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Zukunft der Luftfahrt : Fliegen ohne schlechtes Gewissen

  • Aktualisiert am

Bild: Pia Bublies/IWO

Das Fliegen gerät wegen des hohen CO₂-Ausstoßes zunehmend in Verruf. Eine Lösung wäre synthetisches Kerosin. Erste Modellprojekte laufen bereits.

          3 Min.

          Am Montag von Frankfurt zum Geschäftstermin nach Berlin fliegen und abends wieder zurück. Drei Tage später zur Fortbildung nach München, natürlich ebenfalls mit dem Flugzeug. Das ist Alltag für viele Geschäftsleute – und gerät zunehmend in Verruf. Denn der Verbrauch eines Passagierjets ist immens: 1.300 Liter Kerosin auf 100 Kilometer Flugstrecke verbraucht zum Beispiel ein Jumbo nach Berechnungen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt.

          Die Grünen fordern deshalb bereits ein Verbot von Inlandsflügen innerhalb der nächsten 20 Jahre. Doch so weit muss es nicht kommen. Denn Wissenschaftler und Unternehmen arbeiten längst an Lösungen für einen umweltfreundlichen Flugverkehr. Das Problem dabei: Eine Alternative zum flüssigen Kraftstoff gibt es nicht, wenn man ein 500 Tonnen schweres Passagierflugzeug in die Luft bekommen möchte. Einfach elektrifizieren lässt sich der Flugverkehr nämlich nicht, denn dafür wären die Akkus nach heutigem Stand der Technik viel zu schwer. Also muss der Kraftstoff selbst umweltfreundlicher werden.

          Technisch ist das machbar – eine Zauberformel dafür lautet Power-to-Liquids (PtL). Dahinter verbergen sich verschiedene Methoden, mithilfe von Ökostrom und einer Kohlenstoffquelle synthetische Flüssigbrennstoffe herzustellen. Per Elektrolyse wird dabei Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten. Der Wasserstoff kann dann entweder durch Zugabe von CO₂ oder durch andere Kohlenstoffquellen wie etwa Bioabfälle zu synthetischem Benzin, Diesel, Heizöl oder eben Kerosin weiterverarbeitet werden. Wenn der für die Elektrolyse eingesetzte Strom aus regenerativen Quellen stammt, sind diese Kraftstoffe weitestgehend klimaneutral. Die neuen synthetischen Brennstoffe sind nach Experten-Angaben schwefel- und aromatenfrei und uneingeschränkt in herkömmlichen Motoren verwendbar. Das ist ein großes Plus gerade im Luftverkehr, denn moderne Verkehrsflugzeuge sind gut und gerne 30 Jahre im Einsatz.

          Energiedichte von Batterien weit von der des Kerosins entfernt

          Der Flugverkehr habe ein großes Potenzial, um synthetische Kraftstoffe einzusetzen, meint Siegfried Knecht, Vorstandsvorsitzender der Luftfahrt­initiative aireg. „Das liegt daran, weil alternative Antriebe fehlen und die Energiedichte von Batterien weit von der des Kerosins entfernt ist.“ Zugleich steigt der Kraftstoffbedarf der Branche immer weiter an: Laut Prognosen des Flugverbandes IATA wird der Flugverkehr künftig pro Jahr um etwa 3,5 Prozent wachsen.

          Grundsätzlich ist die Idee, Kraftstoffe auf Rohölbasis durch solche zu ersetzen, die aus regenerativen Komponenten gewonnen werden, nicht neu. Super-Benzin etwa enthält fünf Prozent Bioethanol, bei Super E10 sind es sogar zehn Prozent. Auch Diesel ist ein Bio-Anteil beigemischt. Doch dieser Bio-Anteil wird aus Pflanzenöl hergestellt, Ethanol zum Beispiel durch die Vergärung von Zuckerrüben erzeugt. Damit stehen diese Kraftstoffe mitunter in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Bei synthetischen Kraftstoffen, die aus überschüssigem Ökostrom oder der Verarbeitung von Reststoffen gewonnen werden, ist das nicht der Fall.

          In gleich mehreren Projekten arbeiten Forscher und Unternehmen daher daran, synthetisches Kerosin herzustellen und den Flugverkehr auf diese Weise umweltfreundlicher zu gestalten. So hat die schleswig-holsteinische Raffinerie Heide die Deutsche Lufthansa als Partner gewonnen – deren Flugzeuge sollen am Flughafen Hamburg künftig mit umweltfreundlichem, synthetischem Kerosin betankt werden, das aus schleswig-holsteinischem Windstrom hergestellt wird. Die Raffinerie Heide ist seit Sommer 2018 an dem Forschungsprojekt „KEROSyN100“ unter wissenschaftlicher Leitung der Universität Bremen beteiligt. „Ziel des Projekts ist die Herstellung von regenerativem Kerosin durch die Nutzung von regional erzeugter Windenergie“, erklärt Jürgen Wollschläger, Geschäftsführer der Raffinerie Heide. „Doch die Produktion des Kraftstoffs allein reicht natürlich nicht. Wir brauchen einen Abnehmer.“

          Den hat das Unternehmen nun in Gestalt der Lufthansa gefunden. Und die Kranich-Airline verspricht sich ebenfalls viel von der Zusammenarbeit: „Klimafreundlicher Luftverkehr ist ein wichtiges Ziel der Lufthansa Group“, betont Vizepräsident Thorsten Luft. Dafür investiere der Konzern kontinuierlich in besonders verbrauchsarme Flugzeuge und verbessere die Treibstoffeffizienz im Flugbetrieb. „Bereits seit 2011 sind wir an der Erforschung und dem Einsatz alternativer Kraftstoffe beteiligt“, so Luft. Durch die Zusammenarbeit mit der Raffinerie Heide komme der nachhaltige, alternative Kraftstoff nun in der Praxis zum Einsatz. Voraussetzung dafür sei, dass er in ausreichender Menge und zu vertretbaren Preisen hergestellt werden könne – und die gleiche Qualität habe wie herkömmliches Kerosin. Anforderungen, die die Raffinerie Heide nach Aussage ihres Geschäftsführers erfüllen kann: „Schon in fünf Jahren sollen fünf Prozent des am Flughafen Hamburg bereitgestellten Kerosins synthetisch hergestellt sein“, verspricht Wollschläger. Dieser kann dem herkömmlichen Flugzeugtreibstoff dann einfach beigemischt werden.

          Klimaneutraler Kraftstoff für den Hamburger Flughafen

          Auch das Industriekonsortium GreenPower2Jet (GP2J), an dem unter anderem die BP-Raffinerie im niedersächsischen Lingen, der Flugzeughersteller Airbus, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und die Technische Universität Hamburg (TUHH) beteiligt sind, arbeitet an einer industriellen PtL-Anlage, mit der synthetisches Kerosin hergestellt werden soll. Spätestens ab 2022 sollen die ersten Flughäfen mit dem klimaneutralen Flugkraftstoff beliefert werden. Geplant ist, diesen Treibstoff unter anderem am Hamburger Flughafen auf regelmäßig geflogenen Strecken und für die Erstbetankung von Airbus-Flugzeugen am Werk in Hamburg-Finkenwerder zu nutzen. Aus den verbleibenden Nebenprodukten will die BP-Raffinerie zudem grünen Diesel herstellen, der dann als Kraftstoff für Lkws und Transportschiffe verwendet werden kann.

          So könnte es nicht mehr lange dauern, bis Geschäftsreisende auch ohne schlechtes Gewissen ins Flugzeug steigen können. 

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