https://www.faz.net/-itm-9s2ks
Anzeigensonderveröffentlichung
Anzeigensonderveröffentlichung

New Work

Environment & Workspace

Standortnachteil: Provinz?

TEXT: BENJAMIN KLEEMANN-VON-GERSUM

Der Fachkräftemangel verschärft sich gerade in ländlichen Regionen. Unternehmen, Wirtschaftsförderer und Initiativen suchen nach Strategien, um ihm erfolgreich entgegenzutreten.

Könnten die Unternehmen ihren Fachkräftebedarf komplett decken, würde die Wirtschaftsleistung in Deutschland rund 30 Milliarden Euro höher ausfallen. Das zeigen aktuelle Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Denn Firmen haben bereits heute etwa 440.000 qualifizierte Mitarbeiter zu wenig – vor allem in ländlichen Regionen fehlt es an Nachwuchskräften, um die zunehmenden Renteneintritte zu kompensieren, so die IW-Experten. Das gelte besonders stark für die ostdeutschen Bundesländer. Die Folge: Betriebe werden künftig noch kreativer werden müssen, um begehrte Mitarbeiter zu halten und Nachwuchs zu gewinnen.

So auch im Erzgebirgskreis, wo im Mai 2019 lediglich 4,3 Prozent der Menschen ohne Anstellung waren – die niedrigste Quote in ganz Sachsen. Allein auf dem Online-Fachkräfteportal der Wirtschaftsförderung Erzgebirge sind derzeit rund 1.100 Stellen aus über 350 Unternehmen ausgeschrieben. „Aufgrund der vielen kleinen, familiengeführten Betriebe ist das Lohnniveau bei uns niedriger als in anderen Regionen Deutschlands“, räumt Matthias Lißke ein, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung.

„Aber auch die Mieten kosten teils nur die Hälfte im Vergleich zur Großstadt, und ein Eigenheim können sich Familien hier wegen des günstigen Baulandes noch leisten.“

Was der Region außerdem zugutekommt, ist die Nähe zu Tschechien. Rund 5.000 Pendler aus dem Nachbarland machen sich täglich auf den Weg über die Grenze. So wundert es nicht, dass das Erzgebirge nicht nur auf Ausbildungsmessen und einer Heimkehrerbörse um junge Menschen wirbt, sondern auch Pendlertage veranstaltet. Und wer sich einmal entschlossen hat, die Region zu seinem Zuhause zu machen, findet beim Welcome Center Erzgebirge eine erste Anlaufstelle, um sich zu orientieren.

Kampf um die besten Köpfe

Doch nicht nur die Wirtschaftsförderung, auch die Unternehmen lassen sich im Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter einiges einfallen. Das Spektrum reicht von Zuschüssen für das Mittagessen oder den Nahverkehr bis zur Einrichtung eines firmeneigenen Kindergartens. Die eto GmbH in der Kleinstadt Oelsnitz, ein Dienstleister für Energieversorger, Deutsche Bahn und Industrie, macht sich beispielsweise dafür stark, dass seine rund 150 Mitarbeiter Beruf und Familie gut miteinander vereinbaren können.

„Mit der Übernahme eines Teils der Betreuungskosten erleichtern wir den Eltern die Entscheidung, ihre Kids tagsüber in eine liebevolle Betreuung zu geben“,

sagt Geschäftsführer Björn Hartlich. „Und ist die Kita an Brückentagen geschlossen, fällt morgens kurzfristig Unterricht aus oder bei Krankheit können sie bei uns ein Eltern-Kind-Arbeitszimmer nutzen.“

Andere Unternehmen in der Region zweifeln aber inzwischen daran, die nötigen Fachkräfte von außerhalb gewinnen zu können, und konzentrieren sich lieber auf die Nachwuchsausbildung. „Das ist langwierig und kostet Zeit und Geld. Aber nur so können wir unsere eigenen Fachkräfte heranziehen und an die Firma binden“, ist sich Anja Ziegler sicher. Sie ist Geschäftsführerin der Drechsler Haustechnik GmbH, die ihren Hauptsitz in der Bergstadt Ehrenfriedersdorf hat. Der Familienbetrieb mit seinen rund 70 Angestellten bildet inzwischen parallel sieben Anlagemechaniker aus. Sogar eine eigene Lehrlingswerkstatt hat das Unternehmen eingerichtet. „Bevor die Lehrlinge das erste Mal auf die Baustelle gehen, bringen wir ihnen hier den Umgang mit den wichtigsten Maschinen und Materialien bei“, so Ziegler.

Wandlungsprozess mitgestalten

Auch in anderen Regionen Sachsens wie der Oberlausitz ist die Zahl der gut bezahlten Jobs in den vergangenen Jahren gestiegen – wenn auch die Arbeitslosenquote hier noch über dem Bundesdurchschnitt liegt. Mit dem geplanten Kohleausstieg bis 2038 sehen sich die Menschen vor Ort nun erneut mit einem grundlegenden Strukturwandel konfrontiert. „Zugleich eröffnen sich dadurch aber auch ganz neue Möglichkeiten. Wir können die nächsten Jahre völlig neue Wege ausprobieren“, gibt sich Sven Mimus, Geschäftsführer der Entwicklungsgesellschaft Niederschlesische Oberlausitz, optimistisch. Damit der Wandel gelingen kann, sei es aber wichtig, in Forschung, Infrastruktur und Zukunftstechnologien gleichermaßen zu investieren. „Unsere eher ländlich geprägte Region bietet Freiraum, Entschleunigung und ein sehr persönliches Miteinander. Zugleich muss man heute als Programmierer nicht mehr in der Stadt sitzen, wenn die Breitbandverbindung steht und ich abends problemlos mit der S-Bahn in die Semperoper komme. Diese Voraussetzungen müssen wir schaffen“, sagt Mimus.

Mindestens so entscheidend ist es aber, die Menschen vor Ort miteinzubeziehen. „Viele Einwohner von Weißwasser haben bereits diverse Brüche erlebt und fühlen sich zum Teil an den Rand gedrängt“, sagt Sebastian Krüger. „Zwar verspricht die Politik jetzt große Geldsummen, aber an Dynamik und konkreten Maßnahmen vor Ort, die für die Menschen greifbar sind, fehlt es bisher. Da stellt sich schon die Frage, wie groß hier die Offenheit für einen erneuten Wandlungsprozess ist.“ Seine Heimatstadt in der Oberlausitz hat nicht nur unmittelbar nach der Wende zahlreiche Bewohner verloren, sondern ist zudem mit der Jahrtausendwende um rund die Hälfte geschrumpft. Der 39-jährige Sinologe und Industriedesigner ist 2013 nach Weißwasser zurückgekehrt und versucht seitdem, die Stadt attraktiver und lebenswerter zu gestalten. In den letzten Jahren baute er das Soziokulturelle Zentrum (SKZ) im Telux mit auf, das seine Heimat auf einem leerstehenden Industriegelände gefunden hat.

 

„Manchmal fühlen wir uns hier wie in Klein-Berlin“, sagt Krüger und beschreibt, wie Angestellte und Ehrenamtliche eine große Bandbreite interkultureller Angebote auf die Beine stellen und Menschen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen zusammenbringen. Neben Konzerten und Poetry-Slams bieten Theaterworkshops und Diskussionsabende Möglichkeiten, selbst kreativ zu werden und die eigene Meinung einzubringen.

„Wenn die Menschen den Wandel positiv mittragen sollen, muss man ihre Ängste und ihre Vorstellungen ernst nehmen“,

ist Krüger überzeugt. Um den Strukturwandel durch den Kohleausstieg zu gestalten, sollen die Regionen mit Milliardenbeträgen unterstützt werden. Außerdem sind der Aufbau eines Instituts des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt und eines Fraunhofer-Instituts für Geothermie und Energieinfrastrukturen in der sächsischen Lausitz geplant. Die Forschungszentren sollen neue, innovative Unternehmen anziehen und die Region damit für Fachkräfte attraktiver machen.

Bessere Vernetzung

Dabei helfen können die Erfahrungen von Initiativen wie intap aus Dresden. Das Ziel des Projekts: Internationale Talente, die an den Universitäten in Sachsen studieren und forschen, sollen dabei unterstützt werden, in der Region eine berufliche Heimat zu finden. „In einer Studie mit mehr als 300 Teilnehmern untersuchen wir aktuell, welche Ziele und Erwartungen internationale Absolventen haben. Die Mehrheit sagt: Ich will bleiben und in Deutschland arbeiten“, so intap-Gründerin Anke Wagner. Drei Viertel von ihnen möchten Karriere in einem Unternehmen machen, die Hälfte kann sich aber auch eine Zukunft in der Forschung gut vorstellen. Weshalb die jungen Talente und Unternehmen bisher dennoch nur selten zusammenkommen, liegt in erster Linie an drei Hindernissen, wie Wagner erklärt: „Praxiserfahrung und Deutschkurse kommen im Studium und während der Promotion häufig zu kurz. Und den Firmen fehlt es an Sichtbarkeit – gerade den kleineren Unternehmen im ländlichen Raum. Deshalb arbeiten wir daran, beide Gruppen besser zu vernetzen.“

New Work

New Work Kampagnenmotiv

Die Zukunft der Arbeit

Womit wollen wir wirklich die Zeit verbringen, die wir haben? Um schon heute Beispiele für die Arbeitswelt der Zukunft zu finden, muss der Blick übrigens nicht über den großen Teich ins Silicon Valley wandern – auch hierzulande erproben Startups wie etablierte Unternehmen die vielfältigsten Arbeitsformen. Dazu haben wir Beispiele aus dem Bundesland Sachsen zu den Themen Values & Culture, Technology & Tools und Environment & Workspaces für Sie zusammen gestellt. Lassen Sie sich gleich jetzt inspirieren oder bestellen Sie das Magazin zu Ihnen nach Hause.

Zur Artikelübersicht

Eine Content Marketing-Lösung der F.A.Z. Media Solutions Manufaktur.

Quelle: New Work

Veröffentlicht: 09.10.2019 14:15 Uhr