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Verlagsspezial

: Vollgas mit angezogener Handbremse

Wer sein Haus mit Smart-Home-Technologie ausstattet, sollte sich auch Gedanken über die Sicherheit machen. Bild: sgonin/istock/thinkstock

Die Smart-Home-Revolution steht in den Startlöchern. Den Ofen vorheizen, die Richtung der Überwachungskamera steuern – ganz einfach von unterwegs? Bei deutschen Verbrauchern stößt die Smart-Home-Technologie auf großes, aber vorsichtiges Interesse.

          Es ist morgens halb acht, die Lampen gehen langsam an, der Wecker animiert mich mit meiner Lieblingsmusik zum Aufstehen, während die Rollläden automatisch aufgehen. Auch die Fußbodenheizung läuft bereits. Und nach der morgendlichen Dusche steht der frisch aufgeschäumte Latte macchiato bereit. So oder so ähnlich gestaltet sich ein typischer Morgen in einem modernen Zuhause.

          Gleich ob Küche, Bad, Schlaf- oder Wohnzimmer: Jeder Bereich der eigenen vier Wände kann mittlerweile mit den passenden Geräten digital aufgemöbelt werden. Denn es gibt nahezu jeden Haushaltsgegenstand auch in einer intelligenten, vernetzbaren Version. Die Anwendungsmöglichkeiten kennen scheinbar keine Grenzen.

          Der Trend, seine eigenen vier Wände intelligent zu vernetzen und Geräte mobil per Smartphone steuern zu können, hat viele Bezeichnungen: Internet of Things (IoT), Smart Home oder Modern Living. Der Markt von Anbietern smarter Home-Lösungen wächst mit Playern wie Apple mit der Home-Kit-Komplettlösung, der Deutschen Telekom mit ihrer Marke Qivicon, Google mit Google Home, Home Connect von Bosch/Siemens oder Innogy, der RWE-Tochter. 

          Integrierte Sicherheitskomponenten

          In den Vereinigten Staaten und Großbritannien, wo das Internet der Dinge bereits angekommen ist, boomt der Markt. Die Deutschen gehen das Thema kritischer an – sie bemängeln oftmals noch fehlenden Datenschutz, möchten ihre Nutzerdaten nicht preisgeben. Dabei haben die heutigen IoT-Systeme längst integrierte Sicherheitskomponenten. Auch ist es weitestgehend unwahrscheinlich, dass eine Durchschnittsfamilie von einem Hacker erpresst wird, indem er die Heizung ausstellt, so wie dies kürzlich auf einer Hacker Konferenz in Las Vegas demonstriert wurde. Das Misstrauen in puncto Datenschutz ist ein Punkt, weshalb die Verbreitung des Internets der Dinge in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt.

          Immerhin wird auch hierzulande das smarte Eigenheim immer beliebter: 72 Prozent der Befragten einer aktuellen GfK-Studie gaben an, „vom Nutzen eines Smart Home überzeugt“ zu sein. Insbesondere Lösungen aus dem Bereich Sicherheit sind aktuell gefragt. Die Fernsteuerung des Hauses kann die Lebensqualität erheblich verbessern: durch die Erhöhung der Sicherheit und auch die Vereinfachung des Alltags. Kameras, Sensoren, künstliche Intelligenz und Subsound-Technologie verändern die Zukunft der Anti-Diebstahl-Alarme, Gegensprechanlagen und Türschlösser. Ein Anbieter einer Home-Security-Lösung ist beispielsweise das Start-up Cocoon, das mit seiner Subsoundtechnik-Lösung nur dann Alarm auslöst, wenn Unregelmäßigkeiten zum gelernten Alltag auftauchen.

          Ein weiterer Punkt, der viele Deutsche von der intelligenten Haushaltsvernetzung abhält, ist der Kostenfaktor. Dieser wird sich allerdings in Zukunft dadurch verbessern, dass die nötige Intelligenz bei vielen Smart-Home-Geräten immer häufiger in externe Clouds ausgelagert wird. Und das ist deutlich billiger als eine komplexe und mit viel Aufwand entwickelte Elektronik in jedem Gerät.

          Dadurch senken sich die Entwicklungs- und Investitionskosten für Smart-Home-Anbieter zunehmend: Cloud-Anbieter wie beispielsweise Amazon Web Services oder Microsoft bieten IoT-Software-Bausteine, die die Entwickler von Smart-Home-Lösungen sehr schnell und unkompliziert nutzen können. Ein klarer Vorteil für Entwickler, die nun nicht mehr bei null anfangen müssen. Außerdem lassen sich so Entwicklungskosten rapide senken. Dieses Vorgehen kommt auch den Endkunden zugute, da dadurch die Innovationen im Smart-Home-Sektor schneller und preiswerter beim Endverbraucher ankommen.

          Fehlende Standardisierung

          Eine andere Strategie, um Investitionsvolumina zu senken und die Menschen vom smarten Zuhause zu überzeugen, sind Marken-Kooperationen. Viele Smart-Home-Anbieter aus unterschiedlichen Bereichen schließend sich zu Allianzen zusammen, um Kunden gemeinsam smarte Komplett­lösungen und Services für das Eigenheim zu liefern. Auf dem Online-Portal von Qivicon machen zum Beispiel Gerätehersteller wie Osram, Miele, Philips oder Sonos gemeinsame Sache. Dies ist eine interessante Möglichkeit für kleinere IoT-Anbieter, gemeinsam mit den Big Playern – oder mit großen Marken – zum Zug zu kommen.

          Diese Allianzen sind der Versuch von Unternehmen, das Problem der fehlenden Standardisierung zu umgehen. Bisher gibt es nur Kommunikationsempfehlungen, jedoch keine weltweit geltenden Standards. Die größten Anbieter des IoT-Business haben es bis jetzt versäumt, gemeinsame Standards festzulegen. Dabei machte es die Mobilfunkbranche vor, wie es geht: Hier gelten Standards wie GSM, UMTS oder LTE etc. überall auf der Welt.

          Wenn sich die führenden Anbieter in naher Zukunft weiterhin nicht auf Standardrichtlinien einigen können, müssen sich die Konsumenten über kurz oder lang auf einen Provider festlegen. Zu groß ist die Gefahr, dass die Systeme unterschiedlicher Hersteller nicht kompatibel sind. Als Folge hätte dies, dass sich der Markt künftig auf ein bis zwei Smart-Home-Anbieter konzentrieren würde. Unternehmen wie Telekom, Apple oder Google würde das in die Karten spielen: Sie erreichen Kundenbindung.

          Ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor, der ausschlaggebend für die Zukunft des smarten Eigenheims sein wird, ist die Komplexität. Die Big Player des IoT-Business müssen sich noch intensiver mit dem Thema Nutzerfreundlichkeit auseinandersetzen. Denn nur solche Lösungen, die auch Kunden ohne handwerkliches und technisches Verständnis allein installieren können, werden sich künftig durchsetzen.

          Vincent Ohana ist Partner von Concept Reply in München.

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