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Verlagsspezial

: Wer Geld fürs Alter spart, sollte die Zukunft nicht aufs Spiel setzen

Bild: shapecharge/iStock

Für eine lebenswerte Zukunft vorsorgen – und dabei Rüstungskonzerne oder Regenwaldrodungen finanzieren? Diesen Widerspruch sind in der Vergangenheit viele Verbraucher in Hinblick auf ihre Altersvorsorge eingegangen, ohne darüber nachzudenken.

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          Dabei haben Sparer bei der Geldanlage die Chance, in zweierlei Hinsicht etwas fürs Alter zu tun – für sich und die Umwelt. Was zu wenigen Menschen bewusst ist: Nachhaltige Investments stellen einen enormen Hebel dar, um Veränderungen im Sinne des Klimawandels und anderen gesellschaftlichen Herausforderungen zu bewirken. Weil aber die etablierten Institute keine Produkte oder verlässliche Standards entwickeln, um nachhaltiges Investieren einfach und attraktiv zu machen, bleibt das Thema marginal. Es braucht ein radikales Umdenken in der Branche: Finanzservices – besonders jene zur Altersvorsorge – müssen nicht nur digitaler, sondern vor allem nachhaltiger werden.

          Das fordern schließlich auch die Verbraucher: Laut einer repräsentativen Umfrage, die Vantik mit dem Marktforschungsunternehmen Civey durchgeführt hat, halten 48 Prozent der Deutschen das Thema Nachhaltigkeit bei der Altersvorsorge für wichtig oder sehr wichtig. Mit Blick auf die aktuelle Weltlage sollte dieser Wert für Finanzdienstleister Ansporn und Anspruch zugleich sein.

          Wer nachhaltig investieren will, kann darauf achten, in bestimmte Unternehmen und Werte nicht zu investieren – also etwa Rüstungs- oder Raffineriekonzerne als Teil eines Fonds auszuschließen. Ebenso ist es möglich, sein Geld bewusst in bestimmte Projekte und Branchen, wie zum Beispiel erneuerbare Energien, abzulegen. Mit Blick auf die Altersvorsorge spielen für Anleger insbesondere Klima- und Umweltschutz (je 48 Prozent) sowie die Wahrung von Menschenrechten (60 Prozent) eine bedeutende Rolle.

          Fehlende Angebote und Mangel an Transparenz kritisiert

           

          Die Anforderungen an nachhaltige Investments werden gemeinhin über die sogenannten ESG-Kriterien definiert. Dabei werden Anlagen nach Umweltthemen (E = Environment), sozialen Themen (S = Social) und Aufsichtsstrukturen (G = Governance) klassifiziert. Dieser Standard wird in der Finanzbranche vereinzelt schon zugrunde gelegt, gilt aber als nicht konsequent genug. Eine Basis zur Bewertung wird damit zwar geschaffen. Wenn die Klimaziele erreicht werden sollen, dann sollten die ESG-Kriterien aber gerade in der Altersvorsorge zum Hygienefaktor werden.

          So fehlen 41,1 Prozent der Befragten die passenden Finanzprodukte, um Geld nachhaltig anzulegen. Zudem kritisieren jeweils mehr als 40 Prozent mangelnde Transparenz und dass es seitens der Anleger quasi nicht möglich sei, die Einhaltung von Kriterien zu überprüfen. Selbst bei denjenigen Sparern, die sich aktiv zu nachhaltiger Altersvorsorge informieren, gibt es noch einen hohen Aufklärungsbedarf. Über ein Viertel (26,8 Prozent) der Befragten glaubt weiterhin, dass man für nachhaltige Anlageprodukte auf Rendite verzichten muss. Kein Wunder, sind doch die wenigen nachhaltigen Angebote klassischer Lebensversicherungen oder anderer Rentenprodukte meist sehr, sehr teuer. Dabei ist längst nachgewiesen, dass nachhaltige Anlagen bei den Themen Sicherheit und Rendite ihren nicht-nachhaltigen Pendants in nichts nachstehen und ihnen sogar überlegen sind.

          Europarente als Chance: Anbieter und Politik sind gefragt

          Was also ist nötig, damit nachhaltige Altersvorsorge nicht als Nischenthema abgestempelt wird? Neben einem breiteren Angebot könnte eine Ampelkennzeichnung für Finanz- und Versicherungsprodukte entsprechend dem Grad der Nachhaltigkeit für mehr Transparenz im Markt sorgen. Nachhaltigkeit darf zudem kein Marketinglabel zur Rechtfertigung horrender Kosten sein – weswegen der Preisdiskriminierung ein Ende gesetzt werden muss. Mit entsprechender Aufklärungsarbeit können dann auch die letzten Zweifel darüber, dass Nachhaltigkeit und Rendite im Widerspruch stehen, aus der Welt geräumt werden.

          Zu guter Letzt ist auch die Politik gefragt, bei der Altersvorsorge in Sachen Nachhaltigkeit mindestens nachzubessern. Mit der 2021 kommenden “Europarente” bietet sich sogar die Chance, durch entsprechende Geldanlagen Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen. Kein geringeres Ziel hat sich die EU mit dem “Green Deal” nämlich selbst auferlegt.

          Mit dem Pan-European Personal Pension Product (PEPP), so der bürokratische Name der Europarente, schafft Brüssel einen europäischen Binnenmarkt für private Altersvorsorge. Bis 2030 soll dieser ein Volumen von 2,1 Billionen Euro haben – das wäre ein gewaltiger Hebel im Kampf gegen den Klimawandel. Im Mitte August dieses Jahres vorgelegten Gesetzentwurf ist aber nur eine unverbindliche Kennzeichnung vorgesehen, ob bei der Geldanlage ESG-Kriterien berücksichtigt werden. Hier gilt es für Verbindlichkeit zu sorgen – und dem Druck der Lobbyisten standzuhalten, die das verhindern wollen.

          Auch die deutsche Politik, die seit Jahren auf der Suche nach einer Alternative zu Riester und Co. ist, sollte die Chance für ein wirklich zeitgemäßes Altersvorsorgeprodukt nutzen. Mit einer “grünen Europarente” entstünde für Anleger die Möglichkeit, für ihre finanzielle Zukunft privat vorzusorgen und gleichzeitig dazu beizutragen, dass diese Zukunft in einer lebenswerten Welt stattfindet.

          Til Klein ist Gründer des Fintech-Startups Vantik, das die Altersvorsorge aufs Smartphone bringt.

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