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Mobilität & Räume

Blühe, deutsches Fahrradland!

Das Autoland Deutschland wandelt sich, das Zeitalter von Benzin und Diesel geht zu Ende. Für die Verkehrswende sollen aber nicht einfach E-Motoren die Verbrenner ersetzen. Im Verkehrsraum der Zukunft soll das Auto seinen Vorrang aufgeben und Platz machen, zum Beispiel für bequemen und sicheren Radverkehr.

Autofahrer ziehen haarscharf vorbei, übersehen beim Abbiegen den Fahrradverkehr oder öffnen am Straßenrand unvermittelt eine Autotür, ohne auf Radfahrer zu achten. Fehlende oder schlecht abgegrenzte Radwege sind nicht nur ärgerlich, sie machen das Fahrradfahren vielerorts zu einer gefährlichen Angelegenheit. Das soll sich ändern. Im April 2021 präsentierte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer den neuen „Nationalen Radverkehrsplan 3.0“: Bis 2030 soll Deutschland zum Fahrradland werden.

Um das Radfahren für mehr Menschen attraktiv zu machen, soll in Deutschland bis 2030 eine lückenlose und sichere Radinfrastruktur entstehen. Dafür gibt der Bund nicht nur Handlungsempfehlungen, er stellt den Ländern und Kommunen auch viel Geld zur Verfügung. Schon bis 2023 sollen rund 1,5 Milliarden Euro in die Radinfrastruktur fließen.

Seit Jahren gewinnt das Fahrrad in Deutschland stetig an Popularität. Seit der Corona-Zeit gibt es einen regelrechten Boom. Für zusätzlichen Schub sorgen E-Bikes und Pedelecs. Viele Menschen steigen für den Weg zur Arbeit und vor allem in der Freizeit aufs Rad. Einige Städte wie Hamburg oder Berlin reagieren darauf mit Pop-up-Radwegen, also temporären, zusätzlichen Spuren für Radfahrer. Der Ausbau das Radwegenetzes ist entscheidend dafür, dass mehr Menschen das Rad nutzen, und viele Städte und Kommunen bemühen sich um mehr sichere Radwege.

Dennis Knese

Fahrrad als gleichberechtigtes Verkehrsmittel

„Ich finde es beeindruckend, wie sich der Radverkehr in den letzten Jahren entwickelt hat, besonders in urbanen Räumen“, sagt Dennis Knese, der seit Anfang des Jahres Professor für nachhaltige Mobilität und Radverkehr an der Frankfurt University of Applied Sciences ist. „Von einem zufriedenstellenden Zustand sind wir aber noch weit entfernt.“ Der Lehrstuhl in Frankfurt ist einer von sieben neuen Stiftungsprofessuren in Deutschland, die sich mit dem Radverkehr beschäftigen.

Das Ziel der Wissenschaftler: Das Fahrrad soll gleichberechtigtes Verkehrsmittel in einem integrierten, nachhaltigen Verkehrssystem werden. Knese und seine Kollegen wollen mit ihrer Forschung Partner für Akteure in den Kommunen werden. Gleichzeitig bilden sie Fachleute aus, die dann integrierte Verkehrssysteme planen und umsetzen können. „Daneben geht es auch um Vernetzung“, erklärt Knese. „Man kann sagen, wir betreiben Lobbyarbeit für nachhaltige Mobilität. Dazu gehört auch der Radverkehr.“

Große Potenziale im Wirtschaftsverkehr

Deutschland, einig Fahrradland? Auf dem Weg dorthin ist noch einiges zu tun – in der Gesetzgebung, in der Verkehrspolitik und auch in der Planung. Aber der neue Radverkehrsplan sei ein gutes Zeichen, so Knese: „Er ist schon mal sehr viel mutiger als seine Vorgänger.“ Am wichtigsten sei zunächst ein durchgängiges Radwegenetz, mit breiten, sicheren Radwegen. Solide, gut zugängliche Abstellanlagen und eine gute Verknüpfung zwischen Radverkehr und ÖPNV seien weitere wichtige Bausteine. „Auch im Wirtschaftsverkehr der Innenstädte liegen große Potenziale“, zählt Knese weiter auf. „Hier können Lastenräder auf der letzten Meile Lieferwagen ersetzen.“

Aktuell gebe es beim Radverkehr noch große Unterschiede zwischen Stadt und Land, aber auch zwischen einzelnen Städten. „Münster, Bremen, Oldenburg und Karlsruhe gelten als Musterstädte“, berichtet Knese. „Der Anteil des Radverkehrs ist dort schon relativ hoch. Doch schaut man sich den Fahrradklimatest an, dann gibt es auch dort Verbesserungspotenziale.“ Für diesen Test lässt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club ADFC jährlich die Bevölkerung Noten für den Radverkehr vor Ort vergeben. Im aktuellen Test beschreibt der Verband das Fahrradklima insgesamt als unbefriedigend, aber immerhin tue sich was in vielen deutschen Städten.

Frankfurt:
Erster Platz bei Aufholern

Ein gutes Beispiel dafür ist die hessische Metropole Frankfurt am Main. In der Kategorie „Aufholer“ belegte die Stadt den ersten Platz im ADFC-Test. Insgesamt liegt Frankfurt in der Klasse der größten deutschen Städte mit mehr als 500.000 Einwohnern jetzt hinter Bremen und Hannover auf Platz 3. Der Frankfurter Verkehrsdezernent Klaus Oesterling ist stolz auf das Ergebnis, auf dem er sich aber nicht ausruhen will: „Bisher haben wir an Hauptverkehrsstraßen schon 20 Kilometer an eigenständigen Radwegen abmarkiert, das wollen wir natürlich fortsetzen.“ Abmarkieren nennt man es, wenn eine Verkehrsfläche mit einer Markierung abgegrenzt wird.

In Frankfurt sind diese Flächen knallig rot und wenn es nach Oesterling geht, werden noch viele Kilometer an roten Radwegen dazukommen: „Wir haben es etwas anders gemacht als andere Städte“, so Oesterling. „Wir haben ohne großen Masterplan unser Netz so entwickelt, dass immer ein kleines Stück dazu gekommen ist.“ Auch so kann man zu einem durchgehenden Netz kommen. Ein weiterer wichtiger Punkt sind Abstellmöglichkeiten für Fahrräder: Allein 2020 sind in Frankfurt 4.500 neue dazugekommen. Und zwar keine althergebrachten Reifenständer, an denen sich nur das Vorderrad anschließen lässt, sondern hüfthohe Metallständer für den Rahmen. Laut Oesterling fehlen aber noch Fahrradparkhäuser, zum Beispiel am Frankfurter Hauptbahnhof. Auch die fahrradfreundliche Umgestaltung der Nebenstraßen wolle man in Frankfurt bald angehen.

Klaus Oesterling
Klaus Oesterling

Verkehrsplanung braucht Zeit

Frankfurt erlebte in den letzten zwei Jahrzehnten ein starkes Wachstum der Bevölkerung. Die Einwohnerzahl stieg von 643.000 im Jahr 2000 auf mehr als 750.000 im Jahr 2020. „Das führt auch zu mehr Autoverkehr. Gleichzeitig hat der relative Anteil des Fahrradverkehrs zugenommen“, erklärt Oesterling. Wenn von einer vierspurigen Straße jetzt zwei Spuren für Radfahrer abmarkiert werden, dann stoße das auch auf Widerstände. Trotzdem soll der Ausbau der Radinfrastruktur stetig weitergehen. „Frankfurt wurde über Jahrzehnte zu einer autogerechten Stadt. Das kann man nicht von heute auf morgen zurückdrehen, dafür braucht man ein Jahrzehnt“, betont Oesterling. „Ich habe aber keine Zweifel, dass Frankfurt zur fahrradfreundlichen Stadt wird.“

Auch Dennis Knese weist darauf hin, dass Verkehrsplanung Zeit braucht: „Die Niederlande wurden auch nicht über Nacht zum Fahrradland, das war nur mit einer entsprechenden Verkehrspolitik und einer Förderung über Jahrzehnte hinweg möglich.“ Da in Deutschland lange das Auto priorisiert wurde, gehe eine Umstellung nicht, ohne dass Autofahrer Raum abgeben. „Fußgänger und Radfahrer wurden lange Zeit vergessen“, so Knese. „Wir müssen einfach die Vorteile aufzeigen, die es für die Wohn- und Lebensqualität hat, wenn wir bessere Bedingungen für den nichtmotorisierten Verkehr schaffen.“

Fahrradmarkt als Boombranche

Wirtschaftlich gesehen boomt die Fahrradindustrie in Deutschland. Laut einer Studie des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie und des Instituts Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule setzte die Branche 2018 rund 38 Milliarden Euro um. In Herstellung, Handel und Dienstleistungen rund ums Rad arbeiteten 2019 rund 66.000 Menschen, 20 Prozent mehr als noch 2014. Und laut dem Zweirad-Industrieverband ZIV verbuchten die deutschen Fahrradhersteller im Corona-Jahr 2020 Rekordzahlen: Der Absatz von Fahrrädern und E-Bikes stieg im Vergleich zum Vorjahr um 16,9 Prozent auf fünf Millionen Einheiten, der Umsatz wuchs um mehr als 60 Prozent auf 6,44 Milliarden Euro. 1,57 Millionen Fahrräder und E-Bikes gingen als Exporte ins Ausland, 15 Prozent mehr als 2019. Und der Markt soll weiterwachsen, auch europaweit: Eine Studie von drei großen europäischen Fahrradverbänden sieht den Absatz im Jahr 2030 bei 30 Millionen Fahrrädern, 47 Prozent mehr als 2019.

Bei allen Klimatest-Noten, Radwegkilometern und Marktzuwächsen darf man eine Zahl nicht aus den Augen verlieren, und die ist finster: 445 Radfahrer starben 2019 bei Verkehrsunfällen. Während die Gesamtzahl der Verkehrstoten kontinuierlich sinkt, steigt sie bei Radfahrern – seit 2010 um fast 17 Prozent. Der sichere Ausbau von Radwegen ist also dringend nötig, damit die weitere Zunahme des Radverkehrs nicht weiter zu einer Zunahme tödlicher Unfälle führt.


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Quelle: Neudenken

Veröffentlicht: 29.12.2020 11:43 Uhr