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Verlagsspezial

: Alles aus Kunststoff

Bild: ALPLA

Als CFO im Unternehmen seines Vaters stellt sich Philipp Lehner auch die Frage, was ein B2B-Unternehmen wie ALPLA, Hersteller von Kunststoffverpackungen, tun muss, um als Unternehmen für junge Leute attraktiv zu sein. Ein Besuch am Bodensee.

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          Airwaves, Alpecin, Coca-Cola oder Danone: Die Produkte dieser Marken begegnen uns fast täglich. Über den Hersteller der Kunststoffverpackungen, in deren die Produkte zu finden sind, wissen die meisten jedoch nur wenig – auch wenn ein kleines „a“, das fast aussieht wie eine gespiegelte „6“  unten am Boden oder innen im Verschluss der Verpackung auf ihn verweist. Hinter dem kleinen Symbol steckt das Familienunternehmen ALPLA Werke Alwin Lehner GmbH & Co KG – ein Milliardenunternehmen, das mittlerweile in dritter Generation geführt wird.

          Um mehr über das Unternehmen zu erfahren, führt die Suche in ein schlicht eingerichtetes Büro bei Bregenz am Bodensee. Dass Philipp Lehner, Finanzvorstand des Konzerns, sich in diesem Büro gerade einrichtet, ist keine Selbstverständlichkeit. „Ich wollte eigentlich immer in einem Unternehmen arbeiten, das dreimal größer ist als das meines Vaters“, sagt der 34-Jährige mit einem Grinsen im Gesicht. „Die Firma kannte ich – wie so viele Unternehmerkinder – aus meiner Jugend gut. Jedoch war ein starker Wettbewerb, wie ihn viele Söhne wahrscheinlich nachvollziehen können, mit meinem Vater vorhanden“, erklärt er.

          Klassischer Ausbildungsweg für junge Nachfolger

          Die beruflichen Stationen von Philipp Lehner passen perfekt zu einem Nachfolger der heutigen Generation: Er studierte an der Nanjing University in China, der European Business School in London und in Boston an der Harvard Business School. Danach orientierte er sich erst einmal in Richtung Beratungs- und Finanzbranche. Er arbeitete bei McKinsey in Hamburg, der H.I.G. European Capital Partners LLP in London und bei Rothschild. Vater Günther machte keinem seiner drei Kinder Druck, nachzufolgen. Er ließ ihnen alle Freiheiten – und sie entschieden sich unisono gegen ALPLA.

          Dass seinem Nachwuchs das Familienunternehmen zunächst nicht zusagte, nahm der Geschäftsführer gelassen, erinnert sich sein Sohn Philipp. „Als hätte er immer gewusst, dass zumindest ich irgendwann doch wieder hier landen werde“, fügt er hinzu. „Hier“ bedeutet in Hard, wo ALPLA seinen Hauptsitz hat. Die österreichische Marktgemeinde, die zu Bregenz gehört, hat knapp 13.000 Einwohner. Mit rund 1000 Arbeitsplätzen ist das Familienunternehmen einer der größten Arbeitgeber der Region. Weltweit beschäftigt es circa 20.800 Mitarbeiter und ist einer der größten Player in der Herstellung von Kunststoffverpackungen.

          Bis Lehner junior ALPLA unternehmerisch zu schätzen lernte, dauerte es seine Zeit. Spätestens während seiner Intermezzi bei den unterschiedlichen Unternehmen entwickelte sich Philipps Wunsch, mitzugestalten und doch bei ALPLA anzuheuern, immer mehr. Zudem wuchs auch seine Identifikation mit der Marke, dem Namen und der Geschichte.

          Einstieg Schritt für Schritt

          Den Einstieg wagte er dann mit Ernsthaftigkeit und großen Zielen. „Ich habe eine Ausbildung erhalten, mit der ich die Chance habe, überall arbeiten zu können. Wenn ich mich schon fürs Familienunternehmen entscheide, möchte ich auf lange Sicht eine tragende Rolle spielen“, so der Unternehmer.

          Sein Vater begrüßte die Entscheidung – hatte er sie doch insgeheim erwartet - und erarbeitete gemeinsam mit seinem Sohn einen Multijahresplan, der den Junior darauf vorbereiten soll, langfristig als Geschäftsführer den Konzern zu lenken. Welche Ressorts muss die dritte Generation leiten, um die zweite in geraumer Zukunft abzulösen? Welche Stellen sollte der Junior vorher durchlaufen? In welchem Zeitrahmen wird das vonstattengehen? Die Debatten seien nicht immer mit der gewohnten Nüchternheit abgelaufen, gibt Philipp Lehner zu. „Wir haben uns auch nicht am Küchentisch oder im privaten Umfeld getroffen. Das führt zu nichts, haben wir gemerkt.“ Somit trafen sich die beiden an freien Tagen im Büro und diskutierten. Manchmal wurde es laut, aber der Prozess ging gut.

          Vorstand mit 34 Jahren

          Seit Januar 2019 ist Philipp Lehner nun CFO bei ALPLA. Vorher durchlief er knapp fünf Jahre lang verschiedene Stellen im Unternehmen. Zuletzt leitete er als General Manager die Tochtergesellschaft Alpla Inc. in Atlanta. In der Führungsetage löste er den Cousin seines Vaters Georg Früh ab, der nach über 30 Jahren im Unternehmen ins Family Office wechselte. Mit COO Nicolas Lehner, ebenfalls ein Cousin von Günther, gehört ein weiteres Familienmitglied dem Vorstand an.

          Zu viel Familie für ein Unternehmen mit über 20.000 Mitarbeitern? „Bei uns fehlte ein Gleichgewicht im Vorstand“, gibt Philipp Lehner zu. Daher wurde Mitte 2018 der Vorstand um zwei Mitglieder erweitert: Familienfremde, die aber seit Jahrzehnten im Unternehmen sind. Der Unterbau sei sehr schnell und stark gewachsen. Da wäre der Vorstand irgendwann nicht mehr mitgekommen und es hätte an Repräsentation gefehlt, erklärt CFO-Lehner den Schritt. Mit Blick auf den Generationwechsel sei die Besetzung ebenfalls sinnvoll. Wann der erfolgen soll, da bleibt die dritte Generation eine klare Antwort schuldig: „Es gibt einen Plan. Wir werden das ruhig über die Bühne bringen.“

          Kompetenzen weiter stärken

          Und so stellt sich letztlich nur noch eine große Zukunftsfrage: Was bedeutet die Nachhaltigkeitsdebatte für ALPLA? Sie mache sich zumindest im Moment umsatzseitig nicht bemerkbar, sagen die Österreicher. „An Plastik kommt man nicht vorbei. Kunststoff ist bei Hygiene- und Energiebilanz schwer zu toppen. Was wir aber in unserer Gesellschaft haben, ist ein Sammel- und Logistikproblem“, sagt Philipp Lehner offen. Deswegen engagiert sich das Unternehmen zunehmend beim Recycling.

          Wo sich die Nachhaltigkeitsdebatte tatsächlich operativ niederschlägt, ist beim Image der Branche. „Bei der Mitarbeitergewinnung müssen wir eine Lanze für Kunststoff brechen.“ ALPLA wolle mehr kommunizieren, was das Unternehmen zu einer sauberen Umwelt beitrage. Deswegen gibt es auch eine PR-Abteilung, die man vorher als B2B-Unternehmen schlicht nicht nötig hatte. Des Weiteren investiert ALPLA in Studien, Wissenschaft sowie Innovationen. Mit einem schwedischen Unternehmen ging man unlängst ein Joint Venture für die Produktion von Flaschen aus Papier ein. Zukunftsmusik für Philipp Lehner, aber man dürfe Entwicklungen nicht verschlafen. Groß werde sich der Markt in den kommenden Jahren nicht verändern, glaubt der designierte Nachfolger.

          Welche Ziele bleiben da für den kommenden CEO? Die klassischen Dinge wie Netzwerke managen und sauberes Controlling müsse das Unternehmen weiter vorantreiben. Zudem werde Wachstum aus Fusionen und Übernahmen eine größere Rolle spielen, so Philipp Lehner. Dabei sind ihm die schnöden Zahlen nicht mehr so wichtig: „Mir sind Umsatzgrößen und ähnliche Werte egal. Wir sollen Dinge ausprobieren, unsere Kompetenzen ausschöpfen und uns auf neue Wege einlassen.“ Das klingt doch wahrlich reif für einen 34-Jährigen mit dieser großen Verantwortung.

          Der Artikel ist ursprünglich in der Sommerausgabe des Wir-Magazins erschienen: https://wirmagazin.marktundmittelstand.de/

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