https://www.faz.net/-iqu-9k00m
Verlagsspezial

: Genetische Diagnostik liefert essentielles Wissen

Die Kosten für genetische Analysen sinken. Damit kann das wertvolle Wissen für mehr Menschen, zielgerichtetere Therapien und bessere Prognosen nutzbar gemacht machen. Bild: Siarhei/Fotolia

Das Verständnis für genetisch bedingte Erkrankungen hat stark zugenommen, daher gewinnt die genetische Diagnostik immer mehr an Bedeutung. Bei vielen Krankheiten hängt die Therapie entscheidend davon ab. Neue Analysemöglichkeiten wirken sich positiv auf Kosten, Effizienz und Aussagekraft der Tests aus.

          Das Wissen um den zugrunde-liegenden genetischen Defekt trägt zur verbesserten Einschätzung des Krankheitsverlaufs und möglicher Komplikationen bei. Für viele Erkrankungen hängt die Therapie schon von der Genetik ab, für andere laufen basierend auf neuen Erkenntnissen entsprechende Studien. Dank des technischen Fortschritts und neuer Möglichkeiten des Next-Generation Sequencing (NGS) konnten die Analysekosten in den letzten Jahren deutlich gesenkt werden, immer noch werden diese aber fälschlicherweise gemeinsam mit fehlenden therapeutischen Konsequenzen als Argumente gegen eine genetische Testung ins Feld geführt. Oft liegen die von den Krankenkassen standardmäßig erstatteten Kosten dabei nicht höher als zum Beispiel im Bereich bildgebender diagnostischer Verfahren. Zudem beschreibt der genetische Befund einen stabilen Zustand, weshalb eine einmalige Analyse ausreicht und keine Verlaufs- und Kontrolluntersuchungen notwendig macht. Für den Hausarzt sind weder die genetische Beratung noch die Diagnostik budgetiert und stellen Regelleistungen der Krankenkassen dar. Sie belasten somit auch das Labor-Budget nicht.


          Häufige Erbkrankheit: Zystennieren

          Zystische Nierenerkrankungen stellen eine klinisch und genetisch bunte Erkrankungsgruppe dar. Weltweit sind zehn bis 15 Millionen Menschen betroffen, womit Zystennieren zu den häufigsten Erbkrankheiten zählen. Zystische Nierenveränderungen können außerdem bei verschiedenen Tumor-Erkrankungen oder anderen syndromalen Entitäten auftreten. Gemeinsam ist allen, dass sie Erkrankungen der Zilien sind, antennenartigen Ausstülpungen auf den meisten Zellen, die einen Informationsaustausch in und zwischen den Zellen erlauben und den Zellzyklus kontrollieren. Die autosomal-dominante polyzystische Nierenerkrankung (ADPKD) ist die häufigste Form. Klinische Symptome sind Bluthochdruck, die Nierenfunktion verschlechtert sich, und beide Nieren vergrößern sich durch die massive Zystenbildung. Das betroffene Gen und die Art der Mutation geben Auskunft über die Nierenüberlebenszeit. Die ADPKD führt nicht nur bei der Hälfte der Patienten bis zum 60. Lebensjahr zum Nierenversagen, sondern kann als Multisystemerkrankung auch Organe wie Leber, Herz, Gehirn und Verdauungstrakt betreffen. Das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) stellt die häufigste Ursache akuten Nierenversagens bei Kindern und jungen Erwachsenen dar; weitere Organsysteme sind auch hierbei häufig in Mitleidenschaft gezogen.


          Auslöser sind oft bakterielle Erkrankungen

          In den meisten Fällen tritt die Erkrankung nach Durchfall durch bestimmte Bakterien auf. Mittlerweile weiß man, dass auch genetische Formen eine wichtige Rolle spielen und dann als atypisches HUS, kurz aHUS, bezeichnet werden. Die Ursache ist eine durch Mutationen entstandene, unkon­trollierte Überaktivierung des alternativen Komplementsystems, das ein wesentlicher Bestandteil der körpereigenen Immunabwehr ist und für die direkte Zerstörung von Zellen und Erregern sowie die Aktivierung von Abwehrzellen zuständig ist. Weitere Krankheiten können aHUS sehr ähneln. Die Unterscheidung der Formen rein aufgrund klinischer und labormedizinischer Zeichen ist schwierig, eine rasche Klärung aber für Prognose und Therapie von großer Bedeutung und eine genetische Testung indiziert.

          Genetische Diagnose wichtig für Prognose und Therapie

          Zusammengefasst kann man sagen, dass das Wissen um den zugrundeliegenden genetischen Defekt zunehmend wichtig ist: So kann ein Patient nur über den zu erwartenden klinischen Verlauf seiner Krankheit, über das Erkrankungsspektrum und Wiederholungsrisiko aufgeklärt werden, wenn die genetische Ursache bekannt ist. Gerade auch bei jungen Patienten führt die genetische Diagnostik häufig zu einer klareren Einschätzung der Erkrankung. Die verhältnismäßig neue Methodik des Next-Generation Sequencing (NGS), das die klassische „Gen für Gen“-Analyse abgelöst hat, bietet deutliche Vorteile in Bezug auf Kosten, Effizienz und Aussagekraft. So können invasive Eingriffe durch den frühen Einsatz genetischer Diagnostik oftmals vermieden werden. Auch im Rahmen von Transplantationen hat das Wissen um die zugrundeliegende Mutation direkte Konsequenzen für Prognose, Therapie und ein etwaiges Rekurrenzrisiko. Eine Organspende durch einen gesunden Mutationsträger gilt es zu verhindern. Wird dennoch in Unkenntnis des genetischen Befundes transplantiert, hat dies sowohl für den Spender als auch für den Empfänger möglicherweise dramatische Konsequenzen.

          Professor Dr. med. Carsten Bergmann lebt in Mainz und ist als Facharzt für Humangenetik in Beratung und Diagnostik tätig. Wissenschaftlich ist er darüber hinaus am Universitätsklinikum Freiburg angebunden.

          Die Bedeutung des Neugeborenen-Screenings

          Die meisten, aber nicht alle Kinder kommen gesund zur Welt. Dabei sind besonders seltene angeborene Erkrankungen bei Neugeborenen noch nicht durch äußere Zeichen erkennbar. Unbehandelt können diese Erkrankungen zu Organschäden, körperlicher oder geistiger Behinderung führen. Eine ­frühe Behandlung möglichst bald nach der Geburt kann die Folgen vermeiden. Deshalb wird für alle Neugeborenen eine freiwillige Früherkennungsuntersuchung angeboten, das sogenannte erweiterte Neugeborenen-Screening. Das Ziel ist die vollständige und frühzeitige Erkennung als auch die qualitätsgesicherte Therapie aller Neugeborenen mit behandelbaren endokrinen und metabolischen Krankheiten.

          Im Laufe des zweiten bis dritten Lebenstages werden wenige Bluts­tropfen aus der Vene oder Ferse entnommen, zu einem Screening-Labor gesendet und dort mit speziellen Verfahren untersucht. Screening auf angeborene Stoffwechsel- und Hormonstörungen umfasst folgende dreizehn Krankheiten:
          Hypothyreose, Adrenogenitales Syndrom (AGS), Biotinidase-Mangel, Galaktosämie, Phenylketonurie (PKU) und Hyperphenylalaninämie (HPA), Ahornsirup-Krankheit (MSUD), Medium-Chain-Acyl-CoA-­Dehydrogenase (MCAD)-Mangel, Long-Chain-3-Hydroxy-Acyl-CoA-Dehydrogenase (LCHAD)-Mangel, Very-Long-Chain-­Acyl-CoA-­Dehydrogenase (VLCAD)-Mangel, Carnitinzyklusdefekte, Glutaracidurie Typ I (GA I), Isovalerian­acidämie. Seit vergangenem Jahr wird auch auf Tyrosinämie Typ I sowie auf Mukoviszidose (Cystische Fibrose) hin untersucht.
          Aufgrund der immer weiter fortschreitenden Erkenntnisse über genetische Ursachen von Erkrankungen und die Entwicklung zielgerichteter neuer Therapien gibt es fortlaufend Bemühungen, weitere Krankheiten in das Neugeborenen-Screening aufzunehmen. Im November hat der Gemeinsame Bundesausschuss (GB-A) das SCID-Screening ergänzt, mit dem schwere kombinierte Immundefekte früher entdeckt und behandelt werden können. Dies bedarf nun noch der Prüfung und Genehmigung durch das Bundesgesundheitsministerium. Auch die Früherkennung von spinaler Muskelatrophie im Rahmen des Neugeborenen-Screenings wird aktuell vom GB-A geprüft.
          Zwei weitere Screenings – auf einen Mangel an dem Enzym Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase sowie das Screening auf Sichelzellerkrankungen – sind möglich, gehören derzeit aber nicht zu der Leistung der Gesetzlichen Krankenver­sicherung und werden nach der privaten Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) berechnet.

          Topmeldungen

          Menschen mit seltenen Erkrankungen benötigen neben wirksamen Therapien bessere Strukturen, um ihre Wege zu Diagnose und Therapie zu verkürzen.

          : „Es ist ein Irrtum, dass seltene Erkrankungen selten sind.“

          Die Begrifflichkeit „seltene Erkrankungen“ täuscht über das wirkliche Ausmaß der Gesamtheit dieser Krankheiten hinweg: Rund vier Millionen Menschen sind allein in Deutschland betroffen. Doch die medizinischen Fortschritte der jüngsten Vergangenheit sind gefährdet, wenn sich die Umsetzung des Nationalen Aktionsplans weiter verzögert.
          Angeborene Immundefekte werden aufgrund ihrer unspezifischen Symptome oft unterschätzt und spät erkannt.

          : Immundefekte: Auf die Abwehr kommt es an

          Max sitzt wieder beim Kinderarzt. Diesmal ist es nur eine Mittelohrentzündung, aber es ist schon die achte. Zwei Lungenentzündungen hatte er schon und zuletzt war er wegen schwerem Durchfall in der Klinik. Kaum ein Kind, das ohne diese Krankheiten aufwächst. Aber wo ist die Grenze? Ab wann ist es zu oft, zu intensiv, zu hartnäckig?

          : „Das Wichtigste im Leben mit Behinderung sind Ziele und Träume“

          Für Menschen, die mit der genetisch bedingten Erkrankung spinale Muskelatrophie geboren wurden, gibt es erst seit 2017 eine Therapie. Ein Gespräch mit dem SMA-Patienten ­Matthias Küffner, der trotz seiner Einschränkungen ein glückliches und zufriedenes Leben führt.
          In den Genen liegen die Schlüssel zu vielen Erkrankungen – Genomanalysen erlauben Rückschlüsse auf Volkskrankheiten.

          : Von seltenen Erkrankungen zu neuen Therapien gegen Alterskrankheiten

          Eindrückliche Begriffe wie „Mondscheinkinder“ oder „kindliche Greise“ umschreiben Krankheitsbilder, die durch komplexe angeborene Fehlfunktionen der DNA-Reparaturmechanismen verursacht werden. Nun gibt es neue Forschungsergebnisse, die große Hoffnungen wecken.