. Gerade für ehemalige Familienunternehmer im Osten war die (wirtschaftliche) Einheit Deutschlands allerdings vielmehr eine Chance. Warum?

          Thüringen, Sachsen und Berlin galten vor dem Zweiten Weltkrieg als die wirtschaftsstärksten Regionen Deutschlands. Krieg, Besatzung und Sozialismus haben dieser von Familienunternehmen geprägten Unternehmenslandschaft einen enormen Schaden zugefügt. Zahlreiche Familienunternehmen gingen Zugrunde oder wurden enteignet. Viele wanderten in den Westen ab. Unternehmer in Ost und West hielten aber an der Hoffnung fest, dass sie eines Tages wieder an die Traditionen ihrer Familienunternehmen in Ostdeutschland anknüpfen könnten. Für sie war die Wende auch eine Chance, neu zu begründen, was einst verlorenging.

          Was bedeuteten das planwirtschaftliche Modell, die Verstaatlichung von Privateigentum und letztlich die Zwangsenteignung 1972 für Unternehmer in der DDR? Wie ging es für sie weiter?

          Privatunternehmertum war in der DDR nicht erwünscht. Die sozialistische Führung wendete deswegen schon bald perfide Methoden an, um die Privatwirtschaft zurückzudrängen. Familienunternehmen wurden systematisch schlechter gestellt, etwa durch Schikanen, Stigmatisierung oder hohe Steuern, sogenannte Kapitalistentarife. Unternehmern wurden Lebensmittelkarten entzogen, und sie wurden aus der Kranken- und Sozialversicherung ausgeschlossen. Der Rohstoffbezug war für sie besonders reglementiert. Dass sich viele Unternehmen trotz der Widerstände für eine gewisse Zeit behaupten konnten, war der DDR-Führung ein Dorn im Auge. 1972 kam der Todesstoß für die meisten der verbliebenen Familienunternehmen. Sie mussten die Verstaatlichung akzeptieren.

          Wie viele private, familiengeführte Unternehmen gab es 1972 überhaupt noch in der DDR?

          Die Anzahl der Privatunternehmen ging schon zwischen 1948 und 1950 von mehr als 36 000 auf rund 17.500 zurück. 1972 folgte der finale Schlag gegen den verbliebenen Mittelstand mit der Verstaatlichung von mehr als 11.800 Unternehmen. Unternehmertum war fortan nur in Nischen wie dem Handwerk, dem Einzelhandel und der Gastronomie gestattet.

          Welche rechtlichen und anderen Voraussetzungen waren nötig, dass ehemalige Familienunternehmer oder deren Nachfolger nach dem Mauerfall an ihre alten Wirkungsstätten zurückkehren oder an ihre unternehmerische Tätigkeit anknüpfen konnten?

          Nachdem die DDR im März 1990 erste Schritte zur Reprivatisierung gemacht hatte, wurde das Prinzip Rückgabe vor Entschädigung in der Folge auf alle Bundesbürger ausgeweitet. Von den über 12.000 Unternehmen in Treuhandverwaltung wurde jedes zehnte reprivatisiert. Erfahrungsberichte zeigen, dass dieser Prozess mitunter sehr aufwendig und mit viel Bürokratie verbunden war. Es mussten ja die Besitzverhältnisse geklärt und zum großen Teil auch Investitionsabsichten belegt werden. Dabei drängte die Zeit. Denn mit der Sanierung der Unternehmen musste bald begonnen werden.

          Die Voraussetzungen und Bedingungen für einen Neustart waren sehr unterschiedlich, schaut man sich die Unternehmensbeispiele in der aktuellen Studie „Industrielle Familienunternehmen in Ostdeutschland“ an. Können Sie trotz alledem eine allgemeine Aussage treffen, vor welchen Herausforderungen die Unternehmer standen?

          Die Staatsbetriebe waren in vielen Fällen defizitär. Die Produktivität lag Schätzungen zufolge nur bei einem Drittel der westdeutschen, oft war sie noch viel geringer. Sie konnten in der freien Marktwirtschaft unmöglich bestehen. Hinzu kam, dass zahlreiche Märkte in Osteuropa mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wegfielen. Die Unternehmen mussten also in kürzester Zeit neue Märkte und Technologien erschließen und zumindest annähernd so produktiv wie die westlichen Unternehmen werden.

          Gerade die Familienunternehmen APOGEPHA Arzneimittel GmbH, Kathi Rainer Thiele GmbH und die Alfred Weigel KG werden in der Studie als herausragende Beispiele genannt, denen es gelungen ist, die Marke erfolgreich zu bewahren oder besser gesagt wiederzubeleben. Welche Rolle spielten dabei Selbstbehauptungs- und Gestaltungswillen?

          Dass das Familienunternehmertum wieder die treibende wirtschaftliche Kraft in den neuen Bundesländern ist, zeugt von der Schaffenskraft vieler Unternehmerpersönlichkeiten. Rainer Thiele, Gesellschafter des Backmischungen-Herstellers Kathi, investierte noch während der deutschen Teilung in die Markenrechte seines Unternehmens. Er war überzeugt, dass eines Tages die Mauer fallen würde. Man muss aber auch die zahlreichen früheren Führungskräfte von DDR-Staatsbetrieben würdigen, die nach der Wende ihre Unternehmen in Privatisierungsverfahren übernahmen und so eine neue Generation von Familienunternehmen begründeten. Einige dieser Unternehmen sind heute Weltmarktführer in ihren Segmenten und geben Tausenden Menschen Arbeit.

          Wo steht der ostdeutsche Mittelstand heute, und was können wir von ihm in Zukunft erwarten?

          Im 30. Jahr der deutschen Einheit lässt sich eine positive Bilanz ziehen: In Ostdeutschland gibt es wieder eine lebendige Landschaft an Familienunternehmen. 92 Prozent der Unternehmen in Ostdeutschland sind Familienunternehmen – damit liegt der Anteil sogar etwas höher als im Westen. Darunter sind auch wichtige große Unternehmen: Der Anteil von Familienunternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern liegt mittlerweile auf westdeutschem Niveau. Umfragen zeigen: Die Bevölkerung traut vor allem Familienunternehmen zu, Arbeit zu schaffen. Wenn diese Unternehmenslandschaft nicht, etwa durch übermäßige Bürokratie und Steuern, über Gebühr belastet wird, kann sie auch in Zukunft gedeihen.

          Das Interview führte Julia Hoscislawski.

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