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Verlagsspezial

: Im Netzwerk gebündelte Kräfte gegen Covid-19

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Die Erkenntnisse aller Universitätskliniken zu Covid-19 zusammenführen und allen zur Verfügung zu stellen – damit soll die Pandemie besser bewältigt werden. Bild: Song_about_summer/Adobestock

Zu Beginn der Pandemie waren die verschiedenen Forschungsprojekte zu Covid-19 in Deutschland wenig koordiniert. Dies änderte sich mit der Gründung des Netzwerks Universitätsmedizin, das die Studienergebnisse und Daten aus den verschiedenen Universitätskliniken bündelt. Das trägt dazu bei, die Krankheit besser und schneller zu verstehen.

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          Vor kaum sechs Monaten sah sich Deutschland mit einem beunruhigenden Szenario konfrontiert: Vielerorts wurde eine massive Belastung der Intensivkapazitäten insbesondere der universitären Krankenhäuser befürchtet. Die Zahl von schwerkranken Covid-19-Patienten stieg stark an. Die Sorge war groß, dass hierzulande eine ähnliche Extremsituation eintreten könnte wie seinerzeit in der Lombardei. Gleichzeitig wussten Experten noch fast nichts über die Erkrankung. Klar war nur, dass Wissenschaftler möglichst schnell eine Impfung und wirksame Therapien entwickeln müssen. Bis dahin, so zeichnete es sich ab, muss die Pandemie mit wirksamen Eindämmungsmaßnahmen kontrolliert werden. Es fehlten allerdings gesicherte Erkenntnisse, welche Maßnahmen hierfür am wirksamsten sind.

          Früh zeigte sich somit, dass die Forschung eine wesentliche Voraussetzung ist, um Covid-19 zu beherrschen. Nicht zuletzt deshalb setzen viele Staaten bei der Pandemie-Bekämpfung auf eine enge Abstimmung zwischen Politik und Wissenschaft.

          Fragmentierte Forschung statt übergreifender Koordination

          Weltweit haben sich seither zahlreiche Wissenschaftler auf die Suche nach Lösungen gemacht, und Regierungen haben viele neue einschlägige Forschungsprogramme etabliert. Bei allem Eifer hatte diese Explosion der wissenschaftlichen Energie einen Nachteil: Es fehlte an Koordination. Erfahrungen und Daten zum Umgang mit der Erkrankung wurden nicht ausreichend gebündelt, ein übergreifend organisiertes Vorgehen war zumeist nicht gegeben. Erste Erkenntnisse gründeten oft auf Einzelbeobachtungen oder sehr kleinen Fallzahlen, was die Aussagekraft erheblich limitierte.

          Hinzu kam, dass die Medizinforschung in Deutschland bei rapide ansteigenden Erkrankungszahlen drohte, handlungsunfähig zu werden. Die mit der Wissenschaft betrauten Universitätskliniken erwarteten vielerorts eine extreme Belastungssituation. Ärzte, Pflegekräfte und andere Gesundheitsberufe wären dann vollständig in die Patientenversorgung eingebunden gewesen – zu Lasten der dringend notwendigen Covid-19-Forschung.

          Glücklicherweise ergriff die Bundesregierung in dieser Situation die Initiative, um die Covid-19-Aktivitäten besser zu vernetzen und zu koordinieren. Die zentrale Rolle sollten die 36 deutschen Universitätskliniken einnehmen, denn dort konzentrierte sich die Behandlung eines großen Teils der Patienten mit besonders schwerem Krankheitsverlauf. Und nur dort findet international vernetzt Forschung statt, die unmittelbar aus den Erfahrungen in der Patientenversorgung schöpft. Darüber hinaus waren und sind bis heute zahlreiche Universitätskliniken in ihren Bundesländern zentrale Akteure im regionalen Pandemie-Management. Sie entwickeln gemeinsam mit den Landesregierungen und ihren Partnern im Gesundheitswesen Strategien zur Diagnostik und Eindämmung von Covid-19, betreiben Teststationen oder beraten und unterstützen mit ihren Experten Landesregierungen und Gesundheitsämter. Universitätskliniken bilden somit die Brücke zwischen Pandemie-Management, biomedizinischer Forschung und Patientenversorgung. Angesichts dieser Querschnittsfunktion ist es sinnvoll, sie in der Covid-19-Forschung enger zu verzahnen und gleichzeitig den Austausch von praktischen Erfahrungen und Best Practice zu stimulieren.


          Förderung des Netzwerks Universitätsmedizin

          Bereits wenige Wochen nach der initialen Idee setzte die Bundesregierung diese in die Tat um. Am 26. März kündigte das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Förderung eines auf ein Jahr angelegten 150-Millionen-Euro-Projekts an. Es zielt darauf ab, ein nationales Netzwerk der Universitätsmedizin – kurz NUM – aufzubauen. Der kooperative Charakter steht dabei im Mittelpunkt. Die Universitätskliniken sollen in der Forschung wesentliche Themen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern gemeinsam bearbeiten und übergreifende Aktivitäten organisieren. Eine derartige bundesweite Anstrengung, das gesamte Potential der Universitätsmedizin zu bündeln, gab es bisher in Deutschland so noch nicht.

          Die Charité – Universitätsmedizin Berlin koordiniert federführend den Aufbau des NUM. Zentrale Steuerungsinstanz ist eine Nationale Task Force, die unter anderem aus Vertretern von Ministerien sowie Vorständen von Universitätskliniken besteht. Innerhalb einer Woche nach Verkündung hatten alle Universitätskliniken Deutschlands ihre Mitarbeit zugesagt.

          Kurz nach Projektstart zeigte sich immer deutlicher, dass Covid-19 nicht nur eine Lungen-, sondern potentiell eine Multisystemerkrankung mit potentiell erheblichen Langzeitfolgen ist. Das NUM reagierte, indem es seine Aktivitäten nicht mehr nur darauf fokussierte, das kurzfristige Krisenmanagement zu unterstützen. Stattdessen geht es nun verstärkt darum, Infrastrukturen zu entwickeln, welche die dauerhafte wissenschaftliche Begleitung einer fluktuierenden Pandemie-Lage auch über mehrere Jahre ermöglichen.
          Bis Ende Juli konzipierten die Initiatoren dazu zwölf Verbundprojekte, an denen sich jeweils ein großer Teil der Universitätskliniken beteiligt. Sie sollen bis Ende März 2021 erste Ergebnisse liefern. Die Mehrzahl der Projekte wäre ohne den einbindenden, übergreifenden Ansatz des NUM nicht vorstellbar. Universitätskliniken werden nun gemeinsam und nach einheitlichen Vorgaben Daten zu Symptomen, Begleiterkrankungen, Therapien, Diagnostik, Bioproben und Langzeitfolgen bei Covid-19-Patienten sammeln.


          Grundlage für national vernetzte Covid-19-Aktivitäten

          Deutschland schafft es bisher erfolgreich, die Erkrankungszahlen niedrig zu halten. Umso wichtiger ist es, Daten aus ganz Deutschland zu bündeln und so eine aussagekräftige Basis für die Forschung zu generieren. Unter anderem soll ein Netzwerk aller Radiologien der deutschen Universitätskliniken entstehen, in dem Bildgebungsdaten geteilt werden können. Erheblichen Mehrwert für die Forschung verspricht auch der Aufbau eines bundesweiten Registers für Autopsieproben. Ein weiteres Projekt zielt darauf ab, die Fülle der täglich publizierten Forschungsergebnisse hinsichtlich ihrer Qualität zu bewerten und den gesicherten Stand der Erkenntnis zielgruppengerecht aufzubereiten. Dies soll dazu beitragen, den gesellschaftlichen Diskurs zu Covid-19 zu versachlichen und auf evidenzbasierte Grundlagen zu stellen.

          Die Voraussetzung für wissenschaftlichen Erfolg ist die Kreativität der Forscher, die sich im Wettbewerb um die besten Ideen und ihre Umsetzung entfalten muss. Daneben braucht es in Zeiten der Pandemie bundesweite Infrastrukturen für die wissenschaftliche Begleitung, um beispielsweise Daten schnell und standardisiert zu erheben, zu bündeln und der Forschung breit zur Verfügung zu stellen. Das NUM übernimmt diese übergreifende Rolle und schaffte dadurch die Grundlage für weitere Forschungsfelder.

          Professor Dr. Heyo K. Kroemer ist Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

          Ralf Heyder ist Leiter der Stabsstelle Externe Vernetzung und Strategische Kooperationen an der Charité und leitet dort die Koordi­nierungsstelle des Forschungsnetzwerks der Universitätsmedizin zu Covid-19 (Netzwerk der Universitätsmedizin).

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