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Verlagsspezial

: Digitalisierung für eine bessere Gesundheitsversorgung

Die Gesundheitspolitik ergreift zahlreiche Maßnahmen, um den Weg für digitale Lösungen zu ebnen. Bild: iconimage

Digitale Technologien revolutionieren die Medizin: Diagnosen werden präziser, Therapien effektiver. Voraussetzung ist eine Vernetzung auf allen Ebenen. Mit der Einführung digitaler Anwendungen wie der elektronischen Patientenakte und Online-Sprechstunden hat die Politik den Weg für eine moderne Versorgung geebnet.

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          Das deutsche Gesundheits­system steht vor einem gewaltigen Umbruch. Digitale Technologien werden die Versorgung von Patienten grundlegend verändern: Videosprechstunden bringen den Arzt ins Wohnzimmer, digitale Gesundheitsanwendungen erleichtern chronisch Kranken den Alltag. Und die Auswertung großer Datenmengen gibt Forschern Instrumente an die Hand, von denen sie noch vor wenigen Jahren nicht mal zu träumen wagten. Die Aufgabe der Politik ist es, diese Verbesserungen schnell zum Patienten zu bringen. Die Menschen sollen in ihrem Alltag spüren, wo und wie ihnen diese neue Technologie konkret hilft. Denn Digitalisierung ist kein Selbstzweck.


          Die Nadel im Heuhaufen schneller finden

          Welches Potential die neue Technik bietet, zeigt das Beispiel seltener Erkrankungen. Für Ärzte ist es schwer, solche Erkrankungen zu erkennen – denn Medizin beruht auch auf Erfahrung. Ein Orthopäde, der seit 30 Jahren Rückenleiden behandelt, sieht oft schon am Gang eines Patienten, wo das Problem liegt. Und eine Diabetologin ahnt schon nach wenigen Minuten Gespräch, dass der Blutzuckerspiegel ihres Gegenübers außer Kontrolle ist. Aber auch der erfahrenste Mediziner hat Mühe, eine Krankheit zu erkennen, die er nur aus den Büchern kennt. Eine Krankheit, an der vielleicht nur eine Handvoll Menschen leiden. Die Suche nach der richtigen Diagnose gleicht dann der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Es ist eine Suche, die für die Patienten heute oft Jahre ohne Diagnose und ohne Therapie bedeutet.

          Wie viel einfacher wäre es, wenn der Arzt sämtliche Symptome und Auffälligkeiten mit einer Datenbank abgleichen könnte, die nach eben jener Nadel sucht. Die eine Kombination aus Parametern findet, die auf diese eine äußerst seltene Erkrankung hindeutet. Und wenn es ein System gäbe, das darüber informiert, wie sie sich am besten behandeln lässt. Es bräuchte dann immer noch den Arzt, der einschätzt, ob das Ergebnis plausibel ist. Es bräuchte das Gespräch mit dem Patienten über das, was jetzt auf ihn zukommt. Es bräuchte die Unterstützung der Therapie durch einen erfahrenen Mediziner. Aber es bräuchte nicht mehr Jahre, um herauszufinden, was dem Patienten fehlt.

          Künstliche Intelligenz als Unterstützung

          Diese Technologie gibt es bereits: Künstliche Intelligenz ist in der Lage, binnen Sekunden zigtausend Datensätze auszuwerten. So kann sie Ärzten helfen, die richtige Diagnose zu stellen. Sie kann sie dabei unterstützen, die beste Therapie auszuwählen und Therapien zielgerichteter am Patienten ausrichten. Das ist nicht nur bei der Diagnose seltener Erkrankungen hilfreich. KI-Systeme erkennen bereits heute schnell und treffsicher Tumoren auf CT-Bildern. Sie markieren anatomische Strukturen wie Rückenmark, Blutgefäße und Tumorgewebe. Sogar Helligkeitsverteilungen innerhalb des Tumors, die mit bloßem Auge kaum auffallen, lassen sich aufzeichnen. So können Ärzte Tumorzellen gezielter bestrahlen. Bald wird es sogar möglich sein, Aussagen über Gewebemerkmale zu treffen, ohne zuvor bei einer Operation Gewebe entnehmen zu müssen.

          Künstliche Intelligenz wird Ärzte nicht ersetzen. Sie nimmt ihnen nur die Tätigkeiten ab, die sie zeitsparender, kostengünstiger und besser erledigen kann. Denn die Künstliche Intelligenz wird nie müde und braucht keine Pausen – sie lernt einfach immer weiter. So verschafft die Technik Ärzten mehr Zeit für den einzelnen Patienten und trägt zu einer präziseren und persönlicheren Versorgung bei. Es ist die Kombination aus Arzt und Algorithmus, die die Medizin entscheidend nach vorn bringen wird.

          Damit solche innovativen Lösungen den Patienten in Deutschland bald zur Verfügung stehen, muss die Politik den richtigen Rahmen setzen. Dafür ist es wichtig zu wissen, welchen Nutzen KI-Anwendungen haben und welche Herausforderungen es für ihren sinnvollen Einsatz im Gesundheitswesen gibt. Genau für diese Zwecke hat die Bundesregierung im Rahmen der KI-Strategie bislang eine Milliarde Euro zur Verfügung gestellt, von denen das Bundesministerium für Gesundheit rund 50 Millionen Euro erhalten hat. Mit diesem Geld fördern wir Projekte, die untersuchen, wie Künstliche Intelligenz die Versorgung von Patienten verbessert. Die Projekte identifizieren rechtliche, technische, ökonomische, systemische und ethische Herausforderungen. So lassen sich anschließend Konzepte erarbeiten, um den breiten und sinnvollen Einsatz von KI-Anwendungen im deutschen Gesundheitswesen zu ermöglichen.

          Was schon jetzt klar ist: KI-Systeme benötigen Daten. Eine Künstliche Intelligenz, die eine seltene Erkrankung erkennen soll, muss vorher mit einer großen Menge qualitativ hochwertiger Daten gefüttert worden sein. Denn je mehr Datensätze sie kennt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie zum Beispiel einen Gendefekt erkennt, den nur einer von 10 000 Menschen in sich trägt. Es ist eine ethische Frage, diese Daten klug und sicher zu nutzen. Vielleicht ist es sogar eine ethische Verpflichtung.


          Zusammenarbeit auf internationaler Ebene

          Diese Frage können wir nicht allein in Deutschland beantworten. Gerade in Bereichen wie der Krebsforschung, der personalisierten Medizin und der Bekämpfung seltener Erkrankungen ist eine Vernetzung von Informationen innerhalb Europas sinnvoll. So können wir die Forschungsgrundlage erweitern und voneinander profitieren. Deswegen möchte Deutschland mit der deutschen Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020 die Weichen für einen gemeinsamen europäischen Gesundheitsdatenraum stellen. Auf diese Weise können Register und Datenbanken europaweit vernetzt werden. Ein solcher gemeinsamer Datenraum bietet eine zuverlässigere Grundlage für Forschungsvorhaben und hilft dabei, Versorgungswege zu optimieren sowie neue Therapien zu entwickeln. Mit unseren Partnern in den anderen Mitgliedstaaten wollen wir an einem gemeinsamen Verständnis („Code of Conduct“) zur Datennutzung im Gesundheitswesen arbeiten. Nur so bleiben Deutschland und Europa bei der Entwicklung von KI-Anwendungen wettbewerbsfähig.

          Wir haben aus dem Gesundheitsministerium heraus vieles angestoßen, um die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzutreiben: Alle an der Behandlung Beteiligten – vom Arzt über den Apotheker bis zum Physiotherapeuten – werden nach und nach sicher miteinander vernetzt. Das ist die Voraussetzung für die elektronische Patientenakte, die allen gesetzlich Versicherten ab 2021 zur Verfügung stehen soll. Die Zettelwirtschaft im Gesundheitswesen gehört dank elektronischem Rezept und elektronischem Arztbrief bald der Vergangenheit an, und ärztliches Wissen wird durch Online-Sprechstunden und digitale Fallberatung jederzeit dort verfügbar, wo es gebraucht wird. Mit der gesetzlichen Etablierung des Forschungsdatenzentrums gehen wir bei der Nutzung von vorhandenen Daten einen wichtigen Schritt nach vorn. Und auch das Instrumentarium für die Behandlung von Patienten ist seit diesem Jahr größer: Neben Medikamenten, Physiotherapie und Hilfsmitteln können Ärzte und Psychotherapeuten künftig sichere und nützliche digitale Gesundheitsanwendungen wie Apps und Online-Programme auf Kosten der Krankenkasse verordnen.

          Wir wollen die Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland und Europa selbst gestalten – und so die Grundlage für eine moderne Versorgung in unserem Land legen. Damit das deutsche Gesundheitswesen weiter zu den besten zählt. Digitalisierung ist keine Spielerei. Sie ist die Voraussetzung für eine zeitgemäße Versorgung, die sich am Wohle des Patienten orientiert.

          Dr. Gottfried Ludewig ist Abteilungsleiter Digitalisierung und Innovation im Bundesministerium für Gesundheit.

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