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Gespräch : „Elektrifizierung nicht immer möglich oder sinnvoll“

Bild: EU/Lukasz Kobus

Interview mit EU-Kommissarin Kadri Simson über die Umsetzung des Green Deal und die Einbindung erneuerbarer Kraftstoffe.

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          Frau Simson, mit dem Green Deal hat sich die EU-Kommission zum Ziel gesetzt, Europa bis 2050 „klimaneutral“ zu machen. Welche Bedeutung kommt dabei grünem Wasserstoff und seinen Folgeprodukten zu?

          Um Klimaneutralität zu erreichen, ist die Verschiebung von fossilen Brennstoffen hin zu erneuerbaren Energien notwendig – ebenso wie eine verstärkte Elektrifizierung, weil das der einfachste Weg ist, erneuerbare Energien zu nutzen. Allerdings ist eine Elektrifizierung nicht immer möglich oder sinnvoll. Daher werden auch die erneuerbaren und die kohlenstoffarmen Energien eine wichtige Rolle spielen. Mit erneuerbarer Energie hergestellter Wasserstoff besitzt das Potenzial, den Kohlenstoffausstoß bestimmter Industrie- und Transportbereiche zu verringern, in denen das eine Herausforderung darstellt. Allerdings ist dafür ein starker Anstoß durch die Politik nötig. Aus diesem Grund haben wir im Juli eine Wasserstoffstrategie beschlossen, die klare Prioritäten und wichtige Zwischenziele setzt, um Wasserstoff zu einer tragfähigen Lösung zu machen, die uns auf dem Weg zur Klimaneutralität voranbringt.

          Wie kann die Politik in Brüssel einen schnellen Markthochlauf in großem Stil unterstützen?

          Die Schlüsselrolle der EU-Politik liegt darin, eine klare Richtung vorzugeben und ein positives Umfeld für vielversprechende Lösungen zu schaffen. Die EU-Wasserstoffstrategie beschäftigt sich mit allen Aspekten, die Investitionen in grünen Wasserstoff in großem Stil möglich machen – von Innovation über die Schaffung von Märkten bis zur Finanzierung. Der größte Teil der nötigen Investitionen wird aus der Privatwirtschaft kommen. Aber die EU und Fonds der Mitgliedsstaaten übernehmen eine klare Aufgabe, insbesondere im Anfangsstadium. Die EU investiert so viel in Forschung und Innovationsprojekte wie nie zuvor, und das wird auch beim neuen langfristigen EU-Haushalt so bleiben. Zudem spielt die Zusammenarbeit innerhalb der EU eine entscheidende Rolle für die schnelle Verbreitung von Best-Practice-Beispielen, sollte sich eine besonders gut funktionierende technologische Lösung finden.

          Bisher werden alternative Kraftstoffe auf Basis erneuerbarer Energien in den EU-Regularien nicht gleichberechtigt mit batterieelektrischen Fahrzeugen berücksichtigt – selbst wenn diese Kraftstoffe klimaneutral sind. Wird sich das künftig ändern, um eine weitere Option zu haben, die Klimaziele im Verkehr zu erreichen?

          Es eröffnen sich immer mehr erneuerbare und kohlenstoffarme Optionen für den Transportsektor. Gleichzeitig ist sicherzustellen, dass bestehende Optionen, wie Biokraftstoffe, ihren CO2-Abdruck durch Innovationen weiter verringern. Die überarbeiteten Gesetze, die von den Mitgliedsstaaten bis Juni 2021 umgesetzt werden müssen, berücksichtigen bereits die wichtige Rolle, die neue erneuerbare und kohlenstoffarme Treibstoffe spielen können. Die Mitgliedsstaaten müssen den Anteil an hochentwickelten Biokraftstoffen erhöhen. Dabei können sie jetzt schon erneuerbare Kraftstoffe nutzen, die auf der Basis von grünem Wasserstoff produziert werden, um ihre Ziele für den Transportsektor zu erreichen. Dabei müssen wir ständig die aktuellen Entwicklungen beobachten und unsere Gesetzgebung anpassen. Die Ziele in Sachen erneuerbare Energien für den Transportsektor werden 2023 überprüft und – wenn nötig – nach oben justiert.

          Wie sieht für Sie der ideale Energiemix der Zukunft in Europa aus?

          Jeder Mitgliedsstaat hat das Recht, seinen eigenen Energiemix zusammenzustellen. Tatsächlich ist es wichtig, dass jeder EU-Staat einen Weg in die Klimaneutralität findet, der für das Land, seine Menschen und seine Wirtschaft funktioniert. Klar ist jedoch, dass unsere Energieversorgung zum Großteil auf erneuerbaren Energien basieren wird – von Wind über Sonne bis zu Biogas. Während die Länder die fossilen Brennstoffe nach und nach ersetzen, hat die EU die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass der Wandel fair abläuft, dass weder Regionen noch Menschen abgehängt werden. Um das Realität werden zu lassen, setzen wir erhebliche finanzielle und andere Ressourcen ein.

          Kadri Simson ist seit Ende 2019 EU-Kommissarin für Energie. Sie gehörte zuvor der Regierung Estlands als Ministerin für Wirtschaft und Infrastruktur an. Während des estnischen EU-Ratsvorsitzes leitete sie sowohl die Tagungen der Energie-und Verkehrsminister im Rat „Verkehr, Telekommunikation und Energie“ als auch die Sitzungen der Wirtschaftsminister im Rat „Wettbewerbsfähigkeit“.

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