https://www.faz.net/-ilc-943uf
Verlagsspezial

Riesiges Potenzial : Die Geschäftsmodell-Revolution

Branchenverband Bitkom: Die „eigentliche Revolution findet bei den Geschäftsmodellen statt.“ Das Zauberwort laute Plattform. So wie Airbnb ohne ein einziges eigenes Hotel der größte Vermieter weltweit geworden sei, müssten auch traditionelle Unternehmen ihren Kunden mit zeitgemäßen Dienstleistungen entgegenkommen. Bild: Zapp2/iStock/Thinkstock

In der Fabrik der Zukunft tauschen Maschinen, Werkstücke, Bestände und Mitarbeiter Daten aus. Aber um das ganze Potential von Industrie 4.0 zu nutzen, müssen die Geschäftsmodelle gecheckt und erweitert werden.

          Im Mittelpunkt der Medienberichte über die Bilanzpressekonferenz von Siemens kürzlich standen ein bevorstehender Stellenabbau und das schwierige Geschäft mit großen Gasturbinen. Eine andere Information geriet demgegenüber in den Hintergrund: Der Konzern hat ein ausgesprochen erfolgreiches Jahr in seiner Digitalsparte hinter sich, die entsprechende Division „Digital Factory“ erwirtschaftete einen Umsatz von 11,4 Milliarden Euro, warf einen Gewinn von knapp 19 Prozent ab und erwies sich damit als der profitabelste Geschäftszweig des Konzerns. Bemerkenswert auch in diesem Zusammenhang, dass Siemens sich mit seinen 23000 Programmierern inzwischen zu den zehn größten Software-Firmen der Welt zählen kann.

          Beispiele zeigen, wie tief die Informationstechnik bereits in der DNA des Technikkonzerns verankert ist. So liefert das Unternehmen nicht nur Züge, sondern gewährleistet über ein ausgeklügeltes digitales Wartungspaket auch deren Verfügbarkeit. Dadurch ist die Ausfallquote beispielsweise auf zwei Hochgeschwindigkeitstrecken zwischen Barcelona und Madrid sowie zwischen Moskau und Sankt Petersburg – dort trotz teilweise extremer Wetterbedingungen – auf unter ein Prozent gesunken. Siemens-Ingenieure behalten die Züge per Datenstrom im Auge und wissen Bescheid über jedes Detail. Der Wartungstechniker vor Ort hat dann bereits alles Notwendige dabei, wenn er am Zug eintrifft.
          Anderes Beispiel: Auf Flughäfen gelten Gepäckförderbänder als störanfällig. Auch in London Heathrow gab es hohe Ausfallzeiten. Siemens hat dort eine Anlage mit Sensoren bestückt und auf digitale Überwachung umgestellt, womit sich auch hier die Ausfallquote nahezu auf null senken ließ.

          Anzeige

          Um Menschen und Maschinen im Internet der Dinge zu vernetzen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, hat Siemens das Programm MindSphere entwickelt, das derzeit weltweit ausgerollt wird. 800000 Produkte wie Kraftwerke, Gebäude, Züge oder Windräder sind bereits verbunden.

          Seit Gründung des Werks hat sich die Produktion verzehnfacht

          Erfahrungen mit Industrie 4.0 – das Schlagwort bezeichnet die vierte Stufe der industriellen Entwicklung seit Einführung von Dampfmaschine, Fließband und elektronischer Datenverarbeitung – sammelt der Konzern auch in eigenen Modellbetrieben. Wie etwa in dem Elektronikwerk in Amberg, wo die Produkte ihre Fertigung weitgehend selbst steuern: Sie teilen den Maschinen über den Produktcode mit, um welche Teile es sich handelt und welche Produktionsschritte als Nächstes nötig sind. Seit Gründung des Werks vor knapp 30 Jahren hat sich die Produktion verzehnfacht – und das bei gleichbleibender Belegschaft von rund 1200 Mitarbeitern. Inzwischen ist auch ein Zwillingswerk in China in Betrieb. In Bad Neustadt hat Siemens eine Elektromotorenfabrik zum Vorzeigewerk für die Metallindustrie ausgebaut. Dort will der Konzern nicht nur mit der Digitalisierung der Produktion effizienter werden, sondern auch mittelständischen Kunden zeigen, was Digitalisierung und Industrie 4.0 in der Praxis heißt. Das 80 Jahre alte Werk schwächelte vor einigen Jahren. Anstatt es zu schließen, entschied das Unternehmen, daraus ein Modellprojekt zu machen. „Hier zeigen wir unseren mittelständischen Kunden aus der Fertigungsindustrie und besonders dem Maschinenbau, wie Siemens sie als Partner bei der digitalen Transformation begleiten kann. Dabei setzen wir genau die Lösungen ein, die wir auch den Kunden anbieten“, sagt Siemens-Vorstand Klaus Helmrich. Die mittelständische Kundschaft zeigt sich interessiert, die Führungen durch das Werk sind bereits bis Mitte 2018 ausgebucht.

          Aber das Thema scheint noch nicht in allen Chefetagen angekommen zu sein. Aus Sicht der Forschung gilt das mittelständische Unternehmertum seit Jahren als behäbig im Hinblick auf die Erfordernisse digitalen Wirtschaftens. Nach einer Studie der IDG Research Services vom Frühjahr dieses Jahres hält nur ein gutes Drittel der befragten Führungskräfte die Digitalisierung zum jetzigen Zeitpunkt für besonders wichtig; immerhin schreiben ihr zwei Drittel in den nächsten drei Jahren eine wachsende Bedeutung zu. Der IT-Branchenverband Bitkom warnt davor, die Herausforderungen von Industrie 4.0 zu unterschätzen und etwa auf die Vernetzung der Produktion zu beschränken. Die „eigentliche Revolution findet bei den Geschäftsmodellen statt“, mahnt der Verband in einem kürzlich vorgelegten Faktenpapier. Das Zauberwort laute Plattform. So wie Airbnb ohne ein einziges eigenes Hotel der größte Vermieter weltweit geworden sei, müssten auch traditionelle Unternehmen ihren Kunden mit zeitgemäßen Dienstleistungen entgegenkommen.

          Maschinen verkaufen und „smarte Services“ anbieten

          Was Auskünfte über die digitale Reife des Mittelstands angeht, darf sicherlich Roman Dumitrescu als kundiger Ansprechpartner gelten. Der promovierte Ingenieur, der seit einem Jahr auch als Professor für Advanced Systems Engineering an der Universität Paderborn lehrt, ist einer der Geschäftsführer des Technologie-Netzwerks Intelligente Technische Systeme OstWestfalenLippe, abgekürzt it’s OWL. In dem Spitzencluster für Industrie 4.0 haben sich über 200 Unternehmen und wissenschaftliche Einrichtungen zusammengeschlossen, um die digitale Zukunft zu erproben. In den vergangenen fünf Jahren hat das Cluster 100 Millionen Euro für 47 Forschungsprojekte eingesetzt, 40 Millionen kamen als Förderung von der Bundesregierung. Das Programm läuft zum Jahresende aus, aber für den Bund springt danach das Land Nordrhein-Westfalen mit weiteren 50 Millionen Euro ein, die wieder mit mindestens derselben Summe verdoppelt werden sollen.

          In einem Strategiekonzept, erarbeitet von 40 Unternehmen des Clusters, steht genau das an erster Stelle, was die Bitkom-Experten fordern: „Wir wollen uns viel mehr mit Kundenplattformen beschäftigen, intelligente Maschinen vernetzen und uns damit enger an Kunden binden“, schildert Dumitrescu die Pläne. So sollen nicht nur Maschinen verkauft, sondern auch „smarte Services“ angeboten werden. Am Erfolg solcher Modelle entscheide sich beispielsweise, „ob der Maschinenbau in Zukunft nur noch Löcher bohrt und das eigentliche Geschäft anderen überlässt“, so der Cluster-Manager.

          Der Ingenieur weist auf Gründe hin, die es vielen kleineren Betrieben erschweren, auf den Innovationszug aufzuspringen. So verfügten mittelständische Unternehmen in der Regel nicht wie Konzerne über Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, die mal eben die notwendige Entwicklungsarbeit leisten. Das geschehe eher im Rahmen von konkreten Aufträgen. In den Zeiten des digitalen Wandels sei aber in der Tat vorausschauendes Agieren notwendig. Und hier springe sein Netzwerk unterstützend in die Bresche. Ein Förderprogramm namens „Transfer in den Mittelstand“ hatte doppelt so viele Bewerber, als angenommen werden konnten. Dieses Programm soll, unterstützt von der Landesregierung, fortgesetzt werden, und so helfen, „die erste Hürde zu überwinden“.

          Um zu zeigen, wie schnell sich das Blatt in den Zeiten der Digitalisierung wenden kann, hat Dumitrescu eine Anekdote parat: Ein namhafter Exporteur von Bauteilen bat kürzlich den Lieferanten seiner Maschinen aus dem Kreis des it’s OWL-Netzwerks darum, vor dem Besuch einer chinesischen Delegation sein Logo von den Anlagen zu nehmen. Grund war, dass der Exporteur nicht bereit ist, Kunden einen Zugriff auf die Daten aus dem Herstellungsprozess zu erlauben, und ausschließen wollte, dass die asiatischen Interessenten direkt bei dem Maschinenbauer vorstellig werden, um an diese Informationen zu kommen. Eine nachvollziehbare Befürchtung – warum auch soll ein bodenständiger Traditionsbetrieb nicht auch mal zum Disruptor werden.

          Topmeldungen

          Unternehmensstrategien : Fundamentaler Wandel

          Um Kundenbedürfnissen gerecht zu werden und den Anschluss an die Wettbewerber nicht zu verpassen, sind alle Unternehmen gefordert, auf die digitale Transformation zu reagieren. Fünf Unternehmensstrategien.