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Verlagsspezial

: Eine App für die OP-Vorbereitung

  • Aktualisiert am

Bild: Jan Otto/iStock

Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 437 000 Gelenkersatz-OPs wegen Hüft- oder Kniearthrose durchgeführt. Das Gesundheitssystem sorgt dafür, dass diese standardisiert ablaufen und jeder Patient auf hohem Behandlungsniveau versorgt wird. Trotzdem fallen die Behandlungsergebnisse oft unterschiedlich aus.

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          Die Versorgung der Zukunft muss qualitätsorientiert sein – und danach vergütet werden. Dabei misst sich der Behandlungserfolg, neben den medizinisch-objektiven Daten, auch an patientenindividuellen Faktoren und subjektiven Erfahrungen. Das setzt voraus, dass Patienten und Ärzte gemeinsam die Behandlung gestalten und einen ganzheitlichen Blick auf die Gesundheit einbringen.

          Egal, ob nach einem Unfall oder bei chronischen Gelenkserkrankungen: Jeder, der eine OP vor sich hat, hofft, dass danach alles wieder beim Alten ist und Bewegung keine Schmerzen mehr verursacht. Trotzdem reicht die Bandbreite der Wünsche in puncto Mobilität von „wieder mit den Enkeln spielen“ bis hin zu „den nächsten Halbmarathon laufen“. Ob eine Behandlung diese Wünsche erfüllen kann, hängt nicht nur vom medizinischen Können der Ärzte und Therapeuten ab, sondern auch von der individuellen Situation des Patienten. Neben Alter und Gewicht gehören dazu Vorerkrankungen, Fitness und Grundmobilität, Schmerzempfinden, Lebenseinstellung und -umstände Wenn wir das Wissen zu diesen patientenindividuellen Faktoren erschließen und frühzeitig in die Behandlungsplanung einbringen, lässt sich zum einen ein realistisches Erwartungsmanagement zu Behandlungsverlauf und -ergebnis betreiben. Zum anderen können Therapien besser auf den Einzelnen zugeschnitten werden. Der Patient ist besser informiert und kann aktiv daran mitarbeiten, die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Behandlung zu verbessern. Die Qualität der Behandlung insgesamt steigt.

          In der Praxis

          Patientenindividuelle und vor allem qualitätsorientierte Therapien mit Hilfe digitaler Lösungen weiter voranzubringen liegt auch im Interesse der Kliniken. Das hat nicht nur Vorteile für den Patienten, sondern hilft auch, die Arbeitsprozesse datenbasiert zu optimieren und so Ressourcen effizienter einzusetzen. Dafür nutzen bundesweit bereits 15 orthopädische Zentren, darunter das an der Entwicklung beteiligte Gemeinschaftskrankenhaus Bonn sowie das Universitätsklinikum Bonn, die medizinische Plattform und die daran angeschlossene Patient Journey App „alley“.

          Patienten, bei denen eine OP aufgrund einer Arthrose ansteht, hilft die App dabei, sich auf Arztgespräche und die anstehende Operation optimal vorzubereiten. Sie führt durch Anamnesebögen, strukturiert medizinische Befunde, erfasst Medikation und Lebensumstände, ermöglicht Schmerzdokumentation in Echtzeit und bietet individuelle Mobilitätsübungen. Zudem werden Wünsche und Erwartungen an die Ergebnisse der Behandlung erfasst. Nach dem „Better in – better out“-Prinzip erhalten Patienten auf ihre Diagnose hin zugeschnittene Informationen zu Erkrankung und Behandlung. Dazu zählen auch alltagsnahe Tipps zur Vermeidung von Komplikationen, beispielsweise durch Verringerung von Stolperfallen, und Inhalte zur Förderung des Gesundungsprozesses durch einen veränderten Lebensstil. Das sorgt für gut informierte und vorbereitete Patienten, die weniger gestresst und in besserer Grundverfassung zur OP erscheinen. Studien zeigen, dass diese Patienten nach der OP oftmals schneller wieder auf den Beinen sind als andere.

          Auch die Ärzte profitieren: Durch mehr Wissen zu Lebensumständen, Lebensweise und Behandlungszielen können sie Faktoren identifizieren, die das Behandlungsergebnis positiv oder negativ beeinflussen können, und die Behandlungsziele des Patienten bei der Therapiewahl berücksichtigen. Die Eingaben der Patienten werden nach ihrer Freigabe entweder direkt über eine digitale Anwendung an den behandelnden Arzt ausgespielt oder liegen als Dokument beiden Seiten vor. Ein ganzheitlicher und der Entwicklungsrichtung folgender Blick auf die Gesundheit fließt so frühzeitig in die Therapieplanung ein, und die Effizienz der Behandlung steigt.

          Raus aus dem Silo

          Bei einem 360-Grad-Blick geht es nicht nur um einzelne Stationen bei ambulanten Orthopäden oder um die Klinik, sondern um den gesamten Behandlungspfad des Einzelnen: ambulant und stationär, präventiv und rehabilitativ. Unser Gesundheitssystem ist stark fragmentiert. Gemeinsame medizinische Plattformen, die nicht nur abschnittsweise, sondern ein Patientenleben lang begleiten, können künftig einen Beitrag leisten, die Silos zu verbinden und Kommunikation und Austausch unter den Disziplinen zu verbessern. Ziel muss es daher sein, Brücken zwischen allen Versorgungsbereichen zu schlagen. Dem ambulanten Arzt steht bei besser informierten Patienten und systematischem Wissen zu sozialen Einflussfaktoren ebenso mehr Zeit für die Therapie zur Verfügung wie dem Klinikarzt, der keine separate Medikationserfassung benötigt und sich auf die Risikominimierung und Ergebnismaximierung im Sinne der Patientenerwartung konzentrieren kann. Der Reha-Therapeut weiß, wie viel er dem Patienten zumuten kann und ob es um die Besteigung des Kilimandscharos oder den Sonntagsspaziergang geht. „Digital” bedeutet dabei nicht dasselbe wie „ohne Menschen“ oder „ohne Arzt“. Digitale Medizin macht ein gutes System besser, indem sie bestehende Potentiale erschließt und verbindet.

          Und der Patient? – Wird zum Experten für die eigene Gesundheit. Er kann mit seinem Wissen Entscheidungen aktiv mittragen, seine Erwartungen von Beginn an einbringen und mitentscheiden, welche Therapie ihn weitergebracht, seine Lebensqualität nach seinen Vorstellungen verbessert hat.

          Mehr Qualität und Effizienz der Behandlung

          Individualisierte Behandlungskonzepte und Einbeziehung der Patientenperspektive rücken die Bedürfnisse des einzelnen Patienten in den Mittelpunkt und steigern Heilungschancen. Ärzte und Kliniken profitieren von einer datenbasierten Versorgungsforschung und -steuerung. Es werden Prozesse optimiert, und die Beziehung zwischen Ärzten und Patienten wird gestärkt. Das wirkt sich langfristig positiv auf die Qualität und Effizienz im Gesundheitswesen aus.

          Durch Qualitäts- und Effizienzsteigerungen können kürzere Behandlungszeiten und damit indirekt auch eine kostenoptimierte Gesundheitsversorgung erreicht werden. Das ist es, was ganzheitliche Versorgungskonzepte ausmacht und ihnen das Potential verleiht, unser Gesundheitssystem zukunftsfähig zu machen.

          Manuel Mandler ist CEO der Kölner VBMC ValueBasedManagedCare GmbH. Alley ist als medizinische Plattform mit 360-Grad-Blick auf den Behandlungspfad und innovatives Versorgungsmodell das erste Produkt des Unternehmens.

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