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David Meinertz, CEO des Telemedizin-Pioniers Zava Bild: Olivier Hess

: „Videosprechstunden, Hometests, Fotodiagnose oder Fern-Monitoring“

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Die Medizin der Zukunft ist digital vernetzt. Covid-19 hat Online-Behandlungen und digitalen Gesundheitslösungen zusätzlich noch einen kräftigen Schub gegeben. David Meinertz, CEO des Telemedizin-Pioniers Zava, erläutert, wie Telemedizin hilft, unnötige Belastungen zu vermeiden, und warum Arztbesuche in Zukunft mehr und mehr ins Internet verlagert werden.

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          Können Online-Behandlungen den Arzt ersetzen?

          Nein, das müssen sie auch nicht. Denn die digitale Sprechstunde ist die zeitgemäße Form des Arztbesuchs, mit gleicher Qualität wie der Besuch vor Ort, aber mit höherer Effizienz für den Arzt und deutlich bequemer für die Patienten. Alle Beratungen und Behandlungen bei Zava werden von hochqualifizierten Ärztinnen und Ärzten durchgeführt. Krankheiten und Beschwerden sollen und müssen auch in Zukunft von den hochqualifizierten Medizinern behandelt werden.

          Technik kann Mediziner und Patienten unterstützen. Indem sie Arbeit absichert oder von administrativen Prozessen entlastet. Patienten sparen zum Beispiel einen Anfahrtsweg durch die Videosprechstunde oder bekommen mit einer ärztlich verschriebenen App effektive Hilfe beim Erreichen ihrer Diätziele. Die Zukunft sehe ich in möglichst friktionslosen und hybriden Behandlungspfaden, die Online-Angebote und wohnortnahe Strukturen kombinieren.

          Wie viele Arztbesuche lassen sich in Deutschland pro Jahr mit Telemedizin vermeiden?

          Der Trend zeichnet sich deutlich ab: Im zweiten Quartal wurden laut Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung 1,2 Millionen Videosprechstunden durchgeführt. Im Vorjahr waren es in diesem Zeitraum noch 583 gewesen. Jede zweite Praxis ist bereits telemedizinisch aktiv in der Patientenversorgung. Treiber sind oftmals die Patienten, die direkt nach telemedizinischen Angeboten fragen. Die Praxen haben in der Pandemie hier schnell reagiert.

          Im Durchschnitt geht jeder Deutsche im Jahr zehnmal zum Arzt. Ich gehe davon aus, dass sich bis zu 4 bis 5 dieser Arztbesuche auch digital abbilden lassen.

          Wird Telemedizin mehr und mehr die Rolle eines digitalen Hausarztes übernehmen?

          Vor allem bei den Rollen des Hausarztes als Lotse durch das komplexe Gesundheitssystem und als Erstanlaufstelle bringt Telemedizin großes Potential. Hier können Hausärzte perspektivisch durch den Einsatz moderner Technik noch effektiver ihren Aufgaben nachkommen. Gegenüber stehen ihnen entsprechend informierte und selbstbewusste Patienten. Leistungen und deren Bewertung werden transparenter.

          Auch beim Überblick auf die komplette Krankengeschichte, eine wichtige Hausarztfunktion, erreicht Deutschland nach langer Reise mit der elektronischen Patientenakte einen neuen Meilenstein, der effektive Telemedizin-Modelle mit hohem Patientennutzen weiter stärken wird.

          Wo liegen die Vorteile, wo liegen die Grenzen?

          Nehmen wir Menschen, die an einer chronischen Krankheit, etwa Asthma oder Bluthochdruck, leiden und medikamentös gut eingestellt sind. Die können die Zeit im Wartezimmer sparen und ihr Folgerezept einfach online bestellen. Immobile Patienten müssen nicht mehr den beschwerlichen Weg zur Arztpraxis auf sich nehmen. Nicht nur die Anfahrt, auch die oft wochenlange Wartezeit bis zum Termin entfällt. Ärztliche Beratung und Behandlung kann an jedem Ort und über jedes Endgerät erfolgen. Behandlungen am Wochenende werden von der Ausnahme zur Normalität. In der Pandemie hat ein weiterer elementarer Vorteil an Bedeutung gewonnen: Mit einer Vielzahl an kontaktlosen Diagnose-Optionen verhindert Telemedizin Ansteckungen. Ob durch Videosprechstunden, Hometests, Fotodiagnose oder Fern-Monitoring.

          Bestimmte Krankheiten und medizinische Notfälle lassen sich nicht über Online-Sprechstunden behandeln. Dann verweisen die Ärzte an einen Kollegen vor Ort. Oder bitten direkt zum Termin, falls der Arzt in der Nähe wohnt.

          Wie stark ist die Anzahl von Videosprechstunden im vergangenen Jahr gewachsen?

          Zu Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 haben wir über alle unsere Angebote hinweg einen sprunghaften Anstieg von 60 Prozent verzeichnet. Das entspricht bei Zava mehreren tausend Behandlungen und Beratungen täglich. Insgesamt haben wir im vergangenen Jahr 40 Prozent mehr Behandlungen durchgeführt als noch 2019.

          Wer bezahlt die Videosprechstunde?

          Videosprechstunden werden nach der Gebührenordnung für Ärzte abgerechnet und werden perspektivisch zum festen Bestandteil der Regelversorgung gehören. Private Krankenversicherungen erstatten die Kosten bereits. Über die Videodienstplattform sprechstunde.online sind wir zum Beispiel auch KBV-zertifiziert, die Angebote der über 12 000 registrierten Ärzten und Therapeuten sind für alle Patientengruppen abrechenbar.

          Neue Gesundheits-Applikationen vernetzen Kliniken, Ärzte und Patienten. Werden künftig die Grenzen zwischen stationärem und ambulantem Sektor verschwimmen?

          Wir bewegen uns mit Zava eindeutig im ambulanten Sektor, mit weiterhin großem Vernetzungspotential zwischen Online-Angeboten und den wohnortnahen Strukturen. Angefangen beim möglichst reibungslosen Zusammenspiel zwischen Online-Arzt und Vor-Ort-Apotheke. Der Patient wählt selbst, an welche Apotheke sein Rezept elektronisch auf sicherem Weg übermittelt werden soll, und erhält direkt die Information auf sein Handy, wenn sein Medikament abholbereit liegt. Als Nächstes wollen wir Patienten im telemedizinischen Erstkontakt auch ein Angebot für nötige Vor-Ort-Behandlungen machen können.

          Was den stationären Sektor betrifft: Es ist die umfangreichste und auch kostenintensivste Behandlungsform in unserem Gesundheitssystem. Eine stärkere Vernetzung zwischen den Sektoren ist aus meiner Sicht absolut wünschenswert.

          Hybride Behandlungspfade sind die Zukunft, mit dem richtigen Mix aus Telemedizin und Vor-Ort-Behandlung gelangen wir zu den besten Behandlungsergebnissen. Gerade in der effektiven Nachsorge kann durch ein gutes Zusammenspiel noch viel im Sinne der Patienten erreicht werden.

          Verbraucher fürchten aber auch, dass sie überwacht werden und ihre Daten in falsche Hände gelangen könnten. Können Sie ihnen diese Sorge nehmen?

          Der Schutz personenbezogener Gesundheitsdaten ist von höchster Priorität. Er war es schon immer, und die Anforderungen sind zuletzt auch gestiegen. Videosprechstunden laufen über eine Ende-zu-Ende-verschlüsselte Verbindung. Nur die Endgeräte des niedergelassenen Arztes auf der einen und des Patienten auf der anderen Seite können Ton und Bild des jeweils anderen entschlüsseln. Jede  schriftliche Kommunikation findet in einem separat geschützten Arzt-Patienten-Raum statt. Digitalisiert können wir Datenschutz auf ein nie dagewesenes Vertraulichkeitslevel heben.

          Ein erhöhtes Risiko sehe ich überall dort, wo die Sehnsucht der Menschen nach einfachen Lösungen bislang vorhandene Strukturen bereits überholt. Etwa die unverschlüsselte E-Mail mit abfotografiertem Rezept oder die Schilderung von Symptomen in einem Online-Forum. eRezept, digitale Patientenakte und Co. schaffen die dringend benötigten sicheren Strukturen.

          Das Interview führte Dirk Mewis.

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