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Verlagsspezial
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Forum Zukunft

„Gesellschaft mit gebundenem Vermögen“

Mit einer neuen Rechtsform für Unternehmen will Armin Steuernagel das erleichtern, wofür Unternehmer wie Michael Hetzer schon lange kämpfen: das Konzept des Verantwortungseigentums. Es trennt die Steuerungsfunktion eines Unternehmens vom Zugriff auf dessen Vermögen. Die beiden erklären in neudenken – Forum Zukunft, wie das Konzept die deutsche Wirtschaft bereichern kann.

Als er zum ersten Mal von Armin Steuernagels Idee einer sinnhafteren Wirtschaft liest, ist der Unternehmer Michael Hetzer sofort in den Bann gezogen. Wir schreiben das Jahr 2017, Donald Trump ist neuer US-Präsident geworden, Großbritannien diskutiert über den Vollzug des Brexits.

Hetzer greift zum Telefon und lädt Steuernagel ins Allgäu ein, in seine Heimat nach Leutkirch: 25.000 Einwohner, Landkreis Ravensburg, der Bodensee ist nicht weit. „Wir haben schnell gemerkt, dass wir ähnliche Vorstellungen von Unternehmertum hatten“, erinnert sich Hetzer und lacht: „Wir saßen im Wirtshaus und redeten so lange, dass uns der Wirt zu später Stunde aus der Stube kehren musste.“

Nach dem Treffen ist für ihn klar: Er wird von nun an Armin Steuernagels Initiative unterstützen – als Privatperson genau wie mit seiner Firma elobau, einer Spezialistin für nachhaltige Lösungen aus den Bereichen Bedienelemente, Maschinensicherheit, Füllstandsmessung und Sensorik. Die hatte der Vater 1972 gegründet, Michael Hetzer übernimmt 2003. Heute beschäftigt sie 950 Menschen, hat 48 Niederlassungen und Partner und erzielt einen Jahresumsatz von 115 Millionen Euro.

Steuernagels Ansatz: Mithilfe einer neuen Rechtsform soll es möglich sein, ein Unternehmen auch ohne Vorhandensein einer genetischen Familie wie ein Familienunternehmen zu führen. Das Eigentum werde dafür „immer an Menschen weitergegeben, die mit dem Unternehmen verbunden sind,“ wie er sagt. Im Oktober 2020 übergibt die von Steuernagel mitgegründete „Stiftung Verantwortungseigentum“ der großen Koalition einen Gesetzentwurf, den fünf namhafte Rechtsprofessorinnen und -professoren ausgearbeitet haben. Er könnte im Bundestagswahlkampf 2021 einige ökonomische Debatten auslösen.

Armin Steuernagel
Armin Steuernagel

Das Unternehmen gehört sich selbst

Warum? Das Verantwortungseigentum rüttelt an als grundsätzlich geltenden Annahmen der Wirtschaft. „Das oberste Prinzip unseres Konzepts ist die Treuhänderschaft, also dass man als Unternehmerin die Kontrolle, aber nicht das Vermögen hält“, erklärt Steuernagel. „Die Eigentümerinnen und Eigentümer haben keinen Anspruch darauf, sich Gewinne auszuschütten oder Vermögensanteile an ihrem Unternehmen zu verkaufen, wie es zum Beispiel bei einer GmbH möglich ist.“ Stattdessen dienen erwirtschaftete Gewinne dem Unternehmen. Steuernagel: „Sie werden zu einem Großteil wieder neu investiert, zur Rückzahlung von Investoren verwendet, für bessere Löhne genutzt oder gespendet.“ Also vereinfacht gesagt: Ein Unternehmen in Verantwortungseigentum gehört sich sozusagen selbst. Was dennoch heißt, dass sich die Gesellschafter einen ihrer Tätigkeit angemessenen Lohn auszahlen können.

Der Effekt des Ganzen: Selbstbestimmung geht vor Spekulationen. Wie wichtig das sein kann, illustriert Steuernagel mit einem Schlüsselerlebnis aus seiner Jugend. „Mein Vater war damals Leiter einer gut laufenden Klinik, die mehrmals zu immer höheren Preisen verkauft wurde. Analysten, die das Klinikgelände nie betreten hatten, gaben vor, wie viele Minuten Ärzte für Erstgespräche aufwenden dürfen. Sie entschieden, der Hälfte der Ärzte trotz hoher Umsatzrendite zu kündigen.” Mit dem neuen Modell wäre so etwas nicht möglich. „Verantwortungseigentum schafft ein motivierendes Umfeld für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagt Hetzer. „Denn sie arbeiten nicht für das private Vermögen von Eigentümern oder Investoren, sondern für den Unternehmenszweck, den Purpose.“

Von Wurzeln und neuen Trieben

Hetzer hätte sich eine solche Option schon im Jahr 2010 gewünscht. Damals konfrontiert ihn sein achtjähriger Sohn während einer Autofahrt mit der Frage, ob er das Unternehmen übernehmen müsse, falls sein Bruder nicht wolle. Es gehöre ja der Familie. Dass ein Achtjähriger „diesen Rucksack schon spürt“, lässt Hetzer nicht mehr los. Er steht vor einer Frage, die sich laut IHK jedes zweite Unternehmen erfolglos stellt: Wie finde ich eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger? Was passiert mit dem Unternehmen, wenn ich einen schweren Unfall habe und nicht mehr arbeiten kann? Ein Verkauf kommt für Hetzer nicht in Frage. Zudem sieht er seine Rolle generell differenziert: „Dass ein Unternehmen zehn oder 20 Jahre am Markt besteht, dafür sind die 20, 500 oder mehrere tausend Menschen verantwortlich, die dort jeden Tag arbeiten. Die haben den Wert des Unternehmens geschaffen. Wieso sollte also einer Person das gesamte Vermögen gehören?“

Der Gedanke, ein Unternehmen und seine Idee sozusagen unverkäuflich zu machen, hat in Deutschland tiefe Wurzeln. Ernst Abbe erfand 1888 über ein Stiftungsmodell eine Rechtsform, die das Forschungserbe von Carl Zeiss für die Nachwelt sicherte. Die Familie Bosch, die Brüder Mahle oder jüngere Unternehmen wie der Bio-Supermarkt Alnatura und die Suchmaschine Ecosia stehen ebenfalls in Verantwortungseigentum.

Um das gleiche für seine Firma elobau zu erreichen, musste Hetzer zwei Stiftungen gründen. Eine, die zu 99 Prozent Eigentümerin ist, aber nur ein Prozent der Stimmrechte besitzt. Dazu kommt eine Familienstiftung mit einem Prozent Vermögensanteil und 99 Prozent der Stimmrechte. Der Vorstand dieser Stiftung ist identisch besetzt wie der Beirat der elobau-Holding. Hetzer ist bei alledem operativ nicht mehr an der Spitze des Unternehmens. Sein Fazit: „Wir sind glücklich mit unserem Konstrukt. Aber es hat sechs Jahre gedauert, war ein teurer Gang durch viele Finanzbehörden und sollte in einer modernen Wirtschaft eigentlich unkompliziert funktionieren. Vor allem für kleinere Betriebe mit weniger Ressourcen.“

Michael Hetzer
Michael Hetzer

Nicht die Gene entscheiden, sondern die Fähigkeiten

Das bestätigt Armin Steuernagel, der vor allem auch den Bedarf für Start-ups sieht, die sich keine Stiftung leisten können. „Gerade wenn man nicht einen Exit anstrebt, sondern langfristig und nachhaltig denkt, dann stellt sich schnell die Frage: Wie machen wir es mit dem Eigentum?“, schildert Steuernagel. „Gleichzeitig wollen immer mehr Start-ups früh signalisieren: Wir sind auf einen Purpose – also einen Zweck – fokussiert, nicht aufs schnelle Geld.“ Beide Anliegen könnte eine treuhänderischen Eigentumsform unter einen Hut bringen. In der Folge könnten die Gründer das Eigentum immer an Menschen weitergeben, die mit dem Unternehmen verbunden sind – also an „Brüder und Schwestern im Geiste“, wie Steuernagel es beschreibt. So sind genetische Verwandtschaften nicht entscheidend, sondern die Fähigkeiten und die Wahl der vorherigen Verantwortungseigentümer. Wer Geld in solche Purpose-Startups investieren will, kann das wie üblich tun. Potenzielle Renditen winken ebenfalls. Nur können Investoren keine Stimmrechte an der Gesellschaft käuflich erwerben.

Die Debatte am Leben halten

Bei einigen Verbänden der Familienunternehmer kam die Idee nicht gut an. Sie sehen eine Konkurrenz zu ihrem guten Ruf als verantwortungsbewusste Unternehmer. Außerdem kritisieren etwa die Verbände Land und Forstwirtschaft oder „Die Familienunternehmer e. V.“ eine Entkopplung von Eigentum und Haftung. Hetzer entgegnet: „Am Unternehmen hat sich ja nichts verändert, es ist ebenso haftungsfähig wie vorher.“ Und Steuernagel ergänzt, in einer GmbH sei der Gesellschafter ebenso nur beschränkt haftbar. „Die Verbände fürchten den Verlust des Narrativs vom Familienunternehmen als Aushängeschild der deutschen Wirtschaft“, vermutet Steuernagel und betont gleichzeitig: „Das sollen sie auch bleiben. Wir wollen keine Front aufmachen, sondern lediglich ein alternatives Rechtskleid schaffen.“

Dass in der Debatte Chancen auf Annäherung bestehen, zeigt sich zumindest beim Namen. Hier ist Steuernagels Initiative schon auf die Kritiker zugegangen. „Ich kann in Teilen verstehen, dass wir mit der Bezeichnung ‚Verantwortungseigentum‘ andere Rechtsformen sprachlich weniger verantwortungsvoll erscheinen lassen“, so Steuernagel. Daher lautet der aktuelle Entwurf: „Gesellschaft mit gebundenem Vermögen“. Fernab der Theorie stellt Michael Hetzer als Industrievertreter und ehemaliger Familienunternehmer fest, dass elobau seit dem Wechsel stabiler dasteht als je zuvor. Zugleich sieht er noch einen Weg vor sich. „Natürlich braucht so eine Rechtsform auch einen Wandel in den Köpfen. Es geht darum, Verantwortung auf allen Ebenen abzugeben. Aber mit vier Jahren Erfahrung kann ich sagen: Ich würde es immer wieder tun.“

Armin Steuernagel
ist begeistert vom Unternehmertum. Er gründete bereits zwei Unternehmen – eines im Alter von 16 Jahren, das zweite mit dem Namen „Mogli Naturkost“ mit 22 Jahren. Aktuell treibt Steuernagel als Vorstand der Stiftung Verantwortungseigentum und Mitgründer der Beteiligungsgesellschaft Purpose Evergreen Capital GmbH & Co. KGaA das Thema Verantwortungseigentum und die Idee einer neuen Rechtsform für treuhänderisches Unternehmertum in Deutschland voran.

Michael Hetzer
erbte 2003 das Unternehmen elobau vom Vater. Der Betrieb stellt Bedienelement und Systeme, Sicherheitstechnik, Füllstandmessung und Sensorik her. Hetzer überführte elobau in einem sechsjährigen Prozess ins Verantwortungseigentum. Jetzt will er helfen, dass auf diesem Weg künftig weniger Hürden stehen. Er ist überzeugt, dass die Wirtschaft langfristig davon profitiert.


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Quelle: Neudenken

Veröffentlicht: 29.12.2020 11:43 Uhr