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Verlagsspezial

: Gedämpfte Stimmung bei Investoren

Bild: FluxFactory/iStock

Geopolitische Herausforderungen verringern die Lust an Übernahmen. In Deutschland bleibt jedoch die Tendenz zum Verkäufermarkt – ein Vorteil für Mittelständler, bei denen ein Generationswechsel ansteht.

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          „Sie haben nicht oft die Chance, eine so erfolgreiche Firma zu kaufen.“ Hermann Dambach weiß, wovon er spricht. Der Deutschland-Geschäftsführer des Finanzinvestors Oaktree kauft und verkauft viele Unternehmen. Bei einem Sensorspezialisten aus dem Landkreis Ravensburg glaubt der Finanzexperte, einen Volltreffer gelandet zu haben. Mitte November gaben die beiden Gesellschafter des Unternehmens bekannt, an Oaktree verkaufen zu wollen. „Wir sind in einem Alter, in dem man sich ernsthaft Gedanken über eine Nachfolgeregelung machen und die richtigen Weichen für die Zukunft stellen muss“, begründen diese den Schritt. Und bei Oaktree habe man das Gefühl, dass es passt.

          Die Transaktion, die noch die Zustimmung der Wettbewerbsbehörden benötigt, steht stellvertretend für einen Trend in Deutschland: In Hunderttausenden mittelständischen Unternehmen steht ein Generationswechsel an. Allein bis Ende 2020 planen die Inhaber von 227.000 kleinen und mittleren Unternehmen eine Nachfolgeregelung. Und immer öfter kommen Finanzinvestoren zum Zuge.

          Eine der schwierigsten Hürden für das Gelingen einer Unternehmensnachfolge ist dabei das Finden eines für Verkäufer und Käufer gleichermaßen akzeptablen Kaufpreises. Im Durchschnitt über alle Nachfolgeplaner zeigt sich: Die Werteinschätzung der Inhaber entspricht knapp dem einfachen Jahresumsatz des zur Übergabe anstehenden Unternehmens. Das haben die staatliche Förderbank KfW und das Ifo-Institut in ihrem gemeinsam herausgegebenen Mittelstandsbarometer herausgefunden. „Die deutschen Mittelständler schätzen den Wert ihrer Unternehmen realistisch ein, es gibt kaum Anzeichen für eine systematische Überbewertung“, erklärt Michael Schwartz, Mittelstandsexperte bei der KfW.

          Tendenz zum Verkäufermarkt intakt

          Zumindest für dieses Jahr gehen M&A-Experten davon aus, dass die eher verkäuferfreundlichen Marktbedingungen bei Übernahmen anhalten. „Betrachtet man die bei den erfolgten Transaktionen vereinbarten Vertragsbedingungen, so ist trotz des rückläufigen Volumens nach wie vor eine Tendenz zum Verkäufermarkt festzustellen“, sagt Stefan Brunnschweiler, bei der Kanzlei CMS verantwortlich für die Corporate/M&A Group. Und auch Torsten Grede, Chef der Beteiligungsgesellschaft DBAG, sieht ein weiterhin „anspruchsvolles Marktumfeld und steigende Preiserwartungen bei Transaktionen im Mittelstand“.

          In den vergangenen Jahren haben vor allem Finanzinvestoren das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen befeuert und damit die Preise getrieben. Denn Private-Equity-Firmen sitzen in Ermangelung renditeträchtiger Anlagealternativen durch die andauernde Niedrigzinsphase auf enormen Summen an Kapital, das nach Investitionsmöglichkeiten sucht. Und so verwundert es auch nicht, dass Beteiligungsfonds für einen immer größeren Anteil am europäischen Dealvolumen verantwortlich zeichnen: im ersten Quartal dieses Jahres für immerhin 29 Prozent oder 36 Milliarden Dollar, so die Statistik von Mergermarket – der höchste jemals gemessene Wert des Datenanbieters.

          DBAG-Chef Grede zufolge gaben Beteiligungsfonds im vergangenen Jahr in Deutschland rund 4,8 Milliarden Euro für die Übernahme von 47 deutschen Mittelständlern aus – die höchste Summe, seitdem die Gesellschaft im Jahr 2002 solche Deals im Wert von 50 Millionen bis 250 Millionen Euro erstmals erhoben hat. Vor allem für Nachfolgelösungen holen sich deutsche Familienunternehmen zunehmend Private-Equity-Häuser zu Hilfe. Und ein Grund, weshalb immer mehr Firmen offen für Finanzinvestoren sind und verkaufen, sind nach Ansicht von M&A-Experten die hohen Bewertungen.

          Abhängig vom Wachstum und dem Geschäftsmodell wurden die Unternehmen laut DBAG 2018 über alle Branchen hinweg mit dem 7,5-fachen operativen Ergebnis (Ebitda) bewertet. Daran dürfte sich – einigermaßen stabile konjunkturelle Rahmenbedingungen vorausgesetzt – auch nicht viel ändern, da das zur Verfügung stehende Kapital nach wie vor die Investitionsmöglichkeiten übersteigt.

          Hinzu kommt, dass in Deutschland mit Family Offices, die die Vermögen reicher Familien managen, ein weiterer Wettbewerber in die M&A-Arena eingestiegen ist. „Die Niedrigzinsphase lockt die Family Offices an“, stellt DBAG-Chef Grede fest. Auf der Suche nach langfristig hohen Renditen machen sie damit den Finanzinvestoren, denen sie einst ihr Geld anvertrauten und für dessen Vermehrung sie üppige Gebühren bezahlten, verstärkt Konkurrenz um die Perlen des Mittelstands.

          Firmenübernahmen werden strenger geprüft

          Gleichwohl wird die Dynamik am M&A-Transaktionsmarkt 2019 nicht an die des vergangenen Jahres heranreichen. Das zeigen Zahlen vom Mergermarket zum ersten Halbjahr, und das ist auch die überwiegende Meinung von M&A-Experten. Demnach sind von Januar bis Juni 2019 in Europa lediglich 3223 Deals im Volumen von 391 Milliarden Dollar registriert worden – 38,8 Prozent weniger als im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres.

          „Der Brexit und andere geopolitische Herausforderungen belasten die M&A-Aktivitäten in Europa“, resümiert Brunnschweiler von CMS. Diese anderen geopolitischen Herausforderungen sind insbesondere die anhaltenden Handelsstreitigkeiten zwischen den großen Wirtschaftsmächten Vereinigte Staaten, China und Europäische Union und die damit verbundenen wirtschaftlichen Unwägbarkeiten sowie das Erstarken protektionistischer Tendenzen.

          Erst zum Jahreswechsel hatte sich die Bundesregierung auf schärfere Regeln für den Erwerb von Anteilen deutscher Unternehmen durch ausländische Investoren geeinigt. In sicherheitsrelevanten Bereichen wie der Verteidigung oder bei sogenannten kritischen Infrastrukturen wie etwa der Energieversorgung gilt nun eine Schwelle von zehn Prozent, ab der die Bundesregierung einen Anteilserwerb durch einen Investor außerhalb der Europäischen Union prüfen kann. Davor lag diese Hürde bei 25 Prozent.

          Mitte Februar dieses Jahres zog die EU mit entsprechenden Neuregelungen nach. Das Parlament in Straßburg stimmte mit großer Mehrheit dafür, dass Investoren aus Drittstaaten künftig genauer unter die Lupe genommen werden. Damit sollen Firmenübernahmen aus Ländern wie etwa China strenger geprüft werden können. Zuletzt wuchs angesichts zahlreicher Übernahmen durch Firmen aus dem Reich der Mitte in vielen EU-Staaten die Sorge vor einem Ausverkauf von Schlüsseltechnologie.

          Auftragsbücher werden dünner

          Was Deutschland angeht, so bleibt das Land zwar ein wichtiges Ziel für Investoren aus dem Ausland, verliert aber an Boden. Einer Studie des Beratungsunternehmens EY zufolge haben ausländische Investoren ihr Engagement im vergangenen Jahr merklich reduziert. Zugleich ist die Unzufriedenheit mit den Rahmenbedingungen gewachsen. Die Studie zählt für 2018 genau 973 Projekte ausländischer Investoren in Deutschland – 13 Prozent weniger als im Jahr davor und der erste Rückgang überhaupt, seit die Zahlen 2005 zum ersten Mal erhoben wurden. Damit ist Deutschland innerhalb Europas vom zweiten auf den dritten Platz gerutscht und liegt nun hinter Großbritannien und Frankreich. „Dass die ausländischen Investitionen in Deutschland sinken, ist ein Warnsignal“, betonte Hubert Barth, der Vorsitzende der Geschäftsführung von EY in Deutschland. „Deutschland ist nicht mehr Wachstumsmotor der europäischen Wirtschaft.“

          Aktuelle Daten, gerade aus dem Mittelstand, stützen diesen Befund. Dem Mittelstandsbarometer von KfW und Ifo-Institut zufolge ist die Konjunkturskepsis mittelständischer Unternehmen in Deutschland nach wie vor hoch. Zwar hat sich die Lagebeurteilung im September etwas verbessert. Am Pessimismus bei den Geschäftserwartungen, der seit Ende 2018 vorherrscht, hat sich aber nichts Wesentliches geändert. Insbesondere die exportorientierte Industrie, auf Branchen heruntergebrochen, im Automotive- und Maschinenbau-Sektor, verharrt in der Rezession.

          Das konjunkturelle Umfeld schlägt sich in den M&A-Dealerwartungen nieder – was die regelmäßigen Befragungen des Fachmagazins FINANCE und der Wirtschaftskanzlei CMS unter M&A-Beratern und Investmentbanken zeigen. In der aktuellen Herbstbefragung haben die Experten ihre Dealflow-Prognosen erneut nach unten korrigiert. Damit leiden die M&A-Berater schon das dritte Halbjahr in Folge unter dünner werdenden Auftragsbüchern.

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