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Diskussion : Vielfalt der Meinungen

  • Aktualisiert am

Bild: MrJub/iStock

Deutschland wird seine Klimaziele 2020 verfehlen. Was muss sich ändern, damit wir 2030 erfolgreicher sein werden? Experten aus Politik und Wirtschaft äußern ihre Einschätzung.

          14 Min.

          Andreas Lücke
          Andreas Lücke : Bild: Frank Hermann

          „Erneuerbare Energie auf Basis gasförmiger und flüssiger Kraft- sowie Brennstoffe gehören zu einer umfassenden Klimaschutzstrategie.“

          Andreas Lücke,
          Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Heizungsindustrie (BDH)

          „Jährlich tauschen wir in Deutschland 600.000 alte Wärmeerzeuger aus. Tatsächlich könnten wir die Ziele für das 2030 erreichen. Dafür müsste allerdings die Austauschzahl auf 1,2 Millionen verdoppelt werden. Und: Nicht nur alte Gaskessel, sondern ebenso alte Ölkessel müssten gegen Brennwerttechnik oder Wärmepumpen ausgetauscht werden.

          Die selbstnutzenden Eigentümer in den circa 14 Millionen Ein- und Zweifamilienhäusern würden durch steuerliche Anreize für Effizienzinvestitionen endlich hinter dem Ofen her-vorkommen. Daher fordern wir, gemeinsam mit den Verbänden der Energiewirtschaft, seit Jahren steuerliche Anreize, die attraktiv und technologieoffen für Investitionen in moderne Technik gewährt werden müssten. Jetzt kommt aus der Politik der Vorschlag einer „Abwrackprämie für ineffiziente Heizungen“ hinzu. Wenn die Politik eine solche Abwrackprämie möchte, dann soll sie diese Prämie für alle Technologien gewähren, die von der EU offiziell mindestens mit A gelabelt werden, ohne die eine oder andere Effizienztechnologie einfach außen vor zu lassen.

          In Deutschland mangelt es nicht an privatem Kapital für Investitionen in höhere Effizienz und damit auch den Klimaschutz. Ob die privaten Investoren allerdings bereit sind, dieses reichlich vorhandene Privatkapital in die Hand zu nehmen, hängt wesentlich von den vorher beschriebenen Anreizen durch die Politik ab, und wenn es um Mittel für solche Anreize geht, müsste die Politik im Sinne des übergeordneten Ziels Klimaschutz auch bereit sein, steuerliche Mittel für solche Anreize in die Hand zu nehmen. Klimaschutz ist schließlich eine gemeinsam zu schulternde Aufgabe von Politik, Wirtschaft und privaten Eigentümern.

          Die Ziele für 2030 können im Gebäudebereich mit den heute vorhandenen technischen Möglichkeiten erreicht werden. Über 2030 hinaus bedarf es allerdings gravierender Änderungen im Energiemix und im Energiesystem Deutschlands. Nicht nur erneuerbare Energie auf Strom-Basis, sondern auch auf der Basis gasförmiger und flüssiger Kraft- sowie Brennstoffe gehören zu einer umfassenden Klimaschutzstrategie. Green Gases und Green Fuels müssen den jetzigen Energiemix ergänzen, sollen die ambitionierten Klimaschutzziele 2050 überhaupt erreicht werden können.

          Dabei sehen wir hier die Mineralölwirtschaft, aber auch die Politik in der Pflicht. Es bedarf eines Hochlaufs von E-Fuels, auch wenn die Kosten gegenwärtig pro KWh noch deutlich über den Kosten für Heizöl, Diesel, Benzin und Kerosin liegen. Insofern bedarf es eines politischen Willens, aber auch der Bereitschaft der Mineralölwirtschaft, das Projekt E-Fuels zu starten und so auszubauen, dass nennenswerte Mengen bereits Mitte der 20er Jahre zur Verfügung stehen“

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          Julia Verlinden
          Julia Verlinden : Bild: Sven Brauers

          „Wir lehnen die Anrechnung von E-Fuels auf Flottengrenzwerte der Autohersteller ab.“

          Julia Verlinden,
          Abgeordnete im Deutschen Bundestag und Sprecherin für Energiepolitik der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen

          „Um die Klimaziele 2030 zu erreichen müssen wir den Klimaschutz endlich nach vorne stellen und wirksame Maßnahmen beschließen! Dazu gehört allen voran der zügige Einstieg in den Kohleausstieg, aber auch ein umfassendes Maßnahmenpaket im Gebäudebereich. Das sollte unter anderem eine Steuerförderung beinhalten für Menschen, die ihr Eigenheim energetisch sanieren und den Umstieg von Ölheizungen auf Erneuerbare Energien. Außerdem ganz wichtig: Wir brauchen eine angemessene CO₂-Bepreisung für Öl und Gas. Die Einnahmen daraus sollen an die Menschen zurückfließen.

           Viele Menschen sind bereit, etwas für den Klimaschutz zu tun. Denn es wird immer deutlicher: die Klimakrise betrifft jede und jeden von uns. Damit beispielsweise der Umstieg auf klimafreundliche Verkehrsmittel leicht fällt, wollen wir mehr Geld in Bahnstrecken, den öffentlichen Nahverkehr und in Radwege investieren. Auf dem Land soll es mindestens jede Stunde verlässliche Anschlüsse in das nächste Zentrum geben. Elektroautos, die mit Ökostrom geladen werden, ergänzen den sauberen Mobilitätsmix.

           Was die Kosten für den Klimaschutz betrifft, ist aus unserer Sicht wichtig, dass Beiträge verursachergerecht und nach der Leistungsfähigkeit verteilt werden. Beispiel Klimasanierung von Gebäuden: Hier kann eine gerechte Verteilung der Kosten zwischen Staat, Vermieter und Mieter die Richtschnur sein. Haushalte mit geringem Einkommen sollen dabei durch höhere staatliche Zuschüsse vor einem Anstieg der Warmmiete geschützt werden. Beispiel Verkehr: Wer weiterhin einen Spritschlucker fahren will, muss höhere CO₂-Beiträge in Kauf nehmen.

          Im Schwerlastverkehr, im Schiffs- und Flugverkehr werden vermutlich regenerative Kraftstoffe notwendig sein, um den Verkehr klimaneutral zu machen. Hier können Wasserstoff, Methan oder auch E-Fuels eine Rolle spielen, die auf Basis von Ökostrom erzeugt werden. Wichtig ist allerdings der effiziente und sparsame Umgang mit diesen wertvollen Kraft- und Brennstoffen. Denn ihre Erzeugung ist energieaufwändig. 

          Für eine Markteinführung erneuerbarer Kraft- und Brennstoffe sind verschiedene Instrumente denkbar – von der gezielten Forschungsförderung über die Weiterentwicklung der europäischen Vorgaben für die Treibhausgasquote bis zu einer Beimischungspflicht beim Kerosin. Entscheidend aus Sicht der Grünen ist, dass sich ihr Einsatz auf die Bereiche konzentriert, in denen keine energieeffizienteren Alternativen zur Verfügung stehen. Deshalb lehnen wir beispielsweise die Anrechnung von E-Fuels auf Flottengrenzwerte der Autohersteller ab.“

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          Dr. Christoph Ploß
          Dr. Christoph Ploß : Bild: Jens Oellermann

          „Ich plädiere für den Aufbau eines Marktanreizprogramms für neue Anlagen zur Produktion strombasierter Kraftstoffe.“

          Dr. Christoph Ploß,
          CDU-Bundestagsabgeordneter, Mitglied im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur sowie Berichterstatter für alternative Antriebe und Kraftstoffe in der Arbeitsgruppe Verkehr der CDU/CSU-Fraktion 

          „Wir werden die Klimaschutzziele mit klima- und umweltfreundlichen Technologien erreichen. Die Mobilität der Zukunft wird in hohem Maße auf klimaneutral erzeugtem Strom basieren. Entweder wird dieser direkt genutzt, wie bei der batteriebetriebenen Elektromobilität oder auf der Schiene, oder der Ökostrom ist Grundlage für innovative Anwendungen, beispielsweise für die Herstellung von Wasserstoff und regenerativen Kraftstoffen.

          Vor allem durch Anreize, die eine klimaschonende Mobilität unterstützen, wollen wir die Menschen zum aktiven Handeln in Sachen Klimaschutz motivieren: beispielsweise durch einen attraktiven, zuverlässigen Fernverkehr auf der Schiene und  einen bezahlbaren, eng getakteten öffentlichen Nahverkehr in den Städten. Verbote und politische Gängelungen sind der falsche Weg und verhindern Technologieinnovationen.

          Zugleich wird die Möglichkeit der Bepreisung von Treibhausgasen zur Erreichung der klimapolitischen Ziele von entscheidender Bedeutung sein. Wir wollen wirtschaftlich tragfähige und sozial gerechte Lösungen entwickeln. Es existiert bereits mit dem europäischen Emissionshandel ein gut funktionierendes Bepreisungssystem für CO₂ in den Sektoren Energie und Industrie. Ein solches marktbasiertes System ist auf die Sektoren Verkehr und Gebäude auszuweiten.

          Auch global erzeugte regenerative Kraft- und Brennstoffe werden aufgrund ihrer klimafreundlichen Herstellung und vielfältigen Anwendung einen entscheidenden Beitrag zur Energieversorgung leisten. Denn sie werden nachhaltig hergestellt, lassen sich über einen langen Zeitraum lagern und weltweit transportieren. Bereits vorhandene Infrastrukturen wie Tankstellennetze oder Häfen, Knotenpunkte und Verteilnetze können effizient weitergenutzt werden.

          Deshalb plädiere ich für den Aufbau eines Marktanreizprogramms für neue Anlagen zur Produktion strombasierter Kraftstoffe, um eine breite Anwendung von Wasserstoff und regenerativen Kraftstoffen am Markt zu ermöglichen. Wichtig ist zudem, dass diesen Kraftstoffen ein größerer Wirkungsbeitrag zur Senkung der CO₂-Flottengrenzwerte für Fahrzeuge von der EU zugestanden wird. Die Produktion von Wasserstoff aus regenerativ hergestelltem Strom sollte von der EEG-Umlage ausgenommen und die Energiesteuer für alternative Kraftstoffe auf den europäischen Mindestsatz gesenkt werden.“

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          Dr. Dietmar Bartsch
          Dr. Dietmar Bartsch : Bild: Deutscher Bundestag

          „Regenerative Kraft- und Brennstoffe werden für die Energieversorgung der Zukunft notwendig sein.“

          Dr. Dietmar Bartsch,
          Vorsitzender der Linksfraktion im Deutschen Bundestag  

          „Um zugesagte Einsparungen bei den CO₂-Emissionen zu erreichen, muss Deutschland mehr liefern als das Klimapaket der Bundesregierung, welches vor allem kleine und mittlere Einkommen belasten wird. So sollte im Verkehrsbereich endlich eine Offensive für einen bezahlbaren und guten öffentlichen Verkehr gestartet, bei der Windkraft die weiteren Potenziale genutzt  werden und der bisherige Deckel für den Solarenergie-Ausbau fallen. Die Mittel für die energetische Gebäudesanierung sollten relevant erhöht werden: Hier brauchen wir zugleich Änderungen im Mietrecht, damit Vermieter Sanierungen nicht zur Belastung und Verdrängung von Mietern missbrauchen.

          Die Verantwortung, den Klimaschutz voranzutreiben, liegt wesentlich bei der Politik. So sollten etwa der ÖPNV und der Schienenverkehr ausgebaut und deutlich günstiger sein, das Fahrradfahren in der Stadt sicherer werden. In ländlichen Gegenden, wo die Menschen auf ihren Pkw angewiesen sind, dürfen wir ihnen das Autofahren ohne vernünftige Alternativen hingegen nicht madig machen. Es ist schlicht notwendig. Was die Akzeptanz von Windkraftanlagen und Netzen angeht, braucht es dringend eine bundesweit einheitliche Regelung zur finanziellen Beteiligung der Standortgemeinden. Und wir stehen zur Bürgerenergie. Denn wir sind überzeugt: Wer an der Energiewende partizipieren kann, wird sie eher befürworten.

          Schon heute liefern neue Ökostromanlagen  preiswerter Elektrizität als es Gas- oder Kohlekraftwerke können. Daher brauchen wir den Netzausbau und dringend eine Speicheroffensive. Und Initiativen,  die unter dem Strich ein System liefern, welches dauerhaft preiswerte und umweltverträgliche Energie bereitstellt. Leider werden die Kosten zum Klimaschutz bislang nicht gerecht verteilt. Es gibt mehr Industrieprivilegien als nötig wären und die Netzentgelte im Osten und Norden Deutschlands – also dort, wo die Energiewende hauptsächlich vorangetrieben  wird – sind deutlich höher als im Rest der Republik. Das muss sich ändern.

          Regenerative Kraft- und Brennstoffe werden für die Energieversorgung der Zukunft notwendig sein, aber nicht die Hauptrolle spielen können. Dafür ist ihre Produktion zu aufwendig. E-Fuels sollten  dort zum Einsatz kommen, wo es keine Alternativen gibt – also im Wesentlichen im Flug- und Seeverkehr. Förderprogramme sind vor allem bei Pilot- und Demonstrationsanlagen vorstellbar, die mittels Ökostrom Wasserstoff beziehungsweise Synthesegas herstellen. Diese Anlagen dienen auch der Langfristspeicherung von Ökostrom, die wir in einigen Jahren sicher brauchen werden.“

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          Prof. Dr. Martin Neumann
          Prof. Dr. Martin Neumann : Bild: privat

          „Das Prinzip der Technologie­offenheit muss künftig das Leitprinzip werden.“

          Prof. Dr. Martin Neumann,
          Mitglied des Deutschen Bundestags und Energiepolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion 

          „Zunächst einmal müssen wir zu einer sachlichen Debatte zurückfinden; andernfalls droht der Blick aufs Wesentliche verloren zu gehen. Und das Wesentliche ist nicht etwa, auf „Teufel komm raus“ alternative Energieträger in die Landschaft zu bolzen, ohne dass die hierfür benötigten Leitungen zur Verfügung stehen. Dies macht die Energiewende nur noch teurer und gefährdet zudem die Versorgungssicherheit. Künftig müssen wir die Energiewende ganzheitlich betrachten: Von der Erzeugung, über den Transport bis hin zum Verbraucher. Wir brauchen den Wettbewerb der Ideen und Innovationen. Dafür muss sich die Umsetzung der Energiewende viel stärker am Prinzip der Marktwirtschaft orientieren und nicht an planwirtschaftlichen Verordnungen.

          Zudem muss man den Menschen offen und ehrlich einige unbequeme Wahrheiten sagen. Ein ungebremster weiterer Zubau alternativer Energieträger, wie er aktuell längst nicht nur von den Fridays- for-Future-Schülern gefordert wird, würde natürlich auch bedeuten, dass künftig beispielsweise Windräder die Wohngegenden der Menschen noch viel massiver versperren beziehungsweise die Leute nachts aus dem Schlaf blinken. So lässt sich aber nicht die Akzeptanz der Menschen gewinnen.

          Die Kosten der Energiewende sind ein weiterer, ein elementarer Faktor: Explodierende Energie- und Strompreise dürfen nicht dazu führen, dass sozial schwächere Verbraucher in die Armut und Unternehmen scharenweise aus dem Land getrieben werden. Statt Wachstum und Wohlstand in Deutschland zu gefährden und gleichzeitig auch noch die Klimaziele zu verfehlen, sollten wir endlich auf ein Instrument setzen, das tatsächlich auch funktioniert: Auf den Emissionshandel. Und dieser muss in Deutschland auch auf die Sektoren Verkehr und Gebäude erweitert werden. Es muss sich künftig einfach in allen Sektoren lohnen, CO₂ einzusparen. Hierfür ist ein effizienter Zertifikatehandel der einzig richtige Hebel.

          Zudem sollten regenerative Kraft- und Brennstoffe in der Energieversorgung der Zukunft eine zentrale Rolle spielen. Denn grundsätzlich brauchen wir einen viel stärkeren Wettbewerb emissionsarmer Energieträger, wenn die Energiewende gelingen soll. Und dazu zählen übrigens nicht nur Wind- und Solarenergie. Regenerative Kraft- und Brennstoffe sind ein wichtiger Teil des Mosaiks. Denn wir brauchen einen viel breiteren Energiemix. Das Prinzip der Technologieoffenheit muss künftig das Leitprinzip werden. Nur durch intensive Anstrengung und Förderung von Forschung und Innovationen neuer Technologien zur CO₂-Minimierung wird letztendlich auch die Energiewende funktionieren.

          Gerade weil erneuerbare Kraft- und Brennstoffe aufgrund ihres CO₂-Einsparpotenzials ein wichtiger Teil eines breiten Energiemixes sein müssen, verstehe ich nicht, warum sich Brüssel in der Frage der Anrechenbarkeit weiter querlegt. Nur durch eine Anrechenbarkeit von e-Fuels lassen sich auch ihre Klimaschutz-Potenziale ausschöpfen. Und nur so erreichen wir doch den dringend benötigten Wettbewerb emissionsarmer Energieträger und schaffen Anreize dafür, durch innovative Technologien CO₂ einzusparen. Hier hätte ich mir auch von der Bundesregierung deutlich mehr Nachdruck auf europäischer Ebene gewünscht.“

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          Dr. Simone Peter
          Dr. Simone Peter : Bild: BEE

          „Im Pkw-Bereich wird der Schwerpunkt zukünftig eher auf der Nutzung von Ökostrom liegen.“

          Dr. Simone Peter,
          Präsidentin Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) e. V.

          „Die Erneuerbare-Energien-Branche verfügt bereits über vielfältige Lösungen zur Dekarbonisierung der Wirtschaft. Wir müssen dringend die gesamte Energieversorgung modernisieren und darüber einen umfassenden Beitrag zum Klimaschutz leisten. Mit ihren Entwicklungen und ihrem Know-how stützen die Unternehmen zugleich den Industriestandort Deutschland. Ob ambitionierter Ausbau Erneuerbarer, CO₂-Bepreisung, Kohleausstieg, Sektorenkopplung, nachhaltige Mobilität oder saubere Wärme- und Kälteversorgung – wenn die Politik endlich die Rahmenbedingungen schafft, legt die Industrie los.

          Jeder kann viel fürs Klima tun, zum Beispiel durch Umstellung der Heizung auf Erneuerbare-Technologien wie Solarthermie, Bioenergie und Wärmepumpe oder durch den Wechsel zu einem Auto mit alternativem Antrieb. Auch Strom vom Ökoanbieter oder über ein regionales Bürgerenergieangebot zu beziehen, ist eine gute Möglichkeit. Entscheidend ist aber, dass der Rahmen so ausgestaltet wird, dass Wirtschaft und Gesellschaft den Umstieg auf saubere Energieversorgung vollziehen können – technisch wie ökonomisch.

          Klimaschutz wird es nicht zum Nulltarif geben, ohne Klimaschutz wird es aber deutlich teurer. Wir werden Geld in die Hand nehmen und investieren müssen – in die Vorsorge oder in die Nachsorge. Da ist die Vorsorge der deutlich klügere und günstigere Weg, denn damit erhalten wir uns auch eine lebenswerte Umwelt. Entscheidend ist, dass Geldflüsse in die richtigen, also in nachhaltige Bahnen, gelenkt werden. So ist es völlig unverständlich, warum heute noch fossile Heizsysteme gefördert werden, Kohlestrom immer noch die Netze verstopft und ein Ausstiegsdatum für den fossilen Verbrennungsmotor fehlt. Rund 50 Milliarden Euro gibt der Staat pro Jahr an umweltschädlichen Subventionen aus. Das ist volkswirtschaftlich nicht vertretbar und muss in saubere Technologien umgelenkt werden.

          Was die zukünftige Rolle von E-Fuels betrifft, so sind sie dort wichtig, wo es keine kostengünstigen Alternativen gibt, wie der Wasserstoff in der Brennstoffzelle von LKWs oder Zügen oder das Grüne Kerosin für den Flugverkehr. Im Wärmesektor sind E-Fuels zu teuer, hier ist es viel sinnvoller, die kostengünstigeren Erneuerbaren Energien direkt zu nutzen. Mit Solarthermie, Wärmepumpen, Erdwärme und Bioenergie gibt es bereits eine Vielzahl erprobter Möglichkeiten, um klimaschädliches Erdöl und Erdgas zu ersetzen. Und auch im PKW-Bereich wird der Schwerpunkt zukünftig eher auf der Nutzung von Ökostrom liegen. Trotzdem werden alle Erneuerbaren – ob als Strom, Biogas oder Flüssigkeit - in großem Stil benötigt, um die hundertprozentige Umstellung zu erzielen.

          Im Straßenverkehr beispielsweise gibt es bereits eine funktionierende Treibhausgasminderungsquote, die schrittweise weiter erhöht werden muss. Bislang spielen Biokraftstoffe hier die wichtigste Rolle, im Schwerlastverkehr, bei Zügen oder Schiffen wird erneuerbarer Wasserstoff eine immer größere Rolle spielen. Im Flugverkehr wäre eine E-Fuel-Quote sinnvoll, um synthetisches Kerosin aus Erneuerbaren Energiequellen voranzubringen. Im Wärmesektor werden eher Solarthermie, Wärmepumpen, Erdwärme und Bioenergie zum Einsatz kommen.“

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          Thomas Kreuzer
          Thomas Kreuzer : Bild: Judith Haeusler

          „Wir wollen, dass synthetische Kraftstoffe bei der CO₂-Flottenregulierung gleichwertig zur E-Mobilität berücksichtigt werden.“

          Thomas Kreuzer,
          Fraktionsvorsitzender der CSU im Bayerischen Landtag

          „Fakt ist, wir wollen und müssen auf jeden Fall diese CO₂-Reduzierung erreichen und die Klimaschutzziele einhalten. Aber fest steht auch, es ist ein sehr ambitioniertes Ziel. Um es wirklich zu erreichen, brauchen wir vor allem einen technologischen Durchbruch und Innovationen. Auf Verbote zu setzen ist aus unserer Sicht falsch. Daher schaffen wir Anreize, damit jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten einen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann. Sei es durch moderne Heizungen, Gebäudesanierung oder emissionsfreie Mobilität. Und was mich besonders freut: Bayern ist hier in Deutschland bereits Vorreiter: mit rund 6 Tonnen energiebedingtem CO₂-Ausstoß pro Kopf und Jahr sind wir weltweit mit das fortschrittlichste Industrieland.

          Wir müssen die Menschen mitnehmen, das ist das wichtigste. Sie überzeugen, dass Klima und Konjunktur bei uns Hand in Hand gehen. Dass wir die Wirtschaft nicht schwächen wollen, im Gegenteil: Für uns gilt der Dreiklang aus Klimaschutz, Wirtschaftlichkeit und sozialer Verträglichkeit. Wir setzen auf Anreize, Förderprogramme und Entlastungen für die Bürger, damit sie sich für bewusstes klimaneutrales Verhalten entscheiden können. Und dann im zweiten Schritt auf eine Bepreisung von CO₂. Ich bin überzeugt, dass unsere Beschlüsse in die richtige Richtung gehen, ohne zu überziehen.

          Ich sehe den Klimaschutz als Jahrhundertaufgabe und entsprechende Herausforderung, zumal wir dabei die schwarze Null halten wollen. Ziel ist, dass die Einnahmen aus der CO₂-Bepreisung zur Finanzierung der Maßnahmen des Klimaprogramms 2030 verwendet und die Bürger an anderer Stelle entlastet werden. Sei es durch sinkende Strompreise oder die Erhöhung der Pendlerpauschale. Aber fest steht auch, es wird ein finanzieller Kraftakt für unser Land.

          Aus meiner Sicht spielen regenerative Kraft- und Brennstoffe in der Energieversorgung der Zukunft eine ganz entscheidende Rolle. Natürlich unter der Voraussetzung, dass sie mit erneuerbaren Energien erzeugt werden. Synthetische Kraftstoffe können sowohl für PKW und Nutzfahrzeuge als auch für innovative Heizsysteme anstelle von Heizöl perspektivisch den CO₂-Ausstoß weiter reduzieren. Bayern ist hier Vorreiter, was Forschung und Entwicklung angeht. Fakt ist aber auch: wir haben hier noch erheblichen Forschungsbedarf und die Herstellungskosten von alternativen Kraftstoffen müssen konkurrenzfähig werden. Der Bund und die Europäische Union müssen durch entsprechende Rahmenbedingungen die Anwendung der Technologien weiter voranbringen.

          Wir brauchen auf Bundesebene ein Konzept zur Markteinführung und Regulierung synthetischer Kraftstoffe. Dabei sollten aus bayerischer Sicht auch Investitionsanreize für synthetische Kraftstoffe in der Erneuerbaren-Energien-Richtlinie genutzt werden. Besonders wichtig ist hierbei die Technologieoffenheit: Wir wollen, dass synthetische Kraftstoffe bei der CO₂-Flottenregulierung der EU gleichwertig zur Elektromobilität berücksichtigt werden. Wir sollten auch prüfen, wie wir die Markteinführung durch steuerliche Anreize unterstützen können.“

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          Andreas Rimkus
          Andreas Rimkus : Bild: Boris Schmidt

          „Wir brauchen Skalierungseffekte. Je stärker die Nachfrage steigt, desto eher wächst die Produktion.“

          Andreas Rimkus,
          SPD-Abgeordneter im Bundestag und Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie

          „Zwei Grundannahmen. Erstens: Grundvoraussetzung für erfolgreichen Klimaschutz ist ein ambitionierter Ausbau der regenerativen Energieerzeugung. Ausreichend erneuerbarer Strom ist sozusagen der Treibstoff der Energiewende. Zweitens: Die Technologien der Sektorenkopplung sind, um im Bild zu bleiben, ihr Motor. Bringen wir beides zusammen, werden wir nicht nur unsere Klimaschutzziele erreichen können, sondern auch einige andere positive Effekte ernten – Wertschöpfung und gute Industriearbeitsplätze, zum Beispiel.

          Am wichtigsten ist es mir, nicht immer nur Probleme, Grenzen und Risiken zu betonen. Ja, die Herausforderung der Energiewende ist groß. Aber es liegen auch große Chancen darin, und das kommt mir in der Debatte häufig zu kurz. Die Energiewende kann eine Erfolgsgeschichte werden, die soziale, ökologische und ökonomische Verantwortung miteinander vereint. Im politischen Raum bewerbe ich dieses Konzept als „Rote Energiewende“. Die Voraussetzung dafür ist, dass ich möglichst viele BürgerInnen daran teilhaben lasse – etwa durch Gewinnbeteiligungsmodelle beim Windkraftausbau, oder mit Unterstützung für diejenigen, die durch den Strukturwandel ihren Arbeitsplatz wechseln müssen.

          Dennoch gibt es nichts zum Nulltarif, also natürlich auch die Energiewende nicht. Aber sie muss nicht unbezahlbar werden, auch wenn das einige gerne behaupten. Unabhängig von konkreten Finanzierungsinstrumenten ist die Frage der Bezahlbarkeit vor allem eine der fairen und sozialverträglichen Lastenverteilung.

          Dabei hat elektrische Energie den Vorteil, dass sie relativ unkompliziert und ohne große Verluste direkt in vielen Anwendungen eingesetzt werden kann. Der Nachteil: Ich kann sie nicht so gut speichern. Batteriespeicher werden auch mittelfristig eine sehr viel geringere Energiedichte haben, als geeignete Gase oder Flüssigkeiten. Wenn wir zukünftig immer mehr Energie dezentral aus Wind und Sonne gewinnen, wird die Speicherung zum Erhalt der Versorgungssicherheit immer wichtiger – auch netzseitig. Die größte Bedeutung kommt dabei synthetischen, also aus erneuerbarem Strom erzeugten chemischen Energieträgern zu. Diese werden wir auch vermehrt in anderen Sektoren brauchen, zum Beispiel im Verkehr: So ist synthetisches Kerosin ist die einzige verfügbare Methode, um den Flugverkehr kurzfristig deutlich klimaschonender zu gestalten.

          Nach heutigem Stand sind synthetische Brenn- und Kraftstoffe aber teurer als ihre fossilen Verwandten. Ein Markteinführungsprogramm muss also vor allem zwei Bedingungen erfüllen: Erstens müssen wir im Rahmen von Steuern, Umlagen und Abgaben klimaschonende Power-to-X-Technologien gegenüber konventionellen Verfahren bevorzugen. Und zweitens: Wir brauchen Skalierungseffekte. Je stärker die Nachfrage steigt, desto eher wächst die Produktion. Mit der Skalierung sinken die Produktionskosten – und somit der Marktpreis. Überall dort, wo wir also mit Vorgaben für Quoten oder Emissionsminderungen die Nachfrage gezielt pushen, verhelfen wir diesen Zukunftstechnologien Stück für Stück zum Durchbruch.“

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